Nimm lieber einen Klassiker... oder auch nicht: Fallout 3 und New Vegas

Manchmal kommen sie wieder. Manchmal nicht.

Nächste Runde Fallout. Als Interplay in den frühen Zweitausendern nicht mehr so richtig konnte und Black Isles Van Buren auf die Müllkippe eingestellter Spielentwicklungen wanderte, war ein neues großes Fallout-RPG vom Radar. Bis sich Bethesda mit Elder Scrolls zu langweilen begann und dachte, der Horizont ist nicht nur in Fantasy-Welten weit genug weg. Sie definierten, wie Fallout ihrer Vorstellung nach in einer neuen Generation aussehen sollte.

Fallout 3

Was es mal war: Die medienwirksame Wiederbelebung einer langjährig dahingeschimmelten Marke, für die man sich den Bethesda Game Studios durchaus verbunden fühlen darf. Ohne sie hätte es vermutlich lange Zeit kein Fallout mehr gegeben, und Todd Howards Truppe hätte glatt noch zwei Elder-Scrolls-Teile zur Überbrückung entwickeln müssen. Von daher war das Hin und Her mit Interplay nicht das Schlechteste, was Fallout passieren konnte, auch wenn Bethesda Spiele macht, wie Bethesda eben Spiele macht. Am offenen Entdeckeransatz in üppig dekorierten Welten ist nichts Falsches, sie sind eine ganz eigene Klasse, besonders in der vom Studio stets abgelieferten Qualität.

In vorderster Front ist Fallout 3 ein unheimlich befriedigendes Abenteuerspiel in dreckig-verkrustetem Drumherum, in dem man spontan stehen bleibt, eine Tür in den Ruinen D.C.s öffnet und schaut, wohin der Marsch führt. Ich hätte nicht gedacht, dass ein kurzes "Mal-wieder-Reingucken" am Wochenende zehn Stunden umfassen würde, was für die Qualität dieses Spiels in Sachen Exploration spricht. Gestalterisch gelingen Bethesda eindringliche Welten, in die man am liebsten beidhändig hineingreifen möchte. Als ich die ersten zwei Fallouts letzte Woche dafür lobte, dass man sich nicht stur an aufgereihte Quest-Verläufe halten muss, klang das ein wenig zu exklusiv.

Dabei kann man auch in Fallout 3 einen beträchtlichen Teil der Hauptmission überspringen, solange man weiß, wo gewisse Dinge oder Personen zu finden sind. Zum Beispiel Daddy, dem man nach Betreten des Ödlands nachspürt, als wäre man ein schmieriger Privatdetektiv. Leider ist Daddy zutiefst unsympathisch und hat, nachdem sein Kind auf der Suche nach ihm kilometerweit durch mutantenverseuchte Trümmer hetzte, nichts weiter zu sagen als "Cool, da bist du ja wieder, kannst mir gleich mal helfen mit meinem Plan".

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Mit VATS-System, Shooter-Mechaniken und frei erkundbarer 3D-Umgebung definierte Bethesda, wie es mit Fallout nach zehnjähriger Pause weitergehen sollte.

Wie das oft so läuft mit bestehender, von jemand anderem weitergeführter Fiktion, franst sie an den Seiten aus. Und hier kämpft Fallout 3 mit seinem Grundproblem. Der Geschichte fallen zum Verknüpfen der Geschehnisse manches Mal nur bemühte Ausreden ein und innerhalb der Welt besteht wenig erzählerischer Zusammenhalt. Wir hätten eine rings um eine nicht detonierte Bombe errichtete Siedlung, und wenn man den örtlichen Sheriff nach dem Warum fragt, kommt so etwas wie: "Tjo, das Ding ist bis jetzt nicht hochgegangen, da sind wir einfach geblieben".

Es gibt eine von Kindern bevölkerte Ortschaft, einen alten Mann, der aus Langeweile eine ganze Stadt in die Luft jagen will, eine Gruppe Menschen, die sich in einem riesigen Flugzeugträger eingenistet hat. Für sich genommen alles klasse gestaltete und erkundenswerte Locations, aber im Gesamtkonstrukt wirken sie, als hätten zwanzig Area-Designer losgelöst voneinander Gebiete entworfen - Hauptsache schräg und bissig - und sie im Ödland platziert. Ein übergreifendes Thema, wie es etwa der Nachfolger hat, fehlt dieser neuen Weltordnung. Was es also mal war? Ich würde sagen: eine Bombe, als es erschien, darüber hinaus ein ansprechender Grundstein für das, was zwei Jahre später damit passierte und in Zukunft noch passieren wird.

Was heute noch geht: Mehr als damals, dank zahlreicher Mods für PC-Spieler. Auch sonst ist Fallout 3 kein Kandidat für die Frage "Kann man das heute noch spielen?". Wieso nicht? In den letzten sieben Jahren ist in Sachen Benutzerführung nichts dermaßen Umkrempelndes passiert, dass das relevant wäre. Mit New Vegas vor Augen und Fallout 4 am Horizont muss man sich eher eine andere Frage stellen, wenn man nur einmal 100 Stunden Zeit hat: Wollt ihr das technisch oder das inhaltlich besser herausgeputzte Spiel, oder wartet ihr gleich bis November?

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Von den fünf DLCs sticht Point Lookout mit seinem sumpfigen Backwoods-Setting und neuen Gebiet hervor. Die anderen bewegen sich zwischen ganz nett und ''meh''.

Was keiner mehr will: Eine am Zeitgeist orientierte Antwort sollte hier stehen, was? So was wie "Keiner will in Shenmue mehr Gabelstapler fahren". Für Fallout 3 kann es diese noch nicht geben, dafür ist es zu jung. Wenn ich es am kommenden vierten Teil festmachen darf: weniger Schwarz-Weiß in einer Welt, die eigentlich davon leben müsste, was die Menschen aus ihr machen. Der alles vernichtende Knall liegt hinter uns, sich weiter in die Steinzeit zurückzubomben hat wenig Sinn. Außerdem hat Ghul Harold Besseres verdient als seine kleine Quest, nachdem er sich von der West- an die Ostküste schleppte. Und Ghule waren auch nicht immer das zombiehafte Schlachtvieh in U-Bahntunneln. Im Hinblick auf Bethesdas Art der Weltengestaltung spielte das wunderbar zusammen mit einer neuen Ordnung, wie sie ein Lone Wanderer Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer entdecken kann. Könnte er sie nicht nur für sich als Beobachter erschließen, sondern obendrein beeinflussen, das wäre fein. Ach ja, Three Dog... kein Vergleich zum charmanten Entertainer Mr. New Vegas.

Unbedarfte Spielbarkeit jenseits des historischen Interesses: Ja, was soll sein? Rein und los. Vielleicht erörtern wir das noch mal im Jahre 2030 mit Elder Scrolls 9 und Fallout 7 vor Augen. Bis dahin!

Fallout: New Vegas

Was es mal war: Dermaßen voller Bugs, dass man es selbst vor dem Hintergrund einer Obsidian-Entwicklung nicht oft genug betonen kann. Meine Herren, war dieses Spiel anfangs kaputt, was bei den vielen sich überlagernden Systemen und der kurzen Entwicklungszeit kein Wunder ist. Obsidian stemmte trotzdem das inhaltlich umfangreichere, besser und sinnvoller verzweigte Abenteuer und überforderte damit die Qualitätssicherung. Kann passieren, wenn man pünktlich zwei Jahre nach dem wuchtig eingeschlagenen Vorgänger im Laden stehen möchte. Fallout: New Vegas war das erste und letzte Konsolenspiel, das meinen aktuellsten Spielstand runterwürgte und nie wieder ausspuckte. Beim genaueren Nachdenken darüber ist das auch eine irgendwie besondere Leistung, nehme ich an.

Davon abgesehen gelang der Kalifornier-Truppe mit bestehender Technologie eine sehr innige Fallout-Nähe und ein Mainstream-CRPG, das ich zu den besten seit den ersten zwei Teilen zähle. Wo man Bethesdas Spiel noch eine Tamriel'sche Bodenhaftung anmerkte, konnte Obsidian Teile von dem verarbeiten, was sie einst als Black Isle Studios für ihr Fallout 3 im Ärmel hatten.

Sie bevölkerten Nevada mit sinnvoll ihre Fäden ziehenden Fraktionen, alle auf ihre Weise jeweils nur das erträglichere Übel, je nach eigenem Standpunkt. Schon bei den ersten Dialogen in Goodsprings scheint durch, dass die Republik Neukalifornien vielleicht nicht nur die Guten sind, trotz ihres Ansinnens. Ihr anhaltender Imperialismus hat sie auf zu großer Fläche zerfasert, als dass ein zentraler Führungsstab ihre korrupten und rassistischen Auswüchse bändigen könnte. Die Legion kam in der Charakterisierung leider etwas zu kurz. Es fällt einfacher, sie als die Bösen, Verrohten abzustempeln, auch wenn Caesar - sobald man erst mal vor ihm steht - durchaus rationale Gründe für ihr Handeln vorlegen kann.

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Zwischen Rat Pack und Neo-Western wählte New Vegas den 'rollenspieligeren' Ansatz auf Bethesdas Grundlage.

Einfluss, Macht und Eroberung sind der Spielwelt Farbe gebende, allgegenwärtige Themen, schon im ganz frühen Teilplot um die besetzte JVA, die Pulverbanditen, ihre Abkömmlinge und die RNK. Er erstreckt sich über vier, fünf Orte mit einer territorialen Dynamik, wo in Fallout 3 jeder vor seiner eigenen Haustür kehrte. Es ist diese von Obsidian zurückgelegte Extrameile, die New Vegas und seinem Umland eine bewundernswerte Konsistenz zugesteht, abgesehen davon, dass es auch als RPG graziler abgestufte Spielweisen erlaubt.

Es sind nicht nur die besseren Dialoge, die sich oftmals noch um zwei, drei zusätzliche Ecken winden, oder die erweiterten Skill-Checks in Unterhaltungen. New Vegas gibt euch mehr Einfluss in jeder Hinsicht, das Heft in die Hand und viele graustufige Alternativen, zwischen denen ihr wählen könnt. Im Kleinen, wie man eine Situation löst, im Großen dann, wer die Glitzerstadt kontrollieren soll. Nach ihm hat das kein Spiel dieses Formats mehr geschafft.

Was heute noch geht: Mehr denn je, wenn man die paar Mark für die seit Jahren erhältliche Ultimate-Edition auf den Tisch legt. Besonders die sich zuwiderlaufenden (Splitter-)Fraktionen vor einem weitaus größeren Hintergrund, in dem der Spieler seinen Platz finden, seine eigene Sichtweise auf die Dinge entwickeln kann, sind für ein heutiges Mainstream-RPG eine komplex unterfütterte Ausgangslage. Seit 3D-Open-World-Gestaltung vor zehn Jahren den Vormarsch antrat, gab es so etwas nicht zu sehen, und selbst davor muss man länger zurückreisen. Obsidian gelang eine Verbindung von räumlicher und handelnder Freiheit, mit vielen der Konsequenzen, die man von Fallout erwarten darf.

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Der eigentliche Vegas-Strip ist leider recht klein geraten und verspricht von draußen mehr, als er halten kann.

Was keiner mehr will: Spiele in diesem Veröffentlichungszustand. Bei aller Liebe, das war einfach zu doll. Ansonsten lässt sich hier mit einem zeitlich fixierten Blick nicht viel sagen. Die Bedienung des neuen Pip-Boys war immer irgendwie fummelig, die Ladezeiten deutlich länger als im Vorgänger (was sicher auch an der größeren Menge von Objekten und Örtlichkeiten liegt), der technische Zustand nie hundertprozentig stabil. Selbst die Ultimate-Edition stürzt noch hin und wieder ab. Höchste Zeit, dass Bethesda die Technik im Nachfolger austauscht.

Unbedarfte Spielbarkeit jenseits des historischen Interesses: Solange ihr nicht die ungepatchte Urversion erwischt, sollte es keine Probleme geben. Wenn doch, dann erfreut euch an all den lustigen Dingen, die passieren können. Ernsthaft, die Ultimate-Edition macht alles gut.

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Über den Autor:

Sebastian Thor

Sebastian Thor

Freier Redakteur - Eurogamer.de

Steht auf Bier und Bloodsport. Mag weiche Sofas und verliert sich gern in Gedanken an dies und das. Seit 2014 bei Eurogamer dabei, aktuell als freier Redakteur.

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