Rock Band 4 - Test

Achtung: Baustelle.

Nach meinem ersten Abend mit Rock Band 4 beschäftigte mich nur ein Gedanke: „Habe ich irgendwie die Beta-Version erwischt oder soll das hier tatsächlich eine Art Early-Access auf Konsolen sein?". Es ist erstaunlich, wie viele Inhalte im Vergleich zu Rock Band 3 fehlen oder schlicht nicht funktionieren. Der für mich größte Vorteil gegenüber dem neuen Guitar Hero Live ist die Nutzung meiner alten DLC-Songs. Schließlich besitze ich mehrere hundert Lieder und möchte diese natürlich weiterhin gerne nutzen.

Zunächst freute ich mich daher über eine simple Option im Menü, die anscheinend alle Tracks automatisch meiner Download-Liste hinzufügen sollte. Zwar erschien eine kurze Nachricht bezüglich hoher Ladezeiten, doch passierte anschließend nichts. Mehrfaches Wiederholen der Aktion führte zum selben leeren Ergebnis. Also durfte ich in die Tiefen der Online-Datenbank eintauchen und manuell jeden Song suchen, den ich in den vergangenen acht Jahren erworben hatte. Leider gab es auch hier Probleme, da viele Titel nicht als „gekauft" gekennzeichnet wurden. Ich konnte sie trotzdem herunterladen, nur erschwerte es die Suche um ein Vielfaches.

Außerdem fehlt weiterhin der Großteil meiner Sammlung. Viele Künstler wie Metallica sind im neuen Store bisher nicht vertreten. Und wer zuvor seine Songs aus alten Rock-Band-Teilen importiert hatte, darf gespannt warten, ob diese Listen überhaupt in den kommenden Wochen erscheinen.

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Die Entscheidungen im Karrieremodus sind zu binär und ihre Auswirkungen zu vorhersehbar beziehungsweise uninteressant. Schade.

Aber gut, nachdem diese Odyssee überstanden war, konnte ich mich endlich dem eigentlichen Spiel widmen. Schnell eine Band erstellt, sich über die geringe Auswahl an Frisuren während der Schöpfung meines Charakters beschwert und ab zur ersten Setlist. Dann direkt die nächste Ernüchterung: Das Schlagzeug funktionierte nicht richtig. Normale Noten wurden problemlos erkannt, aber sobald die Eingaben etwas schneller aufeinander folgten, verlor ich meinen Multiplikator. Zuerst dachte ich, es wäre ein Hardware-Fehler, doch ein Blick in diverse Foren bestätigte eine viel schlimmere Befürchtung: Die Software spinnt.

Einen Hinweis findet man dazu im Spiel natürlich nicht. Allein auf der Webseite von Hersteller Mad Catz stehen die ersten Updates für die Hardware bereit. Dadurch ließen sich zu meinem Bedauern nicht alle Probleme beheben, jedoch funktionierte das Schlagzeug im Anschluss wenigstens etwas besser. Nur ist das Perfektionieren schnellerer Passagen selbst mit Update unmöglich.

Wer jetzt denkt, einfach die alten Instrumente zu nutzen, sollte besser auf der PlayStation 4 spielen wollen. Dort klappt der Anschluss tadellos. Auf der Xbox One benötigt ihr dagegen zwangsweise die kabellosen Instrumente und müsst dazu noch einen separaten Adapter kaufen. Besitzt ihr wie ich eines der teuren ION-Drum-Kits für die Xbox 360, darf das Ding in der Ecke verstauben, weil es per USB-Anschluss nicht von der Xbox One erkannt wird. Großartig.

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Um das Menü normal mit dem Schlagzeug bedienen zu können, müsst ihr dies zuerst in den Optionen einstellen. Unnötig umständlich und leicht zu übersehen.

Zum Glück ist nur das Schlagzeug von solch gravierenden Fehlern betroffen. Vereinzelt soll es auch Schwierigkeiten mit der Gitarre geben, doch werden diese komplett mit dem oben verlinkten Update bereinigt. Ansonsten habe ich an dem Plastikinstrument nichts auszusetzen. Sieht schick aus, liegt perfekt in der Hand und die Tasten fühlen sich äußerst robust an. Allein Befürworter des Klickgeräuschs beim Anspielen der Noten gehen wieder leer aus und hören bloß einen dumpfen Laut. Mit dem Mikrofon hatte ich ebenfalls keine Schwierigkeiten, allerdings kann ich Qualität im Gegensatz zu anderen Instrumenten schwer einschätzen. Immerhin schaffe ich die meisten Songs nicht einmal auf „Leicht", während ich Gitarre und Schlagzeug auf „Expert" spiele. Aber so ist das nun einmal, wenn bei Singstar selbst der Ventilator gegen einen gewinnt.

Ein weiteres Ärgernis ist das schmerzhafte Entfernen zentraler Features. Okay, den gestrichenen Online-Modus kann ich noch verkraften. Rock Band zeigt sein wahres Potenzial generell erst, wenn man betrunken mit Freunden um 3:00 Uhr morgens die Nachbarn in den Wahnsinn treibt. Aber wieso Harmonix den Übungsmodus strich, will mir nicht in den Kopf gehen. Wenn die komplizierteste Stelle eines Songs innerhalb der finalen 30 Sekunden auftaucht, will ich nicht jedes Mal alles davor spielen, nur um das Ende üben dürfen. Außerdem kann ich die Geschwindigkeit nicht regulieren, wodurch das Erlernen komplexer Schlagabfolgen fast unmöglich ist. Anscheinend sollen diese Inhalte in Zukunft wieder eingeführt werden. Hilft mit aktuell allerdings herzlich wenig.

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Musik ist bekanntlich Geschmackssache. Dennoch konnte mich die Songliste nur schwer begeistern.

Damit habe ich, glaube ich, alle Probleme angesprochen und kann endlich auf die positiven Neuerungen eingehen. Zuerst einmal ist der Show-Modus eine echte Bereicherung, da er unsinnige Streitereien über den nächsten Song umgeht, solltet ihr mit einer Gruppe spielen. Hier seht ihr am Ende eines Liedes die kurze Auswahl verschiedener Kriterien, über die eure Band per Tastendruck abstimmt. Wählt beispielsweise ein Genre oder eine bestimmte Band und innerhalb weniger Sekunden seid ihr zurück im Spiel. Beendet ihr das Ganze, fragen eure Fans sogar nach einer Zugabe. Recht simpel und dennoch effektiv.

Diese Struktur überträgt sich direkt auf den Story-Modus. Dort spielt ihr ebenfalls Setlisten rund um den Globus und legt vorher eure Songs fest. Für jeden abgeschlossenen Gig erhaltet ihr Geld und Fans. Letztere schalten zusätzliche Auftritte frei, die mehr Kohle einspielen und somit den Kauf neuer Klamotten ermöglichen. Das ist ganz nett, von den im Vorfeld versprochenen Rollenspielelementen aber weit entfernt. Da interessieren mich auch die ab und zu auftauchenden Entscheidungen nicht. Letztendlich sind es zwei Möglichkeiten ohne Konsequenzen. Eine führt euch zu mehr Fans und die andere schenkt euch kostenlose Kleidung. Es ist das Minimum, damit man den Begriff Rollenspiel verwenden darf. Im Prinzip seht ihr aber nur stetig wachsende Zahl neben dem Fan-Symbol.

Am altbewährten Spielprinzip hat sich zum Glück nichts geändert. Noch immer drückt ihr die angezeigten Noten und kassiert dafür Punkte. Nur sehen die Noten jetzt etwas schöner aus und hinterlassen nach erfolgreicher Aktivierung einen kräftigeren Explosionseffekt. Einzig die neuen dynamischen Solomechaniken bringen etwas frischen Wind. Als Drummer bekommt ihr kurz vor der Aktivierung eures Overdrives - verdoppelt den Multiplikator für kurze Zeit - nicht länger freie Flächen zum wilden Draufschlagen serviert. Stattdessen wählt der Titel zufällig einen Solo-Abschnitt aus.

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Ein Zähler informiert euch über längere Pausen, in denen euer Instrument keine Noten spielen muss.

Als Gitarrist ist es etwas komplizierter. Verschiedene Flächen geben euch eine bestimmte Art von Noten vor. Langgezogene Linien müssen mit einer gehaltenen Note gespielt werden, während gestrichelte Flächen einen gewissen Takt erfordern. Ansonsten dürft ihr frei über eure Spielweise bestimmten und wild auf den Noten klimpern. Falls euch einer der dynamischen Stile stört, könnt ihr die Mechanik auf Wunsch jederzeit im Menü ausschalten.

Ich versuche, verzweifelt zu verstehen, für wen sich Rock Band 4 in seiner aktuellen Form eignet. Komplette Neueinsteiger befinden sich wahrscheinlich in der besten Position. Der massive Anteil fehlender DLC-Songs kann ihnen egal sein und auch die Frage nach der Nutzung alter Instrumente interessiert sie wenig. Zudem werden ihnen die Fehler des Schlagzeugs kaum auffallen, außer sie beginnen direkt auf einem der höheren Schwierigkeitsgrade. Einzig allein die Abstinenz des Online- sowie Übungs-Modus könnte sie stören. Das restliche Spiel ist Rock Band, wie man es kennt und liebt.

Als Fan der Serie schmerzt dagegen jeder Blick auf die Songliste, da man den Großteil seiner früheren Sammlung vermisst. Alles andere hängt schwer von eurer Konsole und dem präferierten Instrument ab. Habt ihr früher auf der PS3 gespielt, seid jetzt auf die PS4 gewechselt und benutzt ausschließlich eure kabellose Gitarre? Dann erwarten euch keine zusätzlichen Probleme. Spielt ihr dagegen auf der Xbox One oder seid von Xbox 360 zu PS4 gewechselt und bedient das Schlagzeug auf den höheren Schwierigkeitsgraden, werden euch die unverzeihlichen Patzer in den Wahnsinn treiben.

In meinem Fall konnte ich auf der Xbox One meine alten Instrumente nicht nutzen, durfte nur 58 meiner über 300 Songs importieren und verfluchte bei jeder schnelleren Notenabfolge die unausgereifte Software des neuen Schlagzeugs. Ich wollte Rock Band 4 so sehr lieben. Doch bis die Probleme behoben sind, bleibe ich lieber beim Vorgänger.

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Über den Autor:

Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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