Nachdem Beyond: Two Souls vor ziemlich genau zwei Jahren nicht annähernd die gleiche Aufmerksamkeit erfuhr wie seinerzeit Heavy Rain, durfte man gespannt sein, welches Projekt sich Quantic Dream als nächstes vor die Brust nehmen würde. Bereits ein Jahr zuvor, als die Kara-Demo die Runde machte, hatte ich mich darauf gefreut, als nächstes die Geschichte einer plötzlich empfindungsfähigen Maschine nachzuspielen, die die Welt mit den Augen eines Neugeborenen entdeckt, stets auf der Hut, ihre artifizielle Natur vor dem Rest der Welt zu verbergen.

Als ich las, dass Kara nun tatsächlich Gegenstand des neuen Spiels der Franzosen werden sollte, klatschte ich innerlich schon Beifall. Und dann sah ich den Trailer. Ich bin mir im Klaren, dass ich hier spekuliere, mir über ungelegte Eier den Kopf zerbreche, und will hier gar nicht erst mit Vorverurteilungen um mich werfen. Aber ein bisschen Sorge bereitete mir das Gezeigte schon.

Dabei geht es mir gar nicht ums Handwerkliche und Künstlerische. Die Art Direction ist ein Volltreffer, die Technik erwarteterweise ein Traum. Und natürlich wissen wir noch nicht einmal, ob es beim Dialog- und Reaktionstest-Adventure der Vorgänger bleibt, oder ob Quantic Dream nicht doch zur freieren Spielbarkeit eines Omikron zurückkehren wird. Ich befürchte nur, dass David Cage ein weiteres Mal zu viele Themen auf einmal anpackt und dabei an der eigentlich interessanten Geschichte vorbei greift.

Um mal ein Beispiel vom Film heranzuziehen: Anfang dieses Jahres lief mit Alex Garlands fabelhaftem Ex_Machina schon ein Streifen, der sich mit dem Thema empfindungsfähiger Maschinen befasste. Dass ihm genau das so gut gelang, lag daran, dass er alles andere ausklammerte. Er scherte sich nicht um die sozialen Auswirkungen einer Klasse subhumaner Androiden, machte keine Anstalten, eine Welt zu skizzieren, in der Roboter Stangenware sind. Er interessierte sich einzig und allein dafür, wie Ava die Welt sah und ob das, was sich in ihren Schaltkreisen abspielte, tatsächlich Empfindungen und ein funktionierender Verstand waren.

Kara hatte, wenn man die ursprüngliche Technik-Demo zum Maßstab nimmt, alles Zeug dazu, dieses faszinierende Gedankenspiel vergleichbar ballastbefreit anzugehen, den Spieler und etwaige Zuschauer voll und ganz für die moderne "Pinocchia" einzunehmen. Mit dem neuen Trailer, so fürchte ich, ist das vom Tisch. Im Willen zum Grandiosen deutet sich hier eine Messiasgeschichte an, in der Karas so persönlicher innerer Monolog sich die Spieleraufmerksamkeit mit einer aus den Fugen geratenen Zukunftswelt teilt, deren Motive dem Videospieler von heute nur allzu vertraut sind.

Cage will zu viel, vertraut den persönlichen, kleinen und geerdeten Geschichten nicht, die er im Vorfeld der Veröffentlichung von Heavy Rain so häufig beschwor. Und im Grunde hat das bei ihm System: Schon die von mir hoch geschätzte und gleichzeitig sehr problematische Kindesentführungsgeschichte kam nicht umhin, eine vollkommen ausreichende Murder-Mystery mit niemals aufgeklärten übernatürlichen Elementen und nichts zur Handlung beitragenden, klischeehaften Nebengeschichten zu verwässern. Ähnliches kann man auch über Fahrenheit sagen, das nach starkem Beginn nach hinten hinaus - wie lautet noch der Begriff? - komplett Hosen-auf-dem-Kopf-tragend wahnsinnig wurde. Und auch Beyond: Two Souls wäre wohl ungleich eindringlicher gewesen, wenn man den Missbrauch Jodie Holmes' übernatürlicher Fähigkeiten als Regierungswaffe nur angedeutet hätte.

Man muss es ihnen lassen, mich erwischte der Uncanny-Valley-Effekt in diesem Trailer nur an den Stellen, wo er es sollte.

Ich weiß, dass sich nicht alle meinem Wunsch nach einem Kammerspiel mit Roboter anschließen werden. Aber mich hätten Karas Interaktionen mit ihrer Gastfamilie deutlich mehr interessiert, die Angst, als empfindungsfähig erkannt zu werden im Zwiespalt mit dem ureigenen Bedürfnis, die Welt und sich selbst zu entdecken. Und ich weiß, dass ich mir hier gerade wünsche, Spielbergs "AI" wäre gut und ein Videospiel. Aber was wäre, wenn Androiden wie Kara ein sich gerade erst entwickelnder Trend sind und sie das einzige Modell. Ein Hype, dem die Welt noch vorsichtig gegenüber steht, anstatt ein weit verbreiteter Teil des Detroiter Stadtbildes in verschiedenen Farben und Formen. Wäre unsere Gesellschaft an der Schwelle dieses Umbruches nicht ein interessanterer Hintergrund für Karas Menschwerdung gewesen als das x-te Proto-Blade-Runner?

Ich befürchte, auf der Suche nach der richtigen Geschichte wird David Cage so einmal mehr zu allen möglichen Themen ein wenig was sagen, ohne einem bestimmten etwas Maßgebliches hinzuzufügen. Aber gut, so tickt Quantic Dream wohl nun mal. So sehr man sich auch über Cages mangelnden Willen, an gewissen Stellen dramaturgische Schnitte vorzunehmen, seinen oft bemüht wirkenden und vor Versatzstücken und gestelzter Sprache nur so sprießenden Werken mokieren kann - fast immer kommt am Ende doch etwas Spielenswertes dabei heraus. Auch Detroit: Become Human werde ich mit großem Interesse weiterverfolgen. Aber insgeheim wünschte ich mir schon, der Willen zur kleineren, intimeren Geschichte würde bei den Franzosen Einzug halten.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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