Milde angedeutete Spoiler zum Ton des Endes, nicht aber zu den Details, sowie eine Anspielung auf das Ende von Episode fünf ließen sich nicht vermeiden. Aber sie bedeuten, dass empfindliche Naturen oder diejenigen, die sich Game of Thrones für einen späteren Zeitpunkt aufheben, mit der Lektüre dieses Tests vielleicht noch warten sollten, bis sie das Spiel selbst erlebt haben.

Herrschaftszeiten, Telltale. Vier Monate zwischen zwei Episoden?! Ich wollte es fast nicht wahrhaben, als ich auf die Datumszeile meiner Kritik der letzten Episode blickte. Aber im Grunde brauchte ich es gar nicht schwarz auf weiß. Ich hatte derart Probleme, mich in den ersten Szenen von The Ice Dragon an meine letzten Entscheidungen und wichtige Plot-Entwicklungen zu erinnern, dass mir direkt klar war, "die Letzte ist jetzt schon etwas länger her, nech?"

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Endlich mal mehr als fünf Kämpfer auf einen Haufen. Danke.

Das bringt mich jetzt natürlich ein wenig in die Bredouille, denn mein Spielerlebnis hat definitiv darunter gelitten, dass ich in den deutlich über hundert Tagen seit der letzten Folge schwer an Bezug zu den Figuren und ihren (respektive "meinen") Taten verloren habe. Das, was die vorerst abschließende Episode liefert, ist für sich genommen aber ausgesprochen gut. Für diejenigen unter euch, die klugerweise gewartet haben, bis das Komplettpaket erscheint, ist dieser Umstand sogar überhaupt nicht von Belang, weshalb ich in diesem Fall beide Augen zudrücke. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht bis zur letzten Sekunde - der Abspann ist besonders schön und clever gemacht - mitgefiebert hätte, wie das hier jetzt ausgeht.

Doch hier muss man direkt die nächste Einschränkung vornehmen: Es gibt nämlich Leute in meinem Bekanntenkreis, die vom Ende enttäuscht waren, eben weil es gen Schluss nicht zum klärenden, kathartischen, verbindlichen Ende für die Forresters kommt, sondern weil sich ihr Problemvolumen nur verlagert, anstatt sich aufzulösen oder in irgendeiner Form ertragbarer zu werden. Auch in dieser Folge bricht wieder viel Leid über das stolze, kleine Haus Nordmänner herein und wer sich darauf gefreut hatte, dass nun endlich der Spieß umgedreht würde oder der Konflikt auf irgendeine andere Art ein Ende findet, sieht sich größtenteils enttäuscht. Stattdessen gleicht es dem Ende von Staffel vier der TV-Serie und es wird klar: Das hier ist deutlich mehr eine Fortsetzungsangelegenheit als es die meisten anderen Telltale-Werke bisher waren. Andere literarische Umsetzungen dieses Studios, wie The Walking Dead und The Wolf Among Us konnten in jeder Season auch gut für sich alleine stehen.

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Miras Lage in King's Landing wird immer gefährlicher.

Das ist nach klassisch dramaturgischen Maßstäben vielleicht nicht in auf die typische Art befriedigender Fasson gelöst - das, was die Forresters erleiden, geht bis zum Schluss wirklich auf keine Kuhhaut mehr -, passt aber zum Ton und der unbequemen Gangart der Bücher und der TV-Umsetzung. Tatsächlich komme ich nicht umhin, dieser Entscheidung reichlich Respekt entgegenzubringen. Damit, dass noch so vieles offen ist und einige Entscheidungen der letzten beiden Folgen wirklich drastische Auswirkungen nach sich zogen, haben sich die Verantwortlichen sehr viel mehr Arbeit als gewöhnlich für die Folgestaffel aufgeladen. Selbst wenn man bedenkt, dass sie sich mittlerweile etwas zu bequem ihrer Dialogspiel-Schablone mit der überalterten Technik bedienen, kommt hier noch reichlich Arbeit auf die Autoren, Gestalter und Schauspieler zu.

Überhaupt traf ich hier die wohl weitreichendsten Entscheidungen in einem Spiel von Telltale bisher. Das begann schon mit dem Ende von Episode Fünf, das für den Rest der Serie bestimmte, wer fortan der Quasi-Hauptcharakter sein wird. Und das ist nicht die einzige Figur, deren Schicksal man aktiv in der Hand hat und die man in der Fortsetzung je nach seiner Entscheidung wohl antreffen wird oder eben nicht. Natürlich ist es auch denkbar, dass den Autoren irgendein großer Gleichmacher für Staffel Zwei einfällt, der alle Entscheidungen relativiert, sodass es von einer einheitlichen Ausgangsposition losgehen kann, die sich nur in Nuancen unterscheidet. Aber darüber schimpfe ich dann, wenn es soweit ist. Für den Moment scheint mir die Variante, schlicht die Szenarien mit verschiedenen möglichen Charakteren vorzubereiten und so durchzuskripten, dass jede Charakterkonstellation Berücksichtigung finden kann, tatsächlich fast die einfachere.

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Man kann über die Engine mit ihren steifen Animationen und kantigen Umgebungen viel Schlechtes sagen, aber in einigen Einstellungen sieht Game of Thrones dann doch noch ganz ansehnlich aus.

Ich bin mal vorsichtig optimistisch und freue mich darüber, dass aktuell alles danach aussieht als könnte sich die kommende Season je nach Handeln der Spieler sehr wohl spürbar unterscheiden. Das verstehe ich im Licht von The Ice Dragons durchaus als Bekenntnis zu mehr oder zumindest tiefer greifenden Konsequenzen. Das ging den Spielen jetzt schon länger ein bisschen ab.

Abgesehen davon, dass das erwartete, große Finale ausbleibt und der Sieg - oder die Ausrottung - der Forresters vorerst vertagt wurde, ist das hier eine der eindeutig besseren Episoden aus Telltales Schaffen, nachdem die letzten beiden Game-of-Thrones-Teile trotz unbestreitbarer Highlights sehr auf der Stelle traten. Die Actionszenen in The Ice Dragon sind zwar ein weiteres Mal eher trivial, dafür aber trotzdem erstaunlich spannend, weil das Material so schonungslos mit seinen Figuren umgeht. Im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dieser Engine sind sie sogar wirklich gut choreografiert. Dass die Dialoge vielerorts angemessen großes Gewicht haben, hat Telltale ja schon fünfmal zuvor bewiesen. Zur Fernsehvorlage besteht hier kaum ein nennenswerter Unterschied.

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Ein wenig hastig kommen neue Figuren hinzu, von denen man aber gerne mehr sähe.

Also, wenn euch die Aussicht nicht zu sehr grämt, das, was von den Forresters noch übrig ist, eine weitere Staffel schwitzen, bangen und weinen zu sehen, bekommt ihr von Episode Sechs genau das, was man von Game of Thrones erwarten darf. Toll geschriebenes, beinahe historisch anmutendes Low-Fantasy, das sich nicht darum schert, wie sehr ihr gewisse Figuren liebgewonnen habt. Die Frage wird sein, wie es weitergehen soll und es ist gut möglich, dass das Gesamtprojekt "Game-of-Thrones-Spiel" noch auf die Nase fällt, wenn darauf keine gute Antwort gefunden wird oder sich gewisse Plotfäden zu lange hinziehen. Für den Moment jedoch genügt mir dieses finstere Stück Spiel - auch wenn ich nach diesem schmerzhaften Ritt mal tatsächlich eine längere Pause vertragen könnte.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.