Britsoft - Lasst sie einfach mal erzählen

Die englischen Heimcomputer-80er in Erinnerungen und Erzählungen.

Mit der mündlichen Überlieferung von Geschichte ist das immer so eine Sache. Es ist sicher spannend, oft gut anzuhören - oder zu lesen - und schon deshalb unterhaltsam, weil es in der Regel um ein Thema geht, das dem Erzähler etwas bedeutet, womit eine emotionale Komponente immer dabei sein wird. Wer die Fakten haben möchte, der guckt in andere Literatur oder - was in diesem Falle in aller Regel durchaus reicht - macht Wikipedia auf. „Britsoft" (ca. 50 Euro inkl. Versand) vom kleinen Read-Only-Memory-Verlag ist kein Nachschlagewerk. Es ist nur, wirklich nur die emotionale Komponente.

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I can remember on the Acorn Atom getting a pixel to move off the screen. You know, it was as close to sexual satisfaction as you could possibly get. It was unbelievable, that dot turning into something else, just in that very, very simple game there. (Peter Molyneux)

Wenn ihr erfahren möchtet, wie sich die Entwicklung der britischen Homecomputer-Entwicklerkultur der 80er-Jahre so vollzog, was wann wichtig war, genügt das völlig. 1982 kamen ZX Spectrum und C64, später dann Apple II, Atari ST und Amiga und schließlich beendete der sich ewig weiterentwickelnde MS-DOS-PC das Zeitalter der Homecomputer. Darum geht es in Britsoft auch. Irgendwie. Vielmehr aber geht es in dieser losen Zusammenstellung von Interviews mit zahlreichen Gesprächspartnern um die Magie einer Ära. Dieses kurze Einfangen einer Zeit, die man sich heute in einer selbst in der Indie-Szene ordentlich durchorganisierten Spielewelt kaum noch vorstellen mag. Eine Mischung aus Hipstertum, bevor es Hipster gab, Erfinder- und Pioniergeist und eine Menge Anarchie an kleinen Bit-Maschinen.

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It was very chaotic and there were a lot of people who were just selling anything they could, because you could sell anything back then. There was a new market that was desperate for software and people were selling any old crap, to be honest. But I was very fortunate. (Jeff Minter)

Britsoft basiert dabei auf der Filmdokumentation „From Bedrooms to Billions", die ziemlich genau das Gleiche versucht, nur halt in einem anderen Medium, und nachdem ich sowohl den Film sah als auch das Buch las, denke ich, dass Britsoft keineswegs überflüssig, sondern das bessere Produkt ist. Der Film dauert zweieinhalb Stunden und so unterhaltsam es ihm auch gelingt, Bilder, Zeitalter und Interview-Partner einzufangen - noch dazu untermalt von einem eigens komponierten Rob-Hubbard-Soundtrack -, ich merkte immer wieder, dass ich nach einer Weile genug hatte und später weiterguckte. Britsoft ist auch kein Buch, das ich von A bis Z durchlas. Im Gegenteil.

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A big change for me was that university had been my work and Elite was my hobby. When we released it, I think they switched, but I still hadn't finished my degree. In fact the masters for Elite were send off a week before my end-of-year exams, so that was challenging. (David Braben)

Man schlägt Britsoft beliebig auf, liest ein wenig, springt vor und zurück und ordnet so die Versatzstücke der eher lose geordneten Thematik neu an. Das ist möglich, da nur wenige Auszüge der Interviews länger als ein, maximal zwei Seiten sind, dazu kommen noch immer wieder eingestreute Soundbites am Rand. Bilder braucht ihr übrigens nicht zu erwarten, es gibt nur drei kurze Bildserien über jeweils ein paar Seiten, von denen ich zwei dank der künstlichen Falschfarben als leicht verunglückt bezeichnen würde. Selbst Schwarz-Weiß wäre hier besser gewesen. Nun, zumindest der letzte Abschnitt mit einigen ausgesucht skurrilen und/oder stylischen Werbe-Artworks aus der Zeit ließ man so, wie sich der Künstler das damals dachte, und sie sind pures Retro-Gold. Aber um Bilder geht es hier eh nicht.

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I remember seeing in the Daily Star a colour photograph of an Imagine programmer called Eugene Evans leaning on, I it was a Lotus Esprit, and it said that this man would earn 35.000 pounds this year. I remember thinking: Yeah, I want a slice of that. It's better than writing missile code for the MOD. (Archer Maclean)

Stellt euch Britsoft wie ein Artbook vor, nur dass dieses eben nicht auf jeder Seite ein Bild zeigt, sondern eben eine Textpassage. Es ist ein sehr ungewöhnliches Format und ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Layouten der immerhin fast 500 Seiten nicht mal eben schnell gemacht war. Es gelingt dem Buch, euch in einen Lesefluss zu ziehen, der genau so lange anhält, wie ihr gerade Lust darauf habt und er nicht langweilig wird. Etwa um die 35 Zeitzeugen - inklusive kleiner Bio im Anhang - steuerten ihre Erfahrungen, Eindrücke und Erinnerungen bei, was genug ist, um nie zu lange bei einer Person zu verweilen.

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I was a nightmare, and so was Gary, with us throwing chairs around the office and punching walls and swearing. We barely knew we were in a professional environment. But we did know how to play games, and we had opinions and big egos, and we could write these reviews. (Julian Rignall)

Es ist auch beeindruckend, dass man aus allen Ecken der der sich damals formenden Branche Persönlichkeiten zusammenfand, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Britsoft unterteilt sich in acht thematisch lose Kapitel, die als vage chronologisch durchgehen, aber immer wieder Themenbereiche einfließen lassen. So geht es zum Beispiel immer wieder mal um die Entstehung der ersten professionellen Spielemusiken, das Aufkommen einer Art Vorform der Spielepresse, die sich dann in dieser Zeit professionalisiert, über allem immer wieder der Wandel von Kassetten in Plastiktütchen hin zu organisierten Vertriebsformen und vielem mehr. Namen wie Archer Maclean, Jeff Minter, Charles Cecil, Geoff Crammond sind natürlich die bis heute bekannten Stars und haben immer etwas zu erzählen. Andere Einblicke geben das Presse-Urgestein Julian Rignall, die Komponisten Fred Gray und Martin Galway oder die 3D-Pioniere Martin Kenwrigth und Malcolm Evans. Es ist ein brillant gewählter Mix.

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The Brits were really metal-bashing, you know, getting every last ounce of power out of the old machines, and the Americans came along, when 16-Bit came along, just stole the show. Companies like Electronic Arts really cleaned up because we were so far behind the curve. (Richard Leinfellner)

Jede dieser Geschichten hat, liest man sie, ihren Platz in dieser übergreifenden Geschichte der Entstehung eines Mediums und der temporären Sonderrolle, die die britische Szene in dieser Zeit spielte. Ist alles relevant und wahr? Nein, und wahrscheinlich irgendwie schon, aber man hat schon den Eindruck, dass da immer wieder mal drei Jahrzehnte eigener Erfahrungen dazwischenkommen. Ist es immer unterhaltsam und verrät etwas über den Erzähler, seine Rolle und Umgebung? Auf jeden Fall, und insoweit hat Britsoft sein Ziel absolut erreicht.

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I felt quite sad about it all becoming a proper industry, because a lot of the playfulness and friendly competition had kind of gone away. It was a lot more serious to a lot more people, a lot more money was being made, and I almost felt like it was leaving me behind because I just wanted to carry on making Llamasoft games. (Jeff Minter)

Bringt minimales historisches Interesse mit, den Willen, auch mal nachzuschlagen, wovon diese Leute hier eigentlich reden - es kennt eben nicht mehr jeder The Sentinel, Deus Ex Machina oder die RAM-Begrenzungen eines ZX Spectrum (oder den Spectrum überhaupt) -, und ihr werdet in jeder Lese-Session erneut belohnt, wenn euch einige der spannendsten Menschen von einer ganz anderen Zeit, die endlos weit weg scheint, berichten. Als ich das Buch zur Seite legte, musste ich mir wirklich erst mal bewusst machen, dass das alles nicht kurz nach dem Krieg passierte, sondern dass ich es teilweise und von weitem miterlebte. Dass es nicht mal 30 Jahre her ist. Schaltet man direkt nach Britsoft die PS4 ein, kann man kaum glauben, dass es praktisch gestern war.

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Über den Autor:

Martin Woger

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