Visuell gut umgesetztes, aber kurz gehaltenes Minecraft-Abenteuer mit ungewohnt schwachem Skript, unfertigen Charakteren und flacher Action.

Es ist keine Übertreibung, wenn man Minecraft als eines der besten Spiele aller Zeiten bezeichnet. Kaum ein Titel setzt je nach Spieler so unterschiedliche Gesichter auf, changiert dermaßen kraftvoll zwischen große Augen provozierendem Erkundungsabenteuer, spannender Survival-Simulation oder grenzenlosem Kreativbaukasten. Minecraft brauchte nie einen Story-Modus, weil der Spieler in ihm selbst die schönsten Geschichten schrieb.

Ich habe trotzdem eine ganze Weile daran geglaubt, dass es funktionieren könnte. Zugegebenermaßen nutzt sich Telltales erprobte Erzählschablone gerade stark ab, aber das Modell ist flexibel auf verschiedenste Franchises transponierbar. Und nicht zuletzt fühlte ich mich an TT Games LEGO-Spiele erinnert, die die kruden Bauklötzchen bereits zu Dutzenden charmanten und herzerwärmenden Abenteuern für Jung und Alt zusammensteckten. So schlecht standen die Chancen nicht für ein anständiges, vorgeschriebenes Abenteuer im Minecraft-Kosmos. Funktioniert hat es leider trotzdem nicht ganz, wie ich nach dem Genuss der hübsch verpackten Handelsversion für die PS4 jetzt feststellen musste. Zumindest nicht bis Episode drei.

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Das Spiel folgt dem üblichen Telltale-Ablauf simpler Adventure-Mechaniken, diesmal aber mit weniger Dialogen. Crafting kommt nur als kurzes 'Rätsel' immer mal wieder auf, während Bausequenzen per Tastenhämmern als eine Art Montage inszeniert werden.

Dabei standen die Zeichen eigentlich ganz gut: Der begnadete Comedian und Geek-Ikone Patton Oswalt konnte als Sprecher des Hauptcharakters Jesse gewonnen werden, Berufsgenosse Brian Posehn gibt dessen besten Freund, während Paul Reubens den Bösewicht gibt. The Last of Us' Ellie, Ashley Johnson, kam ebenfalls hinzu - und von der weiß man ja, was sie kann. Das Problem ist nur, dass das Skript irgendwo in der Mitte zwischen Komödie und etwas ernsthafterem Kumpelabenteuer, bei dem mal wieder die Welt gerettet werden muss, feststeckt. Story Mode ist niemals besonders lustig oder spannend.

Das Problem beginnt bei der erstaunlich schwachen Charakterzeichnung. Über Jesse und seine Freunde erfahren wir so gut wie nichts, außer dass sie in einem Baumhaus wohnen und regelmäßig an Bauwettbewerben teilnehmen. Uns wird mehrmals verraten, wie sie zueinander stehen, viel mehr als Bekundungen und schnippische Dialoge sehen wir aber nicht. Telltale ist üblicherweise ziemlich gut darin, einem schon in wenigen Dialogzeilen oder Aktionen ein Gefühl für den Charakter einer Figur zu vermitteln. Hier bleibt es bei platten, uninteressanten Archetypen, um die wir uns sorgen sollen, weil man uns gesagt hat, dass sie Freunde sind. Für sich genommen mag man aber eine ganze Weile lang keinen dieser ebenso buchstäblich wie bildlich gesprochen profillosen Quaderköpfe.

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Warum in Szenen wie diesen immer mal wieder die Bildrate runtergeht, ist mir unerklärlich.

Ähnliches gilt für diesen speziellen Ableger des Minecraft-Kosmos. Es gibt eine Menge Bauwettbewerbe. Und vier legendäre Helden, die mal einen Enderdrachen getötet haben sollen. Das ist alles, was wir wissen. Die restlichen Erkenntnisse darüber, was wir hier eigentlich retten sollen und warum - ihr wisst schon, abgesehen von der Tatsache, dass diese Figuren, über die wir wenig wissen, hier wohnen -, lassen sich auf die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten von Mojangs allgegenwärtiger Würfelstapelei reduzieren. Nachts kommen Zombies. Und Creeper. Und Spinnen.

Das Band der Freundschaft, mit dem Telltale diese Gruppe Akteure zusammenhält, es ist ein dünnes. Und wenn einen weder die Figuren noch die Welt so recht interessieren, dann muss es wenigstens der Humor richten. Und der fällt zum einen erstaunlich sparsam gesät und dann nicht einmal besonders clever oder wenigstens auf eine dumme Art lustig aus. Ein paar visuelle Gags zünden, aber was den Wortwitz angeht, musste ich bis Episode drei auf den ersten ehrlichen Schmunzler warten. Das Problem liegt vor allem bei den Sprechern, die mit derartig dünnen Charakteren ein wenig in der Luft hängen. Brian Posehn macht mit seinem eintönigen Organ am wenigsten aus dem schwachen Material, weshalb ich alleine schon deshalb bei jeder der wenigen echten Entscheidungsmöglichkeiten gegen seine Vorschläge stimmte.

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Das beschränkte Minenspiel gibt den Schauspielern nicht viel, mit dem sie arbeiten könnten.

Oswalt schlägt sich etwas besser, aber auch er macht aus seinem Jesse niemals einen echten Charakter - wie sollte er auch, bei einem Skript, das die Dialogpartner befremdlich häufig die letzte Zeile des jeweils anderen noch einmal nachplappern lässt? Man hat oft nicht das Gefühl, hier würden zwei Personen miteinander sprechen. Glanzpunkte gibt es allerdings auch: Johnson ist als Abenteurerin Petra wie immer ein Highlight, ebenso wie Paul Reubens ("Pee-wee Herman"), den ich fast nicht erkannt hätte und der hier mit viel Freude einen durchaus interessanten Bösewicht gibt.

Immerhin kommt in Episode drei so langsam das Kameradschaftsgefühl zwischen den Figuren in die Gänge. Aber bis dahin werden viele bereits das Interesse verloren haben. Zu belanglos sind die Aufgaben, etwas zu gewollt auf schräg gebürstet die Nebenfiguren und die Action-Szenen sind einige der schwächsten in einem dieser Spiele überhaupt. Können wir uns bitte so langsam darauf einigen, auf Game-overs in diesen Titeln zu verzichten, Telltale? Sofern ihr die Figuren nicht wirklich umbringen wollt, ist der Zwang, eine Szene noch einmal zu spielen, weil man ein triviales QTE verpennt hat, ein Knüppel zwischen die Beine dieses Spiels.

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Wie auch die Vorlage bekommt es Story Mode immer wieder mal hin, einem ein schönes Panorama zu präsentieren.

Die Ästhetik der Vorlage wird gleichermaßen sehr gut getroffen und einige der lustigeren Momente speisen sich genau aus dieser kubistischen Eigenartigkeit Minecrafts, und auch das Regelwerk wird in einem Maße respektiert, das sich einfach nach Notchs so einflussreicher Schöpfung anfühlt. Bis es das auf einmal nicht mehr tut, weil die Figuren aus Plotgründen in einer Falle sitzen, aus der sich jeder normale Minecraft-Spieler mit den bloßen Händen noch herausgebuddelt hätte. Nein, so ganz kommen Telltale-Muster und Minecraft am Ende doch nicht zusammen.

Ich weiß, Minecraft: Story Mode zielt auf eine jüngere Zielgruppe ab. Aber Spiele wie die LEGO-Titel oder die besseren Filme von Pixar sind eben deshalb so hoch geschätzt, weil sie Jung und Alt auf verschiedenen Ebenen anzusprechen wissen. Wenn Groß wie Klein etwas aus dem Erlebnis mitnehmen, wird es zu mehr als nur einem seichten Zeitvertreib. Diese Chance haben die ersten beiden Episoden von Story Mode in vollem Umfang vertan, Episode drei macht schon etwas Boden gut, weshalb man durchaus attestieren darf, dass noch nicht alles verloren ist. Nur der Start, der war bisher ein denkbar schwacher. Minecraft verdient Besseres, Telltale kann Besseres. Mal schauen, ob wir es in den verbleibenden zwei Episoden zu sehen bekommen.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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