Sebastien Loeb Rally Evo - Fit dank Force Feedback

Italienischer Herausforderer mit französischem Namen

Na sieh mal einer an, kaum ist die Lizenz weg, geht es doch. Milestone, das gar nicht mal so kleine Studio mit Sitz in Mailand - immerhin 180 Leute stark -, hat keine Lust, nur „besser als WRC 5" zu sein. Das wäre auch keine echte Kunst. Stattdessen guckt man über Frankreich hinweg nach England, wo Codemasters an seinem Opus DiRT Rally werkelt, und das nun nicht länger im Early-Access-Modus. Hier hat Sebastien Loeb Rally Evolution seinen Gegner ausgemacht und dementsprechend wird es in keiner Weise eine Arcade-Erfahrung, sondern es setzt ganz auf Rallye-Simulation. Und, so viel sei vorweggenommen, durchaus erfolgreich. So gut wie DiRT? Das wird sich zeigen, aber so weit scheint man gar nicht auseinander zu sein.

Erst einmal beeindrucken der Umfang und im Zuge dessen auch die Verwertung der Lizenz des vielleicht erfolgreichsten Rennfahrers aller Zeiten. Nachdem Loeb seine aktive Karriere in der WRC beendete und waghalsige Hill-Climbs allein wohl nicht seine Freizeit füllen, stand er hier dem Team als Berater zu Seite und ließ seine Karriere als eigenen Spielmodus umsetzen. Das Ding ist auch der Grund, warum Fans des Rallye-Pros auf jeden Fall dieses Spiel kaufen werden. Ihr spielt in fast 30 Einzelrennen alle wichtigen Etappen von Loebs Karriere nach, es gibt immer wieder durchaus interessante Einspieler des Meisters, in denen er relativ frei von der Leber erzählt. Ihr müsst die Autos nehmen, die er hatte, es ist Fanservice der besten Art, wie man ihn sich bei so einem Namen wünscht.

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Rally-Sport durch alle Generationen...

Der normale Karrieremodus lässt euch natürlich viel mehr Freiheiten. Ihr habt Fahrzeuge unterschiedlichster Klassen und vor allem Generationen, sodass auch Klassiker aus den 70ern bis 90ern nicht zu kurz kommen. Liebhaber alter Minis und Quattros finden ihre Lieblinge, wie auch Anhänger von überzüchteten Hillclimb-Maschinen auf ihre Kosten kommen. Die Pistenauswahl ist übersichtlich, aber intelligent gewählt. Alle Pisten sollten besondere Strecken des Sports sein und insgesamt einen guten geographischen Querschnitt geben. Das dürfte gelungen sein, denn von Monte Carlo über Wales und Finnland bis ins australische Outback ist alles dabei. Und wer als Fan diese Kurse kennt, der wird sie auch garantiert wiedererkennen. Milestone scannte jeden Meter aufwändig, setzte jeden Baum und Stein an seinen Platz und das Ergebnis sind genau die schmalen, verwinkelten und eben absolut realistischen Strecken, die sich der Rallye-Simulations-Fan wünscht.

Ihr könnt euch dabei auch auf eine sehr gute Mischung aus kürzeren Etappen um die fünf Kilometer über acht bis zehn Kilometer lange Abschnitte freuen. Als Extremherausforderungen findet ihr den über 20 Kilometer langen Aufstieg zum Pikes Peak als durchaus angemessene Prüfung eurer selbst. Wem das zu einsam ist, der findet den Rallycross-Modus, in dem ihr direkt gegen andere Fahrer in einem fast schon konventionellen Rennen antretet. Die Rundstrecken hier sind auf so etwas ausgelegt und lassen euch ein wenig mehr Platz, als es bei den halsbrecherischen Landschaftskursen der Fall ist. Die KI scheint sich wacker zu schlagen - vorsichtig gesagt, ich konnte kaum einen Stich landen - und es ist zwar vom Umfang der vielleicht kleinste Modus, aber er rundet dieses monströse Gesamtpaket, zu dem natürlich auch noch ein Online-Modus gehört, elegant ab. Man merkt, was Milestone jenseits der WRC noch alles ganz gern gemacht hätte, und jetzt konnten sie es umsetzen. Gut für sie, gut für den Spieler, wer braucht schon die WRC.

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...bei denen ihr mit großen und kleinen Klassikern...

All das ist aber nichts wert, wenn das Fahrgefühl nicht stimmt, und hier glänzt Loeb schon jetzt. Angespielt wurde mit einem Pad und einem Thrustmaster T300RS - PC und PS4 -, wobei sich bei Letzterem der Lenkradius frei einstellen lässt; 900 Grad waren ein Witz, mit 400 fühlte sich das Ganze dann nach Rallye an. Mit dem Pad ist das Ding ganz ordentlich spielbar. Ein paar Feinjustierungen hier und da, das geht und macht auch Spaß. Man merkt, wie das Auto an der Straße klebt oder eben auch nicht, Unebenheiten sind klar auszumachen. Das ist eine gelungene Umsetzung für ein Gerät, das nicht unbedingt der Freund einer Simulation ist.

Sitzt man dann am Lenkrad, ist man in einer anderen Welt, vor allem wenn es eines mit einem so leistungsfähigen Force-Feedback ist. Jede Unebenheit lässt sich spüren, man weiß nach zehn Sekunden, wie hart es ist, einen solch extremen Sportwagen auf einer eher losen Piste auch nur geradeaus zu halten und welche Kräfte gegen einen wirken, wenn man ihn um die zu engen Kurven zwingt. Nach zehn Kilometern weiß man, was man getan hat. Nach fünf dieser Rennen beginnt der Schweiß zu laufen. Nach zwei Stunden kann man das Ganze Sport nennen, ohne dass er nur virtuell stattfindet. Es ist ein faszinierend genaues, brutal ungeschöntes Hopsen über jeden Buckel und das Feilen an den eigenen Bestzeiten wird harte Arbeit, die ihr, ein solches Lenkrad vorausgesetzt, im Oberarm spüren werdet.

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...durch derzeit sieben Gegenden und eine außergewöhnliche Karriere hindurch.

Es ist dabei selbstverständlich, dass das Spiel tief in die Einzelteile der Mechanik abtaucht und ihr sehr viel an den Einstellungen von Fahrwerk oder Schaltung herumspielen dürft. Sehr schön scheint auch die Haltbarkeit dieser Dinge umgesetzt. Fünf oder zehn Kilometer klingen nach nicht viel, aber die Belastung, der ein solches Auto ausgesetzt wird, ist dabei enorm, selbst wenn es keine Ausflüge auf den meist eh nicht vorhandenen Seitenstreifen gibt. Schon diesen Verschleiß setzt das Spiel gut ins Spielgefühl um, sowohl in der Handhabung des Fahrzeugs als auch im Audio-Feedback. Wenn auf den letzten Metern mal wieder was schleift, dann soll man mit der Zeit einschätzen können, was da schon wieder los ist, bevor man es beim Bremsen merkt. Auch das Schadensmodell generell scheint sehr vielseitig und detailliert. Dreimal ging mir die Schaltung so richtig kaputt. Einmal blieb sie im Zweiten stecken, der Erste ging gar nicht, im Dritten wurde wieder beschleunigt und aus dem Vierten sprang sie in den zweiten Gang. Beim nächsten Mal waren nur noch der erste Gang da und der vierte, aber in den brauchte ich nicht zu schalten, da der Wagen dort nicht zog. Was auch immer da wieder kaputt war. Bei dritten Schaden gab es keinen Rückwärtsgang mehr, was ich merkte, als ich am Rand einer Kehre festhing. Schäden an der Bremse werden ähnlich differenziert abgebildet und auch Motorschäden sonstiger Art oder ganz banale Dinge wie das Fahren auf der Felge nach einem Crash fühlen sich sehr gut unterscheidbar an. Das Spiel bietet euch zig Möglichkeiten, wie euch die Karre unter dem Hintern zerfallen kann, und eben auch, wie ihr sie trotzdem noch über die Ziellinie bugsiert.

Fahrgefühl, Steuerung und Realismus passen also alle zumindest im Rahmen der Anspielzeit. Woran es hapert, ist die visuelle Technik. Wobei das zu hart gesagt ist, Loeb Rally ist keineswegs ein hässliches Spiel und weit hübscher als WRC 5. Es zeigt sich nur wieder die Schere zwischen PC und Konsole. Die eine Plattform bietet unlimitierte Framerates und deutlich mehr Details in der Landschaft. Die andere ist auf 30 Frames limitiert - die allerdings anscheinend sehr stabil laufen - und wirkt deutlich karger. Vergleiche mit der Konkurrenz sind hier nur am PC fair - und das auch nur bedingt, da dies noch nicht die finale Version war -, und da sieht DiRT vielleicht etwas netter aus, aber Welten liegen nicht dazwischen. Grafik ist nicht der Grund, warum Leute diese Spiele spielen, und Loeb Rally wird daran wenig ändern.

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Solche Hüpfer sind bei dem detaillierten Schadensmodell nicht ohne Risiko. Da kann schon mal abfallen.

Also ja, große Überraschung, Milestones neue Rallye-Sim wirkt, als hätte sie geradezu die Fesseln des WRC abgeworfen, um ein Genre-Spiel auf die Beine zu stellen, wie sie es sich vorstellen. Sogar die „Marke" Sebastien Loeb ist kein Nachteil oder auch nur der übliche angetackerte Name. Man hat sich mit dem Sportler zusammengesetzt und ihm sinnvolle Teile des Spiels gewidmet, anscheinend ohne Kompromisse beim Rest eingehen zu müssen. Man muss auch klar sagen, dass es erwartungsgemäß und wenig überraschend ein zwar gerade noch zugängliches, aber doch schon eher an die Core-Gemeinde gerichtetes Lenkradvergnügen ist. Habt ihr ein solches, vor allem ein gutes mit richtig Kraft in den Motoren, dann ist es vom ersten Gefühl her eines der anstrengendsten, aber auch reizvollsten Rallye-Spiele seit langem. Es ist gut, dass DiRT so unverhofft hochwertige Konkurrenz bekommt, und der englische Konkurrent dürfte noch mal ein Ansporn für die Italiener gewesen sein. Wenn dem so ist, dann werden wir als Spieler schon bald von der guten alten, das Geschäft belebenden Konkurrenz profitieren. Der Eindruck von Sebastien Loeb Rally Evo nach zwei oder drei Stunden ist der einer echten Simulation, die euch viel abfordern wird, aber auch viel zurückgeben kann.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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