Black Ice DLC & Patch 2.1: Rainbow Six: Siege ist das beste Spiel seiner Art…

… wenn Ubisoft härter durchgreift und schneller reagiert.

Da ist sie also, die erste Erweiterung von Rainbow Six: Siege, bei der die meisten immer noch nicht wissen, ob sie nun umsonst ist oder kostet. Um etwaige Verwirrung ein für alle Mal aufzuklären: Beides ist im Grunde der Fall. Die neue Map - Jacht - bekommt jeder. Die beiden neuen Agenten Buck und Frost kann man für 25.000 Renown-Punkte freispielen oder kauft sie für umgerechnet je 4,99 Euro. Der Fünfer, der pro Operator-Kopf fällig wird, scheint gleich sehr viel günstiger, wenn man überschlägt, dass man bei ausgeglichener Bilanz (bedeutet 200 Renown-Punkte pro Partie) 125 Matches bestreiten muss, will man sich einen von beiden gönnen.

Hier kommt der Season-Pass ins Spiel: Wer ihn hat, bekommt diese und alle weiteren Agenten kostenlos und eine Woche früher als der Rest. Ich für meinen Teil mag das Modell, denn tatsächlich werde ich vermutlich nicht alle neue Operatoren brauchen. Nichtzahler haben dennoch Zugang zu allen weiteren Maps und können mit und gegen die neuen Figuren spielen. Nur eben nicht als sie. Wo andere Spiele mit zahlungspflichtigen Kartenpaketen ab einem gewissen Punkt beginnen, die User-Basis zu spalten, bleibt hier jeder an Bord, der weitermachen will. Niemand wandert ab einem bestimmten Punkt in den immer kleiner werdenden Knauserer-Pool, der nach ein paar Monaten fast vollends versickert.

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Ist von Innen größer, als sie von Außen aussieht: Die Jacht.

Apropos "an Bord": Die neue Karte? Meiner Meinung nach eine Wucht. Nachdem das Matchmaking mir in der ersten Woche nach deren Veröffentlichung einen Streich spielte und ich die im Packeis eingeschlossene Luxusjacht lange nicht zu Gesicht bekam, taucht sie nach Patch 2.1 nun immer häufiger in der Rotation auf. Das kann Einbildung sein, Pech und jetzt Glück oder Ubisoft Montreal, die an den dafür verantwortlichen Stellschrauben drehten. In jedem Fall erlaubte es mir, die vergangenen Tage über einen ausgiebigen Blick auf die Karte zu werfen, die die Spielergemeinde dem Vernehmen nach entweder liebt oder hasst. Vornehmlicher Kritikpunkt der Jachtgegner: zu eng und verwinkelt. Für mich, als jemand, der die Flugzeug-Map gerade deshalb genial fand, eine Wonne.

Etwas breiter und vertikaler angelegt als die namentlich verfremdete Airforce One ist der in klirrende Kälte gehüllte Kahn allerdings schon und bietet mehr Möglichkeiten zum Einstieg. Verwinkelte Treppen, als Hinterhalte perfekt geeignete Räume darunter und immer öffnen breitere Räumlichkeiten Möglichkeiten für größer angelegte Feuergefechte und Flankiermanöver. Dabei ist die Jacht schneller zu "lesen" als viele der größeren, stärker auf Asymmetrie setzenden Karten aus dem ersten Zehnerpack, wie zum Beispiel die Bank. Man ist schnell drin und erlebt sehr bald atmosphärisch und in Sachen Klaustrophobie spannende Gefechte. Sie ist vielleicht nicht für jedermann, aber schon rein thematisch und in der visuellen Umsetzung eine der interessantesten Karten, wie ich finde.

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Drinnen hat sich vielerorts das Eis breit gemacht.

Die beiden neuen Agenten der kanadischen JTF2 selbst sind ebenfalls durchaus eine Bereicherung. Gerade Frost mit ihren Bärenfallen, die ironischerweise auf den Namen "Welcome Mat" hören, ist in Sachen Schadenfreude ganz vorne dabei. Frost könnte Kapkan mit seinen Laser-Minen als meinen favorisierten Verteidiger ablösen, zumal auch ihre Super-90-Schrotflinte und ihre Maschinenpistole zu den ausgefalleneren Waffen zählen. Buck hingegen verfügt über kein ausgefallenes Gadget, kann dafür aber sowohl ein Sturmgewehr und einen Karabiner mit einer angehängten Schrotflinte versehen, was ihn zu einem der vielseitigsten Angreifer macht. Beide Operatoren verfügen über mittlere Panzerung und mittlere Geschwindigkeit und weichen schon jetzt ein bisschen die bekannten Abläufe auf.

Patch 2.1 brachte erstmals Custom-Matches mit sich, in denen man seine eigene Map-Rotation anlegen und auch die Menge an HUD-Anzeigen konfigurieren darf. Dazu eine gute Betrachterkamera, die aus den beachtlichen Schauwerten dieses Spiels das meiste rausholt. Noch dazu reparierte man den im vorherigen Update auftretenden "Jesuspose"-Bug und einige Kollisionsabfrage-Probleme. Das spricht für Ubisofts Lernfähigkeit, was den Support des Spiels angeht. Leider dauert die Spielvermittlung manches Mal immer noch zu lange, Cheater und Teamkiller, die sich durchaus in Grenzen halten, werden immer noch nicht hart oder zügig genug bestraft. Gerade, wenn es um Leute mit illegalen Zielhilfen und Durch-die-Wand-schießen-Scripts geht, ist noch Nachbessern angesagt. Und sei es nur, um die allgegenwärtige Paranoia - mogelt er jetzt oder nicht? - zu kontern, die gerade droht, sich breitzumachen.

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Frost ist mit ihren Bärenfallen der neue Favorit unter den Verteidigern.

Unterm Strich aber sieht Rainbow Six Siege immer besser aus, was mich umso nachdrücklicher fragen lässt: Warum spricht immer noch nicht alle Welt von diesem Spiel? Seit Ewigkeiten beklagen wir fehlende Innovationen in Sachen Mehrspieler. Jetzt kommt Ubisoft mit einem ganzen Sack daher - alleine die taktisch wertvoll zerstörbare Umgebung ist etwas, von dem wir vor Jahren noch träumten - und keiner merkt's. Das hier ist ein spannender, hoch taktischer und vollauf wettbewerbstauglicher Shooter, für den man nicht die Reflexe eines Zwölfjährigen mitbringen muss. Ein Spiel, das vielleicht nicht nach "Next-Gen" aussieht, sich aber so anfühlt. Eines, das Geduld, Übersicht, List und Improvisationsgabe belohnt. Jede einzelne Partie ist unermesslich spannend, selbst wenn man schon längst sein einziges Bildschirmleben ausgehaucht hat und seinen Kollegen durch die Überwachungskameras Hilfestellungen gibt. Oder wenn man einfach die Klappe hält und besseren Spielern dabei zuschaut, wie sie ihre Arbeit machen.

Liegt's allein am Verzicht auf den Einzelspielerteil, dass so viele der Reihe den Rücken gekehrt haben? Ich glaube nicht, dass es dem Spiel schlecht geht. Volle Partien zu finden ist kein Problem und die Verkäufe sind sicher kein absoluter Flop. Aber jeden Abend, wenn ich mich an Siege setze und langsam, aber sicher immer besser werde, wundere ich mich aufs Neue, dass dieses Spiel den tagtäglichen Dialog nicht mehr dominiert.

Mir ist es eigentlich fremd, dieses Bedürfnis, einer Megafirma wie Ubisoft mit ihren Riesenbüros, Tausenden Angestellten und aufgeblähten Budgets helfend beispringen zu wollen. Aber das hier ist schlicht und einfach ein vorwärts denkender, in jedem Aspekt seines Ablaufs (mit Ausnahme der Wartezeiten bei der Spielvermittlung) die Zeit des Spielers respektierender Mehrspieler-Shooter. Mutig, wenngleich noch nicht zur Gänze ausgereift, hat Siege auf viele der ältesten Fragen dieses Genres einige kluge Antworten parat. Wer sich auch nur ansatzweise davon angesprochen fühlt, steht eigentlich in der Pflicht, es zu unterstützen. Noch ist es nicht zu spät.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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