Trackmania Turbo - Test

So einfach, motivierend und zeitfressend.

Trackmania Turbo, der erste gleichzeitig für PC und Konsole erscheinende Serienableger, ist umgeben von einer Leidenschaft für Einfachheit und süchtig machende Selbstmotivation. Woanders kann man Getriebe und Aufhängung fingernagelbreit anpassen, hier hängt man sich höchstens an Hundertstelsekunden auf, während man durch Urlaubslagunen oder ein schrilles Neo-Tokio rast. Die Grundpfeiler sind dieselben wie immer: Fahrt Strecken, verinnerlicht ihren Verlauf kurvengenau und schleift Millisekunde um Millisekunde von eurer Bestmarke ab.

Und das Schlimme: Ich kann nicht aufhören. Seit eineinhalb Wochen steht Dark Souls 3 hier - ein vereinnahmendes Spiel wie kaum ein anderes - und trotzdem finde ich fast täglich für ein halbes Stündchen zurück zu den halsbrecherischen Looping, den Canyons und schluchze leise über den Abfall meiner Berlin-übergreifenden Bestmarken (als es in der Region nur 60 Leute hatten, war ich nicht mal übel...).

Turbo ist ein ganz eigenes Biest, ein Gegenentwurf zur Liebe fürs Automobil, wie man sie Forzas absurd detaillierten Boliden andichten kann, an den richtigen Stellen reduziert auf die offenherzige Freude am perfekten Fahren und Auswendiglernen. Dieses Spiel kommt mit einem Lachen auf euch zu und man kann gar nicht anders, als zurückzulächeln.

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Loopings, Schanzen, Kurven, Übergänge von Asphalt zu Strand oder Wüstensand - alles dabei.

Grundlage bilden über 200 ab Werk verfügbare Strecken, eingeteilt in vier Schwierigkeitsgrade und viele davon nur eine Angelegenheit von 30 Sekunden, aber aufaddiert auf Folgeversuche ein widerlicher Zeitfresser. Man gibt sich ja nicht mit dem leicht einzufahrenden Bronze zufrieden, zumal die hinteren Schwierigkeitsgrade durch Silber- und Goldanforderungen gesperrt sind. Und die grünen, versteckten Trackmaster-Abzeichen? Bekommt man, wenn man eine Entwicklerzeit schlägt. Haufenweise zu tun. Bisher konnte ich nur eines von der Liste streichen.

Hier wächst man mit dem Streckenverlauf, jedem Meter, den man effizienter schafft, jeder mit einem Drift entschärften Haarnadelkurve und der sich nach und nach einschleichenden Fahrroutine. Mit drei Tasten plus einer vierten für den sofortigen Neustart gelingt Trackmania Turbo ein reizend arcadiges Spielgefühl nach dem Motto "Einfach zu erlernen, schwer zu meistern". Sobald ihr vom Helikopter auf die erste Strecke geworfen werdet, runter auf eine beschleunigende Rampe, noch im Anflug quasi, seid ihr drin und habt Turbo in Fleisch und Blut. Der Rest verläuft in Nuancen: wie man welche Kurve einschätzen muss, wie die Bodenwellen im Asphalt zu nehmen sind und so weiter.

Sich dem zu verschließen, diesen leuchtenden Farben, dem mitunter Sega-blauen Himmel, der Nintendo-Sauberkeit in der Streckengestaltung, all den bunten Logos und Schriftzügen, das ist nur möglich, wenn man Spiele mit Motoren und Rennpisten per se nicht mag. Ich zeigte es in der vergangenen Woche mehreren Leuten, die sonst kaum Rennspiele spielen. Keiner von ihnen kam mit einem "Geh mir weg damit", nachdem sie erst mal den Flow innehatten. Und das dauert weniger als eine Minute.

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Die vielen Schilder und leuchtenden Reklameflächen passen wunderbar ins Design.

Plötzlich hatten wir im Hot-Seat-Modus Spaß, mit dem Herumreichen des Pads, wobei jeder seine eigenen Versuche durchlebt, die Bestzeit der anderen zu schlagen. Am besten lässt man hier eine zufällige Strecke erstellen, damit alle die gleichen Chancen haben. Arcade steht nicht nur für knallige Farben und azurblaues Wasser, sondern auch für die Freude, ein Spiel mit mehreren Leuten gemeinsam zu erleben. Es gibt einen Splitscreen-Modus fürs gleichzeitige Gegeneinander und einen Online-Modus, in dem die Geisterfahrer anderer Fahrer von der Startlinie losbrechen und sich langsam voneinander trennen, jeder auf dem Weg zu seiner eigenen Bestzeit.

Double Driver heißt es, wenn zwei Spieler gemeinsam einen Wagen steuern und jeder den halben Input übernimmt. Lenkt nur einer ein, wird das nix mit der scharfen Kurve. Gibt nur einer Gas, ist man langsamer unterwegs. Tierischer Unsinn, aber schön, dass er dabei ist.

Selbiges gilt für den Editor, wobei es mir fernliegt, hier von "Unsinn" zu sprechen, mehr von "schön, dass er dabei ist". Alles sehr einfach zu bedienen, das Setzen verschiedener Streckenteile ist so intuitiv wie gut anhand einer Vorschau visualisiert, und fremde Kreationen in Angriff zu nehmen, das dürfte der Langzeitmotivation in die Karten spielen. Schade lediglich, dass man nicht im Spiel die Rekorde der eigenen Freunde einsehen darf, sondern dafür eine Webseite aufsuchen muss.

Entwickler Nadeo hat trotzdem etwas ganz Spezielles geschnürt. Turbo ist ein großzügig im Midprice-Segment aufgestelltes Spiel und ein kniffliges, gerät man in den Goldwahn, ein lockeres, will man bloß neue Strecken freischalten, und ein herzensgutes, das spürt man schon beim Einschalten.

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Sekundenbruchteil um Sekundenbruchteil auf den Strecken zu verbessern, das macht einfach Spaß.

Es sind die Feinheiten, die Turbo zu etwas Liebenswürdigem machen. Etwa das Runterzählen von 3 auf 1 beim Start in verschiedenen, ineinander übergehenden Sprachen, die quatschig-nutzlosen Details in den Ladebildschirmen oder wie das Auto am Streckenende über eine ins Nichts führende Rampe geschleudert wird. Es ist das Menüdesign mit seinen Jingles, das aus dem Automaten stammen könnte, oder dass bei jedem neu gestarteten Rennen ein anderes Musikstück aufspielt.

Groß am Wagen-Set-up herumschrauben? Spielt Project Cars oder irgendwas von Simbin. Beim Öffnen der Garage hat Turbo nur einen frechen Kommentar übrig: "Je besser du aussiehst, desto besser fühlst du dich. Und je besser du dich fühlst, desto besser fährst du".

Den Detailfetisch technikfixierter Rennspiele verlagert es auf seine Strecken, die Liebe für Farben und Formen, das quietschig-saubere Design. Von den Menüs bis zum Start-Countdown saßen hier Leute mit einem aufrichten Spaßempfinden. Die Art-Direction ist ein einziges Ausrufezeichen, die Aufnehmen-und-loslegen-Auffassung so sinngemäß wie nirgends anders. Jeder kann sofort das Pad greifen und sich in den Rausch irrwitziger Pisten werfen. Und das ohne unnötigen Ballast. Es ist fast, als wollte das Spiel sagen, dass man Fünfe auch mal gerade sein lassen soll. Trackmania Turbo, obwohl komplex in seiner eigenen Welt, ist genauso unbekümmert - und deswegen wird es mich noch einige Zeit begleiten.

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Über den Autor:

Sebastian Thor

Sebastian Thor

Freier Redakteur - Eurogamer.de

Steht auf Bier und Bloodsport. Mag weiche Sofas und verliert sich gern in Gedanken an dies und das. Seit 2014 bei Eurogamer dabei, aktuell als freier Redakteur.

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