Was ist Battleborn? Ist doch eigentlich ganz einfach:

Ein actionreiches Fünf-gegen-fünf mit Köpfchen.

Hat dieses Spiel ein Image-Problem? Ich habe nicht das Gefühl, die breite Masse hat eine genaue Vorstellung davon, worum es sich bei Battleborn eigentlich handelt. Oder sie hat eine, aber eben die Falsche. Also ein für alle Mal: Das hier ist ein heldenbasierter First-Person-Shooter in einem nett albernen Comic-Universum. Eine Einzelspielerkampagne, die in Wirklichkeit eigentlich im Koop gespielt werden sollte, bildet den Ausgangspunkt für die PVP-Seite des Spiels, wenn man dann von PVE genug hat. Hier bekriegen sich Teams im Fünf-gegen-fünf mit unübersehbarem taktischen MOBA-Einfluss, aber eben immer noch in einem waschechten Actionspiel. Klar, es ist auf den ersten Blick kein allzu einfach zu erfassendes Konzept. Also dröseln wir es mal ein bisschen auf. Sollen wir?

In drei Modi habe ich mittlerweile eine kleine zweistellige Stundenzahl auf dem Buckel und kann mir die Einschätzung erlauben, dass Battleborn definitiv eines der interessanteren Spiele in diesem Jahr wird. Was vor allem besticht, ist wie zielstrebig und verbissen Gearbox darauf abzielt, es wirklich jedem Recht zu machen. Die Kampagne dürfte auch Einzelspieler-Fans ins Boot holen, ist voll vertont, hat Bosskämpfe und hier und da eine opulente Skriptsequenz. Allerdings muss gesagt sein, dass mindestens ein Mitspieler eigentlich schon die Art ist, wie man dieses Spiel erleben will. Die Figuren verfügen stets über ihren festen Satz an Aktionen, Waffen wechselt man nicht und die Abwechslung und taktische Tiefe kommt in erster Linie darüber ins Spiel, dass die einzelnen Teilnehmer ihre Figuren clever kombinieren.

Das Ende des Constervator-Bosskampfs aus einem der Kampagnen-Level im Video (Dauer 0:46)

Die Skills der mehr oder weniger als Spezialisten erdachten Pappenheimer wollen untereinander kombiniert werden, denn nur im Zusammenspiel holt man das Maximum aus der fantasievollen Darstellerriege. Dazu schreien die breit angelegten Gänge, Hallen und Lichtungen geradezu danach, sie mit mehreren Kumpels zu füllen, die sie dann von Gegnern entvölkern. Also: Single-Player ist hier durchaus eine Option, aber eben eher ein Notnagel, bei dem viel aus der Aktionspalette einfach ungenutzt liegen bleibt.

Was den grundlegenden Ablauf aller Spielvarianten angeht, die Battleborn beherrscht, eint sie mit Dota und Co., dass ihr mit jeder Partie bei Level eins startet und dann zügig die Sprossen einer zweiseitigen Fähigkeitenhelix hinaufsteigt. Jedes Mal, wenn das passiert, wählt ihr einen neuen Perk, der eure Aktionspalette buffed - Primär- und Sekundärattacke, zwei aktive Skills zum Start, eine Über-Fähigkeit ab Level 5 und ein paar passive Fertigkeiten - und an ihren Rändern um sinnige Stärken ergänzt. So formt ihr jedes Mal on-the-fly euren Charakter ein wenig neu, beziehungsweise passt ihn an die Spielweise des Teams oder den Modus an. Figuren wie die intergalaktische Hohepriesterin Ambra beispielsweise, die Heilfähigkeiten besitzen, können so alternativ auch in eine aggressivere Rolle gezüchtet werden. Andere Figuren entscheiden sich ihren Weg die Leiter empor zwischen teamdienlichen Buffs und einzelgängerischeren Talenten.

Auf dem Weg zum Ziel könnt ihr an dafür vorgesehenen Stellen in den Leveln und Arenen diverse Geschütze zur Feuerunterstützung bauen oder Hilfsanlagen, die zum Beispiel heilen oder eure Figuren beschleunigen respektive den Gegner bremsen. Vom Spielgefühl her unterscheiden sich die insgesamt 25 Kämpfer stark. Kleine wendige Distanzkämpfer, auf Heimtücke spezialisierte Streiter, Tanks, Supports und Heiler - es sind die üblichen Rollen, die man aber eben aus der Ego-Sicht direkt steuert und sich dabei über griffige Fortbewegung und clever inszenierte Spezialfertigkeiten freut. Es fühlt sich einfach gut an, diese Talente zu meistern. Und weil das Spiel einen dafür mit Lore-Challenges, die bei Erfüllung mehr über die Figur verraten, und vom Spielerrang losgelöste Charakterränge belohnt, hat man noch mehr Lust, sich voll in einen bestimmten Typus Kämpfer reinzuknien.

Ein Spaziergang durch das Charakterwahl-Menü und einige der Skills von Ambra. Samt lustigem Taunt am Ende (Dauer 0:47)

Sei es nun der das Maschinengewehr schwingende Berg von einem Mann, Montana oder der filigrane und heilende Pilzmensch Miko oder der eingeschränkt flugfähige Vogelmensch Benedikt. Alle Figuren sind extrem unterschiedlich, charakterstark gestaltet und lassen lautstark Sprüche vom Stapel. Dieser Borderlands-artige Humor ist leider nicht meine Art von freiwilliger Dummheit, weshalb ich nur selten wirklich schmunzeln muss, aber es setzt kompetent einen gewissen Ton, der das Universum zwar nicht zu jedermanns Sache macht, aber es auf jeden Fall gut zusammenhält. Hier einen neuen Charakter freizuschalten, ist eine echte Freude und die Herausforderung, sich gleich mit ihm auseinanderzusetzen ist deutlich weniger abschreckend, als ich zunächst befürchtet hatte. Irgendwo sind die Rollen und Talente dann doch clever, überschaubar und deutlich genug vom Weiten signalisiert, dass man sich gerne auf einen neuen Battleborn stürzt.

Und ein bisschen eigene Persönlichkeit darf man dann auch noch hinzufügen, denn neben neuen Skills schaltet ihr nicht nur Mutatoren für den Skilltree frei, die hier und da die Stellschrauben ein bisschen verändern. Ihr gewinnt im Story-Modus auch noch Loot-Kisten hinzu, in denen sich Ausrüstungsgegenstände verschiedener Selten- und Beschaffenheiten befinden. Je drei davon darf man zu einem Loadout zusammenstellen und sie dann im laufenden Match gegen eingesammelte Kristalle aktivieren. Hier kommt dann das gute alte Pokern ins Spiel: Besteht mein Loadout aus mittelmäßigen, dafür günstigen und somit früher zu aktivierenden Dingen oder habe ich auch etwas dabei, das richtig teuer ist, damit erst spät zur Geltung kommt, dafür aber die Wende bringen kann? Cool!

Im PVP sieht das Ganze dann tatsächlich nach einem MOBA aus First-Person-Sicht aus. Es bleibt aber der griffige und in Sachen Bewegung, Waffen- und Talent-Handling wunderbar direkte Shooter-Nahkampf-Actionhybrid, der einen schon so sehr in die Kampagne hineinsaugte. Ich spielte mit neu gefundenen Freunden Meltdown und Incursion und in beiden geht es im Kern darum, mehr Minions, also gewissermaßen Creeps, auf verschiedenen Bahnen zu bestimmten Zielen zu geleiten, als die Gegnerfraktion. Auch hier baut man Türme, steigt im Level auf und macht sich gegenseitig das Leben schwer. In Meltdown müssen die Creeps, sorry, Minions, zu gewaltigen Häckslermaschinen geschäfert werden, bis man 500 Punkte erreicht. Knifflig wird das, wenn die Gegnerpartie das gleiche versucht und die eigenen Häcksler ausgezeichnet beschützt. In Incursion geht es darum, zusammen mit den Minions zwei riesige Spider-Bots der Gegnermannschaft auszuschalten. Der Modus kann sich ein wenig hinziehen, was selbst durch die Beschwörung von KI-gesteuerten Söldnern nicht immer so schwungvoll bleibt wie der Rest des Spiels.

Aus Mangeln an Mitspielern hier eine Partie als Miko im Modus Meltdown gegen Bots. Gegen Menschen zieht die Intensität der Matches gewaltig an (Dauer 0:52)

Aber beide Modi haben durchaus etwas für sich. Meltdown mochte ich von Beginn an mehr und es ist der Modus, dem ich im Zweifelsfall den Zuschlag gebe. Hier ist die Länge genau richtig und ist es einfach mehr ein Tauziehen. In Incursion habe ich dagegen das Gefühl, zwei Teams knallen unentwegt im Dampfhammerprinzip aufeinander. Ist manchmal auch genau das Richtige, aber Meltdown war es eigentlich fast immer. Ich habe schon jetzt das Gefühl, dass dies ein Modus ist, den die Fangemeinde lange, lange spielen wird.

Überhaupt macht Battleborn im Ganzen den Eindruck, dass Gearbox hier eher darauf aus ist, eine neue Games-Disziplin ins Leben zu rufen, anstatt nur einen weiteren Blockbuster für dieses Jahr zu liefern. Was man aktuell spielen kann, macht einen ausgereiften Eindruck, auch wenn die Entwickler das Effektgewitter, das häufig dafür sorgt, dass man die Übersicht verliert, gerne ein bisschen zurückfahren dürften. Auch die Übersichtskarte kann gerne noch ein bisschen Liebe erfahren. Aktuell ist sie nämlich noch nicht ganz so hilfreich wie sie sein sollte. Abgesehen davon jedoch sieht Battleborn sowohl gegen die KI als auch gegen andere Spieler nach einem guten Deal aus - und soll noch dazu auf Echtgeld-Transaktionen verzichten.

Man muss den Ton, den Gearbox hier mal wieder anschlägt, nicht mögen. Aber man muss Battleborn als das respektieren was es ist: Ein eigensinniger, dem Spaß verpflichteter Actioner mit Grips und geradezu ansteckender Geselligkeit.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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