Pro & Contra - Rusts automatische Charaktererstellung: interessantes Experiment oder unrealistische Spielerbevormundung?

Zwei Gedanken zu einer Designentscheidung.

Nach Hautfarbe, Gesicht und Länge des Penis (ja, wirklich!) gesellt sich nun auch das Geschlecht zu den festen, unveränderlichen Merkmalen, die der Survival-Titel Rust seinen Spielern anhand ihrer Steam-ID ein für alle Male zuteilt. Das wird kontrovers diskutiert, nicht nur unter der Community, sondern auch hier in der Redaktion. Alex und Martin über Repräsentation in Videospielen vs. Eskapismus von der echten Welt.

Alexander Bohn-Elias: Du bist, wer du bist - Rusts Geschlechter-Diktat ist ein starkes Signal für mehr Repräsentation und ein Ende digitaler Eitelkeiten.

Wo ist das Problem? Garry Newman, Erfinder von Garrys Mod und Chefentwickler von Rust, hat seine Spielergemeinde im Grunde clever an diese Änderung herangeführt. Eine Wahl hatten sie nie. Es begann schon mit dem Release des Spiels, als jedermann als identischer Glatzkopf mit schwingendem Gemächt durch die Wildnis rannte. Im Laufe der Zeit kam nun mehr automatisierte Diversität nicht nur in Sachen Penisgröße - was Newman seinerzeit köstlicherweise als "Happy Accident" bezeichnete - hinzu. Er ist sich bewusst, dass mittlerweile viele Spieler entgegen ihrer Ethnie und Gender-Identität abgebildet werden, findet aber auch, dass dies Teil eines fabelhaften sozialen Experiments ist.

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Und ich muss ihm da kräftig zustimmen. Auch ganz abgesehen von der Frage, ob Spieler sich unterschiedlichen Charaktermodellen gegenüber vielleicht anders verhalten, muss doch die Frage erlaubt sein: Wer, wenn nicht wir Videospieler, ist es so dermaßen gewohnt, unterschiedlichste Menschenkostüme überzuwerfen? Wir spielen als kugelbäuchiger Klempner, sogar als langohriges Alien oder kubistische Minenarbeiter. Klar - auch auf drahtige Space-Marine können wir uns einigen, wenn wir keine Wahl haben. Natürlich begreift man ein offenes Survival-Abenteuer ohne fest vorgegebenes Spielziel eher als seine eigene, persönliche Geschichte, in der man es gewohnt ist, wie in einem Rollenspiel sein Äußeres selbst zu bestimmen. Aber ist dieser kurze Disconnect zwischen dem eigenen Spiegelbild und dem, was einen aus dem Inventarschirm entgegen glotzt so schlimm? Es ist ein kleiner Preis für eine inklusivere, repräsentativere Spielwelt, die Rust vor einem aufbaut.

Letzten Endes bin ich vor allem froh, dass mir die Wahl abgenommen wird. Ich meckere regelmäßig über einfallslose Charakterdesigns, die sich mit ihren langweilig-attraktiven, gut gebauten Weißbrot-Figuren grundsätzlich an die Demografie "privilegiert, weiß, männlich, 20 bis 35 Jahre" richten. Nur um dann in Spielen mit ausladenden Charaktereditoren viel zu viel Zeit darauf zu verschwenden, selbst langweilig-attraktive, gut gebaute Weißbrot-Figuren zu erstellen. Ein bisschen in andere Schuhe zu schlüpfen, täte nicht nur mir, sondern auch dem Rest der Welt gut. Davon bin ich überzeugt.

Martin Woger: Ich kann sein, wer ich will, aber nicht mein Avatar?

Ohne Frage, es ist realistisch, dass ich mein eigenes Aussehen nicht verändern kann. Na gut, in einem gewissen Rahmen kann ich das doch. Oh halt, sogar in der Realität in einem extremen Rahmen. Wer der Meinung ist, dass er ein anderes Geschlecht ist oder in der Mitte von allem steht und sein ganz eigenes Ding machen will, kann das heutzutage tun und das ist fantastisch. Das größte Hindernis in der Realität ist dabei die Dummheit anderer Menschen, aber sonst ist praktisch alles möglich. Und jetzt soll ich einem Videospiel eine Figur spielen, die mir aufoktroyiert wird, die unveränderlich an meinen Spiel-Account gebunden ist, gleichzeitig mich aber als Avatar repräsentieren soll? Das ist ungefähr so dämlich wie Mark Zuckerbergs Aussage, dass der echte Name meine einzige Identität sein muss. Wir alle tragen unterschiedliche Masken an unterschiedlichen Orten gegenüber unterschiedlichen Menschen und was diese sind, bestimmen wir sowohl innerlich als auch äußerlich, wenn es uns wichtig ist.

Es macht einfach keinen Sinn in einem Spiel, das per Definition eine Form des Eskapismus ist, plötzlich angeblich an eine so nicht existente Realität geknüpfte Regeln aufzustellen. Es ist schlicht eine dumme Einschränkung des Spielers in seinen in dieser Art von Spiel - MMO aller Arten - eigentlich notwendigen Freiheiten. Der Avatar des Spielers ist theoretisch in einem gewissen Rahmen eine Projektionsfläche für die Launen und Wünsche des Spielers, die sich nicht nur von Spieler zu Spieler, sondern auch von der Stimmung und Tagesform des Spielers unterscheiden können. Dafür hat man ja in vielen Spielen mehrere Charakterslots. Es ist ein Spiel, ich kann spielen, dass ich heute X und morgen Y bin, ohne dass dies mit dem doch nicht zu unterschätzenden Aufwand in der Realität verknüpft wäre.

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Das ist auch der große Unterschied zwischen einem Charakter und einem Avatar. Ein Charakter ist eine definierte Figur, die eine zumindest relativ definierte Rolle spielt. Das ist in einem Witcher so oder einem Last of Us. Ich würde nie auf die Idee kommen, mich hier zu beschweren, dass ich keinen Editor habe. Ein Avatar jedoch ist eine von mir gewählte Repräsentation meiner selbst. Und wie ich mich in einem MMO - oder selbst einem Fallout - sehen möchte, ist meine Sache und Teil der Spielerfahrung. Wenn ich Lust habe, eine Frau zu spielen, dann sollte das nicht von einem willkürlichen Algorithmus abhängen.

Wenn ein Spiel nun der Meinung ist, eine Art Sozial-Experiment zu starten, indem es den Charakter-Editor weglässt, wäre meine erste Vermutung, dass sie nicht in der Lage sind, einen zu programmieren, oder, dass sie eine seltsame Vorstellung von Mut zum Experiment haben. Welcher Mut? Der, Teile der Kundschaft zu verärgern? Es ist super, dass es in Rust nun weibliche Avatare zu spielen gibt. Aber es sollte meine Entscheidung sein, ob ich einen davon spielen will. So, wie ich in der Realität entscheiden kann, wer ich sein will.

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