Homefront: The Revolution - Test

Ungenutztes Potenzial.

In Homefront steckt durchaus Potenzial, doch das Spiel wird durch Bugs, Probleme und nicht ganz durchdachte Features zurückgehalten.

Kennt ihr das? Ihr sitzt vor einem Spiel und könnt das Potenzial seines Konzepts förmlich riechen, denkt euch, wie geil das alles sein könnte, wenn es nur vernünftig gemacht wäre? Aber dann ist da eben diese Umsetzung, die dem Ganzen einen großen Strich durch die Rechnung macht. Homefront: The Revolution ist genau so ein Spiel. Eines, dessen Idee nicht schlecht ist, das aber sicherlich unter dem ganzen Trubel rund um die Entwicklung - THQ-Pleite, Cryteks finanzielle Probleme, Engine-Wechsel - sehr gelitten hat. Und das merkt man leider an vielen Ecken und Kanten.

Homefront: The Revolution verschlägt euch ins Philadelphia der nahen Zukunft. Das Intro erzählt von der Geschichte eines nordkoreanischen Elektronikunternehmens, das sich zum technologischen Spitzenreiter entwickelt hat und dessen Technologie weltweit eingesetzt wird, unter anderem auch vom amerikanischen Militär. Allerdings ahnt niemand etwas von einer versteckten Hintertür und eines Tages legen die Nordkoreaner dadurch Großteile der USA lahm und marschieren ein. Gegen die technologisch überlegenen Invasoren können sich die Verteidiger nicht zur Wehr setzen, was zur Besetzung des Landes führt, allerdings regt sich Widerstand.

In den Kämpfen agiert die KI nicht immer so wahnsinnig clever. Das macht die Kämpfe zum Teil etwas unberechenbar und ihr müsst darauf achten, dass ein Gegner nicht direkt zu euch stürmt.

Klingt jetzt nicht unspannend, aber wie das eben manchmal bei durchaus interessanten Themen vorkommt, scheitert es an der Umsetzung. Das fängt schon mit dem Protagonisten des Shooters an. Ethan Brady ist der typische, langweilige 08/15-Held: Er macht das, was ihm gesagt wird, er spricht kein Wort und versprüht Charme und Persönlichkeit einer leeren Bierflasche. Auch die Charaktere, die euch den Rest des Spiels begleiten, tragen nicht viel dazu bei, dass ihr euch in einem Monat noch an die Story erinnern werdet - Hauptsache, sie können ein paar Nordkoreaner um die Ecke bringen.

Und zu guter Letzt mangelt es einfach an einem oder mehreren Bösewichten, die aus der Masse hervorstechen. Hier ist nur die KVA in ihrer Gesamtheit eine gesichtslose Besatzungsmacht. Ihr versteht ihre Beweggründe nicht, hört sie kaum mal wichtige, informative Sachen reden. Schlussendlich bekämpft ihr eben diesen Feind, weil euch das Spiel das so sagt. Das sind die Bösen. Und die Bösen müssen sterben, weil... na, weil sie halt böse sind. Gerade bei einem solchen Szenario hätte sich diesbezüglich mehr angeboten.

Die Umsetzung der Spielwelt ist den Entwicklern hingegen durchaus gelungen. Philadelphia ist in acht größere Distrikte aufgeteilt, in denen ihr euch frei bewegen und nebenbei diverse verschiedene Aufgaben erfüllen könnt. Nehmt optionale Aufträge an, um euch zusätzliches Geld zu verdienen, erobert verschiedene Außenposten für euch, um die Koreaner zurückzudrängen, sammelt Tagebücher oder sucht nach Geheimverstecken. Zu tun gibt es vieles, aber wenn euch schon das Abklappern der Punkte in einem Assassin's Creed langweilt, solltet ihr von Homefront zwischen den Hauptmissionen nicht mehr erwarten. Das Dumme ist, dass ihr manchmal dazu gezwungen werdet, solche Nebensachen abzuarbeiten, bis der Widerstand in einem Distrikt auf 100 Prozent steigt und ihr einen Aufstand anzetteln könnt. Erst anschließend geht es mit der nächsten Story-Mission weiter.

Unterwegs könnt ihr eure Waffen anpassen, wenn ihr über die passenden Aufsätze und Upgrades verfügt.

Der Spielstil unterscheidet sich auch ein wenig von Distrikt zu Distrikt. In roten Zonen erwartet euch eine starke Feindpräsenz und ihr schwebt in ständiger Gefahr, entdeckt zu werden. Teilweise kreisen Luftschiffe durch die Gegend, die mit ihren Scannern nach Widerstandskämpfern suchen, überall sind Patrouillen und kleinere Drohnen unterwegs. Außerdem unterscheiden sich die Abschnitte natürlich optisch. Ihr bewegt euch durch zerbombte, offene Kriegsgebiete, in anderen Stadtteilen ist hingegen noch weitestgehend alles intakt und es scheint ein halbwegs normales Leben zu herrschen, wobei stets die Unterdrücker im Hintergrund lauern, Bürger schikanieren oder Kollaborateure in ihren feinen Anzügen durch die Gegend marschieren.

Dabei dürft ihr nicht den Fehler machen und Homefront so spielen, wie ihr es heutzutage sonst von den meisten Shootern gewohnt seid. Ihr verkörpert einen Widerstandskämpfer, habt keine hochtechnisierte Ausrüstung und könnt nicht sehr viele Treffer einstecken. Wenn ihr das versucht, liegt ihr schnell blutend am Boden. Es bringt nichts, sich kurz in einer Ecke zu verkriechen und auf die sich regenerierende Gesundheit zu warten, weil es die hier nicht gibt und ihr auf Medi-Kits angewiesen seid. Eure Schritte und Aktionen müssen wohlüberlegt sein, daher spielt das Schleichen eine große Rolle in Homefront.

Eigentlich kein schlechter Ansatz, doch die Umsetzung ist eher halbgar und zum Teil schlicht fehlerhaft. Das Schlimmste ist, wenn ihr irgendwo in der Deckung hockt und trotzdem entdeckt werdet, obwohl es eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Es kam mehrfach vor, dass ich mich nach einem ausgelösten Alarm in einem Haus versteckte und merkte, wie Gegner im gegenüberliegenden Raum vor der Wand standen, mich scheinbar durch diese hindurch wahrnahmen und auf die Wand feuerten. Was für ein Stealth-Spiel eigentlich essenziell wäre - das Verstecken von toten Feinden -, fehlt gänzlich. Und das, obwohl ihr selbst bei Alarm in Müllcontainern oder Toilettenhäuschen untertauchen könnt, bis sich die Aufregung gelegt hat. Das Schleichen ist da, aber es fühlt sich zu keinem Zeitpunkt richtig befriedigend an.

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An manchen Stellen reicht es, einfach auf die Gegner zu warten, bis sie euch vor die Flinte laufen.

Dennoch ist es die empfohlene Vorgehensweise. Da ihr wenig aushaltet, sind offene Feuergefechte nicht die beste Option. Vor allem nicht in roten Zonen, wo kontinuierlich gegnerische Verstärkung anrückt und euch in die Enge zu treiben versucht, bis euch irgendwann die Vorräte ausgehen. Wenn ihr Feindgruppen angreifen wollt, dann schlagt so schnell und effektiv zu - mit Bomben oder dem Raketenwerfer -, dass ihr sofort alle erledigt. Oder nehmt schnell die Beine in die Hand und versteckt euch irgendwo, sofern ihr mit zu vielen Widersachern konfrontiert werdet.

Wenigstens bekommt ihr ein paar hübsche Spielzeuge, um Gegner aus dem Hinterhalt heraus zu erledigen, ohne sofort entdeckt zu werden. Es gibt Teddybären, die Feinde schlicht ablenken und/oder in die Luft jagen können, Knallkörper locken KVA-Soldaten vorübergehend von ihren Positionen weg und wenn ihr hinter einem Haus hockt, könnt ihr ein mit Sprengstoff beladenes, ferngesteuertes RC Car unter einen vor dem Haus geparkten Truppentransporter fahren und sprengen. Mit Hacking-Geräten schaltet ihr wiederum Sicherheitskameras aus, öffnet elektronisch verriegelte Türen oder könnt sogar gegnerische Angriffsdrohnen unter eure Kontrolle bringen.

Diese nützlichen Werkzeuge könnt ihr an Waffenschränken kaufen oder mit in den Distrikten gefundenen Einzelteilen unterwegs selbst zusammenbauen. Gut gelungen ist das System zur Waffenmodifikation. Auf Knopfdruck könnt ihr unterwegs Teile eurer Waffe austauschen, sofern ihr die entsprechenden Aufsätze und Upgrades gekauft habt, und zum Beispiel eine Pistole in eine Maschinenpistole oder ein Sturmgewehr in ein leichtes Maschinengewehr verwandeln. Je nachdem, was euch gerade mehr nützt, was ihr bevorzugt oder was ihr am ehesten gebrauchen könntet. Leider gibt es Schalldämpfer nur für kleinere Waffen und nicht etwa für das Sturmgewehr.

Immer wieder müsst ihr Empfänger hacken oder wie hier eine Kontrollstation, was nicht allzu kompliziert ist.

Es sind sogar Spielmechaniken vorhanden, die mit keinem Wort erwähnt werden. Per Zufall stieß ich darauf, dass ich umherlaufende Widerstandskämpfer „anheuern" kann. Soll heißen: Ich drücke den X-Button und sie folgen mir. Und das nicht nur bei einem, weswegen ihr euch etwas Unterstützung für Kämpfe mit an Bord holen könnt. Warum mir das Spiel das nicht mitteilt, bevor ich mich alleine in irgendwelche Auseinandersetzungen stürze, ist mir ein kleines Rätsel. Alles in allem ist die KI jedoch recht... unausgewogen. Manchmal erweckt es den Eindruck, dass per Zufall ausgewürfelt wird, ob ein NPC nun eher nachvollziehbar agiert, zum Beispiel in Deckung geht und von dort aus feuert oder doch recht dumm handelt und planlos auf mich zu stürmt - wohl wissend, dass vor ihm auf dem Boden schon mehrere tote Kollegen liegen. Ihr könnt euch in einem Raum verkriechen und einfach warten, bis Gegner für Gegner durch die Tür marschiert.

Leider reißt der Widerstandsmodus, der Koop-Part von Homefront, es nicht wirklich raus. Er läuft unabhängig von der Story-Kampagne, schafft es aber nicht, mit wirklich viel Inhalt zu glänzen. Es gibt sechs Missionen, die wiederum in jeweils gut 15 Minuten zu erledigen sind. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade ändern dabei nichts am Ablauf oder dem Aufbau der Maps, was die Angelegenheit etwas spannender gemacht hätte. Über Beutekisten schaltet ihr zufällig neue Ausrüstung frei, aber aufgrund der begrenzten Zahl der Einsätze ist die Motivation zumindest derzeit nicht wahnsinnig hoch. Weitere Missionen sollen immerhin kostenlos folgen.

Aus einem sicheren Versteck heraus könnt ihr fernsteuerbare Autos als Sprengsätze verwenden.

Ziemlich problembehaftet zeigt sich auch die technische Seite des Spiels, also unabhängig von den bereits angesprochenen Gameplay-Problembereichen. Nein, hier geht es darum, wie das Spiel läuft - und das tut es vor allem auf den Konsolen nicht wirklich gut. Die Framerate schwankt ständig, es entsteht kaum der Eindruck eines mal für längere Zeit flüssigen Spiels. Hinzu kommt, dass das Spiel beim automatischen Speichern, etwa wenn ihr eine Mission erfüllt, annehmt oder den Waffenschrank besucht, für zwei, drei Sekunden kurzerhand einfriert, was nach gewisser Zeit einfach lästig wird. Außerdem gibt es gelegentliche Animations-Bugs, Feuereffekte bleiben in der Luft hängen, obwohl das zerstörte Fahrzeug sich selbst nicht mehr in der Spielwelt befindet, an bestimmten Stellen fielen mir RC Cars durch den Boden unter die Spielwelt und explodierten. Und einmal, als ich mit einem Motorrad gerade ein paar Gegnern entkommen war und durch eine Gasse raste, spawnte wenige Meter vor mir aus dem Nichts ein gegnerischer APC. Innerhalb eines Sekundenbruchteils knallte ich auf ihn, starb und durfte dann wieder vom letzten Respawn-Punkt aus weitermachen. Na vielen Dank.

Aus Homefront: The Revolution hätte durchaus etwas sehr Gutes werden können. Im jetzigen Zustand fühlt es sich jedoch so an, als ob dem Spiel noch ein paar weitere Monate Feinschliff nicht geschadet hätten. Aber dann wäre es im Weihnachtsgeschäft aufgeschlagen und gegen Call of Duty, Battlefield und Titanfall vermutlich untergegangen. Ob es nun schlechtes Timing, Zeitdruck oder was auch immer ist, Dambuster muss an einigen Stellen dringend noch nachbessern. Spielbar ist Homefront auf PC und Konsole, aber seine Unzulänglichkeiten und die nicht gänzlich ausgereiften Spielmechaniken ziehen sich derzeit durch das gesamte Spiel. Und das ist eigentlich schade, denn wenn ihr erst mal den Dreh raushabt, wie ihr Homefront am besten spielt, macht es durchaus Spaß, mit verschiedenen Herangehensweisen zu experimentieren. Mit ein paar Patches lässt sich hier und da vielleicht noch einiges korrigieren und verbessern, aber im Hier und Jetzt gibt es noch viele Problemzonen.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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