Stellaris - Test

Paradox kann auch Weltraumstrategie.

Bislang hat sich Paradox' internes Entwicklerstudio eher mit historischem Material beschäftigt. Bekannt ist man für komplexe Titel wie Europa Universalis, Hearts of Iron oder Crusader Kings, doch nun lässt man die Vergangenheit hinter sich und widmet sich mit Stellaris der Zukunft. Damit startet man gewissermaßen einen Frontalangriff auf Stardocks Galactic Civilizations und Wargamings Master of Orion. Kann man sich also gegen die zum Teil schon etablierte Konkurrenz durchsetzen oder versinkt Stellaris im nächstgelegenen Schwarzen Loch? Nun, das Weltraumdebüt ist den Strategieexperten von Paradox definitiv geglückt.

Dabei hat Stellaris mit Paradox' anderen Titeln eines gemeinsam: Größe und Komplexität. Die Galaxie ist groß - wie groß, bestimmt ihr wie gewohnt beim Spielstart selbst - und hat viele, viele Sonnensysteme zu bieten, in denen es wiederum mal mehr, mal weniger Planeten gibt. Soll heißen: Ein Durchgang in Stellaris wird euch für eine längere Zeit beschäftigen. Aber erst mal fangt ihr klein an, nämlich mit eurer Heimatwelt. Ihr lernt zu Beginn Stück für Stück das eigene Sonnensystem kennen und müsst euch erst mal noch nicht mit den großen Dingen befassen, die später auf euch warten.

In den Kämpfen spielt ihr lediglich den Zuschauer und könnt nur den Rückzug anordnen, falls es nötig sein sollte.

Der grundsätzliche Ablauf unterscheidet sich dabei nicht großartig von anderen 4X-Weltraumstrategiespielen. Ihr sendet Forschungsschiffe aus, um andere Systeme zu erkunden, kolonisiert fremde Welten, wenn ihr lebensfähige Planeten entdeckt, kümmert euch um die Infrastruktur eurer Welt und wagt die ersten Schritte auf dem Weg zu einem hoffentlich mächtigen Sternenimperium. Alles in allem ist der Start einfacher als in Paradox' anderen Werken, weil ihr euch hier erst mal ganz alleine um euch selbst kümmert. Der Rest der Galaxie ist zu dem Zeitpunkt noch ein großes, unbekanntes Mysterium. So lernt ihr nach und nach einzelne neue Spielmechaniken und Features kennen, ohne in den ersten Minuten und Stunden das Gefühl zu haben, direkt von einer Informationsflut erschlagen zu werden.

Ihr lernt zum Beispiel, wie ihr im Orbit fremder Planeten Bergbaustationen errichtet, um dort benötigte Rohstoffe abzubauen, ohne die Welten kolonisieren zu müssen. Somit verleiht man im Grunde jedem einzelnen System einen gewissen Wert für euer Imperium. Auch ohne bewohnbare Planeten tragen die Systeme so einen wichtigen Teil zu eurer Wirtschaft und Macht bei und sollten keineswegs ignoriert oder vernachlässigt werden. Mit Außenposten und Wurmlochstationen vergrößert ihr eure Einflussbereiche, kümmert euch um die Rekrutierung neuer Wissenschaftler oder Gouverneure, da diese ab einem gewissen Alter sterben, und vieles mehr. Die Galaxiekarte ist eure Schaltzentrale, wo ihr euer Imperium im Detail verwaltet. Übrigens könnt ihr das in Echtzeit ablaufende Spielgeschehen jederzeit pausieren, um etwa Gebäude in Auftrag zu geben, in Ruhe in den Menüs zu stöbern, ohne womöglich etwas Wichtiges zu verpassen, oder um Befehle zu erteilen. Umgekehrt könnt ihr den Ablauf ebenfalls beschleunigen, wenn ihr denn wollt.

Je schneller und weiter ihr expandiert, desto früher stoßt ihr auf fremde Spezies. Hier kommt wiederum die Diplomatie ins Spiel, die fortan bestimmt, wie ihr miteinander umgeht. Und das hängt gleichermaßen davon ab, wen und wie ihr spielt und mit wem ihr es zu tun habt. Ich entschied mich für den "Staatenbund der Menschen", die nicht nur xenophob sind, sondern auch fanatisch militärisch. Dementsprechend unfreundlich verlaufen erste Kontaktversuche. Die Menschen bleiben lieber unter sich und warnen neugierige Aliens beim Erstkontakt erst mal davor, ihnen nicht in die Quere zu kommen.

Hier seht ihr eine 'große' Galaxie mit 800 Sternen, maximal sind 'riesige' Galaxien mit 1.000 Sternen möglich.

Wenn ihr den ersten fremden Spezies begegnet, beginnt quasi die nächste Phase von Stellaris. Plötzlich könnt ihr euch nicht mehr unbegrenzt ausbreiten, da ihr nicht einfach so in das Territorium eurer Nachbarn eindringen könnt. Ihr müsst euch mit den neuen Bekanntschaften arrangieren und herausfinden, wie ihr am besten mit ihnen umgeht. All das hängt von den jeweiligen Eigenschaften der Fraktionen ab. Unfreundliche, aggressive Imperien werden selten von anderen gemocht, daher könntet ihr womöglich die Chance ergreifen und eine Allianz mit freundlicheren Parteien formen, um euch Unterstützung zu sichern.

Bei meinen Menschen hilft da eher die Einschüchterung, daher begann ich mit dem Bau einer großen Flotte, um meine Expansionspläne durchzusetzen. Bevor ihr ins Territorium eines anderen Reichs eindringen könnt, müsst ihr zu ihren Verbündeten zählen - oder eben den Krieg erklären. Wenn ihr Letzteres tut, geht es nicht alleine um die komplette Vernichtung des Feindes. In Stellaris legt ihr im Vorfeld der Kriegserklärung bestimmte Ziele fest, etwa dass euer Gegenüber einen bestimmten Planeten an euch abtritt, den ihr unbedingt haben wollt, oder zu eurem Vasall wird. Um diese Forderungen durchzusetzen, braucht ihr wiederum Erfolge, zum Beispiel indem ihr feindliche Flotten, Bergbaustationen, Außenposten oder Schiffswerften in Millionen kleine Stücke schießt.

Der Kriegsverlauf pendelt sich damit zu euren Gunsten ein und wenn ihr die Oberhand in einem Konflikt gewinnt, könnt ihr versuchen, die Erfüllung eurer zuvor gestellten Forderungen zu erzwingen, damit anschließend für eine bestimmte Zeit Frieden herrscht. Oder umgekehrt kapitulieren und gewisse gegnerische Anforderungen erfüllen, wenn es schlecht für euch läuft. Ein großer Teil der kriegerischen Aktivitäten beschäftigt sich mit der Vorbereitung. Ihr lasst eure Werften rund um die Uhr neue Schiffe produzieren, bis ihr das Flottenlimit erreicht habt, forscht nach neuen Designs, Technologien, die eure Schiffe schlagkräftiger machen oder sie besser schützen, anschließend bringt ihr eine oder mehrere Flotten in Stellung, bevor ihr den Krieg erklärt, um direkt zuschlagen zu können.

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Ein starkes Militär kann nie schaden.

Der Schiffsdesigner, mit dem ihr die vorhandenen Designs anpassen könnt, ist dabei recht simpel ausgefallen. Im Grunde ersetzt ihr zum Beispiel nur Waffen des ursprünglichen Entwurfs mit zwischenzeitlich erforschten, höher entwickelten Technologien. Und am Ende müsst ihr natürlich schauen, dass euer Schiff mit genügend Energie versorgt wird. Den ganzen Prozess könnt ihr aber auch automatisch ablaufen lassen, wenn euch nicht der Sinn danach steht, eigene Schiffsklassen zusammenzustellen.

In den Kämpfen selbst nehmt ihr hingegen ausschließlich die Rolle des Zuschauers ein. Im Gegensatz zur Konkurrenz werden die Gefechte hier direkt auf der Galaxiekarte ausgetragen, es muss also nicht erst eine Gefechtsmap oder ähnliches geladen werden. Ihr dürft keine individuellen Ziele auswählen, eure Flotte bekämpft den Gegner automatisch und ihr könnt im Grunde zwischendurch nur im Notfall den Rückzug anordnen. Ansonsten lehnt ihr euch zurück und genießt das bunte, aufregende Feuerwerk im All, wenn sich zwei Flotten mit Lasern, Raketen und diversen anderen Waffensystemen unter Beschuss nehmen. Es ist ein schöner Anblick und mit der drehbaren Kamera könnt ihr euch den passenden Winkel zur Beobachtung aussuchen. Primär kommt es dabei übrigens auf die Flottenstärke an, ansonsten spielen wenig Faktoren eine Rolle. Oder anders gesagt: Überzahl hilft. Natürlich nur, wenn eure Schiffe mehr Schaden anrichten. Eine Mehrzahl von Schiffen nützt euch wenig, wenn sie weniger Schaden verursachen als der zahlenmäßig unterlegene Feind. Aber grundsätzlich verschafft euch eine größere Zahl an Raumschiffen fast immer einen Vorteil. Die Stärke erkennt ihr dabei an einem simplen Wert über der jeweiligen Flotte, wodurch ihr recht schnell abwägen könnt, wie eure Erfolgschancen aussehen.

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Ihr könnt die Komponenten einzelner Schiffsdesigns individuell anpassen.

Stellaris gelingt es außerdem sehr gut, euch auch im späteren Spielverlauf noch gut zu beschäftigen und mit Überraschungen zu konfrontieren. In vielen vergleichbaren Spielen seid ihr ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu stoppen, hier habt ihr es als Herrscher nicht ganz so leicht, müsst ständig am Ball bleiben, um nicht irgendwann den Anschluss zu verlieren. Beachten solltet ihr dabei auf jeden Fall Allianzen. Im richtigen Moment können Verbündete von entscheidender Bedeutung sein und die KI engagiert sich dahingehend sehr aktiv, geht Bündnisse ein und stellt somit eine große Gefahr für euch dar, wenn ihr nicht selbst einen oder mehrere Freunde an eurer Seite habt.

Das ist es, womit sich der Midgame-Bereich von Stellaris beschäftigt. Allianzen und Föderationen. Letztere sind Zusammenschlüsse verschiedener Imperien, die dann wiederum gemeinsam unter einer Flagge operieren. Hier wird außerdem regelmäßig ein neuer Anführer gewählt, eine nicht zu verachtende Position. Der jeweilige Herrscher, der von einem der an der Föderation beteiligten Imperien stammt, bestimmt die Politik und macht sich die bestmöglichen Technologien aller Mitglieder zunutze.

Wenn ihr nicht vorher ausgelöscht werdet, gelangt ihr schließlich irgendwann in die Endgame-Phase von Stellaris. Und ja, selbst hier könnt ihr euch eures Sieges keineswegs sicher sein. Selbst kurz vor dem scheinbaren Sieg besteht noch die Chance, dass ihr alles verlieren könnt. Ein Beispiel dafür ist der KI-Aufstand, durch den alle Künstlichen Intelligenzen in der gesamten Galaxie sich gegen ihre Herrscher auflehnen und gegen das organische Leben in den Kampf ziehen. Ausschlaggebend dafür könntet ihr selbst sein, indem eure Forschungen in dem Bereich zu ambitioniert waren, oder ein anderes Reich. Langeweile werdet ihr selbst dort nicht haben.

Überzahl hilft in den Kämpfen fast immer. Außer eure Schiffe teilen nicht viel Schaden aus.

Im Multiplayer-Modus des Spiels können unterdessen bis zu 32 Spieler gemeinsam in einer Galaxie spielen, sofern ihr genügend Mitspieler dafür findet. Ansonsten könnt ihr den Rest der Slots natürlich von der KI auffüllen lassen. Und wie es sich für ein Paradox-Spiel gehört, ist auch Stellaris wieder sehr Mod-freundlich. Erwartet also jede Menge Eigenkreationen der Community. Echte Probleme gab es im Testzeitraum nicht. Stellaris lief stets einwandfrei und keinerlei Abstürze störten das Spielvergnügen.

Stellaris bietet nicht nur eine spannende und zugleich einfache Startphase, die euch nach und nach an das Spiel heranführt und es somit auch Einsteigern leicht macht. Es hat selbst im Mid- und Endgame-Bereich noch so viel zu bieten, dass euch nicht irgendwann langweilig wird. Mit Stellaris ist Paradox definitiv ein eindrucksvolles Debüt im Bereich der 4X-Weltraumstrategiespiele gelungen, das dafür sorgt, dass sich die Konkurrenz warm anziehen muss. Fans des Genres können hier unbesorgt zugreifen und wenn ihr schon an Paradox' vorherigen Strategiespielen Gefallen gefunden habt, wird euch Stellaris mit Sicherheit ebenfalls Freude bereiten.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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