Pool Nation VR - Test

In zehn Minuten unten in der Kneipe?

Nie fühlte man sich in einem Multiplayer-Titel so unfassbar in Gesellschaft anderer. Ach, und die Billard-Simulation ist auch fantastisch!

Ich bin sicher, der eine oder andere hat mit einem "das kann ja wohl nicht sein" im Kopf hier draufgeklickt. So etwas triviales wie eine Kneipensportsimulation gibt es auf jeder Plattform im doppelten Dutzend, warum ist gerade diese hier Eurogamer Gold wert? Und überhaupt: Billard?!

Ich selbst bin gegen diese Sorte vorgefasster und durch jahrelange, vermeintliche Erfahrung immer wieder bestätigter Urteile nicht gefeit. Es gibt Spiele, denen ich ungerechtfertigter Weise von vorneherein nicht zutraue, mich zu packen und vielleicht wäre a priori auch eine Billard-Simulation eines von der Sorte gewesen. Gerade deshalb ist Pool Nation VR ein so stichhaltiger Beweis für die transformative Kraft der neuen Darstellungsform Virtual Reality im Allgemeinen und HTCs raumfüllenden Vive-Erlebnisses im Speziellen.

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Das Spiel hat einen Sinn für Humor, der ernstzunehmenden Simulationen häufig abgeht. Das wirkt ansteckend.

Es verändert nicht nur buchstäblich, sondern auch sinnbildlich, wie man auf ein Spiel blickt. Und im Fall von Pool Nation VR treffen die Möglichkeiten einer neuen Technik mit einem verschmitzten Augenzwinkern für maximalem Effekt auf ein ausgereiftes Spielsystem. VR hat es wieder getan, mich an einen anderen Ort transportiert und die Illusion ist perfekt. Anders als sonst steht man dieses Mal aber nicht vor einem andersweltlichen Panorama, auf der Brücke eines Raumschiffes in einem entlegenen Arm der Milchstraße, sondern im trivial-vertrauten Kneipenambiente einer lässigen Billard- und Dart-Halle. Und man ist nicht alleine.

"Hello" schallt es von der anderen Tischseite, wo zwei Vive-Controller und ein Headset hellblau im Raum schweben. Hände und Gesicht eines echten Menschen. Der winkt, weist auf den Tisch und sagt, "it's your turn". Unmittelbar spürt man sie, diese kurze Schüchternheit oder Reserviertheit, wenn man plötzlich mit einem Wildfremden interagiert. Zumindest, wenn man Niedersachse ist. "Hey, how's it going?", sage ich und winke zurück. "This IS kind of strange, isn't it?" entgegnet er kräftig kichernd, sein Headset wackelt im vertrauten Takt einer lachenden Person, ein Controller wandert vor seinen Bauch. Ist es. Ich sehe zwar nur die perfekt übersetzte Bewegung der Controller und des Headsets meines Gegenspielers. Aber mein Geist denkt sich den Rest seines Skeletts dazu, lebendiger und realistischer als das beste Performance-Capture.

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Aus Jux darf man auch Gegenstände in die Löcher stopfen. Die Kugeln sind aber zum Glück starker und lassen sich davon nicht beirren.

Da steht mir tatsächlich ein Mensch gegenüber. In meinem Spiel. Jetzt ist es unseres und das Eis gebrochen. Der alberne Piratenhut auf dem Kopf meines Gegenspielers half ebenfalls, das will ich nicht bestreiten. Man fühlt sich tatsächlich in Gesellschaft einer anderen Person, unten im Pub auf ein Spiel und Drinks. Wir stehen jetzt näher beieinander, tauschen noch kurz ein paar Höflichkeiten aus, sprechen über das Wetter und dass man schon ein bisschen ins Schwitzen kommt, unter der Brille. Als ich mich schließlich über den Tisch lehne für meinen ersten Schuss, stoße ich mit dem Hintern leicht an die Wand und verspüre unmittelbar den Impuls, mich für einen Rempler, der nie stattgefunden hat, bei meinem Gegner zu entschuldigen. Wir teilen einen herzhaften, ausgedehnten Lacher und beginnen das Spiel.

Das erweist sich dank der tollen und eins-zu-eins abgefragten Motion-Controller der Vive als die vielleicht beste Repräsentation eines Sportspiels in einem interaktiven Kontext überhaupt. Nehmt ihr die Zielhand nach vorne und drückt die untere Hälfte des Touchpads, wird euch automatisch der Queue richtig in die Hände gelegt. Zielt auf die weiße Kugel und ein roter Punkt markiert nach Art eines Laser-Visiers, wo ihr sie treffen werdet. Eine Geistvariante des weißen Balles zeigt, wo der Schuss einschlagen wird, ohne allerdings die Auswirkungen des Dralls zu berücksichtigen, den ihr authentisch anbringt, indem ihr die Kugel eben nicht mittig spielt. Seid ihr fertig mit dem Zielen, was angesichts der millimeterfeinen Abfrage der Controller wirklich knifflig ist, fixiert ihr mit der linken Zeigefingertaste den Schuss. Jetzt könnt ihr euch ganz auf den Stoß mit der rechten Hand konzentrieren.

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Noch ist der Tisch sauber...

Wer das nicht realistisch findet, dem muss man entgegnen, dass diese Hilfsmittel durchaus fair und logisch sind und das Spiel keineswegs zu einfach machen. Bedenkt: Auch wenn es so aussieht, vor euch steht eben kein Tisch, auf dem ihr euch aufstützen könnt. Diese steuerungstechnischen und visuellen Hilfsmittel sind Pool Nations Konter für die Defizite, die eine virtuelle Umgebung nun mal mit sich bringt. Wer mag, darf aber zumindest die "Geisterbälle" abschalten. Schön. Die Fortbewegung gelingt auch in kleinen Räumen sehr gut. Per Teleport blinzelt man sich an die gewünschte Tischkante oder irgendwo in den riesigen Kneipensaal hinein. Wer es etwas genauer mag, hält die Grifftasten beider Controller und zieht sich so stufenlos und ohne sich zu bewegen durch den virtuellen Saal oder über den Tisch, um in eine bessere Ausgangsposition für einen Stoß zu kommen.

Es dauert nicht lange, bis man die Steuerung verinnerlicht hat, und mit Stößen von oben den Spielball sogar zu Hüpfern über gegnerische Kugeln anregt, Stopbälle spielt und mit Links- oder Rechtsdrall den Ausfallswinkel der Kugel beeinflusst. Der Effekt der akkurat simulierten Physik ist wirklich erstaunlich und angesichts der ansonsten sehr humorvollen Aufmachung fast schon überraschend. Es schwingt ein bisschen Rocket League in dieser Simulation mit, wenn man mit Bierflaschen um sich wirft, zwischendurch die Jukebox in der Ecke stemmt wie ein Jahrmarkt-Kraftmeier, Bierflaschen zerdeppert, mit seinem Gegenspieler hin und herwirft oder zu einer Pyramide auftürmt. In so mancher Partie spielten ich und mein neuer Freund zwischen den Runden eine Partie Dart, und wenn man sich hinter die Theke teleportiert, darf man sogar die Kühlschränke plündern. Der Hang zum sympathischen Chaos wohnt dank VR also auch in dieser ernstzunehmenden Simulation.

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Im Mehrspielermodus wurde das 'Schadensmodell' für Bierflaschen furs erste deaktiviert, weil einige Spieler es (mutwillig) übertrieben und das zu Abstürzen führte.

Es gibt nur Weniges, was ich ändern würde, wenn ich könnte. Und wenn man den Dialog der Entwickler mit der Community so verfolgt, ist Cherry Pop Games fest entschlossen, dieses Spiel immer besser zu machen und zu erweitern. Schon jetzt ist es eine Freude, nach einem Sieg eine Geschenkbox auf den Billardtisch fallen zu sehen und sie zu öffnen, um darin einen neuen Hut, Queue oder eine frische Tischtapete zu finden. Leider wohnt der Mitspieler dieser Zeremonie nicht bei, sieht also nicht, was ihr bekommt. Dass man die (Schaden)Freude nicht teilen darf, ist für dieses Spiel geradezu uncharakteristisch und mehr als nur ein bisschen schade. Ebenso würde ich die simulierten Controller gegen stilisierte Hände austauschen, damit man noch besser gestikulieren kann. Mit dem Finger zeigen zum Beispiel, sich gegenseitig einen "Daumen hoch" oder "Daumen runter" zuwerfen oder - wenn man sich gut kennt - weniger nette Gesten.

Wenn man alleine spielt, darf man die Stärke der KI zwar kleinschrittig justieren, aber sie changiert auch so ein bisschen irre zwischen inkompetent und Wunderkind - ich habe allerdings nicht vor, dieses Spiel länger als nötig solo anzugehen. Auch ist es ein bisschen schade, dass die Stimme eures Gegenüber nicht direktional aus den Kopfhörern schallt, sondern gleichmäßig. Das würde das Gefühl der Gegenwart noch etwas stärken. Da wird sicher noch etwas in der Richtung passieren. Und wenn ich nur daran denke, dass die Entwickler vielleicht noch eine Tafel samt Kreide an die Wand hängen, einen Airhockey-Tisch mit in den Saal stellen, ein Kartenspiel auf einen der Lounge-Tische legen... den Möglichkeiten, das hier zu einem echten Treffpunkt zu machen, sind abseits der nahezu wunschlos glücklich machenden Pool-Simulation eigentlich keine Grenzen gesetzt. Ich freue mich auf alles, was da noch kommen mag, bin aber schon jetzt einfach glücklich und dankbar für dieses Spiel.

Ein Satz noch zur Performance: Auf meiner übertakteten GeForce 980, die meinen neuen i7 befeuert, war die mittlere Grafikeinstellung das Höchste der Gefühle, was in diesem Spiel nicht weiter störte, mir im Hinblick auf kommende Titel aber Angst und Bange werden lässt. Auf mittlere Sicht wird man um die neuen, VR-optimierten Grafikkarten wohl nicht herumkommen.

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Steigt man im Level auf, gibt es eine (kosmetische) Belohnung.

Nach meiner ausgedehnten Session mit dem freundlichen, piratenhütigen Briten wurde mir bewusst: Ich hatte gerade Zeit mit jemandem verbracht. Noch dazu mit jemandem, der gar nicht hier war. Ich habe in Elite fremde Welten gesehen, den Pferdekopfnebel unter meinen Fingerspitzen gedreht und gewendet, in The Lab auf einem Gipfel gestanden und in TheBlu auf dem Grund des Meeres. Jetzt ist VR also nicht länger nur, wenn man sich an einen anderen Ort transportiert fühlt, sondern auch, wenn man dort nicht mehr alleine sein muss. Man muss nicht mal der größte Billard-Fan sein, um das durch und durch faszinierend zu finden - aber es hilft, dass das Billard-Spiel, das diesem sozialen Erlebnis innewohnt, kaum besser sein könnte.

Im Katalog der Erlebnisse, die einem so nur Virtual Reality kredenzen kann, ist die erste Seite fortan für Pool Nation VR reserviert.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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