Deus Ex: Mankind Divided - Der verpatzte Narrativ

Der feine Unterschied zwischen Apartheid und Cyber-Zombies

Die mechanische Apartheid, die geteilte Menschheit, das Ghetto von Prag... Deus Ex: Mankind Divided bisherige Präsentation lässt nichts aus, wenn es darum geht, die Zukunft düster zu zeichnen. Und es bedient sich dabei aller schlimmen Dinge, die sich die Menschheit dabei so zwischendurch mal geleistet hat, um auszuloten, wie weit nach unten es gehen kann. In dieser Zukunft sind es die augmentierten Menschen, also die, die künstliche Arme, Beine oder Hirnchips bekamen, entweder, weil sie es brauchten oder wollten. Mit der Massenverfügbarkeit der Technologie kam erst der Boom, dann die Probleme. Die Nicht-Vercyberten gegen die Frankenstein-Monster. Die echten Menschen gegen die Falschen. Die dann natürlich in Camps und Ghettos landeten, die unterdrückt werden, ständig überwacht, drangsaliert, als wären es die Juden in der Nazi-Zeit oder Farbige während der Apartheid in Südafrika. Ein Begriff, mit dem das Spiel leichtfertig um sich wirft und dabei einen eklatanten Fehler macht.

Ihr habt vielleicht schon den Realfilm-Trailer gesehen - sonst weiter unten als Video -, der die Vorgeschichte zu Mankind Divided in so gut gemachter, wie auf die Spitze getriebener emotionaler Aufladung zeigt. Und diesen zu sehen reicht, um zu wissen, wo der Haken ist. Die vom Spiel zitierten realen Vorbilder menschlicher Grausamkeit gegen eine ganze Gruppe, für die die Beispiele erschreckend zahlreich sind, haben eines gemeinsam: Die unterdrückte und verfolgte Gruppe war immer unschuldig jeglicher Verbrechen. Sie waren, was sie waren. Gläubige einer bestimmten Religion oder Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder elterlicher Abstammung. Nichts wofür sie etwas konnten, nichts Schlimmes oder auch nur irgendwie Anstößiges, nichts, woran sich eine normale Gesellschaft stoßen darf. Sie waren zufällige Opfer geworden.

Deus Ex: Mankind Divided könnte ganz leicht dieses Bild nachzeichnen. Die technisch "verbesserten" Menschen sind anders als die "normalen", es gibt nicht so viele von ihnen und man darf sich durchaus vor Leuten fürchten, die einem locker den Kopf abreißen können, ohne sich anstrengen zu müssen. Es ist eigentlich eine Traum-Zielscheibe für jeden ambitionierten Demagogen. Eine kleine Wirtschaftskrise hier oder da, ein paar Kriege dazu, "Augmentierte nehmen euch die Jobs weg!" "Es sind ja nicht einmal mehr Menschen!" und boom, schon sind wir in einem denkbaren Szenario der Aussonderung, Diskriminierung, forcierter Segregation und die Fackeln in den Straßen, durch die die Augmentierten getrieben werden sind nicht mehr weit.

Oder wie wäre der aktuelle Gentrifizierungsgedanke, wenn man ihn auf den menschlichen Körper noch weiterdenkt? Es gibt Reiche, die sich die teure Technologie leisten können - so wie sie sich jetzt schon bessere medizinische Versorgung leisten können - und ihre Arbeitsmarkt-Mitbewerber abhängen. Die mehr verdienen, schlicht, weil sie wirklich mehr leisten können, sei es körperlich oder geistig. Die in besseren Vierteln wohnen, die mehr und mehr unter sich bleiben und wo die Verständigung zu den Menschen, die diese Technik nicht haben, immer weiter abbricht. Bei denen die Furcht wächst und eine blutige Revolution dann nicht mehr weit weg ist. Die dann die Augmentierten in die Ghettos bringen. Zu menschlich, um sie einfach alle umzubringen, nicht zivilisiert genug, um einen neuen Versuch eines besseren gemeinsamen Lebens zu starten.

Stattdessen tut Mankind Divided etwas, das ich bis jetzt nicht verstehe. Es nimmt einen Katalysator und dreht die Utopie einer durch Technik besseren Menschheit in ein kurzes Cyber-Zombie-Intermezzo. Irgendein apokalyptisch veranlagter Hacker manipuliert die Software der Augmentierten, sie drehen alle durch und neun Millionen Menschen sterben in wenigen Tagen. Die Mörder sind im Grunde unschuldig, aber sie haben klar gezeigt, dass ihre Augmentierung eine massive Gefahr darstellen kann. Das ist in dieser Welt kein hypothetisches Angstmacher-Szenario, kein willkürliches Herausnehmen einer Bevölkerungsgruppe, um einen Sündenbock für alle möglichen Probleme zu haben, keine Apartheids-Machtfrage kombiniert mit dem Hass auf alles Fremde und dem eigenen, verfehlten Überlegenheitsgedanken. Das ist die absolut berechtigte Furcht vor etwas, das gezeigt hat, dass es in wenigen Tagen neun Millionen Menschen töten kann. Ich würde mich auch vor dieser Technologie fürchten, ich würde auch wollen, dass sie unter genaue Beobachtung gestellt wird, ich würde mich auch fragen, ob eine Segregation nicht doch genau das Richtige ist. Eine Technologie, die Menschen per Hack in mörderische Cyber-Zombies verwandelt? Ich weiß nicht, ob es jetzt ein Ghetto sein muss, aber ernsthaft: Bitte überwacht diese Leute! Gründlich!

Das ist der Unterschied: Ja, nimmt man den radikalen, instrumentalisierten Islamismus als reales Beispiel, es ist eine Tatsache, dass sich diese Religion - wie so ziemlich jede andere auch - auf brutalste Weise instrumentalisieren und ausnutzen lassen kann, um Tod und Chaos zu bringen. Es ist aber nicht so, dass ein Hacker einen Schalter umlegen könnte und plötzlich eine Milliarde muslimischer Menschen zu wandernden Mordmaschinen werden könnten. So wenig wie eine nur durch eine größere Religion oder ihre Hautfarbe oder ein vergleichbares Merkmal definierte Bevölkerungsgruppe für sich eine Gefahr darstellt, weil sie sich eben nicht aufgrund einer einzelnen Gemeinsamkeit wie der Augmentierung in der Zukunftsvision von Deus Ex steuern lässt. Menschen, einzelne Menschen, können zu einer Gefahr werden, immer und grundsätzlich und es gibt Trigger, wie radikale Prediger oder Demagogen, die das auslösen können. Aber es gibt keinen Hack, wie auch immer er geartet sein mag, der alle Mitglieder einer solchen großen Gruppe automatisch zu einer so massiven Gefahr für den Rest der Menschheit machen würde, wie es hier mit den Augmentierungen gezeigt wird.

Es kann natürlich sein, dass dies alles nur ein verpatzter Narrativ der Marketing-Kampagne ist und das eigentlich Spiel am Ende mit einem blauen Auge, einem unglücklichen Kniff in der Vorgeschichte und einer unmöglichen Formulierung in der Werbung davonkommt. Ich kann mir noch nicht wirklich vorstellen, wohin das auf im weiteren Verlauf auf einem spielerischen Level sicher exzellente Mankind Divided damit auf einer fortgeführten moralischen Ebene hinmöchte, um wirklich anzukommen. Der besagte Trailer zeigt ja schon, dass die betroffenen augmentierten Menschen nicht schuld sind, dass sie keine schlechten Menschen sind. Wenn es darum geht, dass der nicht-augmentierten Menschheit klar wird, dass das so ist, dann ist es platt. Wenn ihr das nicht klar wird, ist es billig. Wenn es nicht thematisiert wird, ist es nur ein verstolperter Aufhänger, der sich auf ungeschickte und fast schon manipulative Art einiger der stärksten Begriffe für menschliches Unrecht bedient, die es je gab. Und mit der bisher gezeigten Geschichte glaube ich nicht, dass Deus Ex das Recht dazu hat.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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