Trials of the Blood Dragon - Test

Going 'full retard'.

Das ist nicht mehr Trials: Nett gemeintes, aber fehlgeleitetes Crossover mit passablen Motorradleveln, aber schlimmen Shooter-Einschüben.

Far Cry 3: Blood Dragon war eine nette Überraschung: Auf Basis eines unglaublich stabilen Fundaments nahm man sich selbst und die Action-Klischees, denen wir viel der heutigen virtuellen Unterhaltung zu verdanken haben, ein bisschen auf die Schippe. Es war ein entspannter Umgang mit der Albernheit, die bei aufwendigen Produktionen so oft an die Leine genommen wird, aber es war auch immer noch irgendwo ein echtes Far Cry.

Bei der Stealth-Veröffentlichung von Trials of the Blood Dragon verdünnt Entwickler RedLynx das eigentlich unverwüstliche Format des ranglistenverliebten Stunt-Motorradspiels beinahe bis zur Unkenntlichkeit. Eine Story musste her, damit der Blood-Dragon-Anzug passt, und damit gehen die Probleme schon los. Allein mit Geschick auf dem Stuntbike können diese zwei Cybercommando-Kids ihren gehirngewaschenen Vater Rex "Power" Colt während des vierten Vietnamkriegs nicht retten. Also steigt man erstmals in einem Trials auch recht häufig von dem Feuerstuhl ab.

Da, wo das Spiel am stärksten ist: Auf zwei Rädern und einer optisch einfallsreichen Piste (0:54)

Wie beschreibt man die Katastrophe, die sich in nicht ganz einem Drittel der Spielanteile abspielt, am besten? Es ist ein Jump-and-Run mit stufenlosem Schießen auf dem rechten Stick, wirkt aber billig hingeschludert und kontrolliert sich wie ein schlechter Scherz. Dass das hier von einem Studio kommen soll, das das Thema Steuerung eigentlich geradezu meisterlich beherrscht, ist mir unbegreiflich. Wer LittleBigPlanets Sprungverhalten schon schlimm fand, dem kommen bei diesem trägen, unpräzisen und jede Eleganz vermissen lassenden Spielgefühl die Tränen. Diese virtuellen Idioten können weder rollen, noch sich an Kanten hochziehen. Das Waffenhandling wirkt unpräzise und kraftlos. Es spielt sich wie ein frühes Early-Access-Spiel auf Steam, dessen zwei Macher einen "spirituellen Nachfolger von Shadow Complex" versprechen, aber selbst noch nie ein Spiel entwickelt haben.

Gegner, die nur von links nach rechts gehen, sich aber ansonsten nicht bewegen und euch auch nicht wirklich hören, lassen vermuten, dass hier einfach keine KI entwickelt wurde. Wenn man unter diesen Voraussetzungen schließlich einen Bosskampf bestreiten soll, geht schnell jede Geduld flöten. Man ochst sich so durch, der eigene Punktestand und Todeszähler ist einem noch vor der Mitte der kurzen Abschnitte egal und man ist heilfroh, wenn man wieder auf einem Motorrad sitzt. Dann funktioniert das Spiel durchaus in bekanntem Umfang. Allerdings bin ich auch von dem neu integrierten Greifhaken alles andere als überzeugt und die Passagen, in denen man auch auf dem Bike eine Maschinenpistole schwingen soll, gehören hier nicht so recht rein.

Insgesamt ist etwas mehr als ein Drittel klassisches Trials-Gameplay, wenngleich auf nur einer Sorte Motorrad. Abseits dessen fährt der weibliche Part des kindlichen Heldenduos ein BMX, was noch nah genug an das vielgelobte Trials-Gameplay herankommt. Aber die Szenen, in denen man einen gepanzerten Truppentransporter steuert, sind spielerisch ebenso nichtssagend wie die Fahrten in einer klapprigen Minenlore. Interessant sind die paar Jetpack-Abschnitte, allerdings greift das Spiel auch hier auf das vom Motorrad bekannte Steuerungsmodell zurück, statt dieser grundlegend anderen Fortbewegungsart etwas Passenderes auf den Leib zu schneidern. Den Flugwinkel meiner Figur mit Links und Rechts des linken Sticks zu bestimmen, fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Trotzdem gefallen diese Abschnitte - bis auf einmal unwahrscheinliche Präzision gefordert ist, als man eine bockschwere, riesige Bombe an einem Seil zu einem außerirdischen Monster schleppen soll. Einer der frustrierendsten Level im ganzen Spiel.

Ja, es ist genau so schlimm, wie es hier aussieht. Wohl dem, der darüber lachen kann. (0:44)

Überhaupt... Bomben. In einem anderen Abschnitt, der glücklicherweise der einzige seiner Art bleibt, zieht man mit seinem Motorrad einen Anhänger, auf dem ungesichert und wild umherkugelnd eine weitere dieser kugelrunden Bomben über eine Strecke bugsiert werden soll. Auf dem Papier eine nette Idee, aber die Strecke und die Steuerungsmöglichkeiten des Motorrads geben den Grad an Kontrolle nicht her, der dafür benötigt wird. Auch hier: Man ochst sich ohne Rücksicht auf Zeiten und Leben einfach durch und ist froh, wenn es vorbei ist. Einziger Glanzpunkt dieser "Abwechslungen" vom traditionellen Trials-Konzept: die Level, in denen man ein ferngesteuertes Auto durch wilde Lüftungsschacht-Parcours schickt. Das erinnerte an den NES-Klassiker Unirally - gerne mehr davon, auch in einem eigenen Spiel.

Wann immer man mit einem Affenzahn in gewohnter Manier über die Piste heizt, ist die Welt in Ordnung, auch wenn ich sagen muss, dass die Strecken nicht das gleiche Gefühl von makelloser Politur vermitteln, wie das in der Serie sonst der Fall ist. Immerhin sind sie einfallsreich gestaltet. Ein Drogentrip verändert die Szenerie und den Streckenverlauf on-the-fly mit spektakulärem Effekt und über eine Serie gestarteter Marschflugkörper zu fahren, ist durchaus spannend inszeniert. Hier drinnen stecken einige gute und visuell spannende Momente, auch wenn die feineren Noten im Streckendesign von Trials der allgemeinen Krawallmentalität geopfert wurden.

Womit wir bei der Aufmachung sind. Mit bewusst als Trash designten Dingen ist das so eine Sache. Das kann funktionieren, aber man muss aufpassen, dass man nicht nur mit dem Finger zeigt und sagt 'Schaut her, wie schlecht und dämlich das ist. Ist das nicht schlecht und dämlich?'. Man muss schon etwas Cleveres damit anstellen, will man nicht einfach nur Trash auf künstliche Art reproduzieren und damit einfach nur ein schlechtes und dämliches Spiel auf die Beine stellen. Das hier ist gewissermaßen das Spieldesign-Äquivalent zur berühmten Robert-Downey-Jr.-Rede aus Tropic Thunder. "Never go full retard". RedLynx hat diesen Film offenbar nicht gesehen. Es fehlen einfach die Pointen oder zumindest der eine oder andere Schockmoment. Stattdessen bekommen wir eine Früh-2000er-Zeichentrickästhetik mit Achtzigerjahre-TV-Scanlines und Neunzigerjahre-Fake-Werbespots. Abgesehen von ein paar Schmunzlern kommt es einfach nicht so wirklich zusammen.

Einer der Jetpack-Abschnitte, die Steuerung funktioniert genau wieauf dem Motorrad. Logisch, aber nicht komplett intuitiv. (0:54)

Nun denn. Unterm Strich halten sich die passablen und die schlechten Momente wohl die Waage, in den besseren Leveln darf man schön gegen die Bestzeiten seiner Freunde anfahren und freischaltbare Sticker und schnelle Szenariowechsel sorgen immerhin dafür, dass einem nicht langweilig wird, bevor man die knapp dreistündige Kampagne hinter sich gebracht hat.

Also nein. Selbst Trials-Fans - oder gerade die - sollten sich überlegen, ob sie sich Trials of the Blood Dragon ins Haus holen. Ich kann nicht sagen, dass es mich ärgert, dass sie sich an dieser Fusion versucht haben. Aber sowohl Trials als auch die hirnverbrannten Blood Dragons hätten bei aller Liebe zum selbstbewussten Trash ein ausgefeilteres Spiel verdient gehabt. Ein Glück, dass die Shooter-Abschnitte so kurz und einfach sind. Unbegreiflich ist es trotzdem, dass intern irgendjemand dachte, sie wären eine gute, lohnende Ergänzung.

Wo es funktioniert, im Sattel eines zweirädrigen PS-Monsters über wahnwitzigen Pisten, nimmt ihm noch immer keiner die Butter vom Brot. Aber nach dem so relaxten ersten Auftritt der Blutdrachen wirkt die Übersetzung des Konzepts auf das vielleicht beste Geschicklichkeitsspiel seiner Generation einfach nur verkrampft.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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