Sonic the Hedgehog - Test zum 25.

1991, als Shogun Sailor mit Wellington über das Ende der Welt sprach.

25 Jahre ist das her? Wow, wie die Zeit verfliegt und so... Eben noch hatte man gerade erst die Kunst der Masturbation perfektioniert, im nächsten Moment lügt man sich was über "die besten Jahre liegen hinter den ersten 40" zusammen. Spiele ich das jetzt echt schon seit einem Vierteljahrhundert? Das ist doch irre.

Also, 25 Jahre Sonic. Gibt es irgendwas, das nicht über das erste Sonic-Spiel geschrieben wurde? Wahrscheinlich nicht. Es ist jetzt nicht gerade ein Drama, das existentialistische Fragen des Lebens aufwirft. Es ist ein simples Sechs-Level-Jump'n'Run.

Statt also das Übliche zu erzählen, was man immer so schreibt, wenn man einer Pixelfigur gratuliert oder statt irgendwelche tiefschürfenden Zitate der Schöpfer zum x-ten Mal vorzuziehen, mache ich was, was ich damals nie gedacht hätte, dass ich es tun würde. Statt in der... ich würde sagen Powerplay (oder Videogames?) darüber zu lesen und stundenlang die Bilder anzustarren, schreibe ich doch mal ein eigenes Review zu Sonic the Hedgehog. Als würde ich es 1991 testen. In völliger Ignoranz der letzten 25 Jahre. Dazu muss ich es aber erst noch mal durchspielen.

Okay, erledigt. Jetzt muss ich in die richtige Stimmung kommen. Super, Spotify hat eine "Billboard Top 100" des Jahres 1991. Der erste Track ist Bryan Adams' Everything I do? Nein, das kann ich nicht hören, ohne vorher den Film geguckt zu haben, um mich daran zu erinnern, dass etwas absolut Schreckliches aus etwas Wundervollem entstehen kann. Außerdem: ein wenig Alan Rickman kann nie schaden kann. Erledigt. Weiter in den Charts - die mich wiederum daran erinnern, dass 1991 ungefähr die Zeit war, als ich endgültig aufhörte Charts zu hören - und zu Sonic.

Okay, Fokus. Es ist 1991, Du hörst Schrott-Musik, es ist Samstagabend, du hast kein Date, keine Sonnenbrille und kein Geld, weil du grad das bestaussehende Spiel überhaupt gekauft hast. Du hast es durchgespielt, weil kein Date, keine Sonnenbrille, kein Geld und so. Wie fängst Du an, der Welt darüber zu erzählen.

LEUTE, HOLT EUCH EINE SONNENBRILLE, SUCHT EUCH EIN DATE UND LASST DIE SAMSTAGNACHT HOCHLEBEN. IHR SEID NUR EINMAL JUNG!

Wow, das lief anders als erwartet? Willst du mir was sagen, liebes Unterbewusstsein? Haben wir da irgendwo ein wenig Reue über Wasted Years (übrigens ein Iron Maiden Song aus 1986, der besser ist als die gesamten 1991er-Top 100 zusammen)? Nicht die Zeit, nicht der Ort, jetzt Sonic. Nochmal.

Sonic the Hedgehog ist ein Hüpf- und Renn-Spiel von der japanischen Firma SEGA mit sechs Leveln...

Stopp, stopp, stopp. Großhirn an gelangweilt tippende Finger. Ich weiß, ihr seid gerade komplett im 1991er-Modus, das sollte ja auch so sein, und Kieron Gillen hat den New Gaming Journalism erst 2005 ausgerufen, aber die ASM gab es da schon lange, die machten das auf monatlicher Basis von '86 bis '92 und Manfred Kleimann schrieb die besten Magazin-Vorworte aller Zeiten. Hier eines aus 1991:

"Fredman Little war Witwer. Er wohnte nachts alleine in seiner Zweihunderttausend-Dollar-Villa. Freds einzige Genossin nächtens war eine walisische Bulldogge namens Japan. Japan war außerstande, mit dem Schwanz zu wedeln - wegen eines Autounfalls vor vielen Jahren - und so hatte er keine Möglichkeit (der Hund), anderen Artgenossen mitzuteilen, wie freundlich er war. So war er ständig in Beißereien verwickelt. Seine Ohren waren zerfetzt. Er war von Narben verunstaltet. Er sprach immer mit seinem Hund. Und an dieser Gewohnheit änderte sich nichts, als Fredmann den Verstand zu verlieren begann, sodass Japan nichts Ungewöhnliches bemerkte. Sein Freund Shogun Sailor besaß einen Wellensittich namens Wellington. Wie Little war Sailor nachts allein und hatte außer seinem Liebling niemanden um sich. Auch Sailor sprach mit seinem Liebling. Aber während Little mit seinem Hund über Liebe babbelte, zischelte und murmelte Sailor mit seinem Sittich über das Ende der Welt. 'Ist jeden Moment so weit', sagte er gewöhnlich. Nach Sailors Theorie würde sich die Atmosphäre bald nicht mehr zum Atmen eignen. Er sagte zu Fredman, dass die Menschheit es verdient hätte auf grausame Weise umzukommen, nachdem sie sich auf so einem lieblichen Planeten so verheerend benommen hatte. Sailor tat noch etwas, das manche für befremdlich gehalten hätten: Spiegel nannte er 'Leck'. Er hatte Freunde daran sich vorzustellen, Spiegel wären Löcher zwischen zwei Universen..."

Also, so fängt man ein Spielemagazin an! Sonic, jetzt, los!

Es war einmal ein Igel, der war blau. Warum war er blau? Nun, niemand wusste es so genau, aber er war es halt. Und mehr noch, er rannte wahnsinnig schnell. Schlug Loopings vor grünen Hügeln, in Ruinen und wo sonst es ihn hin verschlug. Er...

Nein, so funktioniert das nicht. Außerdem: Wir hatten ein Jahr, in dem Rod Stewards Rythm of my Heart und Scorpions Wind of Change in den Charts waren? Gleichzeitig!? Das war kein gutes Jahr! Gut, dass da wenigstens Sonic kam und es auf Videospiele-Seite aufwertete. Was machte eigentlich sein Erz-Konkurrent 1991 so? Gar nichts. World kam in 90, der zweite Gameboy-Teil 92. Link to the Past kam 91. Street Fighter II. Lemmings und Monkey Island. Super Castlevania IV, das vielleicht beste Videospiel seiner Generation. Nein, kein schlechter Jahrgang.

Ist Sonic besser als diese Spiele? Meh, da brauche ich gar nicht anfangen. Nein. Da schiebe ich mal das SEGA-Fanboy-Gefühl zu Seite, es gab 1991 eine Menge gute Spiele für alle Systeme, da hatte es der Igel schwer, in eine Top-Ten zu kommen. In die reine Mega-Drive-Top-Ten vielleicht. Golden Axe 2 war gut. Road Rash auch. Shining in the Darkness war okay. Toe Jam & Earl mögen manche. Warsong habe ich geliebt. Das waren jetzt schon 10? Ups, nur eine Top-6. Immer noch besser als jede Musik Top-6 dieses Jahres. UB40? Zweimal!? Wow... Selbst der Poison-Song in diesem Jahr war scheiße. Kein Wunder, dass man sich in die grünen Hügel der Green Hill Zone zurückzog, um blauen Himmel und grüne Wiesen zu genießen und das Musikalische zu verarbeiten.

Überhaupt war Sonic das richtige Spiel zur richtigen Zeit. Der erste Golfkrieg war schnell und zur damals allgemeinen Zufriedenheit beendet worden, ansonsten war Wiedervereinigung, Kommunismus-Ende, das Gute hatte gewonnen, alle hatten sich lieb und das politische Motto der Zeit hieß Friede, Freude, Eierkuchen und Sonnenschein. Selbst die Love Parade stand nicht für Tod durch Planungsinkompetenz. Alles war gut. Und Sonic auch. Vielleicht ist es deshalb so ein schönes Spiel. Es ist einfach nett und es passt in ein Jahr, in dem vieles zur Abwechslung irgendwie aus der Perspektive vieler einfach nett war. Und wenn es das nicht war, dann machte Sonic es zumindest etwas netter. Manchmal brauchen wir einfach ein wenig grüne Hügel, blauen Himmel und eine Realität in der es reicht, dem schlecht frisierten Bösem einfach nur drei Mal auf den Kopf zu dotzen. Das ist jedenfalls besser als Wilson Phillips. War Musik 1991 grausig. Dass Green Hill Zone 1991 nicht durchgehend auf Platz 1 war, ist eigentlich ein Verbrechen. Okay. Platz 2. Nach Castlevania. Okay. Platz 3. Nach Link to the Past. Okay. Platz 4. Nach Monkey Island. Okay. Top-Ten.

In diesem Sinne, Herzlichen Glückwunsch, Sonic the Hedgehog!

Wollte ich nicht was testen...? Egal, hier gibt es jede Menge Sonic und ihr tut auch noch was Gutes.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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