Star Ocean 5: Integrity and Faithlessness - Test

Keiner will sich das Raumschiff angucken.

Mit belangloser Story aus der Zeit gefallen: Das schwächste Spiel der Reihe hat genug Spaß für J-RPG-Fans übrig, aber man muss schon wollen.

Schauen wir uns doch einfach mal das Raumschiff an.

Es beginnt damit, dass ein Raumschiff auf eine Zivilisation fällt, die ihre Konflikte bis dahin mit Schwertern austrägt. Aus dem Raumschiff fällt das übliche von Amnesie geplagte Mädchen mit besonderen Kräften. Die Locals überlegen, woher es wohl kommen kann. Nun, mein erster Gedanke wäre: Da liegt so ein Raumschiff. Sicher, es ist geschlossen, aber das lässt sich sicher irgendwie ändern. Wir können es ja mal versuchen. Nein, ihre Antwort ist: Am anderen Ende der Welt ist eine Akademie, schauen wir doch mal da nach. Nicht gefunden. Also zurück. Vorbei am Raumschiff. Ähm, da ist dieses Raumschiff, wollt ihr nicht mal gucken gehen? Nein? Die Akademie am wieder anderen Ende der Welt ist spannender. Okay... wieder nichts, was ein Wunder. Also zurück zur Mitte. Was sollen wir nur tun...?

WIE WÄRE ES, WENN IHR EUCH DIESES BLÖDE RAUMSCHIFF MAL ANGUCKEN WÜRDET?!?

Ich hatte selten ein Spiel, bei dem ich gerne die Protagonisten angesprochen hätte, schlicht, weil sie so dermaßen blöd waren. Andere Szene: Man ist mitten im großen Kampf, plötzlich taucht ein Raumschiff auf und schießt die Stadt zu Klump. Man entkommt und der erste Dialog ist nicht etwa: "Was zu Hölle war das? Worüber habt ihr, mysteriös aufgetauchte Begleiter, mit dem Typen, der eine Laserkanone hatte, gesprochen?". Nein, es folgt ein belangloses Geplänkel, als wären solche Ereignisse das Normalste der Welt, nichts, worüber man ein Wort verlieren müsste. Das wäre ja nicht so dramatisch, wenn der Fokus der Story nicht ausgerechnet eine Erstkontaktgeschichte wäre. "Primitive" Kultur trifft auf hochentwickelte Außerirdische. Dass das Ganze im Grunde bei Star Trek geklaut wurde - einer der Charaktere ist so was von Kirk in schlecht -, warum nicht. Scheinbar haben die nicht die Rechte an Worten wie der "Federation". Namen wie das Raumschiff "Charles D. Gaulle" wurden für die internationale Version noch entstellt, um den kleinen Facepalm zu perfektionieren. Es tut nur ein wenig weh, aber nicht mehr, als es für ein J-RPG sein muss. Wenn es nur nicht so öde wäre.

Ihr dürft die Dialoge nicht abbrechen, aber stattdessen sinnlos umherwandern. Bin mir nicht sicher, was das genau soll, aber ich bin mir sicher, was ich statt des Wanderns lieber haben würde.

Jenseits der unfreiwillig lustigen Aufreger wie dem ignorierten Raumschiff ist da nicht viel. Das Spiel ist mit 20 bis 25 Stunden kurz, nach 30 dürftet ihr die 100 Prozent erreicht haben. Und so schmerzhaft, wie sich die bis zum Ende banale Geschichte mit ihren blutleeren Figuren zieht, sollte es noch kürzer sein. Nicht nur wegen des sehr exzessiven Backtrackings und immer wieder Ablaufens bekannter Routen. Das hilft nicht, aber und noch schwerwiegender, da ist kein Twist wie im dritten Star Ocean, da ist nicht das Gefühl, Teil eines ganz großen Abenteuers zu sein, wie es bei den anderen Teilen der Fall war. Es ist einfach nur eine allgemein bekannte Story, die schon zigmal besser erzählt wurde. Und bessere Dialoge hatte sogar Star Trek "Borg? Sounds swedish": First Contact. Das hier schwankt zwischen meist so belanglos wie sinnlos aufgeblasen, bis hin zu selbst für ein Spiel dieses Genres schmerzhaft pathetisch. Kein Witz, keine Ambition, ich vermisse Working Designs.

Das Problem all dessen sind nicht (nur) die lahmen Dialoge, nicht die platte Story. Ich habe J-RPGs mit weit schlimmeren in diesen Kategorien durchgespielt und ich habe es gern getan. Aber ich konnte das Elend wegdrücken, wenn ich wollte! Das geht hier nicht! Keine einzige Zeile! Keine Zwischensequenz! Nichts! Vor allem nicht mal, wenn etwas heftigerer Boss auf Eskortmission und antikes Speichersystem treffen. Ihr speichert nicht, wann ihr wollt, sondern an exklusiven und weit verteilten Punkten. Alles, was nach dem Speichern passiert, muss wiederholt werden. Und dazu gehören halt auch Dialoge, die das erste Mal okay sind. Das zweite Mal langweilig. Das fünfte Mal sehr nervig. Das zehnte Mal zum Kotzen.

Es gibt auch ein paar winzige Dungeons, die sich eigentlich nur darin von der Oberwelt unterscheiden, dass die Kamera im Kampf endgültig aufgibt.

Solche Stellen gibt es zum Glück nur sehr selten und eigentlich sind sie auf die komplett verfehlten Eskortmissionen beschränkt, in denen ihr plötzlich alle Systeme, die ihr vorher getrost ignorieren konntet, optimieren müsst. Es ist aber Teil dessen, das mich glauben lässt, ein eigentlich 20 oder mehr Jahre altes Spiel zu spielen, das hier ein HD-Remake erfahren hat.

Ihr habt die sehr hübsche und mit satten Farben gesegnete Spielwelt, die leider Genre-typisch nur von wenigen Deko-NPCs in den Städten und gar nichts in der Wildnis dazwischen bevölkert wird. Die Welt ist schlicht leer. Jede Stadt hat die gleichen vier Läden, die euch eurem Level entsprechende Waffen verkaufen, die ihr euch immer genau leisten könnt, wenn ihr 90 Prozent auf Story und 10 Prozent auf Grinding gespielt habt. Es gibt immer das verdächtig ähnliche Inn, in dem dann auch der Speicherpunkt steckt. Heilung kostet ein paar hundert was auch immer die Währung hier sein mag, bitte, also ungefähr das, was eine Monstergruppe fallen lässt. Die Wirtschaft in J-RPGs hat sich seit dem ersten Dragon Quest nicht grundlegend geändert.

Was ehrlich gesagt auch okay ist. Das sind die Teile von Star Ocean 5, die ich schätze. Es fängt, wenn es euch nicht gerade mit immer etwas zu langen Dialogen nervt, sehr gut dieses Flair ein. Dieser einfache Charme, bevor es nur noch um Crafting ging. In seinen wenigen, besten Momenten tut es das sogar besser als ein Tales-Spiel, woran besagte freundliche Farbsättigung ebenso ihren Anteil hat wie der schnelle, unterhaltsame Kampf.

Der Kampf ist schnell, hektisch, etwas unübersichtlich und extrem unterhaltsam. Gut also, dass er einen Großteil des Spiels ausmacht.

In kaum einem Spiel war Grinding so nett. Sicher, ihr könnt euch ganz detailliert mit dem KI-Rollensystem der Begleiter befassen, mit Seitschritten und Kontern. Oder ihr lasst es einfach, verteilt die Rollen, wie ihr denkt und sie freischaltet, denn außerhalb der paar seltsamen Sprünge während der Eskorten ist Star Ocean einfach. Gut so, denn Durchblick habe ich ab dem Punkt, wo fünf oder mehr Charaktere gegen fünf oder sechs Monster kämpfen, nicht mehr. Einfach Specials spammen, ein wenig die eigenen Trefferpunkte und viel zu kleinen Statussymbole im Blick behalten und das bunte Feuerwerk bewundern. Vielleicht sind bis zu sieben eigene Figuren und NPCs ein wenig zu viel Chaos, aber meistens funktioniert es nicht nur, es fühlt sich wirklich gut an. Dynamisch, chaotisch und sehr befriedigend, wenn die großen Trefferpunktzahlen umherfliegen.

Die nicht so zufälligen Kämpfe - ihr seht die Monster schon von Weitem - lassen sich umgehen, aber in den meisten Fällen geht es einfach schneller, durchzumähen und die Punkte mitzunehmen. Ich grinde selten gerne, aber hier war das bis zu einem gewissen Punkt der Fall. Da es nicht mal bis zu diesem Punkt nötig war, um alles zu bewältigen, passte das auch. Um noch mal auf die KI zurückzukommen. Ihr habt ein pseudo-komplexes Chaos aus 100 Rollen, die ihr nach und nach mit in Kämpfen gesammelten Punkten freischaltet. Dazu wiederum kommen Angriffe, die ihr aus gesammelten Büchern freischaltet und die sich aufrüsten lassen.

Das wirkt alles wahnsinnig kompliziert, ist es aber nicht. Verteilt die Rollen, wie die Charaktere sie mitbringen - Heiler, Kämpfer, Magier usw. -, verteilt bessere Versionen der Rollen von Zeit zu Zeit, wechselt gelegentlich die Angriffe oder levelt die auf, die ihr eh nutzt und mögt, und kauft natürlich immer die bestmögliche Ausrüstung. Fünf Minuten Verwaltungsaufwand pro Stunde Spielzeit, wenn ihr keine Lust habt, mehr zu investieren. Das geht so weit, dass das Crafting nicht mal direkt erklärt wird, solange ihr nicht eine etwas belanglose Nebenquest erledigt, und selbst dann ist es eigentlich nie nötig. Alles, was ihr "machen" könnt, könnt ihr einfacher kaufen. Damit ist Star Ocean ein sehr erfreulicher Gegenpol zu Spielen wie den Ateliers, die mich mit ihrer endlosen Mixerei schon lange verloren haben.

Die Special-Attacken sind das Highlight der Kämpfe und sind für jede Figur und ihre Rollen im Kampf eigen. Und im Gegensatz zu gewissen anderen Specials lassen sich in den Optionen die Animationen abschalten!

Technisch könnte ich nicht zwiegespaltener sein. Ich mag den bunten, mit satten Farben gesegneten Look der Welt und der Mangel an Details oder gar Offenheit stört mich nicht im Geringsten. Die Figuren selbst sind das zu erwartende Cosplay-Fest. Wer es mag, ich halte mich da raus. Die Kämpfe sind bunt, wild und farbenfroh, was einen Teil ihres absolut vorhandenen Reizes ausmacht.

Dann gibt es wieder Szenen wie eine fast dreiviertelstündige Sequenz inklusive einer mittelgroßen Raumschlacht und Kirk-Manövern, von der ihr nichts seht. Alles wird nur auf der spärlich detaillierten Brücke durch Dialoge transportiert. Theater nutzen das gern, weil die nun wirklich keine Schlacht zeigen können. Also hockt jeder hinter einer Deckung, guckt über diese und erzählt, was in der Schlacht passiert. Eine notwendige Notlösung. Hier... Nun, ich komme frisch von Witcher 3 und im Verglich dazu wirkt Star Ocean wie ein - zugegebenermaßen gelungenes - Fanprojekt in Unity. Ach ja, der Soundtrack dürfte auch gerne mal einen Gang zurückschalten. Er kennt leider nur ein Setting und das ist episch. Egal, was gerade passiert.

Die Städte sehen gut aus, sind aber sehr beschränkt. Die NPCs wandern beliebig hin und her, es gibt immer nur die paar gleichen Shops und nur sehr wenige der kleinen Überraschungen, die eine gute RPG-Stadt aufleben lassen.

Ich habe viele Gründe, Star Ocean 5: Integrity and Faithlessness weniger zu mögen, als ich das am Ende tue. Die Story ist die schwächste der Reihe, die Charaktere ebenfalls. Dass sich nichts davon wegdrücken lässt, ist eine Zumutung sondergleichen. Die Technik bekleckert sich wirklich nicht mit zeitgemäßem Ruhm. Die vermeintliche Komplexität des Kampfsystems ist weitestgehend Schall und Rauch. Nein, das war sicher nicht das beste J-RPG meines Lebens. Und doch habe ich Sympathien übrig, eben weil es sich so zurückgeblieben spielt. Weil es die primitiven Weltmechaniken des Genres durchexerziert, weil die Kämpfe zahlreich und die Level- wie die Trefferpunktzahlen hoch sind. Selbst das Speichersystem, das komplett aus der Zeit gefallen wirkt, funktioniert aus genau diesem Grund für mich. Es ist fast so, als würde ich ein Remake eines Super-Nintendo-Spiels testen und keinen aktuellen Titel. Sicher, es wäre nicht der beste Titel auf dem SNES. Aber da ist eine warme Sicherheit, die einem dieses in sich selbst so wundervoll konservierte Genre bietet, die mancher spüren mag, wenn die komplizierte Welt plötzlich mal kurz sehr viel einfacher wird. Für J-RPG-Spieler ist Star Ocean 5 genau dieser dezent degenerative Rückfall und so wie ich wird es der eine oder andere dafür schätzen können.

Selbst wenn sie nie wieder zu dem Raumschiff zurückgekehrt sind.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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