Zombie Night Terror - Test

Die Nacht der lebenden Lemminge!

Wundert es eigentlich nur mich, dass bis heute niemand versucht hat, das Lemmings-Konzept in großem Stil wieder populär zu machen? Es gab eine Zeit, da war es das Spiel. Es grenzt an eine Tragödie, wie sehr das Spiel von DMA Design - später Rockstar - heute nur mehr wie eine Fußnote der Geschichte erscheint. Die Franzosen bei No Clip teilen offensichtlich meine Nostalgie und haben im unvermindert grassierenden Zombie-Hype ein Spiel geschaffen, das den Geist der vermeintlich suizidalen Nager in Ehren hält.

Und wie gut das zusammen passt! Sicher, die Untoten-Craze mag man mittlerweile als lästig empfinden, wäre dieses Ding aber ein bisschen früher rausgekommen, es hätte sich als einer der frischesten Einfälle seit langem im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Anno 2016 ist es aber immer noch ein thematisch bestens auf das Konzept knobliger Rudelkontrolle ausgerichtetes Denkspiel in stilechtem Grindhouse-8-Bit-Look. "Ihr seid die Zombie-Apokalypse", lautet der Slogan und der könnte es eigentlich nicht besser zusammenfassen.

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Der Bildsprache und Musik nehmen Horrorklischees gekonnt auf die Schippe.

Zombie Night Terror setzt euch 40 Szenarien vor. Ein Krankenhaus, ein Straßenzug samt Kanalisation, ein Footballstadion und so weiter, deren Bewohner - wehrlose Zivilisten, bewaffnete Verbrecher, zähe Polizeikommandos und einige besonders taffe Quasi-Endgegner - ihr ebenfalls in Zombies verwandeln sollt. Fast immer beginnt es mit einer Handvoll Untoter, die in einen entlegenen Winkel des Levels entlassen werden und von links nach rechts schwanken, bis sie auf ein Hindernis treffen und dann umkehren oder ihren Schädelinhalt nach einem zu tiefen Sturz klatschend auf den Asphalt entleeren.

Drei Zombie-Spezies, in die ihr eure Untertanen gegen begrenzt verfügbare Mutationspunkte verwandeln könnt, helfen dabei, die Massen zu steuern, während fünf teilweise erst in den Leveln freizuschaltende Skills für die Feinarbeit zuständig sind. Lasst Zombies explodieren, um marode Wände einzureißen, kurz sprinten, springen oder einen Schlachtruf ausstoßen, der Zombies "weckt", die sich noch nicht der Horde angeschlossen haben.

Das Coole daran ist, dass die drei unterschiedlichen Zombietypen anders auf die jeweiligen Skills reagieren. Der Overlord, gewissermaßen der Blocker der Lemminge, explodiert zum Beispiel in einer deutlich verheerenderen Detonation. Teilt man ihm die "Sprung"-Fertigkeit zu, wirft er seine Kollegen eine vom Spieler bestimmte Flugbahn entlang und weist man ihm den Sprint zu, schubst er andere Zombies für einen saftigen Temposchub in die vorgegebene Richtung. Ein Wände hinaufkletternder Crawler und der massive, Tank-artige Riesenzombie komplettieren das Regiment der Verwesung.

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Die Lösung, um den schwer bewaffneten Gangster hinter seiner Schießscharte zu erwischen? Sprengt unter dem linken grünen Fass einen Overlord und ihr könnt die Mutationsspritze gegen die verbarrkadierten Menschen einsetzen.

Die letzten beiden Elemente, die euch den Ablauf manipulieren lassen, sind die Opferung nicht mehr benötigter Zombies gegen frische Mutationspunkte und Spritzen, die man sich auch erst mal verdienen muss und die in schwer zu erreichenden Gegenden auf Knopfdruck einen gewünschten Passanten in einen der Hirnfresser verwandeln. Mit diesen Mitteln liegt es dann bei euch, die Level mit ihren zahlreichen verschlossenen Türen unterschiedlicher Stärke, bröseligen Decken und Böden, elektrifizierten Zäunen, Serien von zu vernichtenden Generatoren und teils schwer bewaffneter Gegenwehr aufzudröseln.

Jederzeit pausiert ihr, um in Ruhe Kommandos zu geben, oder beschleunigt das Geschehen um das Zweifache. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass es in einer Zombiehorde gelegentlich recht unübersichtlich werden kann und gerade zu Anfang überfordert das schon mal. Aber mit der Zeit lernt man, das Spiel besser zu lesen, nutzt die Pause klüger und rätselt sich dann mit viel diebischer Schadenfreude auf die jeweils andere Seite eines Szenarios. Je nachdem eben, was das Ziel des jeweiligen Levels ist. Manches Mal gilt es, alle Menschen zu töten, dann eine gewisse Menge an Untoten überleben zu lassen oder in einer besonders aussichtslosen Situation nur einen bestimmten Typus Zombie zu retten. Jeder Level verfügt zudem über ein optionales Zusatzziel, für das man sich ein bisschen tiefer reinknien muss, was den Wiederspielwert hoch hält.

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Die Gewalt ist bis ins Lustige Übertrieben.

Zombie Night Terror ist trotz der leichtfüßig inszenierten Thematik sehr oft ziemlich spannend, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass neben der Pause- und Vorspulfunktion noch eine begrenzt verfügbare Rückspulfunktion angeboten würde. Checkpunkte in den Leveln gibt es nämlich nicht und kurz vor Schluss zu verlieren, weil man einen Stopper falsch setzte oder zu spät gesprungen ist, war zu ein paar Gelegenheiten etwas frustrierend. Das traf jedoch meist auf den ersten oder zweiten Versuch in einer Stage zu, und dann war zuvor schon so viel schief gelaufen, dass ein zweiter Anlauf ohnehin meistens die bessere Idee war. Gleichzeitig ist es etwas schade, dass es keine Highscore-Listen gibt, die Optimierer noch ein bisschen länger an den einzelnen Aufgaben zu knabbern gäben. Mit gut neun Stunden für den ersten Durchlauf ist der für schmales Geld angebotene Titel aber dennoch jeden Cent wert, auch wenn auf diese Weise nicht die Dauerbrennerqualitäten des großen Vorbilds erreicht werden.

Was mir weniger gefiel, waren Teile des Humors. Der allgemeine Stil, die monochromen, aber detaillierten Pixel-Hintergründe und die fein stilisierten und lustig animierten Bewegungsabläufe machen das Spiel ebenso zu einem kleinen, aber beachtenswerten Hingucker, wie die allgemein zur Schau getragene Liebe zum Genre-Kino. Wann immer die Figuren und Szenarien ohne Worte allein auf Slapstick bauen, ist alles in bester Ordnung. Was aber in den Sprechblasen passiert, die die Geschichte umreißen, fischt leider eine Etage zu tief in flachen Oberweitenwitzchen und ein Selbstmordscherz lässt einem das Lachen über die vielen absurden Spielsituationen ein bisschen im Halse stecken.

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Der Türsteher rechts ist das größte Problem in diesem Raum. Er steckt viel ein und teilt gut aus.

Auch die vielen Anspielungen auf Genrefilme und -persönlichkeiten sind doch zu altbekannt und sehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bedacht. Diese vereinzelten, aber regelmäßigen Fehlgriffe reichen zwar nicht, um das launige Geschehen auf die schlechte Seite zu reißen. Aber sie fallen in einem Spiel, dem es sonst an Klasse und Überlegtheit nicht mangelt, ein bisschen bedauernswert aus der Reihe.

Es sind schließlich erstaunlich sinnige und zum Experimentieren anregende Wimmelbilder, die No Clip hier vor euch ausbreitet und die sich nach eingehender Betrachtung fast immer als gewitzte Puzzles herausstellen. Nur selten hat man das Gefühl, die Lösung schon zu kennen, um dann noch mit der Umsetzung Probleme zu haben - eines meiner "Lieblingsvergehen" von Knobelspielen. Gleichwohl ist deren Entschlüsselung dank des gewissen Sandbox-Chaos-Einschlags keine zu 100 Prozent exakte Wissenschaft, was die Neugierde anregt. Oft führen mehrere Wege zum Ziel und manches Mal denkt man schon, ein Versuch sei gescheitert, bevor einem doch noch ein Licht aufgeht.

Zombie Night Terror also, ein kleines, aber feines Spiel, in dem man sich mal nicht gegen das Ende der Welt stemmt, sondern es selbst einleitet. Den Lemmingen wäre es wohl recht.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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