Grow Up - Test

Mensch, bist du groß geworden!

Ein Sequel, das die bewährte Spielidee von Grow Home erweitert und sie dabei auch ein bisschen zu sehr hinter sich lässt.

Selten hat sich ein Videospielplanet so lebendig angefühlt wie jener in Grow Up. Pilze und Kakteen sprießen überall aus dem Boden, fremdartige Pflanzen wuchern in großen Feldern vor sich hin und immer wieder krabbeln und summen auch kleine Tierchen durch die Spielwelt mit ihrer Low-Poly-Optik. Diese lebendige Welt ist der krasse Gegensatz zum Protagonisten. Der nämlich ist ein recht tollpatschiger Roboter mit dem Namen BUD. Kommt euch bekannt vor? Darf es ruhig, denn tatsächlich ist Grow Up die Fortsetzung des Anfang 2015 erschienenen Ubisoft-Titels Grow Home. Der überzeugte vor allem durch sein neuartiges Spielprinzip: ein Roboter muss eine ständig wachsende Bohnenranke nach oben klettern, um so zu seinem Raumschiff zu gelangen. Grundsätzlich ist das auch in Grow Up noch so - die Entwickler von Ubisoft Reflections haben das Spiel aber um einige neue Features erweitert.

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Noch immer beeindruckend: Der Sturz aus großer Höhe.

Wie das halt so ist mit neuen Spielelementen, die sich in bestehende Konzepte eingliedern wollen: Richtig implementiert bereichern sie das Spiel, manches Mal wirken sie allzu aufgezwungen und verdünnen, was es besonders machte. Bei Grow Up tritt hin und wieder der unglücklichere zweite Fall ein. Beinahe kann ich mir das Meeting bei Ubisoft vorstellen, bei dem jemand sagt: "Leute, wir brauchen mehr von allem! Mehr Items, mehr Bonusmissionen, Geschicklichkeitsübungen, Fähigkeiten!" Das Ergebnis sind viele an das ursprüngliche Spielprinzip angestöpselte Neuerungen, die teilweise nett und manchmal überflüssig sind - teilweise torpedieren sie aber auch das ursprüngliche Spielprinzip. So kann BUD jetzt beispielsweise selbst bestimmte Gewächse in den Boden pflanzen, die ihm dann als Hilfsmittel dienen. Das sind manchmal nur kleine Bäume, an denen er ein bisschen nach oben klettern kann - das ist aber beispielsweise eben auch eine Art Katapult-Pflanze, die euch viele Meter in die Lüfte schießt und damit das Klettern in vielen Momenten gänzlich überflüssig macht.

  • Erhältlichfür:
    PC, Xbox One, PlayStation 4
  • Preis:
    9,99 Euro
  • Erscheint am:
    Erhältlich
  • Getestete Version:
    PlayStation 4
  • Mikrotransaktionen:
    nein

Nicht falsch verstehen, klettern könnt ihr immer noch. Sogar mehr als sonst, wenn ihr das wollt. Denn diesmal gibt es nicht nur eine Bohnenranke, die mehr oder minder an verschiedenen Plattformen vorbei relativ gerade nach oben wächst. Es gibt einen ganzen Planeten, mit verschiedenen Klimazonen und unterschiedlichen Riesenpflanzen. Wie schon im Vorgänger kann sich BUD auch diesmal wieder auf eine der Knospen setzen, die aus diesen Gewächsen sprießen und dann zusehen, wie das Ding wächst - idealerweise natürlich nach oben oder hin zu einer der schwebenden Inseln, die dann wiederum die Pflanze als Ganzes wachsen lassen. Ebendieser Mechanismus war der zentrale Reiz des Vorgängers. Er war jedoch auch eine kleine Geduldsprobe, denn Klettern, das funktioniert in BUDs Universum, indem ihr abwechselnd die Triggertasten des Controllers benutzt. Einfach mit dem Analog-Stick nach oben drücken ist nicht.

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Per Segelgleiter kommt BUD in Grow Up nun deutlich schneller voran als im Vorgänger.

Ich kann nur mutmaßen, dass die Entwickler von Grow Up dieses etwas mühselige Spielelement entschärfen wollten und daher andere Möglichkeiten eingebaut haben, in die Höhe zu kommen. Und ja, Grow Up ist dadurch mehr noch als sein Vorgänger zu einem riesigen Sandkasten geworden. Wie die Flora des Planeten aussieht, bestimmt nun noch mehr der Spieler, kein Polygon in diesem Spiel ist unerreichbar. Allein: Einen Teil seiner liebenswerten Seele hat das Spiel dadurch im Vergleich zu seinem Vorgänger eingebüßt. Es fühlt sich einfach nicht mehr so frisch und unbedarft an - es ist, als hätte jemand beschlossen, eine delikate neue Sushi-Sorte, die er neulich entdeckt hat, noch besser zu machen, indem er sie mit Kochschinken und Schmelzkäse überbackt. Der feine Sushi-Geschmack ist schon noch da, aber man muss ihn ausgraben.

Dabei ist Grow Up beileibe kein schlechtes Spiel. Nach wie vor ist es beeindruckend, aus großer Höhe nach unten zu blicken und den Planeten zu erkennen, der mehr und mehr seine Kugelform preisgibt, je weiter ihr klettert. Tiefenwirkung und Weitsicht sind fantastisch, das Klettern und das Entwickeln der riesigen Pflanzen macht immer noch Spaß und wirkt fast schon meditativ. Ich habe auch kein Problem damit, dass BUD jetzt auf dem Weg nach oben ein paar Raumschiffteile einsammeln muss, aber trotzdem: Irgendwie fühlt sich Grow Up mehr als das Vorgängerspiel nach Arbeit an. Vielleicht liegt das daran, dass mich das Spiel nun permanent daran erinnert, wo welche Nebenaufgaben auf mich warten, wo ich eine zusätzliche Pflanze einsammeln oder an welchem Ort ich eine optionale Geschicklichkeitsübung absolvieren kann. All diese Funktionen verkomplizieren ein eigentlich herrlich entspannendes und unverkrampftes Spielerlebnis.

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Nach wie vor ein wichtiges Spielelement: das durchaus doppeldeutig anmutende Wachstum der Knospen an den Riesenpflanzen.

Es ist zweifellos irgendwie möglich, all die neuen Zusatzfunktionen von Grup Up zu ignorieren. Wer neugierig auf neue Spielelemente ist, wird das jedoch gar nicht wollen. Beim Blick in die freischaltbaren Goodies im Ubisoft Club wird er feststellen, dass BUD jetzt einen Katzenanzug hat, er wird beginnen mit einer Drohne die Umgebung zu scannen und sich per Pflanze nach oben zu katapultieren um von dort aus per Segelgleiter den halben Planeten im Handumdrehen zu umrunden. Das fühlt sich einfach weniger nach Grow Home an und mehr wie Batman. Spaß machte mir das Spiel trotzdem noch - aber eben nur trotzdem.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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