PES 2017 - Eine Idee methodischer, flexibler und immer eine Augenweide

Ein Ende des jahrelangen Auf-und-ab?

Es wird immer schwieriger, genau mit dem Finger darauf zu zeigen, was Sportsimulationen wie diese hier von Jahr zu Jahr besser machen. Selbst die überarbeiteten Feature-Listen, die zur Ankündigung der kommenden Version in Pressemeldungen rumgehen, kommen einem trotz zunehmend blumigerer Bezeichnungen immer bekannter vor. Klar, auf wie viele Arten kann man schon sagen, dass sich die KI nun noch dynamischer dem Spieler anpasst oder die Ballkontrolle jetzt aber wirklich komplett realistisch ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mittlerweile das Lizenz-Hickhack mehr im Fokus steht, wenn Konami schillernde Partnerschaften mit Fan-Favoriten wie dem FC Barcelona und dem FC Liverpool eingeht?

Und doch sitzt man dann vor der neuen Version dieses PES 2017 und muss zugeben, dass man zum Vorjahresspiel nicht mehr zurück will. Nachdem PES 2016 schon wahnsinnig viel Spaß machte und nur die schwachen Torhüter und das ewig verpatzte Kader-Update nervten - eine Tatsache, die in diesem Jahr nicht wieder vorkommen soll -, geht die 2017er Ausgabe den eingeschlagenen Weg in allen Disziplinen ein gutes Stück weiter, wie es den Anschein hat. Ungezählte Feinheiten machen es schon wieder schwer, Einzelaspekte hervorzuheben (etwas, das mir mit der hoffentlich bald eintrudelnden Testversion dann leichter fallen dürfte), sorgen zusammen aber für ein runderes, flexibleres Fußballspiel.

Stadioneinlauf von Arsenal bei Barca. In Sachen Präsentation hat Konami über die Jahre viel gelernt. Besonders, wenn es darum geht, das PES-exklusive Camp Nou zu in Szene zu setzen (0:58).

Das beginnt damit, dass Konami das Tempo eine Spur gedrosselt hat, was gefühlt für mich schon immer irgendwie der klassische Wechsel war: Nach einer etwas kopfloseren Spaßfußballversion frischt ein dezent taktischerer, überlegterer Nachfolger eingefahrene Abläufe ordentlich auf. Es mögen vereinzelte Stellschrauben sein, an denen hier gedreht wurde. Zusammen verändern sie aber den Charakter jeder neuen Ausgabe. Wie dem auch sei, dieses Jahr geht es also etwas weniger zielstrebig nach vorne, was sicher nicht nur an dem eine Spur behäbigeren Ablauf liegt (wer will, darf das Tempo wie gehabt um zwei Stufen rauf und runter justieren), sondern daran, wie die KI agiert.

Haben die eigenen Mitspieler immer noch ein exzellentes Auge für freie Räume und den Willen, auch in diese vorzustoßen, so macht die Verteidigung offensichtliche Passwege in die Tiefe besser dicht und hält im Zweikampf bissiger dagegen, weshalb man sich hohe Bälle in den Lauf mittlerweile wirklich verdienen muss. Das Spiel in die Breite oder auch mal zurück wird dadurch automatisch attraktiver und weil es einen Hauch langsamer zugeht, hat man mehr Zeit, sich durch eine Bremse, einen Seitschritt oder das Abschirmen des Balles neu zu orientieren. Tiki-Taka und "kleine Dreiecke" sind nicht mehr das Alpha und Omega. Zumindest nicht in dem Maße, in dem sie es einmal waren.

In Bewegung ein Traum: Gerade Randdetails, wie Ter Stegen sich hier zum Beispiel beim Gegentreffer geschlagen auf den Rücken rollt, hauchen dem Spiel Leben ein (0:41).

Wirklich beachtlich ist einmal mehr, mit welcher realitätsnaher Individualität die virtuellen Athleten ausgestattet sind. Spielt man zum Beispiel gegen Deutschland, merkt man allein an den Entscheidungen auf dem Platz, ob nun ein Schweini, der in der aktuellen Demo noch in der Nationalmannschaft aktiv ist, oder ein Toni Kroos den Ball führt. Selbst die Raumaufteilung der Spieler ist absolut charakteristisch getroffen. Dass die Gesichter nun auch weniger bekannter Spieler offensichtlich mehr Liebe erfahren haben, unterstreicht die Arbeit am Detail, die hier geleistet wurde, auch wenn beim Blick in die Augen der Spieler das "Uncanney Valley" noch ordentlich zulangt.

PES 2017 sieht also gewissermaßen in zweierlei Hinsicht gespenstisch gut aus. Weniger zweischneidige Komplimente muss man den wieder einmal neuen Animationen machen, die hier hinzugekommen sind. Sie füllen sowohl direkte Kontakte in der Nähe des Spielgeräts als auch Aktionen abseits des Leders mit viel Leben. PES ist das Spiel, für Leute, die auf die Details des Sports versessen sind. Ich könnte eine halbe Stunde die Kamera um das Replay der missglückten Kedhira-Grätsche gegen Sagna schweifen lassen, als der Deutsch-Tunesier dem Franzosen versehentlich das Standbein wegholzt und der Geschädigte vornüber auf den Ball fällt, der sich daraufhin kläglich zur Seite verabschiedet. Animations-Porn allererster Güte.

Insgesamt muss man sagen, dass einem die KI das Leben ein bisschen schwerer macht, auch wenn sie nach vorne noch ein wenig zahnlos agiert. In jedem Fall fallen weniger Tore. Die Keeper begeistern mit fantastischen Reflexen, obwohl sie leider nicht jeden machbaren Ball sicher fangen, sind sie schon in der Demo ein respekteinflößendes Hindernis. Schön auch, dass die Schnelleinstellungen der Taktik - der Angriff-/Verteidigungsbalken ist wieder da! - zurückgekehrt sind. Nicht jedem hat gefallen, dass sich Jogi Löw zur der EM stark auf den Gegner einstellte, ich nehme diese Option auf dem Grün aber immer gerne in Anspruch.

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Camp Nou gibt es in FIFA erst mal nicht mehr zu sehen.

Weniger gut gefallen hat mir die Bildrate, die in den Jubelsequenzen und beim Stadioneinlauf nur bei nicht ganz stabilen 30 FPS liegt. Auf dem Platz sind es die gewohnten und wichtigen 60, in den Replays kombinieren sich die halbierte Bildfrequenz und ein aggressives Motion Blur aber zu einem gelegentlich etwas schmierigen Look, den PES 2016 in diesen Szenen noch nicht hatte. Klar, die Spieler sehen noch realitätsnäher aus und das berechnet sich nicht von selbst. Zudem kennt man das von älteren PES-Versionen schon länger. Ich würde mich aber trotzdem über einheitliche 60 FPS freuen und dafür sogar gerne ein paar Details opfern.

Ansonsten: Nachdem PES in den letzten Jahren ein nicht immer schön anzusehendes Auf-und-ab erlebte, ist PES 2017 nun offenbar das zweite gute Update in Folge. Es ist ein Pro-Evo-Nachfolger, wie er leibt und lebt. Viele, viele neue Bewegungen, verfeinerte Abläufe im Detail und ein leicht veränderter Fokus - in diesem Jahr offensichtlich wieder hin zu Authentizität ohne wenn und aber, nachdem im letzten Teil der Spaß regierte. Ich sehe keinen Grund, warum sich an dieser Formel, wenn sie weiter so stramm in Richtung besseren Videospielfußballs führt, jemals etwas ändern sollte.

Entwickler/Publisher: PES Productions/Konami - Erscheint für: Xbox One, PlayStation 4 und PC - Geplante Veröffentlichung: 13.09. - Angespielt auf Plattform: PS4

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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