PES 2017 - Test

Formstabil ins nächste Jahr.

Kurze Warnung vorweg: Bei der PC-Version handelt es sich offenbar nicht um eine Umsetzung der PS4- und Xbox-One-Varianten. Wie Konamis Adam Bhatti noch im Juli bestätigte, solle man nicht den "gleichen Level" wie auf Current-Gen-Konsolen erwarten. Es dürfte sich, wie schon einige Male zuvor, um eine Umsetzung der Last-Gen-Ausgaben handeln. Dieser Test bezieht sich auf die PS4-Version.

Ja, so kann es weitergehen. Auch abseits des üblichen Jahreszyklus aus mal schnellerem, mal behutsamerem Fußball stellt sich PES 2017 als kluge und besonders maßvolle Weiterentwicklung der 2016er-Ausgabe heraus. Die hatte die Animationen und einen neuen Esprit, 2017 wird nun an Taktik, KI und Physik gearbeitet. Das daraus resultierende virtuelle Rasenschach ist ein eine wahre Freude.

Waren im letzten Jahr die Tausenden neuen Bewegungsabläufe ein echter Augenöffner, überarbeitete Konami in diesem Jahr das, was dazwischen passiert. Physikbasierte Kollisionen und ihre Folgen, das Stürzen, Sich-Aufrappeln, Fluchen. Diese Dinge sind allgegenwärtiger, sehen sehr viel lebhafter und nachvollziehbar aus. Wieder einmal ist es der Mut zu den unschönen Seiten des oft so eleganten Sports, den verstümperten Grätschen, den unglücklich angenommenen Bällen und verunfallten Schüssen, die PES 2017 ehrlich und echt wirken lassen. Hier passiert viel, auch wenn das Leder schon längst woanders ist.

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Die Kader wurden zum Verkaufsstart aktualisiert. Klingt selbstverständlich, war es im letzten Jahr allerdings nicht.

Auch der Ball selbst wirkt nun freier - vor allem auch freier, von allen möglichen und unmöglichen Körperteilen millimeterfein abgefälscht zu werden. Bewegten sich die Spieler im letzen Jahr schon absolut fantastisch, sieht der Spielablauf nun in Gänze einfach authentischer aus. Alles fließt ein bisschen besser ineinander, ob's nun gerade ordentlich holpert oder richtig flutscht. Fließend, das sind auch die Bewegungen der KI, die offene Räume, ob im Angriff, in der Verteidigung oder wenn vor möglichen Kontern abgesichert werden soll. Gerade auf Gegnerseite stimmt tatsächlich, was Konami von der Anpassungsfähigkeit der künstlichen Intelligenz versprach: Sie reagiert.

Es ist schwer zu sagen, ob hier lediglich die angemessene Gegentaktik auf die jeweils gewählte Strategie des Gegners aktiviert wird, aber es würde das Urteil auch nicht schmälern: Das hier wirkt clever und kann ein schönes, aber zu einseitig aufgezogenes Aufbauspiel schon mal schlimm ins Stocken bringen. Überhaupt: Die neuen Taktikoptionen sind toll. Nicht nur dürft ihr endlich wieder den Angriffs- und Verteidigungslevel selbst rauf- und runterschieben, ihr habt auf dem Steuerkreuz auch vier Taktiken, zwei offensiv, zwei defensiv, die ihr jederzeit an- und abschalten dürft - auch mehrere auf einmal.

Soll euer Mann im Strafraum für die nächsten Angriffe als "falsche 9" weit zurückfallen? Die zentralen Mittelfeldspieler auf die Flanke stoßen, damit die Flügel nach innen ziehen? Soll bei Ballverlust das besonders bissige (und kraftzehrende) Gegenpressing angeworfen werden oder bei Flanken der Strafraum mit Spielern überfüllt? Diese Instant-Taktiken sind wohlgemerkt nur ergänzend zu den ohnehin schon fein abgestuften Spielstil-Einstellungen eures Strategiebildschirms. Die Abstufungen und Individualisierungsmöglichkeiten scheinen endlos. Das bringt Bewegung und Dynamik in eingefahrene Spiele und es ist schön zu sehen, wie eure bestutzten Untertanen den Anweisungen direkt Folge leisten, sich zurückfallen lassen, überlaufen oder enger zusammenrücken, um Ballbesitz zu fördern.

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Die Spielergesichter sehen mittlerweile gespenstisch gut aus und die Bewegungen des Körpers lassen keinen Zweifel daran, wen man hier gerade steuert. Der eine oder andere typisch Konami-generische Pappenheimer ist aber auch dabei.

Es ist definitiv wieder ein richtiges Taktikfest, was das reduzierte Tempo und die damit verbundene erhöhte Kontrolle des Spiels in alle Richtungen - eben weil man etwas mehr Zeit am Ball hat - nur noch unterstreichen. Zudem sind endlich die Torwarte wieder vollkommen auf dem Posten und es ist schwieriger, Tore zu schießen. Gerade im Kontakt mit dem Schlussmännern erfreut die verfeinerte Ballphysik, wenn neue Paraden für unvorhergesehene Abpraller sorgen. Es fallen also weniger Tore, allerdings treffe ich nach meinem Dafürhalten immer noch zu häufig Pfosten oder Latte. Manchmal habe ich das Gefühl, das Spiel wollte künstlich das Drama einer Partie steigern. Kann aber auch an mir liegen. Allgemein fühlt es sich ganz hervorragend an, die Pille zu spielen, egal ob nun mit feinfühligen hohen Bällen in den Lauf, kurzem Direktpassspiel oder bei den exzellenten frühen Flanken, die ewig in der Luft zu hängen scheinen.

Neben den Keepern überzeugen diesmal auch die Schiedsrichter häufiger. Sie sind nicht immer konsequent, aber wenigstens auf dem Posten und lassen nicht mehr so viel durchgehen wie im letzten Jahr. Es gibt sie immer noch, diese Situationen, in denen man wahlweise eine härtere oder mildere Strafe gesehen hätte, aber hiermit kann ich leben. In Sachen Spielmodi ist alles beim Alten und wenn PES Productions den Weg der gezielten Weiterentwicklung fortsetzt, darf man wohl fürs nächste Jahr endlich einen guten Karrieremodus erwarten. Der ist nämlich immer noch dröge ohnegleichen, auch wenn die grundlegenden Systeme durchaus brauchbar sind. Aber es ist sehr mechanisch, Herz - und oft auch Logik - fehlen hier einfach. Der zentrale Modus für Offline-Spieler ist aber ohnehin die Meisterliga, in der man seinen eigenen Club über theoretisch endlose Saisons hinweg steuert, seine Spieler entwickelt und so weiter. Hier ist tatsächlich ein bisschen passiert, auch wenn er sich immer noch eher trocken und menülastig präsentiert.

Allein schon die neuen Taktikoptionen offerieren schon genügend Gelegenheit zum Tüfteln. Aber auch die Spieler sind nun besser formbar und lassen sich detaillierter trainieren. Zusätzlich zu ihrem Spielstil und der eigenen Teamrolle gewinnen sie nun außerdem Persönlichkeit in den vier Kategorien von Ausstrahlung bis Technik hinzu. Außerdem wurden endlich Transfer- und Gehaltsbudgets getrennt, sodass man nicht mehr zufällig Geld verpulvert, das man eigentlich gebraucht hätte, um seine Mannschaft zu bezahlen. Es sind überschaubare Neuerungen, aber genug, um den Modus dort zu halten, wo er seit gut 15 Jahren ist: in der jährlichen Dauerrotation jedes PES-Fans.

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Die Schiris greifen nun besser ein.

Nebenan findet man noch den Kartenmodus myClub, der zwar ordentlich aufgezogen ist, wegen des Mangels an Lizenzen im Vergleich zur FIFA-Konkurrenz aber wohl immer hinter Ultimate Team zurückstehen wird. Schön ist, dass das Fähigkeitentraining für Score-Jagende weiterhin zur Verfügung steht und Spaß macht wie eh und je. Selbst Online-Matches habe ich gestern auf Anhieb zustande bekommen, was vor zwei Jahren noch ein ganz anderes Thema war. Sieht alles nach einem guten Start aus. An den Replays darf Konami aber gerne noch feilen, die laufen im Vergleich zum eigentlichen Spiel nämlich nur mit der halben Bildrate, was deutlich besser gehen müsste.

Ach, die Musik ist mal wieder aus der Schublade mit der Aufschrift "Kirmesgenerika und Egalternative". Und freilich sind die Kommentatoren noch immer Mist, weil Konami das System, nachdem das Spiel die richtigen Reaktionen aus dem Katalog der eingesprochenen Möglichkeiten auswählt, gefühlt seit PS2-Tagen nicht weiterentwickelt hat. Da hilft auch nicht, dass sie neuerdings darauf reagieren, wenn ihr die Taktik umgestellt habt. Aber wessen Weg nach all der Zeit nicht ohnehin als Erstes ins Menü geht, um die störenden Plappermäuler abzustellen, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Wenn Schlagworte wie "Control Reality", "Real Touch" und "Adaptive AI" die PR-Kanäle in Strömen hinunterfließen , wird man ja immer ein bisschen argwöhnisch. Aber es ist auch kein beneidenswerter Job, jährliche Errungenschaften einer sich fortwährend entwickelnden Spielegattung in Worte zu verpacken. Was am Ende zählt, ist, dass sich PES 2017 tatsächlich anders und besser anfühlt als das Spiel, das vor ihm kam. Perfekt ist es lange nicht. Aber es ist ein runderer, überlegterer Kick mit Charakter, der euch einfache Mittel und Wege gibt, im Schnick-Schnack-Schnuck-Format an entscheidenden taktischen Stellschrauben zu drehen. In PES 2017 kommt es im Resultat deutlich seltener zu festgefahrenen Rumpelpartien.

Schön auch, dass man das Feld nun leichter in seiner kompletten Breite bespielt und weniger häufig den direktesten Doppelpass-Weg in den Strafraum suchen sollte. Wenn das Rund flach, hoch in den Lauf und geflankt so schön feinfühlig in den Sechzehner kommt, sich Positionsrangeleien so nachvollziehbar und Abschlüsse dann so verdient anfühlen, schlägt das Fußballerherz höher. So sieht es aus, wenn Evolution an den richtigen Stellen ansetzt.

Entwickler/Publisher: PES Productions/Konami - Erscheint für: PlayStation 4, XBOX One - Preis: 59,99 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Ja, myClub Münzen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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