Forza Horizon 3 - Test

Alles Arcade-Glück dieser Erde.  

Keine Überraschungen, nur reine Arcade-Renn-Glückseligkeit. Horizon 3 hebt die Messlatte für den besten Open-World-Racer wieder etwas höher.

Machen wir es kurz. Es ist Forza. Es ist Horizon. Es ist Playground. Es ist Turn 10. Es ist die höchste Evolutionsstufe des Arcade-Racing. Das, was am aktuellen Ende einer jahrzehntelangen Kette aus SEGA-Racern, Ridge-Racern, Gotham-Racern, Test Drives, Burnouts und Need for Speeds steht. Hinter Playground steht die Erfahrung von Criterion, Codemasters, Bizarre, Ubi Reflections, Slightly Mad und anderen Rennstudios der letzten 20 und mehr Jahre. Forza Horizon 3 ist genau, was man von einer solchen Konstellation erhoffen würde. Und zugegeben, nach dem legendär guten Forza Horizon 2 hat auch keiner mit weniger gerechnet. Ihr wollt das beste Arcade-Open-World-Racing, das die Welt derzeit zu bieten hat? Einlegen, einsteigen und viel Spaß.

Die jederzeit anwählbare Drohne, eine neue Art die Welt zu erkunden. Die Zeit bleibt dabei nicht stehen.

Da ihr das aber erst in ein paar Tagen machen könnt - Release am 27.9. -, gucken wir doch mal, wie ich diese abschließende Aussage gleich zum Start eines "Kauft-es-gefälligst!"-Tests mit ein wenig Substanz und Kritik unterfüttern kann. Fangen wir mit Letzterem an. Kritik... Ja, nun... Also, und das ist ganz persönlich meine eigene Ansicht... Südfrankreich/Toskana gefällt mir besser als Australien. Australien hat viel mehr Abwechslung. Wüste, Canyons, gemäßigte Zone, Regenwald, Flussdeltas und vor allem eine etwas größere Stadt. All das ist visuell hervorragend umgesetzt. Forza Horizon 3 zieht mit seinen immer noch gefühlt unerschütterlichen 30 Frames wie ein Postkartentraum an euch vorbei, die Landschaften fließen ohne jeglichen Bruch ineinander über. Trotzdem fühlt es sich für mich - wie gesagt, extrem persönliche Kritik - wie "Levels" an. Oh, jetzt bin ich im Wüstenlevel, jetzt im Farmlevel, jetzt ist die Stadt-Stage dran. Das Spiel will das ganz offensichtlich auch, das ist kein Zufall. Horizon 2 war da deutlich einmütiger. Aber deshalb fühlte es sich - für mich - authentischer an. Das ganze Spiel hatte eine homogene Atmosphäre, die eine bestimmte Ecke der Welt sehr persönlich zelebrierte. Horizon 3 versucht, einen ganzen Kontinent abzudecken, da muss das ein wenig auf der Strecke bleiben. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Gegend aus Horizon 2 persönlich gut kenne und Australien nur von Bildern und Google Maps. Wer da war und durch Horizon 3 rauscht, kann ja mal sagen, ob es an den einen, alles definierenden Urlaub erinnert, von dem viele schwärmen, die mal da waren.

Und ja, das war die Kritik. Hab ich mir doch einen schönen Absatz aus der Nase gezogen. Alles andere ist perfekt. Selbst die Kleinigkeiten, die ich an Teil 2 kritisierte, wurden ausgebessert. Die da wären: zu viel nervige "Luxus-Hipster-Attitüde", sich einschleichende Routine im späteren Spielverlauf und... nein, das war es auch schon wieder. Ja, die Story um ein dusseliges Festival ist immer noch da, aber eine Ausrede, um die Straßen unsicher zu machen, muss ja irgendwo herkommen. Die Inszenierung ist jedoch drastisch zurückgefahren, die nervigen Sprüche sind kaum länger als die kurzen Ladezeiten, die sie füllen, und die meiste Zeit juckt es einen kaum. Haken hinter.

Turn around, when it is save to do so...

Viel wichtiger sind der neue Aufbau und die vielen, vielen Optionen, mit denen ihr euch in Australien die Zeit vertreiben könnt. Horizon 2 setzte klar auf klassische Rennen, unterbrochen von gelegentlichen kleinen Events, um in der "Story" voranzuschreiten. Diese Rennen waren noch relativ fest definiert, was die Rennklassen anging. Etwas, das Horizon 3 komplett über Bord wirft.

Erst einmal gibt es eine vielfältigere Mischung aus Rennen und Spaß-Events, angefangen bei Tempostrecken über Driftfahrten hin zu ganz individuellen Spielchen, zum Beispiel in einem 70s-Muscle-Car in einem nebeligen Wald ein verwunschenes Haus zu finden. All diese Elemente halten sich die Waage, wenn ihr nur voranschreiten wollt, wobei es immer ein paar mehr Rennen für alle gibt, die das Renngeschäft ernster sehen und sich nicht mit Spaß aufhalten wollen. Nehmt jetzt noch die Suche nach den in Scheunen verschollenen seltenen Klassikern dazu, das Herausfordern anderer Fahrer, was viel Geld bringt. Ein paar "illegale" Straßenrennen im normalen Verkehr. Orte, die ihr nur ansteuern könnt, weil es da was zu gucken gibt. Ein paar mehr Kleinigkeiten, die ich jetzt vergessen habe. Damit habt ihr das abwechslungsreichste Solorennspiel, das euch je unterkam.

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Die Tag-Nacht-Wechsel wie auch die Wetterumschwünge sind wie immer recht beeindruckend, auch wenn der Sonderpreis für 'Schönster Regen auf der Scheibe' weiter an Drive Club geht.

Es wird noch besser. Wie gesagt, große Teile der sonst festen Rennstruktur und, in einem gewissen Rahmen, der Spaß-Events sind euch überlassen. Jeder kennt das seit Project-Gotham-2-Tagen sicher: Es gibt gewisse Fahrzeugklassen, die liegen einem persönlich einfach nicht. Manche wollen am liebsten nur Ultra-Sportwagen fahren, andere nur Offroader. Mancher fragt sich vielleicht, wie es wäre, ein ganzes Rennspiel nur in einem 1946er-Ford-Super-Station-Wagon mit aufgeschnalltem Surf-Board zuzubringen. Könnt ihr jetzt machen - zumindest sobald ihr den 46er-Woody in einer Scheune gefunden habt. Vor jedem Rennen wie auch jeder Rennserie habt ihr die Option, das vorgegebene Setup zu ignorieren und stattdessen selbst die Fahrzeugklasse zu definieren, bis runter zu einem einzelnen Auto. Das Ganze lässt sich sogar abspeichern und freigeben, eigenes Rennplakat inklusive. Was dann natürlich heißt, dass euch auch eine ganze Reihe von anderen Spielern zusammengestellter Rennen angeboten wird, wollt ihr einen Kurs so oft wie möglich mit so viel Abwechslung wie möglich fahren.

Bestimmte Punkte auf der Karte erlauben es euch zudem, eigene Spaß-Events zu gestalten oder die anderer Spieler an diesen Punkten zu bestreiten. Und die hatten es schon jetzt in sich. Wie im Mario Maker zählt die eigene Leistung als Maßstab für die anderen und einige meiner Kollegen haben da schon ein paar beeindruckende Fahrten hingelegt. Selbst wenn ihr nie online gehen solltet - alles, was es hier nur für euch allein gibt, ist schon so dermaßen umfangreich, dass es vor allem dank der besseren Strukturierung und Abwechslung selbst Content-Wunder wie The Crew aussticht.

Wusstet ihr, dass sie in Australien auf der falschen Seite der Straße fahren? (wie übrigens auch in Indien, praktisch dem ganzen südlichen Drittel von Afrika, Japan und viele andere Länder)

Aber was ist mit dem Sammeln und all meinen Autos? Ich will den Car-Porn! Keine Bange, davon gibt es jede Menge. Die reine Zahl der Autos - knapp unter 400 im Maximal-DLC-Pack, um 350 regulär - wird wohl nie die absurde Masse eines Gran Turismo erreichen, aber das hat mich noch nie gestört (fanatischen Sammlern mag das anders gehen), solange die Auswahl gut ist. Die zu große Zahl an Fords wird hier wieder durch die vielen Ferraris ausgeglichen. Ihr habt die üblichen Verdächtigen wie Mercedes, BMW, Lamborghini, Jaguar, Chevy, Nissan und so weiter, alle mit einer schönen Bandbreite an Jahren von einem 54er-300-SL-Coupe über einen 86er-Sport-Quattro S1 bis hin zu den aktuellen 15er- und 16er-Neuigkeiten wie einem Lambo Centenario oder frischen Ford GT. Exoten werden nicht vergessen - Local Motors Rally Fighter, KTM X Bow R, Reliant Supervan und viele mehr - und mit dem Tesla S hat sogar die Elektronik Einzug gehalten. Deutlich ausgebaut wurde - logisch, bei viel rauem Terrain - die Offroad-Fraktion inklusive höchstmotorisierter Buggys und Allräder aller Art.

Da es zu viele Autos sind, um sie alle irgendwie auf diese Seite zu quetschen: Alle Autos in Forza Horizon 3

Gefeiert werden die Autos wie immer. Im Showroom dürft ihr alles aufmachen, einsteigen - detailliertes Cockpit für jedes Auto ist bei der Serie inzwischen selbstverständlich - und euch zumindest grundlegend über das nicht ganz real ausgepreiste Vehikel informieren. In der freien Wildbahn werden im Pausemodus Fotos gemacht, die man mit ein wenig Politur auch groß bei den Herstellern an die Wände hängen könnte, und zu den ganz besonderen Scheunenfunden hat euer Mechaniker immer ein paar Worte übrig. Für einige Wagen gibt es Custom-Design-Kits, für alle gibt es Decals oder Designs aus der Community. Farben sind eh eure Sache.

Einfach nur Rasen und Punkte sammeln... Geht immer, macht immer Spaß.

Spielerisch relevanter ist da natürlich das Tuning und hier zeigt sich, dass sich Horizon zwar immer fährt, als wäre es frisch aus der Arcade, aber eben doch ein sehr komplexes Modell darunter steckt. Ich gebe zu, dass ich mich hier noch viel weniger als in Forza und Gran Turismo damit beschäftigt habe und wie bei meiner Gesangsstimme alles dem Auto-Tuning überlasse. Aber wer sich in das Kleinklein der Differential-Abstimmung stürzen möchte, findet alles, was er braucht. Der Realismus endet aber wie immer am Konzept. Um teilweise sehr unterschiedliche und vor allem unterschiedlich teure Fahrzeuge gegeneinander antreten lassen zu können, dreht sich alles um eine kumulierte Leistungszahl. Hier werden in Hunderterschritten die Rennklassen definiert. Innerhalb einer Rennklasse darf, wenn das Rennen so eingestellt ist, alles gegeneinander antreten. Es ist bis heute die wahrscheinlich eleganteste Art, ein so weites Feld an Fahrzeugen sinnvoll zu gestalten und jedes der Fahrzeuge zumindest grundlegend kompetitiv zu halten. Ihr müsst zwar eine Menge Skill mitbringen, um mit eurem 1980er Fiat 124 Sport Spider den neuen Ferrari 488 GTB zu versenken, aber es ist damit möglich. Realistisch? Whatever, das ist ein Arcade-Racer und das Konzept lässt einen zwar manchmal staunen, was da gerade wieder den eigenen 2-Millionen-Credits-Super-Sportwagen überholt, aber das ist Teil des Spaßes.

Der andere Teil ist der Fahrspaß selbst. Horizon ist da ganz stark gestartet und wurde immer besser. Es fühlt sich alles einfach richtig an. Nicht realistisch, nicht wirklich. Wenn man einen Centenario durch ein Weinfeld schickt, wird er nicht bis 150 Meilen kommen, und per Tap auf die E-Brake wird er keinen Awesome 180! hinlegen. Hier schon und es passt. Weil es in sich schlüssig ist. Auf den Straßen liegen die Sportwagen besser als die Offroader und umgekehrt. Alte Wagen steuern sich roher als neue mit all ihren Verbesserungen der Jahrzehnte. Und jede der Kisten lenkt sich wie die zukünftige Future-Version eines Gotham Racing 2, was das hier am Ende des Tages ja auch ist. Wie das beste denkbare Arcade-Rennspiel.

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Wie immer gibt es ein paar absurde Rennen. Gegen einen Jeep am Hubschrauber, gegen ein Luftschiff, gegen... genug der Spoiler.

Der Grund, warum ich diesen Vergleich immer wieder anbringe, ist nicht nur mein bedingungsloses Fanboytum zu diesem alten Xbox-Meilenstein von Bizarre Creations, sondern die konsequente Weiterentwicklung dessen Kudos-Systems in Horizon, das hier wieder einmal ein wenig verfeinert wurde. Jede Aktion vom simplen Burnout bis zum Farbschrammen-Passing bei 200 Meilen wird mit Punkten belohnt, die sich sammeln und erst dann gutgeschrieben werden, wenn ein paar Sekunden keine neuen dazukommen und ihr nicht mit einem Crash den Zähler zurücksetzt.

Einfach durch die Pampa zu heizen, zu hoffen, dass da kein stabiler Baum hinter dem nächsten Hügel steht, und den Multiplikator in die Höhe zu treiben, das ist so schon fantastisch - vor allem, weil die regelmäßigen Levelaufstiege immer Drehs am Auto- und Credits-Glücksrad bedeuten. Die Musiksender machen es mit Skill-Songs diesmal aber noch besser. Hört ihr einen der breit gefächerten Sender und der Kommentator ruft einen Skill-Song aus, wird der Multiplikator automatisch verdoppelt. Es gab keinen Skill-Song, bei dem ich mich nicht von der Straße und meinem ursprünglichen Ziel verabschiedete, um einfach nur in der Landschaft die Punkte einzuheimsen. Pop war selten zuvor dreieinhalb Minuten dermaßen viel Glücksgefühl. Besser als die dreieinhalb Minuten auf der Tanzfläche mit der Liebe des Lebens an dem perfekten Abend? Hmmmm... Nein. Aber so nah dran, wie man als PS-süchtige Couchpotato kommt.

Das Balance-System macht Rennen mit sehr unterschiedlichen Fahrzeugklassen möglich.

Auch online wurde ordentlich nachgerüstet. Das Konstruieren eigener Rennen und Spaß-Events wurde schon erwähnt, die Clubs sind natürlich zurück - Playground lässt es so einfach aussehen, was war da nur los, Evolution Studios? -, somit einfache Rennen aller Art, und auch im Koop-Modus könnt ihr nun vage vergleichbar mit The Crew die Landschaft unsicher machen und eigene Events bestreiten. Es ist, als startete online noch mal ein neues Spiel, eines, das nicht nur die immer noch einzigartige Drivatar-Einbindung verinnerlicht hat, sondern den Mini-MMO-Gedanken seiner Vorgänger im Geiste von Unlimited bis Crew weiterverfolgt.

Was die PC-Version angeht: Aktuell ist sie noch nicht freigeschaltet, das soll aber in Kürze passieren, sodass ihr hier hoffentlich rechtzeitig zum Release noch ein zweites Review findet (das hoffentlich auch so positiv ausfällt...).

Mit der Drohne lassen sich auch gut andere Racer verfolgen. Und der Sonnenaufgang genießen.

Ich komme auf meine Einleitung zurück... und wenn ihr die gelesen habt, wisst ihr, was zu tun ist. Der Text hatte da ja wenig an negativen Überraschungen zu bieten: Spielt es! Spielt Forza Horizon 3. Es gibt nichts derzeit, was in dieser Liga mithalten kann oder überhaupt da ankam. Dieser Grad an technischer Perfektion in Kombination mit schierem, auf perfekten Kontrollen und intelligenter Spielgestaltung basierenden Spielspaß, das gehört Playground und Horizon immer noch ganz allein. Besser als Horizon 2? Ja, im Detail schon. Und das will was heißen. Vor allem aber online, wo noch mal deutlich mehr zu tun ist. Aber auch solo wird das Ding immer besser. Wünsche für das nächste Mal? Mehr Autos? Meh, fast 400 sind auch für Sammler eine solide Aufgabe. Größere Welt? Kann nie schaden, aber nur, wenn auch weiter jeder virtuelle Quadratmeter so gut aussieht. Mehr Abwechslung? Schwer vorstellbar, aber sicher, warum nicht.

Aber was soll das. Ich bin wunschlos glücklich für Tage durch Forza Horizon 3 gecruist, gerast, gesprungen, gedriftet und gecrasht. Ich werde das noch eine ganze Weile tun, nicht weniger glücklich. Und jetzt genug der Preisungen. Ihr müsst noch ein paar Tage warten, ich nicht. Deshalb gehe ich jetzt wieder Horizon 3 spielen, statt meine Zeit mit Wiederholungen zu vergeuden. In ein paar Tagen werdet ihr auch Forza Horizon 3 spielen und unser aller Leben wird besser sein.

Unsere Wertungsphilosophie

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

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