FIFA 17 - Test

Neue Engine, neue Probleme?

FIFA-Fans erinnern sich vermutlich ungern an die Current-Gen-Premiere der Reihe zurück. Mit FIFA 14 feierte die Ignite Engine ihre Premiere, allerdings tat sich EA Sports mit dem Wechsel schwer und einige Features blieben bis zum nächsten Jahr auf der Strecke. Und nun, drei Jahre später, folgt also ein weiterer Engine-Wechsel. Scheinbar hat man von damals gelernt, denn der Übergang zum bewährten Frostbite-Grundgerüst von DICE hat ziemlich reibungslos geklappt.

Von der neuen Engine profitiert FIFA 17 technisch in vielerlei Hinsicht. Es gibt neue Effekte, das Beleuchtungssystem ist realistischer und die Charaktermodelle detaillierter. Die Stadien selbst verändern sich hingegen nicht sonderlich und die Zuschauer fallen noch immer recht generisch aus, aber man spürt und sieht die Veränderungen zum Besseren sofort. Einflüsse auf die Performance hat das alles nicht, das Spiel läuft wie gewohnt mit einer soliden Bildrate. Es fühlt sich so an, als hätte man nie eine andere Engine verwendet.

Inhaltlich ist das große Aushängeschild in diesem Jahr "The Journey", ein brandneuer Einzelspielermodus. Hierfür nutzen die Entwickler die Vorzüge ihrer neuen Engine gleich voll aus und haben einen Story-Modus geschaffen - Zwischensequenzen und Dialogoptionen à la Mass Effect inklusive - , der nicht ganz so steif und trocken wirkt wie die normale Spielerlaufbahn im Karrieremodus.

Das Ziel eures Eckballs wählt ihr nun mit einer Markierung.

Im Mittelpunkt steht der Spieler Alex Hunter, mit dem ihr zuerst ein Elfmeterschießen in seiner Jugend bestreitet und einige Jahre später dann gemeinsam mit eurem Freund Gareth Walker vor den Scouts der englischen Premier League vorspielt, um einen Profivertrag zu erhalten. Vergleiche mit NBA 2K drängen sich nicht ohne Grund auf, wobei ihr in FIFA 17 euren Charakter nicht individuell anpassen könnt. Außerdem ist es kein vollwertiger Ersatz für den Karrieremodus, denn obwohl ihr in den Matches zwar nur Hunter selbst oder alternativ das ganze Team steuern könnt, liegt der Fokus doch einzig auf Hunter selbst und seiner Entwicklung.

Es fühlt sich ein bisschen wie ein interaktiver Sportfilm an, mit Höhepunkten und Tiefpunkten. Zwischendrin kümmert ihr euch um die Verbesserung von Hunters Fähigkeiten, indem ihr Trainingssessions absolviert, die den Skill-Spielen von FIFA 17 entsprechen, oder eben an Ligamatches teilnehmt. Je nachdem, wie gut eure Fähigkeiten sind, tut ihr das in der Startelf oder ihr werdet vielleicht später eingewechselt. Stück für Stück verbessert ihr so Hunters Talente und schaltet mit Skillpunkten neue Fähigkeiten frei, etwa besseres Passspiel oder mehr Ausdauer.

Allerdings beißt sich The Journey manchmal mit der interaktiven Natur des Mediums. Gewisse Geschehnisse in Hunters Karriere sind unabwendbar, egal wie gut ihr euch auf dem Platz schlagt. Auf andere Dinge hat eure Performance wiederum direkten Einfluss, etwa ob ihr in der Startelf steht oder nicht. Aber das ist kein Beinbruch für den Spielmodus, ihr arrangiert euch damit und im Endeffekt tragen diese Dinge ja ihren Teil zur Spannung in der Geschichte bei. Wenn es für Hunter nicht so läuft wie gedacht, fühlt ihr mit. Und ihr freut euch, wenn ihm der entscheidende Treffer in einem wichtigen Spiel gelingt - ob ihr diese Freude im anschließenden Interview dann cool, angeberisch oder neutral vermittelt, liegt an euch.

Auch die Elfmeter hat man etwas überarbeitet und sie laufen etwas anders ab als in den letzten Jahren.

Alles in allem funktioniert The Journey nämlich wirklich gut. Ich habe NBA beziehungsweise dessen Story-Modus nicht gespielt, daher war mir nicht klar, was mich hier nun erwarten würde. Aber schlussendlich hat mich The Journey doch positiv überrascht. Es ist vernünftig geschrieben, alles wird gut und meist glaubhaft rübergebracht und die Produktionswerte sind durchaus hoch - nichts daran wirkt billig oder undurchdacht. Natürlich mangelt es der Geschichte nicht an Klischees, ob nun bei der Story selbst oder den Charakteren,, aber das war wohl nicht anders zu erwarten. Nichtsdestotrotz erzeugt man ein gutes Mittendringefühl. Ihr fühlt euch als Teil der Mannschaft, interagiert kurz mit Starspielern oder freut euch, wenn euch zum Beispiel ein James Rodriguez nach einem Testspiel gegen Real Madrid lobt.

Wie schon gesagt ist The Journey kein Ersatz für irgendeinen anderen Spielmodus, es ist eine schöne Ergänzung, quasi ein interaktiver Sportfilm mit einigen fest vorgegebenen Wendungen. Wenn ihr lieber individuell einen eigenen Kicker erstellen wollt, könnt ihr das nach wie vor in der Spielerkarriere tun - nur eben ohne die hübsche Inszenierung. Gleichermaßen ist es ein guter Anfang für Neueinsteiger, denn durch die Trainingssessions, die ihr mit Hunter absolviert, lernt ihr auch mehr über das Spiel selbst, das sich wie immer sehr zugänglich präsentiert und euch keine Hürden in den Weg legt. Habt ihr The Journey absolviert, seid ihr definitiv bereit für den Rest.

Und das ist wie immer einiges. Karrieremodus, Turniere, Ultimate Team mit ein paar Neuerungen, zum Beispiel Herausforderungen, Skill-Spiele oder Online-Matches. Kurz: Alles ist da, wo ihr es erwartet. Was aber letzten Endes wirklich zählt, ist das Abschneiden auf dem Platz. EA Sports hat hier einen guten Mittelweg gefunden und zum Beispiel das Verhalten der Spieler ohne Ball noch weiter verbessert. Egal ob Mitspieler oder Gegner, sie sind aktiver auf dem Feld unterwegs und die Verteidiger versuchen euch das Leben schwer zu machen, wo sie nur können. Ballbesitz wird belohnt, außerdem solltet ihr möglichst das gesamte Spielfeld ausnutzen und eure Mitspieler einsetzen, dann öffnet sich irgendwann ein Weg für euch. Weder Offensive noch Defensive fühlen sich zu stark an.

Weiterhin fühlt sich das Gameplay in diesem Jahr physischer an. Spieler kämpfen härter um den Ball, drängen sich gegenseitig ab, blockieren euch im Strafraum oder irgendwo anders auf dem Spielfeld, damit ihr nicht an den Ball kommt, und versuchen euch vom Leder wegzuschieben. Ihr müsst viel mehr arbeiten, um im Ballbesitz zu kommen und das Spielgerät zu behalten, es nach vorne zu befördern und euch Torchancen zu erarbeiten. Leicht macht es euch euer Gegner dabei nicht, was an der schon angesprochenen, gesteigerten Aktivität abseits des Ballführenden liegt. Ihr könnt nicht in aller Ruhe mit dem Rund über das Spielfeld laufen, die Gegenspieler handeln aggressiv und werden es euch nicht kampflos überlassen.

Eure Gegner machen die Räume eng und ihr müsst euch mit Geschick bis zum Strafraum vorarbeiten.

Überhaupt stimmt die Balance. Das Spielgefühl ist gut und bislang konnte ich nicht die eine Methode ausmachen, um den gegnerischen Torwart immer zu überwinden. Die Schlussmänner sind ohne Frage stark, aber nicht übermächtig und definitiv schlagbar. Einige Änderungen wurden unterdessen an den Standardsituationen vorgenommen, insbesondere bei den Elfmetern und Eckbällen. Nachdem die Elfmeter jahrelang gleich blieben, lauft ihr nun mit dem linken Stick an, könnt dabei mit den Triggern verzögern oder sprinten und bis zur letzten Sekunde noch die Schussrichtung beeinflussen. Sogar die Anlaufposition des Spielers dürft ihr bestimmen, was sich auf die Wucht des Schusses auswirkt.

Beim Eckball bewegt ihr unterdessen eine Markierung im Strafraum umher, anschließend bestimmt ihr mit der Taste für die Flanken, ob der Ball in einer hohen oder niedrigen Flugkurve zur gewählten Position geschlagen wird. Präzise Hereingaben an den kurzen oder langen Pfosten, an den Elfmeterpunkt oder wohin auch immer ihr wollt sind damit möglich. Dann kommt es nur noch darauf an, die Flanke zu verwerten, was mit kopfballstarken Spielern verständlicherweise einfacher ist als mit anderen. Aber selbst hier hier spielt die Physis eine Rolle und ihr müsst euch erst mal gegen die Verteidiger durchsetzen.

Das Wichtigste dabei ist jedoch: FIFA 17 fühlt sich trotz allem noch immer wie FIFA an. Ob das für euch jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, nun, das müsst ihr selbst wissen. Es ist gleichermaßen für Einsteiger wie für Veteranen geeignet, wie immer findet EA Sports den richtigen Mittelweg zwischen Realismus und Arcade.

Ansonsten gibt es im Spiel nicht die großen Revolutionen, aber hier und da neue Features, zum Beispiel in der Karriere. Dort müsst ihr nun etwa kurz- und langfristige Ziele eines Klubs im Auge behalten, die sich natürlich je nach Team unterscheiden. Bei den Topmannschaften geht es dementsprechend darum, etwa die Champions League zu erreichen, andere Vereine sollen nicht absteigen, den Nachwuchs fördern oder den Markenwert steigern. Außerdem seht ihr detailliertere Infos zu den Finanzen eures Klubs. All das sind nette Ergänzungen, aber im Grunde verändert sich dadurch nicht viel. Manchmal ist bei den angestrebten Zielen zudem nicht ganz klar, wie ihr das nun genau erreichen sollt. Zum Beispiel sollt ihr zur Steigerung der Markenpräsenz in fünf aufeinanderfolgenden Spielen für eine Stadionauslastung von mindestens 85 Prozent sorgen. Wie genau? Ist unklar. Vermutlich durch erfolgreiches Spielen oder eine gute Platzierung, aber hier wirkt das alles etwas wenig durchdacht und undurchsichtig.

In diesem Jahr müsst ihr mehr um den Ball kämpfen, denn das Spiel ist physischer.

Im Ultimate-Team-Modus sind hingegen neue Herausforderungen hinzugekommen, die eure Fähigkeiten bei der Teamzusammenstellung auf die Probe stellen und neue Belohnungen in Aussicht stellen. Im Bereich FUT Champions erwarten euch wiederum tägliche Knockout-Turniere, Wochenend-Ligen und die Chance, euch für eines der Live-Events zum Spiel zu qualifizieren. Aber dafür ist viel Zeit und Arbeit mit eurem Ultimate Team nötig.

Alles in allem gibt sich FIFA 17 in diesem Jahr keine Blöße. Der Engine-Wechsel ist einwandfrei über die Bühne gegangen und das Spiel profitiert in technischer Hinsicht deutlich davon. Spielerisch und inhaltlich gibt es weitere Verbesserungen und Ergänzungen - vor allem der Story-Modus The Journey steht dabei im Mittelpunkt -, die ein schon sehr gutes Spiel nur noch besser machen. Mit dem Wechsel zu Frostbite hat man quasi den Grundstein für den Rest der Generation gelegt und auf The Journey darf man künftig ebenfalls gerne aufbauen. Es ist eine schöne, abwechslungsreiche Ergänzung, selbst wenn der Modus nicht den großen Wiederspielwert bietet. Davon abgesehen erwartet euch hier ein gewohnt sehr gutes, einsteigerfreundliches und mit zahlreichen Lizenzen vollgepacktes Fußballspiel, mit dem man wenig falsch machen kann.

Entwickler/Publisher: EA Sports/Electronic Arts - Erscheint für: PC, PlayStation 4, Xbox One, PS3, Xbox 360 - Preis: ca. 53 bis 70 Euro - Erscheint am: 27. September 2016 - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Ja (Ultimate-Team-Modus)

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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