Mafia 3 - Test

Ach ja, damals, 1968. Als Black Sam Fisher New Orleans übernahm.

Tote Welt, untote KI, Open World ohne Sandbox, Geschichten ohne Inspiration. Die traurige Geschichte einer verpassten Chance.

Oh bitte, bitte, lass' sie das nicht in den Sand setzen. Lass' sie mehr daraus machen als nur ein GTA mit 60s-Look. Die Südstaaten der USA sind viel zu selten ein Setting. 1968 ist eines der spannendsten Umbruchsjahre, eines, das den Weg der USA neu ausrichtete und dessen Kultur-Kämpfe bis heute andauern. Es ist ein Jahr, das viele Trump-Anhänger zurückdrehen möchten, unterzeichnete Präsident Johnson doch den Civil Rights Act. Martin Luther King wurde Wochen zuvor erschossen, Robert Kennedy ein paar Monate. Johnson bestimmte, dass alle Regierungs-Computer ASCII beherrschen müssen. Der Vietnam-Krieg erlebte eine seiner heißesten Phasen. Die Counterculture-Bewegung des Summer of Love trifft auf viel Widerstand. Die Black Panther trugen es mit dem FBI aus und zogen den Kürzeren, aber die zivile Bürgerrechtsbewegung nahm in diesem Jahr langsam Fahrt auf. Umso spannender also, dass man in Mafia 3 nun einen schwarzen Vietnam-Rückkehrer spielt, mitten im Sumpf des Verbrechens und all dieser großen und kleinen Umwälzungen in ausgerechnet diesem ganz eigenen Teil dieses gewaltigen Landes. Bitte, bitte, lass' sie ein ganz eigenes, starkes Szenario entfalten, das all dem gerecht wird. Bitte.

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Revolutionäre Zeiten, aber größtenteils nur in der Deko.

Nun.... Natürlich haben sie es nicht geschafft. Wer von euch das Spiel schon im Laufwerk hatte, der weiß das. Statt eine lebendige Umgebung voller Augenblicke zu inszenieren oder eine einmalige, starke Handlung abzuspulen, machten sie genau das, was ich anfangs befürchtete: Es ist ein mittelmäßiger GTA-Klon. Das klingt jetzt vielleicht niederschmetternd, aber so ist es drei Jahre nach GTA V auch gemeint. Sicher, viele der genannten Ereignisse werden irgendwo mal kurz aufgegriffen, manche ein wenig mehr eingebunden, aber am Ende spult Mafia 3 eine beliebige Crime- und Gangster-Story durch. Etwas, was bei Scorsese auf dem Tisch lag und dann als Kaffeetassenuntersetzer endete.

Es ist nicht so, dass das Spiel es nicht versuchen würde. Selbst wenn viele Schnitte und Übergänge durch - zum Glück nicht zu lange - Ladezeiten verhunzt wurden, man probiert schon mit Rückblenden, verschiedenen Erzählern und epischer Einsortierung das Ganze groß wirken zu lassen. Das klappt auch für ein Weilchen, aber es läuft sich zu schnell zu Tode. Denn so sehr sie es auch versuchen, ein Tony Montana wird Lincoln Clay, eure Hauptfigur, sicher nicht. Die üblichen Dialoge, die man zigmal gehört hat, die üblichen Klischees, die man zigmal erschossen hat. Einzig die Einbindung einiger Figuren aus der Vergangenheit der Serie ist ein kleiner Lichtblick für Fans, aber mit wenigen Ausnahmen war es das auch.

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Es gibt immer wieder Ausblicke, die zeigen, was die Engine kann. Meistens grau in grau, aber manchmal eben auch so.

Selbst die Missionen wollen ganz groß sein, aber sie sind nicht präzise und elegant. Es wirkt wie Heat/Scarface-Fan-Fiction in den 60ern. Da sind Autofahrten, Bootsjagden und viele, viele Schießereien - zumindest scheinen letztere so angedacht, aber dazu später mehr - in allen nur denkbaren Umgebungen, aber wieder: Keine wirklich interessante Mission, an die man sich auch nur zwei Wochen nach dem Spiel noch erinnern wird. Von wegen zwei Wochen, ich kann mich jetzt schon kaum noch an was erinnern. Bei GTA 5 fallen mir ein Dutzend Sachen ein, an ein paar Mafia-2-Dinge kann ich mich nach Jahren noch lose erinnern. Mafia 3? Ähhh, hab' ich glaube ich gespielt... Vielleicht.

Es gibt die guten Momente. Meistens in den Szenen, bei denen man merkt, dass sie den Entwicklern wichtig waren. Das wären eine Handvoll ambitioniert und gekonnt umgesetzter Schlüsselmomente in Zwischenszenen, die nicht zuletzt dank hervorragend eingesetzter Musik der Ära im Gedächtnis bleiben und ein paar Szenen, in denen man die offene Welt als Spieler mit Gewalt in Richtung Sandbox zwingt. Mein eigener Moment war das Pandämonium, das ich auslöste, als in mit einem verrissenen Handbremsendrift direkt in eine Gruppe kaffeetrinkender Polizisten vor einer Wache rauschte. War nicht so gemeint, endete in einem surrealen Shootout auf der Kreuzung, als mein Auto demoliert wie es war, keine 20 schaffte und wegkroch, verfolgt von einer wütenden Horde Cops. Aber das ist so selten in dieser sterilen Umgebung, dass ihr es wirklich mit allen Mitteln erzwingen müsst, wollt ihr die Welt von Mafia 3 auch nur für ein paar Sekunden aus ihrem Trott reißen.

Ein Hauch von Sandbox, wenn man die falsche Kurve nicht kriegt. Leider nicht im Video (Damn you, Xbox-Recording!): Im sehr langsamen Rückwärtsgang lockte ich 20 Polizisten über Kilometer durch die Stadt.

Aber sonst? Mission 1: Gehe dahin und töte den. Mission 2: gehe dahin und töte den. Mission 3: Siehe Mission 1 und 2. Es gibt Versuche, das aufzuweichen. Zum einen, weil ihr viele nicht töten müsst, sondern rekrutieren könnt. Das spielt aber keine Rolle für die Figuren, nur für das Bankkonto. Ein Kill bringt direkt ein paar traurige Dollar, eine Rekrutierung eine Anzahlung auf ein paar Boni. Mit Entscheidungen und Konsequenzen hat das alles nichts zu tun, auch wenn es so tut.

Die dünne Substanz der allermeisten Missionen ist nicht mal das Problem. 90 Prozent aller guten Shooter lassen sich so beschreiben und die spielen wir gern. Das Deckungssystem funktioniert auch ordentlich, das Waffenfeedback reicht von geht so bis hervorragend, aber da gab es schon schlimmere Spiele. Wenn die KI nur nicht so dermaßen, unsagbar, absurd dämlich wäre. In jedem Kampfbereich scheint es ein Dutzend Punkte zu geben, an die die Feinde laufen wollen, um euch zu beschießen. Es ist ihnen egal, dass an diesen schon ein halbes Dutzend Leichen liegt, sie rennen dahin, in der vagen Hoffnung, dass sie derjenige sind, der mehr Glück hat. Manchmal ist das auch der Fall, weil ihr nicht viele Treffer aushaltet, aber die meiste Zeit vergrößern sie nur den Stapel, weil ihr hinter einer halbwegs brauchbaren Deckung hockt und gelangweilt wartet, bis der nächste sich zeigt.

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Die Open World von New Bordeaux versteht sich weitestgehend als Müllkippe für Sammelitems. Immerhin dürft ihr im Playboy mit Zoomfunktion blättern. Die ich hier nutzte, um es angemessen prüde zu halten.

Noch besser wird es, wenn ihr auf Stealth spielt. Sam Fisher ist nichts gegen Lincoln Clay. Ihr habt eine Detektiv-Sicht, die die meisten Feinde zuverlässig anzeigt, selbst durch Wände hindurch. Ihr könnt in Deckung lauern und Pfeifen. Selbst wenn vier Wachen zusammenstehen, wird nur eine loslaufen und gucken. Die erledigt ihr leise. Dann pfeift ihr wieder. Ihr müsst euch nicht mal die Mühe machen, die Leiche des ersten zu verstecken, was eigentlich möglich wäre. Sein anrückender Kumpel wird niemanden warnen. Vielleicht die Waffe ziehen, aber davon hat er nichts, denn wenn er sich eurer Deckung nähert, wird er auch erledigt. Und er wird das tun. Immer. Jedes Mal. Egal wie viele Wachen zusammenstanden, egal wie groß der Leichenberg neben dieser einen, verdächtig herumstehenden Kiste auch sein mag, sie kommen brav von eurem Pfiff angelockt herbeigewandert und laufen direkt in ihr Schicksal.

Nach ein paar Missionen hatte ich diese Technik perfektioniert. Deckung suchen. Pfeifen, bis alle erledigt sind. Näher ran an die nächste Gruppe. Pfeifen. Und so weiter. Mit Ausnahme der wenigen Szenen, wo das Spiel eine Schießerei forciert, habe ich den Rest des Spiels als Solid Snake Lincoln zugebracht und die Verlässlichkeit der dümmsten KI seit langer, langer Zeit war spektakulär. Es war ein wenig wie der Film The Equalizer. Das Böse hatte einfach keine Chance. Keine. Mit dem Unterschied, dass das für zwei Stunden ganz nett war, für 25 Stunden in einem Spiel wurde es recht schnell dröge.

Ebenfalls aus einer frühen Mission stammt der beste Physik-Bug aus den Aufnahmen: Ein leichter Stupser reicht schon, um das Boot fliegen zu lassen. Insgesamt gehört die Fahrzeugphysik aber zu den Stärken des Spiels.

Leider hat die Welt von Mafia 3 wenig in Bezug auf alternative Unterhaltungsmöglichkeiten zu bieten. Ihr habt ein paar exotische Sammelobjekte wie zum Beispiel Dutzende historisch wertvolle Playboy-Ausgaben zum Durchblättern. Ja, es gibt in jeder davon Oben-Ohne-Bildchen - mit Zoom-Funktion, aber die ist natürlich nur dafür da, um besser die Interviews lesen zu können. Aber sonst? Ihr schaltet Telefonverteiler frei, als wären es nervige Ubi-Towers, für die ihr auch noch zufällig verteilte Reparatur-Materialien suchen müsst. Das zeigt euch dann nicht viel, denn die wenigen Zusatzmissionen sind noch dröger als die Hauptkapitel. Alles dreht sich dabei um die sehr oberflächliche Wirtschaft der Stadtübernahme durch euch. Als wäre das Open-World-Crime-Spiel gerade erst erfunden worden, arbeitet ihr euch Viertel für Viertel durch und schaltet so neue Waffen und Ausrüstung frei, die dank der übermächtigen Stealth-Fertigkeiten eh keine große Rolle spielen. Mafia 3 gibt euch einfach keinen großen Anreiz etwas zu tun, weil es Spaß macht, sondern einfach nur, weil es ja weitergehen muss.

Und diese Momente, in denen man gefühlt stundenlang durch ein GTA oder Watchdogs cruisen kann, weil die Welt einfach so dermaßen gut und lebendig aussieht? Ja, es gibt sie. Erst einmal, weil die Steuerung der Autos sehr gut umgesetzt wurde - versucht auf jeden Fall die "Simulation"-Steuerung, sie fühlt sich deutlich besser an -, aber auch, weil immer mal wieder Details einer faszinierenden Ära mit Liebe umgesetzt wurden und die Engine in zehn Prozent der Fälle in der Lage ist, sie richtig gut aussehen zu lassen. Den Rest der Zeit wirkt alles irgendwie wie ein Spiel aus der letzten Generation, mitunter fast aus der Zeit gefallen. Aber immer mal wieder wird man für all die Tristesse belohnt, die nichts mit den zig wundervollen Concept-Artworks gemeinhaben, die euch die Ladenzeiten verschönern.

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Die Kämpfe sind nicht schlecht inszeniert, wenn man mal außen vorlässt, dass dies die dümmste KI in einem AAA-Titel seit wahrscheinlich einem Jahrzehnt sein dürfte.

Rein technisch ist Mafia 3 okay, aber auch nicht mehr. Getestet wurde auf Xbox und etwas länger angespielt auf PC. Auf der Box stürzte es ein halbes Dutzend Mal sang und klanglos ab, aber nie in einer Mission und verloren ging außer ein oder zwei Minuten, um wieder reinzukommen, auch nichts. Es gab immer wieder kleine, manchmal auch sehr lustige, Glitches, die in Open-World-Spielen, die nicht GTA V sind, nun mal vorkommen, kleine Bugs hier und da, wenn ein Trigger nicht sofort funktioniert, aber das war alles nichts, was das Spiel unspielbar gemacht hätte oder auch nur ernsthaft beeinträchtigt hätte. Auf dem PC sah es mit sehr hohen Einstellungen auf einem frischen i5 mit einer 970 GTX in 1080p etwas besser aus und lief auch nahe an den 30 Frames. Mal etwas mehr, mal etwas weniger, die Xbox hatte dagegen immer damit zu kämpfen, die 30 zu erreichen und scheiterte meist. Auf dem PC ist Reflektionen ausschalten übrigens eine gute Variante, um an essentielle Frames ohne große visuelle Verluste zu kommen. Abstürze gab es hier in den gespielten fünf Stunden auch zwei, aber wie bei der Xbox war ich in einer Minute wieder im Spiel, nichts Wichtiges war verloren. Sollte nicht sein, war aber kein Drama.

Es gibt nicht nur Killer Bugs - auch wenn dieser sich trotzdem als tödlich entpuppte: Diese Clowngruppe in einer frühen Mission war sicher nicht so gedacht.

Um es aber wirklich positiv ausklingen zu lassen: Der Einsatz von Musik ist fantastisch. Sowohl der bewusste in bestimmten Szenen als auch zufällige Einspielungen aus dem Radio. Die späten 60er waren eine musikalisch reiche, vor Kreativität nur so strotzende Ära und praktisch alles wird aufgegriffen. Vom White Rabbit über Paint it Black und Steppenwolf wird zwar auch viel Billionen Mal gespieltes genommen, aber diese Songs sind eben nicht ohne Grund Kulturgüter, die in der richtigen Szene Wunder wirken. Außerdem, zu den Klängen der Beach Boys in das Hinterzimmer einer Münzwäscherei zu schleichen, um einen Playboy zu klauen... Ja, Mafia 3 hat seine Momente.

Das ist auch die Kernaussage zu dem Spiel: Mafia 3 hat seine Momente. Leider nicht so viele, sie liegen weit auseinander und dazwischen gibt es viele, viele uninspirierte Missionen, die von einer praktisch nicht vorhandenen KI und komplett aus dem Ruder gelaufenen Stealth-Übermacht torpediert werden. Die generelle, wenn auch nur in Ansätzen genutzte Ära der späten 60er rettet dabei unglaublich viel und war auch der Grund, warum ich das Spiel zumindest mit gewisser Freude an der Sache bis zum Ende bringen konnte. Aber im Grunde war es ein schwerer Rückfall in die Anfangszeit der Open World, nur ohne den spaßigen Sandbox-Faktor, den ein Saints Row in seinen goldenen Momenten zaubert. Dafür ist die Welt von Mafia 3 viel zu starr, mehr noch als selbst ein Watchdogs. Und dass sie nicht mal annähernd so gut aussieht, wie die älteren Vertreter in dieser Generation spricht auch nicht gerade für Mafia 3. Es ist ein Spiel, das man spielen kann. Warum nicht. Ist okay. Hat viele Macken. Tut nicht zu sehr weh. Kam und ging. Wenn ich auch nur ein einzelnes Jota Enthusiasmus aufbringen könnte, um euch das Spiel ans Herz zu legen, hätte ich mich nach den Credits allerdings besser gefühlt.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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