Der Story-Modus enttäuscht, die Showcases passé, aber der Universe-Modus holt alles wieder raus: Baut euch die WWE, wie ihr sie haben woll

Man lernt ja jeden Tag dazu. Ich hätte es nie gedacht, aber seit ich WWE 17 spielte, habe ich einen neugefundenen Respekt für die Schreiber einer guten Wrestling-Trashtalk-Runde. Ihr wisst schon, wenn sich zwei überzüchtete Muskelberge die wildesten verbalen Dinge an den Kopf schmeißen, bevor sie anfangen, sich wild Dinge an den Kopf zu schmeißen. Das scheint gar nicht so einfach zu sein. Immerhin hat man wohl für das Wrestling-Franchise der Spielewelt schlechthin - und so ziemlich das einzige überhaupt - wohl niemanden gefunden, der das kann.

Die Texte, die euch WWE 17 vorsetzt, lösen ungefähr das aus, was unsere Eltern empfunden haben müssen, als sie dann und wann des Familienfriedens halber gezwungen waren, mal eine Runde Wrestling mitzugucken. Einfach nur schlimm. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es alles nur Text-Boxen sind. In einem 2016er Spiel. Vielleicht muss es ein Testosteron-Monster schreien, damit es wirkt. So oder so, das Drumherum des "Story"-Modus ist praktisch unerträglich. Wenn das aber nur das einzige Problem des Karriere-Modus wäre. Erst einmal dürfen bei der Karriere nur Männer mitmachen, was man als Faulheit oder Mad-Men-Referenz interpretieren darf, wie man denn möchte. Leider wird einem aber auch noch hier und da ein generischer Tag-Partner an die Seite gestellt und damit der Anfang einer Laufbahn von Inkompetenz gezeichnet bleibt, egal wie gut der Spieler sein mag, übernimmt diese Rolle der KI-Buddy. Mit Wonne, wie es scheint.

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Der Editor lässt durchaus lustige Typen zu, die mehr Charakter haben, als 90 Prozent der heutigen Wrestler. Igor, zum Beispiel, Dragos freundlicher Halbbruder. Das Promotion-System ist auch nett gedacht und durchaus innovativ, aber die Schreiber sind schlechter als alles was RAW treibt und die sind schon nicht gut, wenn sie gut sind.

Die ersten, langen, fast unerträglichen Stunden steht ihr mit jemandem im Ring, der offensichtlich schon ein paar Kämpfe zu viel hinter sich hat. Es ist schmerzhaft. Es zieht sich. Immer die gleichen Kämpfe gegen No-Names, Spielwoche um Spielwoche. Ein echter WWE-Star zu werden ist sicher harte, oft monotone Arbeit. Aber das will ich sicher nicht spielen. Irgendwann wird es minimal besser, aber der Grind ist immer da und da die Geschichte trotz gewisser Wahlmöglichkeiten nie so richtig spannend wird, vergesst diesen Modus einfach.

Das ist auch kein Problem, denn es geht gleich und ohne Vorwarnung ins andere Qualitätsextrem. Jede Energie, die in die Entwicklung des Karriere-Modus geflossen ist, hätte man noch zusätzlich in den umwerfenden Universe-Modus investieren sollen, der sich am einfachsten als eine Art Manager-Modus zum Mitspielen beschreiben lässt. Hier dürft ihr euch mehr oder weniger eure eigene Wrestling-Welt bauen. Ihr wählt die Stars, die Arenen, mixt die Setups und Details der Kämpfer und Schauplätze und lasst Wrestling so sein, wie ihr es haben wollt. Die Fehden, die Shows, die Aufstellungen - es ist, als würdet ihr über euer eigenes, gar nicht so kleines Wrestling-Imperium herrschen und es macht einfach Spaß. Ihr dürft sogar drei Universen basteln, denn so viele Speicherstände gibt es.

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Universe lässt wunderbare Nostalgie zu. Ihr könnt sogar einen VHS-Videofilter dazuschalten. Fantastischer Modus durch und durch.

Die Präsentation von Universe ist ebenfalls tadellos, es würde schließlich keinen Spaß machen, all das zusammenzustellen, und dann nichts davon zu sehen. Jeder Kampf bekommt sein eigenes TV-Intro, das ihr mal auf Retro-90-Wrestling trimmen könnt oder doch lieber zeitgemäß oder alles zusammen. Ihr habt eine große Auswahl an Samples und die perfekte Show zu mixen, macht mehr Spaß als der ganze Karriere-Modus. Dessen Spaßbefreitheit übrigens dank des Universe Modus komplett zu verschmerzen ist. Hier könnt ihr so viel Zeit reinstecken und Freude dran haben, ihr braucht die Karriere nie anzuklicken und WWE 2K17 wäre immer noch ein umfangreiches Spiel.

Die Manager mischen mit, so gut sie können. Hier zieht er den Schiedsrichter raus, um noch ein paar Extra-Sekunden zu schinden. Half aber nicht.

All das wäre ohne gute Action im Ring nicht viel wert und auch hier gibt es Licht und Schatten. Das Spiel reagiert ein wenig schneller au die Eingaben im letzten Jahr. Die Bewegungen, solange die Kämpfer auf den Beinen sind, sind tadellos. Die alte Engine wurde ein wenig poliert - wer auf eine neue hoffte, muss weiterhoffen - und Gewicht und Größe der einzelnen Kämpfer werden gut und spürbar in den Stickbewegungen umgesetzt. Schläge, Tritte, Moves aller Art, alles funktioniert ohne Probleme und auch der Aufwand, sich in einen Kämpfer und seine Spezialtäten und sein Momentum einzuspielen, hält sich soweit in Grenzen, dass ihr immer wieder und gerne mal einen anderen versucht und auch mit ihm schnell zu Erfolgen kommt. Reversals haben ein etwas großzügigeres Timing, womit ihr leichter die Kontrolle behalten könnt und wenn alles andere versagt hat, dürft ihr sogar die Jubelei des siegreichen Gegners stören, um das Rematch schon mal in den richtigen Kontext zu setzen. Sehr gut gelang die überarbeitete Rausroll-Mechanik, die euch gerade in Matches mit vier oder mehr Kämpfern wichtige Sekunden zum Durchatmen geben kann. Sich im richtigen Moment, zum Beispiel nachdem man einen vernichtenden Treffer kassiert hat, schnell mal für ein paar Sekunden verabschieden zu können, während der Partner die Gegner genug beschäftigt, bis man wieder auf den Beinen ist, wurde zu einer sehr viel wichtigeren Komponente als zuvor.

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Bei der Gestaltung des WWE-Universe könnt ihr bis ins kleinste Detail der einzelnen Kämpfer gehen.

Der Einsatz von "Waffen" ist eine Freude und davon gibt es nie zu wenige außerhalb des Rings, den ihr auch schon mal für ein paar Schläge etwas weiter verlasst, wenn ihr das Manager-Büro zerlegt oder euch in der Zuschauermasse gegenseitig auseinandernehmt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das nach wie vor sehr auf Taktik und Geduld ausgelegte Ausdauer-System zu euren Gunsten zu verschieben, indem ihr euch mal für ein paar Sekunden Ruhe extra davonrollt und liegenbleibt, bevor ihr das Comeback startet. Es ist eines der besseren Wrestling-Systeme in der Geschichte des Genres, auch wenn es zu den anstrengenderen gehört. Aber eine echte Schwachstelle hat es sich bewahrt.

Submissions waren schon in den Vorjahren ein echtes Problem, indem das Minispiel, das dafür nötig war, viel zu undurchsichtig zu handhaben war, während die KI damit - oh Wunder - nie Probleme zu haben schien. Statt dieses Gurken-System einfach über Bord zu werfen, entschloss man sich scheinbar es zu retten. Leider. Es gab Feintuning, das ist unübersehbar und es funktioniert besser als zuletzt, aber gut ist was Anderes. Die ganze Idee der Taktik dabei scheint nicht schlecht, aber in der Ausführung ungeeignet. Es gibt allerdings eine Alternative im Optionsmenü, indem man statt der Art Taktik-System mit dem Kreis einen Button-Mashing-Wettbewerb startet. Habt ihr jemanden im Griff, müsst ihr schnell die angezeigten Buttons hämmern. Je ausgepowerter der Gegner ist, desto leichter wird es euch fallen, den Kreis zu füllen. Ein frischer Gegner jedoch wird sich schnell befreien und am Ende des Tages halte ich für das weit bessere, wenn auch primitivere System. Nicht ideal, aber da kann man mit arbeiten.

In anderen Bereichen ist es das sicher. 136 Kämpfer sind direkt dabei, ein weiteres Dutzend oder so als DLC verfügbar - wobei mir unklar ist, wer bitte Geld für Albert ausgeben möchte, wenn Klassiker wie Bret Hart, die bereits verstorbenen Andre the Giant oder Randy Savage gleich dabei sind, Real-Life-Psychopathen wie Sting und der Ultimate Warrior inklusive. Die große Auswahl über die Jahrzehnte hinweg lässt einen den Showcase-Modus wirklich vermissen, der ersatzlos über Bord ging. Das Nachspielen großer Ereignisse gehörte eigentlich immer irgendwie dazu, die liebevolle Präsentation in dem Modus war immer eine Stärke von WWE und diesmal fehlt es halt einfach. Sicher, vieles lässt sich in Universe irgendwie auch zusammenbasteln, aber die Bequemlichkeit verlangt nach dem fertigen Material an das sie gewöhnt war.

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Die besten Momente finden wie auch im richtigen Wrestling oft neben dem Ring statt.

Im Online-Multiplayer gab es erstaunlich wenig Probleme. Das dürfte auch an der eh eher gemütlichen Art des Sports liegen, dass ein WWE kaum mit Lags zu kämpfen hat. Aber auch so lief alles tadellos und Spieler ließen sich auch finden, selbst hier in unserem nicht ganz so Wrestling-affinen Land. Der Rest der Technik dürfte niemanden vom Hocker reißen. Die Inszenierung ist solide, Ring und Umgebung vorzeigbar, die Wrestler selbst haben ihren Action-Figuren-Charme in der Bewegung leider immer noch nicht ganz abgelegt und sehen trotzdem durchaus gut gestaltet aus. Der Soundtrack ist gut, die Qualität der Samples sowieso. Es ist eines dieser Spiele, dass sich keine echte Blöße in der Technik leistet, mich aber auch kein einziges Mal "Wow!" sagen ließ.

Nachdem ich nach ein paar Stunden im gut gemeinten aber unsäglich trägen Karriere-Modus WWE 2K17 fast schon abgeschrieben hatte, kam es mit dem Universe-Modus zurück wie Shawn Michaels 2002 und blieb danach auch fast so lange. Mit ebenfalls ein paar kleinen Pausen. Die eigenen Shows zusammenzubasteln und dann zu erleben, ist eine Art Erfüllung von Kindheitsphantasien und das Spiel lässt euch lange Zeit glücklich in diesem Testosteron-Buddelkasten toben. Dabei hilft die - auch ohne DLC - gewaltige Anzahl an Wrestlern und die Vielzahl an Setpieces, die es euch erlaubt, genau die Matches zu inszenieren, die es eben nie gab. Das tröstet auch ein gutes Stück über die fehlenden Showcases hinweg. Als reines Gesamtpaket hat sich WWE 2K17 nichts vorzuwerfen. Seine Probleme liegen nach wie vor in der Engine. Die Kämpfer bewegen sich immer noch zu roboterhaft, keines der beiden Submission-Systeme scheint ideal gelöst und leider sind diese beiden Dinge über das ganze Spiel hinweg essentielle Bestandteile, die man immer vor Augen hat. In Sachen Submission darf man sich übrigens gern was von EAs UFC und UFC Undisputed 3 abgucken. Am Ende des Tages lässt es sich aber damit leben. Gut so. Ist ja nicht so, dass man losgehen und ein anderes Wrestling-Spiel kaufen könnte...

Entwickler/Publisher: Yuke's / 2K - Erscheint für: PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Sprache: Deutsch, Englisch - Mikrotransaktionen: Ja (teilweise aber auch mit Ingame-Währung erspielbar)

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

Defender, Ringe, 1W6+4, NCC-1701, 8086, Ultima, Cid, SEGA, like tears in rain, B. Guardian, nicht Silmarillion, F. Mercury, PC-Player, Arena, id, Mage, LiveLink, Eurogamer, Chefredakteur...

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