Nintendo Classic Mini: Nintendo Entertainment System - Test

Retro auf Raten… könnte nötig sein, wenn ihr es genau jetzt kauft.

Das vorletzte Woche erschienene Nintendo Classic Mini (fortan Mini-NES) ist eine runde Sache, falls ihr das Glück hattet, in der vorherrschenden Knappheit ein Gerät abzubekommen. Natürlich ist es auch eine runde Sache, wenn ihr (noch) keines habt, aber das müssen wir ja niemanden wissen lassen, und "Leckt mich doch" geht leichter über die enttäuscht zur Schippe geformten Lippen als "Wow, das ist die beste und originalgetreueste NES-Emulation, die ich je gesehen habe". Denn genau das ist es.

Bleiben wir vorerst bei den Leerausgegangenen und heitern sie damit auf, dass das Kabel des mitgelieferten und schwer nach Baugleichheit aussehenden NES-Pads mit 75 Zentimetern viel zu kurz ausfällt. Zumal sich dank der von der Wiimote-Unterseite bekannten Schnittstelle kein Original-Controller benutzen lässt. Was umgekehrt bedeutet, dass man ihn auch für NES-Spiele auf Wii und Wii U einspannen kann. Einzeln nachkaufbar sind sie, derzeit aber zu ähnlich absurd im Verhältnis stehenden Mondpreisen wie für die vergriffene Konsole an sich. Einige Anbieter haben außerdem passende Adapter für die damaligen Pads im Sortiment. Falls ihr mit jemand anderem spielen wollt, Dr. Mario oder so. Vier-Spieler-Sachen sind in den 30 vorinstallierten Titeln (Auflistung siehe Kasten links) ohnehin nicht enthalten, daher seid ihr mit zwei Pads auf der sicheren Seite.

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Um hier mal die Verhältnisse anhand des Original-NES und des Nintendo 3DS XL aufzuzeigen: So wenig Platz braucht die Miniausgabe. HDMI- und Mini-USB-Kabel für die Stromversorgung liegen bei. Ein Adapter für die Steckdose fehlt allerdings, falls ihr den Betrieb fernab einer USB-Buchse plant.

Aufgrund des knappen Kabels liegt nie mehr als eine Armlänge zwischen euch und der per Mini-USB stromgespeisten Basisstation. Die in den Ausmaßen einer prankenhaften Handfläche und im Gewicht übrigens so verschüchtert daherkommt (12 Zentimeter Breite, 75 Gramm), dass mit hartem Kunststoff ummantelte, stramme HDMI-Kabel sie direkt beiseiteschieben. Wenn man das Ding nicht irgendwo festklemmt. Oder wenn einem derlei Zeug einfach so egal ist wie 69 in geschriebener Form. Es wirkt fast etwas zerbrechlich, aber der Transport irgendwohin war nie einfacher. Ich würde sogar behaupten, dicke Hosentaschen in sehr groß geratenen Hosen kämen mit dem Verstauen klar. Idealerweise setzt ihr, sofern dafür keine umständlichen Umbauarbeiten nötig sind, auf ein langes HDMI-Anschlusskabel in Richtung Fernseher und stellt das Mini-NES in eure Nähe. So seid ihr auch nah dran am Reset-Knopf, der einzigen Neustartmöglichkeit, da man nach Beginn eines Spiels per Tastendruck nicht mehr zurück ins Menü des Betriebssystems gelangt.

Geht es ans Eingemachte, bis runter auf die rohe Emulationsqualität, kann man dem Mini-NES keinen Vorwurf machen. Das hier ist wirklich so, als klemme man ein nach 30 Jahren noch funktionierendes Originalgerät an den Fernseher, und das nicht wegen der verschiedenen Bildmodi. Eigentlich gibt es an dieser Front keine Optionen. Ein Modus imitiert den Look archaischer Röhrenmonitore - aber leider keine simplen Scanlines, die sonst jeder Emulator kennt -, der andere die Originalauflösung. Nicht mal das Angebot im Nintendo-eigenen E-Shop bewegt sich mit so inniger Nähe zur Vorlage, was Farbpalette und Performance angeht. Sogar die Ruckler in Kirby's Adventure und Metroid oder gelegentliches Sprite-Flackern in Gradius finden sich hier wieder, wenn auch mit minimalen Abweichungen zum Original. Einzig der Input-Lag heutiger Fernseher kommt dem Ganzen selbst im Gaming-Modus manchmal ein wenig in die Quere. Nehmen wir den Endkampf in Punch-Out, durch Intuition und Kenntnis durchaus zu gewinnen, aber nie so hundertprozentig auf Kurs. Das liegt auch an einem Sound-Lag von ein paar Sekundenbruchteilen, was nicht viel, aber merklich ist. Wenn der Schlag eben erst minimal nach dem Auftreffen mit dem akustischen Signal quittiert wird, ist das nicht ideal.

Ein riesiger Vorteil in unseren Breitengraden ist die 60-Hz-Funktionalität der Spiele. Für die drei Leute, die es noch nie gehört haben, oder die Massen dazugekommener junger Spieler, seitdem das ein Thema war: Früher liefen PAL-Spiele in 50Hz und US- und Japan-Spiele in 60Hz. Leider machte sich kaum jemand die Mühe, mal eines der Spiele anzupassen, also liefen sie hier knappe 20 Prozent langsamer. Das Mini-NES hat dieses Problem nicht, alle 30 Spiele laufen, wie sie gedacht waren.

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Von Bubble Bobble bis Star Tropics und Zelda könnt ihr viele der alten Schinken spielen, als wären die Neunziger nie vergangen. Nur die Fernseher haben sich doch ein wenig verändert.

Hardware-seitig hat ein guter Freund von mir in einem Video (unterhalb zu sehen) prima herausgearbeitet, was das Mini-NES unter der Haube hat. Um es vorwegzunehmen: zu viel für den ihm gegebenen Zweck der Emulation alter Kamellen. Drin stecken ein Vierkernprozessor, 256 MB RAM und 500 MB Flash-Speicher für Betriebssystem und die 30 Spiele. Minderwertigeres war wohl nicht (mehr) in den benötigten Stückzahlen zu bekommen. Das Ding könnte vermutlich auch N64- oder sogar Wii-Material anstandslos wiedergeben, abgesehen davon, dass der Speicherplatz in dem Fall etwas eng geriete. Was hoffentlich bedeutet, dass Nintendo die SNES- und N64-Classic-Ausgaben schon in der Hinterhand und für einen baldigen Release eingetaktet hat.

Das Mini-NES kommt dem ihm angedachten Dienst nach - Spiele wiedergeben -, nicht mehr. Wir haben ein geschlossenes System, nirgendwo lässt sich was mit Internet einstellen oder anschließen, es gibt keine Updates oder Firmwares. Nur 30 Spiele, deren Auswahl man so abnicken kann, ungeachtet der persönlichen Lieblinge, die hier fehlen mögen. Rare-Sachen sind wegen des für Xbox One erhältlichen Rare Replay (Test) aus dem Rennen, gegen Banana Prince oder Battle of Olympus hätte ich garantiert nichts gehabt, und ob Balloon Fight und Simon's Quest unbedingt nötig gewesen wären, darüber lässt sich streiten.

Dennoch erlebt man eine schöne Rückfahrt in beständigere Konsolenzeiten, als noch nichts ver-onlinet und "Plug and Play" dummes Gewäsch war, weil man es nicht anders kannte. Es ging nur darum, wie man Helmethead in Zelda 2 den Schädel knackt oder endlich die Ufo-Sequenz in Dr. Mario zu Gesicht bekommt, wo man die Flöten in Mario 3 findet oder in Metroid... ähem... irgendwas findet. An den Speichersystemen der sich für heutige Verhältnisse mitunter harsch im Schwierigkeitsgrad vergreifenden Spiele hat sich nichts geändert. Nintendo zieht einigen seiner Bestien nur ein paar der schlimmsten Zähne, indem sie euch ähnlich wie bei Virtual-Console-Titeln vier Speicherpunkte via Menü anlegen lassen. Egal an welcher Stelle und vollkommen freiwillig, mitten im Bosskampf, wenn es hilft.

Wer sich in Zelda 2 klassisch durchbeißen und nach jedem Game-over erneut zum Herz des Dungeons kämpfen möchte, kann das tun. Das händische Anlegen eines Speicherstands erfordert leider die Rückkehr ins Betriebsmenü und damit einen Reset des Geräts. Was durch den Boot-Vorgang von der Dauer eines Augenaufschlags ebenso rasch abgesessen ist wie ein Spielstart: in ungefähr einer Sekunde, plus/minus hundert Prozent.

(Sebastian Thor)

New vs. Old: Mini-NES oder doch lieber nur NES?

Für 80 Euro ist auch meine Einschätzung der Lage eindeutig: Das Mini-NES ist ein ultraniedliches Gimmick der "Haben wollen! SOFORT!"-Sorte. Das ist wohl auch das Problem, denn der aktuelle Preis der ganz offensichtlich etwas zu niedrig angesetzten Produktionsmenge liegt bei sagenhaften 250 Euro mit einem zweiten Controller. Für das Geld? Never!

Aber überhaupt, nachdem Sebastian festgestellt hat, dass es niemanden enttäuschen sollte, der einfach nur 30 Klassiker schnell mal anschließen, spielen will und das alles eben nicht in einer Emulator-Box haben möchte - oder sich nicht mit diesem Thema befassen will, aus welchen Gründen auch immer. Ich gebe zu, ich bin da ein wenig gestört, für mich ist auch die Faszination der alten Technik immer dabei und deshalb muss ich einfach gucken, wie sich das Mini-NES gegen das Original schlägt.

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Das 'echte' NES liefert nach diversen mehr oder weniger umständlichen Handgriffen die beste NES-Erfahrung, die man bekommen kann. Die Miniausgabe ist immerhin so nah dran wie möglich. Gute Arbeit, Nintendo.

Der erste Faktor ist natürlich der Preis. Sicher, für 250 Euro kriegt man ein neuwertiges NES in der Box und auch 30 Spiele - wenn auch nicht alle der 30 Mini-NES-Titel - ohne Probleme. Für 80 Euro wird das schon schwieriger, das kostet allein die Konsole im guten Zustand mit zwei Pads. Die eigentlichen Probleme beginnen beim Anschluss. Das alte NES war noch auf RF ausgelegt, bestenfalls Composite, für RGB muss man erst mal umbauen (lassen). Schließt man es dann direkt, selbst mit einem guten RGB-Umbau, direkt an den TV an - wenn dieser heute überhaupt noch einen SCART-Eingang haben sollte -, sieht das Bild wie Pixelgrütze aus. Also muss ein Scaler her und die aktuell preiswerteste Variante ist der XRGB-Mini-Framemeister, der mal eben mit um die 300 Euro zu Buche schlägt. Weiterhin ist es wichtig, eine NTSC-, also US- oder Japan-Konsole, zu kaufen, um die 60Hz zu haben. Dazu kommen natürlich die Spiele aus der Region. Die Spiele sind in der Regel etwas günstiger, die Versandkosten etwas höher. Und viel Aufwand ist das alles eh.

Habt ihr dann alles beisammen, das US-NES am japanischen Scaler mit einem UK-Kabel an einem in Deutschland gekauften TV, ist die Globalisierung abgeschlossen und das Bild... etwas besser? Ich würde sagen "authentischer". Es hat dieses gewisse Etwas, dieses "Es ist echt", während das fehlerfreie Bild des Mini-NES künstlicher wirkt. Was die Emulation selbst angeht, liegt das Mini-NES wie oben gesagt weit vorn, Fehler und Macken der Spiele inklusive, wie es sein muss. Das Mini gibt 720p maximal aus, das Original 240p - US-Version - oder bis zu 1080p mit entsprechendem Scaler. Was beides heutzutage ein kleines Problem ist, da 4K-TVs sich beides noch mal im eigenen Framebuffer vornehmen müssen, was dann doppelten Mini-Lag bedeuten kann.

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Als Zelda noch freier im Aufbau war. Hiermit fing alles an und wenn Breath of the Wild nächstes Jahr erscheint (falls...), geht es zumindest ein Stück weit hierher zurück.

Hängt das alte NES am XRGB-Mini, bringt es einen minimalen Lag extra ins Spiel - wie alle bezahlbaren und eigentlich auch unbezahlbaren Scaler, die ihren Framebuffer für irgendwas nutzen. Das werden die meisten nicht bemerken, ich muss mich schon echt drauf konzentrieren, aber er ist da, wenn auch immer noch etwas weniger als beim Mini im Endergebnis. Auch fehlt natürlich der Sound-Lag des Mini beim Original und die Spielereien, die ihr mit der Bildqualität anstellen könnt, sind bei dem teuren XRG-Mini viel ausgefeilter als bei den Optionen des Mini. Ich liebe solche Optionsflut und mir ist es wichtig, vor allem die Scanlines, die dem Mini komplett abgehen. Wer einfach nur spielen will, der braucht das nicht. Das Original-Pad spielt sich etwas netter, wobei das wirklich rein subjektiv ist, und das Handhaben der Module ist natürlich Retro-Erotik pur.

Also ja, wenn Geld keine Rolle spielt und ein gewisser Retro-Snobismus vorhanden ist, dann, und nur dann, würde ich sagen, ihr solltet zum Original greifen. Für normale Menschen dagegen ist das Mini-NES eine wunderbare Alternative, um wahrscheinlich wieder nach Weihnachten für relativ kleines Geld ganz große Spiele auf den modernen Screen zu bringen.

(Martin Woger)

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Über den Autor:

Sebastian Thor

Sebastian Thor

Redakteur - Eurogamer.de

Steht auf Bier und Bloodsport. Mag weiche Sofas und verliert sich gern in Gedanken an dies und das. Seit 2014 bei Eurogamer dabei. Nervt seine Kollegen mit Satzzeichen und solchen Dingen. Kümmert sich um das wundervolle Rock, Paper, Shotgun, und das solltet ihr ebenfalls.

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