Selber, Spiegel, deine Mutter: Oh...Sir!! The Insult Simulator

Heute schon einen Fremden mit Klasse und Stil beleidigt?

Manchmal sehne ich mich zurück nach den Beleidigungsspielchen aus meiner Kindheit. Als Beleidigungen noch nicht so richtig ausgesprochen wurden, um anderen seelische Schmerzen zuzufügen, sondern vielmehr ein Wettbewerb waren. Darum, wer am besten beleidigt, am schnellsten und am schlagfertigsten. Du bist doof, nein, deine Mutter, Spiegel, also deine Mutter, Superspiegel, Doppelspiegel! Jetzt endlich gibt es ein Spiel, dass meine Erinnerungen aufwärmt und zurückbringt. Es heißt Oh...Sir! The Insult Simulator und es macht vor allem Spaß, wenn man wildfremde Menschen aus dem Internet beleidigt.

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Deine Tante mag Satan.

Glücklicherweise lässt dieses Spiel keine Tastatureingaben zu, es funktioniert über einzelne Textbausteine. Die werden am Anfang jeder Partie zufällig ausgewählt. Die beiden Spieler müssen dann daraus jeweils eine Beleidigung zusammenstückeln, wobei sie sich gegenseitig auch Textfetzen wegnehmen können. Wie bei einem guten Prügelspiel gibt es dabei verschiedene Figuren, die neben den Standard-Beleidigungen auch eigene Textbausteine zur Verfügung haben. Außerdem haben sie spezifische Schwächen - der eine wird nicht gern darauf angesprochen, dass er im Alter den Anschluss an die aktuelle Technik verloren hat, der andere hatte hat Familienprobleme, die nächste hat popkulturelle Wissenslücken und weiß nicht, was Star Wars ist. Darauf gemünzte Beleidigungen funktionieren dann besonders gut und verursachen mehr Schaden. Denn natürlich hat jede Figur auch sowas wie eine mentale Lebensenergie. Sinkt diese auf null, ist er echt gekränkt und der andere hat gewonnen.

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Beleidigungen gegen James-Bond-Schauspieler - in Großbritannien schwierig.

Nun kann man Oh...Sir! The Insult Simulator gegen den Computer spielen und neue Figuren freischalten. Das fühlt sich dann ein bisschen an wie die Beleidigungsduelle aus Monkey Island. Viel schöner ist es aber wirklich, sich mit anderen zu messen. Dafür gibt es ein simples Match-Making-System, das jedem Spieler binnen kürzester Zeit einen passenden Gegner zuweist. Und, ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist gut, dass es hier keine Möglichkeit gibt, zu kommunizieren, von den beleidigenden Satzbausteinen mal abgesehen. Denn tatsächlich werden beim Beleidigungssimulator böse Geschichten über Mütter, Väter, jüngere Schwestern und Geliebte ausgetauscht. Beispielsweise darüber, dass diejenigen beispielsweise Satan lieben und Papageien hassen. Was nun wirklich keine besonders tollen Charaktereigenschaften sind.

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Neue Beleidiger lassen sich freischalten, sind aber nicht zwingend nötig.

Oh...Sir! The Insult Simulator ist so etwas wie ein Kanal für die üblichen Internet-Beleidigungen, die sich ansonsten wild ihren Weg durch die Landschaft fressen. Während man sich bei jedem Call-of-Duty-Match immer noch von 15-Jährigen sagen lassen muss, was die gern mit irgendwelchen Familienangehörigen machen wollen und während man bei jedem DOTA-Match erst einmal standardmäßig als Kacknoob beschimpft wird, schafft der Insult Simulator es eben doch, diesen Konflikt auf ein zivilisiertes Niveau zu heben - ein Niveau aus besseren Tagen gewissermaßen, so wie ein Laserschwert im Verhältnis zu einem ordinären Blaster. (Versteht man natürlich nur, wenn man Star Wars kennt. Haha, du hast ja keine Ahnung!) Unterstützt wird das durch das britische Unterstatement der Spielfiguren, die fröhlich ihren Tee schlürfen und im Zweifel auch mit großer Ehre ihre Niederlage eingestehen - anstatt deine Mutter zu beschimpfen.

Fast ähnlich wie bei Journey fühle ich mich nach so einem Aufeinandertreffen als würde ich meinem Gegenüber gerne mal die Hand schütteln und mich für das nette Spiel bedanken. Das geht natürlich nicht. Kontrahenten aus dem Insult Simulator werden für immer Unbekannte bleiben. Wir haben es hier mit einer anonymen Community zu tun, die sich gern gegenseitig Mutter-Witze an den Kopf wirft. So gesehen fühlt sich das alles schon wieder ein bisschen schmutzig an, wie ein Swinger-Club für Mutter-Humor. Igitt.

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Beleidigungen gegen Gott - online und mit Stalins Suspensorium.

Weitergespielt habe ich trotzdem. Oh...Sir! The Insult Simulator lässt sich toll mit einer Hand an der Maus nebenher spielen, während man gleichzeitig YouTube-Videos guckt oder einen Tatort oder einen schlechten Film oder Anne Will. Der Insult Simulator ist das bessere Kawashima-Gehirnjogging, denn es verlangt gute Beleidigungen. Nachdenken ist angesagt. Gegen welche Beleidigung ist der Gegner empfindlich, was könnte ihn jetzt gerade besonders hart treffen? Zweimal was Böses über seinen Bruder? Kombo! Das Spiel enthält eine rudimentäre KI, die beschließt, wann eine Beleidigung sinnvoll oder lustig ist und wann nicht und je nachdem gibt's eben mehr oder weniger Punkte. Ich gebe meinen Geist gern in die Hand dieser KI. Die wird schon wissen, was richtig ist. Sicher besser als deine Mutter. Sir!

Oh Sir...!! The Insult Simulator ist nur in Englisch zu haben, wird aller Wahrscheinlichkeit nach nie übersetzt werden und erfordert zumindest gehobene Kenntnisse dieser Sprache.

Entwickler/Publisher: Vile Monarch / Gambiitious- Erscheint für: PC, iOS, Android - Preis: ca. 2 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: Englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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