Die Ausgestoßene - Aloy in Horizon Zero Dawn

Gedanken über die Ausblicke auf eine fremde Welt - Teil 3.

Dies ist der dritte Artikel unserer Reihe, in der Science-Fiction-Autorin und Kolumnistin Claudia Kern (Geek!-Magazin, Homo Sapiens 404) über die postapokalyptische Welt von Horizon Zero Dawn und ihre Bewohner spekuliert. Wie es dazu kam? Wir haben uns einfach gefragt, was man über ein Spiel sagen kann, über das herzlich wenig bekannt ist. Dazu dann jemanden gefragt, der sich mit ins Fantastische gehenden Gedanken häufiger beschäftigt. Und das ist das Ergebnis. Ob es was mit dem Spiel zu tun hat? Hey, Zufallstreffer sind möglich. Aber das Konzept ist eigentlich, nur die Screenshots zu sehen und dann eine Art Reverse Engineering des Storytellings zu betreiben. Und manchmal fragt man sich schon: Was war zuerst da? Das Artwork oder der Gedanke für die Geschichte dahinter?

So oder so, nicht zu viel drüber nachdenken (oder gerade doch), viel Spaß damit!

Die Welt von Horizon Zero Dawn ist gefährlich, rätselhaft und fremd. Um sich in ihr zurechtzufinden, brauchen wir eine Person, die sich dort auskennt und uns durch sie führen kann.

Diese Person ist Aloy.

In gewisser Weise ist sie ebenso rätselhaft wie die Welt, in die sie hineingeboren wurde. Sie gehört zum Stamm der Nora, einem Volk aus Jägern und Sammlern, das in einer skandinavisch anmutenden, wilden und rauen Landschaft lebt. Die Nora selbst sprechen vom "heiligen Land".

Aloy ist bei ihnen nicht willkommen. Man verstößt sie kurz nach ihrer Geburt und verbannt sie in die Wildnis außerhalb der Siedlung. Dort wird sie von Rost, einem erfahrenen Jäger, der ebenfalls als Ausgestoßener lebt, aufgezogen.

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Rost behandelt Aloy wie eine Tochter.

Rost bringt ihr alles bei, was sie zum Überleben braucht - vor allem Bogenschießen und Spurensuchen -, doch über ihre Herkunft schweigt auch er sich aus. Aloy weiß nicht, wer ihre Eltern sind und ob sie noch leben. Sie weiß auch nicht, ob sie zum Stamm der Nora gehörten und vielleicht wegen eines schweren Vergehens verbannt wurden. Dann hätten sie ihr Neugeborenes vielleicht zurückgelassen, weil sie wussten, dass es in der Wildnis keine Chance haben würde. Und die Nora besaßen nicht die Herzlosigkeit, das Kind zu töten, aber in ihrer Siedlung wollten sie es auch nicht dulden. Also brachten sie es zu Rost.

Die Verbannung aus der Gemeinschaft war und ist in vielen Kulturen eine gängige Bestrafung. Im antiken Athen traf sie häufig in Ungnade gefallene Politiker und Militärs, die teilweise zehn Jahre und mehr außerhalb der Stadt verbringen mussten. Noch im 18. Jahrhundert verschiffte man in Großbritannien zahlreiche Menschen nach Australien, Man glaubte, es gäbe eine kriminelle Klasse, die man nur loswerden müsse, damit der Rest der Gesellschaft in einem Paradies ohne Verbrechen leben könne.

Im Vergleich dazu fällt Aloys Verbannung relativ harmlos aus. Die Dorfbewohner wollen zwar nichts mit ihr zu tun haben, schaffen aber Bedingungen, die es ihr ermöglichen, außerhalb der Siedlung zu überleben. Weshalb Rost ihr Schicksal teilen muss, lässt sich nicht sagen. Wir wissen nur, dass er Aloy aufnimmt, als ihm das von den Matriarchinnen, die den Stamm beherrschen, befohlen wird.

Und so wächst Aloy bei ihm auf. Er kümmert sich wie ein Vater um sie, aber eine harmonische Kindheit verlebt Aloy trotzdem nicht. Die Dorfbewohner meiden sie, Rost und sie dürfen bestimmte Bereiche der Siedlung nicht betreten, Fragen nach ihren Eltern und ihrer Herkunft werden von allen ignoriert. Selbst Menschen, die ihnen eigentlich freundlich gesonnen sind, meiden den Kontakt zu ihnen, um sich nicht selbst eines Vergehens schuldig zu machen.

Aloy ist ein einsames Kind. Sie wächst ohne Spielkameraden und ohne eigene Familie auf. Die sozialen Strukturen, in die normalerweise jedes Kind eingebettet ist, fehlen ihr. Rost ist ihre einzige Bezugsperson, ihr Vater, ihr bester Freund, das einzige Vorbild, dem sie nacheifern kann.

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Aloy widmet sich wie Rost der Jagd.

Man kann sich vorstellen, wie sie nachts in ihrem Bett liegt und darüber nachdenkt, warum sie vom Stamm verbannt wurde und dieses Leben führen muss. Wo sind ihre Eltern? Was haben sie getan? Und mit welchem Makel ist sie selbst behaftet, dass niemand sich mit ihr auseinandersetzen will und sie von fast allen gemieden wird?

Sie merkt schon früh, dass die meisten Menschen im Gegensatz zu ihr die Maschinen als übernatürliche Gefahren betrachten, als etwas Fremdes, dem man besser aus dem Weg geht. Selbst die wenigen Jäger, die es wagen, sich den Maschinen zu stellen, wissen nicht wirklich, was sie da eigentlich bekämpfen.

Bei Aloy ist das anders. Sie scheint beinahe instinktiv die Technik, auf der die Maschinen basieren, zu verstehen, so als habe man ihr dieses Wissen in die Wiege gelegt. So ist es kein Wunder, dass es sie immer wieder in die Wildnis hinaus zieht. Ihr Stamm lehnt sie zwar ab, aber da draußen interessiert es niemanden, woher sie kommt und was ihre Eltern möglicherweise getan haben. Es zählt nur das, was sie kann. Und wie jeder gute Jäger hat auch sie Respekt vor ihrem Gegner. In einem Trailer entschuldigt sie sich sogar bei einem Watcher, den sie töten muss, um ein anderes Tier zähmen zu können. Dass sie ihn aber trotzdem tötet, zeigt eine der Charaktereigenschaften, die sie sich beim Leben in der Wildnis angeeignet hat: Pragmatismus.

Soweit wir wissen, beherrscht Aloy als erster Mensch in dieser Welt die Override-Fähigkeit. Dadurch kann sie Maschinen zähmen und sogar auf ihnen reiten. Doch je mehr sie über die Technik der Maschinen lernt, desto stärker wird sie von ihrem Stamm abgelehnt, was sie wiederum tiefer in die Wildnis treibt, wo sie nur noch mehr lernt. Es ist ein Teufelskreis, den auch Rost nicht durchbrechen kann. Zu groß ist Aloys Neugier, zu stark der Drang nach Erfolgserlebnissen, die ihr überall sonst verwehrt werden.

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Aloy versucht, eine Maschine zu zähmen.

Doch es gibt auch Hoffnung für Aloy. Sie soll sich bei einem heiligen Ritual, das "The Proving" genannt wird, beweisen. Die Matriarchinnen haben ihr versprochen, ihr danach etwas zu geben, was bei der Suche nach ihren Eltern helfen wird.

Ob dieses Ritual stattfindet, ist nach dem letzten Trailer ungewiss. Da sieht man, wie ein Massaker an den Nora verübt wird - und zwar von Menschen, nicht etwa von Maschinen. Maskierte Männer überfallen die Siedlung und bringen zahlreiche Bewohner um. Die Überlebenden resignieren und hoffen auf die Gnade der Göttin. Nur Aloy drängt darauf, zu handeln. Eine der Matriarchinnen gibt ihr schließlich die Erlaubnis, das heilige Land zu verlassen. Aloy zieht in die Welt hinaus, um herauszufinden, woher die maskierten Männer kamen - und mit ein wenig Glück, wird sie dabei auch das Rätsel ihrer eigenen Herkunft lösen.

Dass Aloy ohne zu zögern bereit ist, ihre Heimat zu verlassen und damit auch alles, was sie kennt, beweist auf der einen Seite, wie unabhängig sie ist, und auf der anderen, wie sehr sie sich danach sehnt, ihre Identität zu finden. Die Heimat ist dort, wo das Herz ist, sagt ein englisches Sprichwort. Und wenn das stimmt, dann lässt Aloy außer Rost nicht allzu viel zurück.

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Aus der Heimat in die Fremde.

Aber es ist nicht Verbitterung, die sie aus ihrer Heimat treibt. Sie will dem Stamm, der nie sonderlich viel für sie getan, sondern sie im Gegenteil verachtet und ignoriert hat, helfen. Diese Hilfsbereitschaft prägt sie ebenso sehr wie ihr Pragmatismus, ihre Unabhängigkeit und ihre Hartnäckigkeit. Das stellt sie im Verlauf der Handlung in zahlreichen Sidequests unter Beweis. Aloy weist niemanden ab, der sich in seiner Verzweiflung an sie wendet. Sie ist unter widrigen Umständen aufgewachsen und weiß, wie es ist, wenn einem niemand hilft. Sie kann sich in andere hineinversetzen, denen es ähnlich geht. Sie möchte ihnen zeigen, dass nicht alles schlecht ist, dass es jemanden gibt, der sich um sie kümmert. Das sagte Chefautor John Gonzales in einem Interview.

Natürlich soll Aloys Hilfsbereitschaft auch uns als Spieler motivieren, sich auf die Sidequests einzulassen und die Welt zu erkunden. Wir sehen die Welt durch Aloys Augen. Was sie berührt, berührt auch uns.

Dazu gehört, wie Aloy in die Vorstellung passt, die wir uns bisher von der Welt gemacht haben. Dass sie eine zentrale Rolle in ihr spielt, ist klar, schließlich ist sie die Protagonistin. Aber welche?

In den ersten beiden Artikeln hatten wir uns zuerst mit dem Rückfall der Menschheit in eine neue Steinzeit beschäftigt und dann mit dem gleichzeitig stattfindenden Aufstieg der Maschinen. Dabei stellte ich unter anderem die Theorie auf, dass diese Maschinen von hoch entwickelten, irgendwo im Verborgenen lebenden Menschen gesteuert werden. Und das seit Jahrhunderten.

Ich stelle mir eine alte militärische Anlage vor, vielleicht in einem ausgehöhlten Berg, von außen nicht zu erkennen, von innen riesig und hoch technisiert. Es leben dort nicht viele Leute - höchstens hundert, wahrscheinlich weniger. Eliten bleiben gerne unter sich und so wurden nur wenige dort aufgenommen, als die alte Welt zusammenbrach.

Im Vergleich zu den Menschen außerhalb des Bunkers lebt es sich dort luxuriös. Es gibt Gewächshäuser, in denen unter Kunstlicht Gemüse, Obst und Getreide gezogen wird. Die Energieversorgung erfolgt über Solaranlagen und Atomkraft. Shellwalker bringen Relikte aus der Vergangenheit und andere Ressourcen und Kuriositäten in die Basis.

Die Atemluft, die von außen zugeführt wird, muss ständig gereinigt werden, da die Basisbewohner durch ihre jahrhundertelange, selbst gewählte Isolation anfällig für Krankheitserreger geworden sind.

Aber nicht alle dort sind mit ihrem Leben zufrieden. Sie sehen die Welt da draußen durch ihre Monitore und durch die Maschinen, die sie als Avatare benutzen. Aber sie können nicht selbst an dieser Welt teilnehmen. Bei zweien von ihnen, einem Mann und einer Frau, wird die Sehnsucht nach Freiheit immer größer. Eigentlich dürften sie einen solchen Drang gar nicht verspüren, da ihre Gene an das Leben in der Basis angepasst wurden. Die Menschen dort sind hochintelligent und besitzen ein natürliches Talent zur Steuerung der Maschinen. Die Enge der Basis macht ihnen nichts aus. Die Welt da draußen betrachten sie wie einen Versuchsaufbau, nüchtern und ohne jede Sentimentalität. Sie verbringen ihre Zeit damit, den "Plan" voranzutreiben, der sie alle zusammengebracht hat. Eine maschinelle Schöpfung soll an die Stelle der biologischen Evolution treten und eine neue Welt erschaffen. Auf die in ihren Augen primitiven Menschen, die in einer zunehmend feindselig werdenden Welt um ihr Leben kämpfen müssen, sehen sie herab. Sie sind ein Auslaufmodell.

Doch der Mann und die Frau sind anders. Sie beschäftigen sich immer mehr mit der Welt da draußen und stellen zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass sie anfangen, die Menschen, die darin leben, zu mögen.

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Wer sich auf die neue Welt einlässt, kann Schönes entdecken.

Als die Frau schwanger wird, bereitet man auch ihr Kind auf das Leben in der Basis vor. Unter anderem stattet man den Embryo mit einem Talent aus, das ihm den Umgang mit Technik erleichtern wird. Die Frau und der Mann geben den Traum auf, die Basis zu verlassen und die Welt nicht nur durch einen Bildschirm zu erkunden. Für eine schwangere Frau ist es dort draußen zu gefährlich, selbst mit Atemmaske und anderen Schutzvorrichtungen.

Aber dann erfahren sie etwas, das sie in eine Krise stürzt. Die Herrscher der Basis - die Elite der Elite - wollen eine neue Phase des Plans einleiten. Ohne Wissen der meisten Bewohner haben sie einen Stamm kontaktiert, den sie nun nach und nach dazu bringen wollen, die Maschinen anzubeten und ihren Willen zu erfüllen. Gleichzeitig wollen sie eine neue Maschine, den sogenannten "Corruptor" konstruieren. Der soll mit einem Virus andere Maschinen unter seine Kontrolle bringen. So wollen die Herrscher der Basis die Menschen endgültig ausrotten.

Sie glauben, dass die anderen Bewohner zu weich geworden sind und das eigentliche Ziel aus den Augen verloren haben. Sie sind keine Beobachter, sie sind Schöpfer. Und für die neue Schöpfung muss die alte weichen.

Der Mann und die Frau flehen sie an, noch einmal darüber nachzudenken, doch das vergeblich. Sie werden verhöhnt und sogar bedroht.

Nun müssen sie sich zwischen ihrer eigenen Sicherheit und dem Schicksal der Menschen da draußen entscheiden. Das fällt ihnen nicht leicht, aber sie beschließen, sich ihrer Verantwortung zu stellen, denn nur wegen ihnen, den Basisbewohnern, leben die Menschen in dieser primitiven Welt. Sie beruhigen sich damit, dass sie die sichere Basis ja nur kurz verlassen müssen, um die Menschen zu warnen. Als Ziel haben sie eine große, relativ zivilisierte Stadt ausgewählt, in der Hoffnung, dass deren Bewohner ihnen eher glauben werden als die primitivere Landbevölkerung.

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Ein mögliches Ziel der beiden Basisbewohner.

Heimlich wollen sie nachts die Basis verlassen, doch dabei werden sie bemerkt. Was als kurzer Ausflug geplant war, wird zur Flucht. Die Herrscher der Basis betrachten ihre Tat als Verrat und schicken Maschinen los, um sie gefangen zu nehmen oder, wenn nötig, zu töten. Die Maschinen treiben sie von der Stadt weg und in die Wildnis hinein. Monatelang verstecken sich der Mann und die Frau vor den Maschinen, geplagt von Hunger, Kälte und Krankheit. Schließlich landen sie in einer kargen Berglandschaft. Dort gebärt die Frau in einer Höhle ihr Kind. Da sie sich zuerst von der Geburt erholen muss, können die beiden mit dem Neugeborenen nicht sofort weiterziehen. Und so kommt es, wie es kommen muss. Sie werden von einer Maschine angegriffen. Bei dem Kampf kommt der Mann ums Leben, die Frau wird tödlich verletzt. Zwei Jäger vom Stamm der Nora beobachten das alles heimlich. Nach der Zerstörung der Maschine versuchen sie, der sterbenden Frau zu helfen. Die ringt ihnen das Versprechen ab, ihre neugeborene Tochter in ihr Dorf mitzunehmen.

Die Jäger halten ihr Versprechen. Doch als sie den Matriarchinnen im Dorf von dem Kampf erzählen und von den Fremden, die dabei gestorben sind, werden die nervös. Menschen, die sich auf eine so ungewöhnliche Weise gegen Maschinen zur Wehr setzen, müssen übersinnliche Fähigkeiten haben. Das macht sie und damit auch ihr Kind gefährlich, denn solche Fähigkeiten widersprechen der natürlichen Ordnung der Dinge und könnten die Göttin erzürnen. Und doch hat sie die Jäger zu diesem Kind geführt. Die Matriarchinnen wissen nicht, wie sie den Willen der Göttin interpretieren sollen. Also entscheiden sie sich zu einem Kompromiss. Sie werden das Kind nicht töten oder einfach in der Wildnis aussetzen, sondern es weit genug vom Dorf aufwachsen lassen, damit es keinen Schaden anrichten kann.

Sie bringen es zu einem anderen Ausgestoßenen, dem Jäger Rost. Auch ihm wird nachgesagt, er habe sich mit übernatürlichen Kräften eingelassen. Anscheinend hat er versucht, mehr über die Maschinen zu erfahren. Deshalb muss er außerhalb des Dorfs leben, darf aber gegerbte Häute und Fleisch mit dem Stamm gegen andere Dinge tauschen. Die Matriarchinnen befehlen ihm, das Kind aufzuziehen. Wenn er sich weigert, wird man ihm auch dieses Privileg nehmen.

Rost lässt sich zähneknirschend darauf ein. Doch schon bald erkennt er, wie ungewöhnlich das Kind ist, das man ihm anvertraut hat. Er versucht, dessen Fähigkeiten vor den Dorfbewohnern geheim zu halten, doch das gelingt ihm nicht immer.

Währenddessen sucht man in der Basis weiter nach dem Mann und der Frau. Die Maschine wurde zerstört, bevor sie den Standort der beiden durchgeben konnte. Jahrelang finden sie keine Spur von ihnen, doch dann hört einer ihrer Spione, das in einem Dorf ein Mädchen leben soll, das Maschinen zähmen und ihrem Willen unterwerfen kann. Die Herrscher der Basis schicken den Stamm, der die Maschinen anbetet, los, um das Mädchen zu töten. Es stellt eine zu große Gefahr dar.

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Was verbirgt sich hinter den Holzmasken?

Die Maschinen sind nicht nur wegen ihrer Größe und ihrer Kampfeskraft die unangefochtenen Herrscher der Welt, sondern auch, weil die Menschen sie als etwas Übernatürliches betrachten und es kaum wagen, sich gegen sie aufzulehnen. Sollte es Aloy gelingen, ihre Fähigkeiten an andere weiterzugeben, würde sie diesen Eindruck zerstören. Die Menschen würden die Maschinen nicht länger als Ungeheuer betrachten, sondern als Werkzeuge und Waffen. Und die könnte man auch gegen ihre Erfinder einsetzen. Das ist das Schreckensszenario, das die Herrscher der Basis heraufbeschwören: Wilde Horden, die angeführt von Aloy auf Maschinen der Basis entgegen preschen. Thunderjaws, Tallnecks, Stormbringer, Watcher ... sie alle stehen unter ihrem Kommando und fallen über die Basis her wie einst die Barbaren über Rom. Sie reißen die Bergflanke auf: Menschen laufen mit dem Schwert in der Hand durch die Gänge, plündern, zerstören, töten, bis auch der letzte Rest der Zivilisation vernichtet ist. Die Basis wird zu einer von vielen Ruinen. Pflanzen überwuchern sie, bis sie schließlich unter ihnen verschwindet.

Aber nicht jeder in der Basis lässt sich davon einschüchtern. Die gnadenlose Jagd auf Aloys Eltern hat einige schockiert. Sie haben sich kurz nach deren Flucht zu einer kleinen Gruppe zusammengeschlossen. Über die Jahre hinweg wachsen ihre Zweifel an der Richtigkeit des Plans und der Weisheit der Basisherrscher. Die gehen zunehmend drakonischer gegen Abweichler vor, die sie als Häretiker beschimpfen.

Dabei hatten sie oder ihre Vorfahren einst gute Absichten, auch wenn sie diese etwas drastisch durchsetzen wollten. Sie hatten erkannt, welche gewaltigen Gefahren Überbevölkerung und Massenaussterben bargen. Sie wollten eine reine, gesunde Welt erschaffen, deshalb löschten sie einen Großteil der Menschheit aus und erschufen die Maschinen. Die Artenvielfalt war so stark zurückgegangen, dass es Millionen von Jahren gedauert hatte, bis durch biologische Evolution eine neue entstanden wäre.

So lange wollten sie nicht warten. Eine mechanische und digitale Schöpfung sollte an ihre Stelle treten: schnell, effizient und mit einer aus dem Verborgenen erfolgenden Steuerung. Die neuen Herrscher der Welt nannten sich zwar nicht Götter, aber insgeheim fühlten sie sich so.

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Und nun handeln sie dementsprechend. Jeder Widerstand gegen sie wird als Widerstand gegen den Plan dargestellt, jeder Zweifel als Wunsch, die alte Welt wiederauferstehen zu lassen. Und alle wissen ja, wohin die schließlich geführt hat.

Nach und nach werden aus Abweichlern Verschwörer. Doch erst, als sie von Aloy erfahren, nimmt ihr eigener Plan Gestalt an. Aloy - wenn man dem Namen nur ein "l" hinzufügt, wird daraus "Alloy", das englische Wort für eine Legierung oder ein Gemisch. Im übertragenen Sinne stellt Aloy genau das dar. Sie verbindet dank ihrer Herkunft die alte, technisierte Welt mit der neuen, primitiven. Durch sie könnten sich beide Seiten die Hände reichen und eine Zivilisation aufbauen, in der Menschen der Vergangenheit, die der Gegenwart und die Maschinen friedlich koexistieren.

Doch um das zu erreichen, müssen die Verschwörer Aloy unterstützen und sich gegen ihr eigenes Volk stellen. Und Aloy muss sich ihrer einzigartigen Position bewusst werden - und der Macht, die damit verbunden ist.

Aber dank ihres ungewöhnlichen Lebens und ihrer Eigenschaften ist sie darauf bestens vorbereitet. Und wenn es ihr gelingt, diese neue, junge und gleichzeitig alte Welt zu erschaffen, dann werden die Opfer, die sie und ihre Eltern gebracht haben, nicht umsonst gewesen sein.

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Über den Autor:

Claudia Kern

Claudia Kern

Freier Redakteur

Claudia Kern sah Star Trek mit vier, Dawn of the Dead mit zwölf und Mad Max mit vierzehn. Sie vergeigte ihre erste Anglistikklausur, weil sie die Nacht zuvor Starcraft spielen musste. Zum Schreiben kam sie durch die Bastei-Serien Professor Zamorra und Maddrax. Während sie einen Druiden in World of Warcraft auf Level 100 brachte, schaffte sie es irgendwie, eine Fantasy-Trilogie, zwei historische Romane und den SF-Vierteiler Homo Sapiens 404 zu schreiben, in dem endlich drei Dinge zusammen kamen, die eigentlich schon immer zusammen gehörten: Aliens, Zombies, Internet.

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