Nioh bedient sich nicht ein wenig bei Dark Souls,...

... es greift mit beiden Händen voll zu.

Es gibt dieses Jahr kein Dark Souls? Kein Problem. Spielt Nioh. Es ist Darks Souls. Mit Ninjas und Samurais. Fertig, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Ernsthaft, dieses Spiel gehört zu der raren Königsklasse der Dreisten, die einfach jede Mechanik, die ein Vorbild hat, hemmungslos kopieren. Sicher, man kann argumentieren, dass ganz große Innovation selten ist und fast alle Spiele auf die eine oder andere Weise auf anderen Spielen basieren. Aber dahin braucht man sich gar nicht zu strecken, wenn es um Nioh geht. Dieses Spiel nimmt sich Dark Souls und stülpt es sich über. Sicher, ich glaube durchaus, wenn Team Ninja sagt, dass die Konzeption vor 12 oder so Jahren anfing, lange bevor Dark Souls erschien. Aber ich bin mir auch sicher, dass es ein weiteres Ninja Gaiden werden sollte. Als das nirgendwohin führte, weshalb auch immer, nahm man sich Souls und fing an, die eigenen Spielmechaniken umzuwerkeln.

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Riesige Bosse sind nicht die einzige Ähnlichkeit zum, sagen wir mal, 'Vorbild'...

Seltsamerweise habe ich kein großes Problem damit. Erst einmal gibt es wahrlich schlimmere "Inspirationen" - mehr Blaupausen - als eines der besten Spiele überhaupt. Und dann gibt es nicht viele Souls-Klone. So gut wie gar keine. Lords of the Fallen, aber damit ist die Liste auch schon wieder praktisch am Ende. Insoweit: dass sich Nioh einem ganzen Schwung an mittelmäßigen Abkupferern anschließen würde, die dem großen Vorbild hinterherrennen, lässt sich wirklich nicht behaupten.

Aber was genau haben sie denn nun übernommen? Die geschlossene Welt scheinbar nicht. Diese ist ein Mix aus der Handlung des Klassikers Shogun von James Clavell, der wiederum auf realen Ereignissen basiert. Dass Nioh keinen fiktiven Helden nimmt, sondern mit dem britischen Seefahrer William Adams das Vorbild zu dem Roman, führt das Ganze ein wenig im Kreis herum, aber da in Nioh auch jede Menge Dämonen-Monster herumlaufen besteht wohl keine Gefahr, es mit dem einen oder dem anderen zu verwechseln. Diese Welt des alten Japans um 1600 scheint hier nicht in sich geschlossen zu sein, wie man es aus Souls kennt, sondern es gibt Missionen auf einer Karte. Wählt eine aus und ihr befindet euch in bekannter Kulisse, die auch aus einem der guten Ninja Gaidens stammen könnte.

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Einige der Gegner-Designs zeigen sich zumindest inspiriert, schließlich gab es Räder-Skelette auch anderswo. Aber wenn dieses Ding an euch vorbei oder über euch hinweg rollt, wirkt es immer noch sehr beeindruckend.

Damit enden sie Unterschiede zu Souls. Ihr habt ein unglaubliches Arsenal an ausbaufähigen Waffen aller Gattungen, jede mit ihren eigenen Stärken, Schwächen und Bewegungsmustern. Es gibt Fernkampfwaffen wie Bogen oder Steinschlossgewehr, die ähnlich wie in Souls gezogen und gezielt werden, ihr habt vier Slots für Gegenstände, einer davon ist für Heiltränke vorgesehen. Diese werden immer dann aufgefüllt, wenn ihr an einem Schrein haltmacht, dem Äquivalent für die Lagerfeuer. Tut ihr das, dann werden auch alle Gegner wieder zurückgesetzt - besiegte Mini-Bosse und Bosse ausgenommen natürlich -, eingesammelte Gegenstände dagegen nicht. Was ihr eingesammelt habt, behaltet ihr auch nach dem Ableben, was verbraucht wurde, lässt sich nicht einfach neu sammeln. Es ist Souls.

Der Kampf selbst läuft in der Regel auch auf das Fokussieren auf einen Feind hinaus, den ihr umkreist, um seine Muster zu lernen und nach seinen Schwachstellen zu suchen, wie ihr es in einem Souls-Spiel tun würdet. Dabei könnt ihr decken, was aber Ausdauer kostet, wenn ihr damit Schläge abfangt, so wie auch jeder Schlag eurerseits die Leiste schrumpfen lässt. Sie lädt sich schnell auf, wofür ihr aber die Deckung aufgeben müsst und nicht rennen dürft. Souls. Eins zu eins. Nach einem Weilchen stoßt ihr auf einen riesigen Boss und die beiden, die ich bisher sah, machten einen guten Eindruck, fast wie direkt aus einem Souls-Spiel. Selbst die Menüs sehen so aus, als wären sie aus einem anderen Souls-Spiel übrig geblieben.

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Die meisten bisher zu sehenden Gegner fallen in die Kategorie Mittelmaß: Viele Skelette in Rüstungen.

Die große Frage bei all dem ist natürlich, ob es auch so gut wie ein Dark Souls ist. Das kann ich nach zwei Stunden mit Sicherheit nicht beantworten, aber dass es eben keine zusammenhängende Welt ist, würde ich eher als Nachteil sehen, aber abwarten. Der größte Kritikpunkt ist bisher die Kamera und bei einem Spiel, das so bald erscheint, erwarte ich keine Wunder. Ich mache es kurz und schmerzvoll: Die Kamera in Nioh ist richtig scheiße. Da lohnen sich keine höflichen Umschreibungen, es ist einfach Fakt. Nicht nur das, oft genug scheinen die Entwickler auch gezielt Umgebungen gebaut zu haben, die diese Schwächen betonen. Solange ihr genug Platz um euch herum habt, ist es kein großes Thema, auch wenn elegante Kameraführung was Anderes ist. Aber einen relativ schnellen, extrem harten Mini-Boss in ein Labyrinth aus Papierwänden zu setzen, wo der Spieler sofort und automatisch an die Wand gedrückt wird, was die Kamera dazu bewegt nur noch Pixel-Müll zu zeigen - und zwar verlässlich jedes Mal, wenn das passiert -, zeugt von einer gewissen Ignoranz gegenüber den Schwächen des eigenen Spiels. Dass ich auf den Controller auf den Tisch knalle, kommt eher selten vor, auf einem Event eigentlich nie, Nioh hat das geschafft. Es ist in solchen Momenten schlicht unfair und unbalanciert.

Ein halbes Dutzend ebenfalls unfair geworfener Granaten später spielte der Raum keine so große Rolle mehr - nur, dass ich halt Ressourcen verfeuern musste, weil normales Spielen nicht möglich war - und es ging weiter. Bis zu den Bossen, die beide auch spielerisch einen sehr soliden Eindruck hinterließen. Reines Umkreisen reichte nicht, Strategie war gefordert und das Ende kam schnell und hart. Aber auf eine gute Weise, bei der man sich darauf freut, die beiden eines Tages eben doch schlagen zu können. Die Mischung der normalen Feinde bestand aus generischen Ninja-Samurai-Irgendwassen in etwas zu hoher Zahl, aber auch ein paar etwas kreativere Figuren wie ein brennendes Steinrad sind dabei. Übrigens einer der wenigen grafischen Lichtblicke in einem auch auf PlayStation Pro weiß Gott nicht schönen Spiel. Wo Souls in auch nicht gerade technischer Perfektion Mystik und Geheimnisse transportiert, muss sich Nioh mit einer schlicht eingeschränkt wirkenden Farbpalette und einer sehr veralteten Beleuchtung begnügen. Das Setting an sich, das Samurai-Ding, rettet es ein wenig, aber auf ein paar Details zu verzichten und dann die 60 Frames zu nehmen, ist eine ausgemachte Sache. Selbst die in 30 Frames laufende 4K-Auflösung auf der Pro änderte nichts an irgendwas, ausgehend vom Gezeigten wird das kein Spiel, das man für Technik oder Art-Design auspackt.

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Wirklich beeindruckend - im Gegensatz zur Grafik - ist das Waffensystem. Riesenauswahl, zig Modifikatoren, da kann man sich richtig reinwühlen.

Einen Multiplayer gibt es auch und selbst wenn man sich beim PvP noch bedeckter hielt, würde ich darauf wetten, dass er genauso wie in Souls funktioniert. Was definitiv schon entliehen herumliegt, sind die Leichen anderer Spieler, die scheiterten. Es sind keine Blutflecke, sondern eine Art Geistergrab, aber woher die Idee kam, muss man nicht lange grübeln. Was sie aber tun, ist dann doch etwas anders, denn statt einfach nur zu zeigen, wie es mit dem jeweiligen Krieger zu Ende ging, steht er auf und vermöbelt euch. So richtig, zumindest bei den Typen, die hier herumlagen. Eine Herausforderung nehme ich an, etwas für den späteren Spielverlauf.

Nioh ist Dark Souls. Nicht in gewisser Weise, nicht an der Oberfläche - da noch am wenigsten - sondern durch und durch möchte das eine Spiel dem anderen so nahe sein, wie es nur irgendwie geht. Wie schon gesagt, wenn man sich ein Vorbild zum Abkupfern sucht, dann ist es wohl besser, sich an den Besten zu orientieren und das tat Team Ninja. Mit letztlich wie viel Erfolg und ob es noch größere Schwachstellen gibt als nur die missratene Kamera, das wird das ganze Spiel zeigen müssen. Wenn nicht, hey, dann heiße ich es mit offenen Armen willkommen. Das Szenario mag zumindest im Gezeigten den Charme und das Geheimnis - oder vielmehr den Charme des Geheimnisses - vom Original ein wenig vermissen lassen, aber es hat sein geklautes Herz am rechten Fleck. Und ganz ehrlich: Am Ende lieber ein gut geklauter Dark-Souls-Klon als ein schlechtes Ninja Gaiden.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

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