Yakuza 0 - Test

Scarface als Schale, Streets of Rage im Kern

Als japanischer Untergrundverbrecher hat man's nicht leicht. Da prügelt man mit besten Absichten jemandem die Seele aus dem Leib und kurze Zeit später heißt's schon, man hätte ihn umgebracht. Ich gebe zu - wie in den anderen Yakuza-Spielen fällt es mir auch in Yakuza 0 nicht leicht, mich mit dem Protagonisten Kazuma Kiryu zu identifizieren. Das Spiel ist schon im März 2015 in Japan erschienen und nun endlich auch in westlichen Gefilden angekommen - an der klassischen Yakuza-Formel hat sich nichts geändert. Yakuza 0 ist ein Prequel, ihr lauft also als deutlich jüngerer Kazuma im Jahr 1988 durch Tokios fiktiven Stadtteil Kamurocho. Leuchtreklame überall, Bandenkriminalität und sich aufreizend gebärdende Schulmädchen, die über ihre liebsten Idole diskutieren, an jeder Ecke. Mittendrin ihr, ein kleinkrimineller, junger Kerl, der zwar nicht unbedingt ein Sadist ist, aber dennoch kein Problem damit hat, nach der kleinsten Provokation jemanden zu verprügeln - und das auch muss, denn nur so geht es im Spiel vorwärts.

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Neonreklame - kaum etwas werdet ihr in Yakuza 0 häufiger sehen.

Yakuza 0 hat mich nicht nur sofort an die Vorgängerspiele erinnert, es weckt auch ganz automatisch Assoziationen mit anderen Titeln. Es erinnert an GTA mit seiner offenen Spielwelt in der Großstadt, in seinen Prügelszenen fühlt es sich an wie ein klassisches Beat 'em up à la Final Fight und wenn ihr euch ins Nachtleben stürzt, um dort wahlweise Karaoke zu singen, zu tanzen oder an einem klassischen SEGA-Automaten euer Kleingeld zu verprassen, schmeckt Yakuza 0 stark nach Shenmue. Diese Mischung funktioniert vor allem, weil sie in eine japanische Wunderwelt eingebettet ist, die ein bisschen wirkt wie ein Videospiel-Vergnügungspark. Die Spielwelt ist bei weitem nicht so groß wie die eines GTA, aber es gibt an jeder Ecke irgendetwas zu tun oder zu entdecken. Das und die gewaltige Portion Pathos trösteten mich im Spielverlauf immer wieder darüber hinweg, dass die Geschichte von Yakuza 0 eigentlich nicht so wirklich ernst zu nehmen ist.

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Zwischensequenzen kommen teilweise durchaus filmisch daher. Man beachte hier insbesondere die fein in Szene gesetzten Yakuza-Tattoos.

Der Mafia-Schläger Kazuma runzelt in jeder Zwischensequenz angestrengt die Stirn, als hätte er den Ernst des Lebens trotz junger Jahre schon mit voller Härte zu spüren bekommen, stürzt sich wenig später aber doch mit Passion in seine Karaoke-Performance, spielt eine Runde Darts oder verwettet sein Geld beim japanischen Frauen-Wrestling. Interessanterweise ist gerade letztgenannte Nebenbeschäftigung jene mit am wenigsten Interaktivität - sie funktioniert nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip. Dafür gibt's großbusige Kämpferinnen, die sich in teils grotesken Kostümen gegenseitig ins Gesicht treten, wobei rosa Herzchen durch die Luft fliegen. Das muss man wirklich nicht mögen, aber es sind ebendiese Momente, die verdeutlichen, was Yakuza 0 ist. Dem Spiel strömt das großstädtische Japan durch jede Pore. Wer nicht zumindest ansatzweise ein bisschen japanophil ist, wird von der Yakuza-Atmosphäre Zahnschmerzen bekommen.

Mir ging's übrigens nicht so. Ich bin mir nicht sicher, wie ernst die Entwickler ihr Spiel selbst genommen haben, aber ich habe es eher konsumiert wie eine überzogene, aber gleichermaßen sarkastische und brutale Parodie, ein bisschen wie einen fernöstlichen Tarantino-Film. Auch die Zwischensequenzen sind teils filmisch inszeniert, teilweise auch nicht. Das kann ein bisschen uneinheitlich wirken. Hier sieht eine Sequenz aus, als sei sie reif fürs Kino, dann werdet ihr wieder mit Standbildern abgespeist und ein anderes Mal müsst ihr einfach Textboxen wegdrücken und es gibt überhaupt kleine Sprachausgabe. Wenn es sie denn gibt, ist sie übrigens japanisch. Gestört hat mich das allerdings nicht, viel eher unterstreicht ebendas die Atmosphäre.

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Prügeln! Neben Reden ist das eure Hauptbeschäftigung in Yakuza 0.

Unter all dem japanischen Untergrund-Glamour verbirgt sich aber auch Spieltiefe. Je mehr ihr euch herumprügelt, desto weiter könnt ihr eure Spielfigur aufrüsten und so neue Spezialattacken lernen oder auch schlicht eure Lebensenergie ein bisschen erweitern. Darüber hinaus dürft ihr im weiteren Spielverlauf nicht nur Kazuma, sondern auch einen Typen namens Goro Majima spielen, der seinen Alltag wiederum als Geschäftsführer eines Hostessen-Clubs in Osaka fristet. Dessen Kampfstil unterscheidet sich von jenem Kazumas deutlich. Er ist eher der trickreiche Typ, kann beispielsweise kunstvoll aussehende Dance-Moves ausführen. Kazuma ist schon eher der Typ fürs Grobe. In seinem Beast-Stil greift er automatisch alles, was sich in der Umgebung befindet und schlägt damit auf den Gegner ein. Unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Couch handelt oder ein Fahrrad. Auch in solchen Momenten wird klar, dass Yakuza 0 mit Realismus nicht viel am Hut hat. Spaß machen diese Situationen natürlich trotzdem, erst recht, weil jede der beiden Figuren nach ein paar erfolgreichen Angriffen spezielle Finishing-Moves freischaltet, die besonders blutig daherkommen.

Und weil ihr eben solche Moves machen wollt, müsst ihr Geld ausgeben. Für die oben erwähnte Charakterentwicklung eben, die oft nicht ganz billig ist. Also gibt euch das Spiel größere Jobs in die Hand, als irgendwelche Straßengangster zu verprügeln. Kiryu handelt mit Immobilien, Goro baut seinen Nachtclub aus. Wenn es dabei mal ein Problem gibt, lässt sich das natürlich mit den Fäusten lösen. Und zwischen all dem, also zwischen Karaoke, Damen-Wrestling, Leute verprügeln und Mafia-Dilemmata lösen, gibt's mehr Zwischensequenzen. Ganz schön lange teilweise, manchmal spannende, manchmal langweilige. Ich will durchaus hören, was der Yakuza-Boss mir zu sagen hat, die Glückskeks-Weisheiten des Ramen-Nudel-Mannes vom Eck sind dagegen schon eher anstrengend. Nicht jeder Japaner ist halt ein Mister Miyagi.

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Nebenbeschäftigungen wie Billard sind vom Hauptmenü aus sogar separat anwählbar. Gern auch gegen einen menschlichen Gegner.

Mit Yakuza 0 ist es eben nicht anders als mit anderen japanischen Spielen, die ihre Herkunft betonen: Geschmackssacke. Viele Elemente wirken heute nicht mehr zeitgemäß - so müsst ihr beispielsweise Telefonzellen aufsuchen um zu speichern. Wer auf eine Auto-Save-Funktion vertraut (wie ich anfangs), guckt dumm aus der Wäsche, wenn er das Spiel zum zweiten Mal startet. Die Grafik wirkt auch nicht ganz auf der Höhe der Technik, ist aber weit davon entfernt, hässlich zu sein. Hin und wieder hatte ich außerdem Lust, Dialoge zu überspringen, weil sie mir allzu belanglos erschienen. Aber: Das eigentliche Gameplay macht Spaß, die etwas überzogene Mafia-Geschichte ist größtenteils gut erzählt und es gibt eine Menge zu tun. Yakuza 0 bietet keine riesige, aber eine sehr dichte Welt, in der es sich lohnt, sich zu verlieren. Eine Partie Space Harrier gefällig? Kein Problem. Billard spielen? Lauf' einfach hin. Doch lieber Untergrund-Bosse in durchaus anspruchsvollen Kämpfen vermöbeln? Dann mach' eben das. Yakuza 0 will euch nicht zum Nachdenken anregen, es möchte keine Revolution sein. Es ist einfach ein schönes Videospiel und als solches im besten Sinne des Wortes kurzweilig.

Entwickler/Publisher:SEGA/SEGA - Erscheint für: PlayStation 4 - Preis: etwa 60 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Playstation 4 - Sprache: japanische Sprachausgabe / englische Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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