Ordnung und Chaos - Die Welt von Horizon Zero Dawn

Die Verbindung zwischen alter und neuer Welt.

In den letzten drei Artikeln haben wir uns nacheinander mit den Menschen, den Maschinen und der Protagonistin von Horizon Zero Dawn beschäftigt. Nun breitet sich die Welt vor uns aus. Wir sehen gewaltige, giraffenartige Tallnecks, die majestätisch durch eine urtümlich wirkende Landschaft aus Farnen, Gräsern und Bäumen schreiten. Watcher laufen flink zwischen ihren Beinen umher, ohne die Kisten schleppenden Shellwalker, zu deren Schutz sie abgestellt sind, aus den Augen zu lassen.

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Jäger und Gejagte - die Menschheit in Horizon Zero Dawn

In einiger Entfernung beobachten menschliche Jäger die Maschinen. Sie sind in Häute und Pelze gehüllt und halten kunstvoll geschnitzte Bögen in den Händen. Zwischen Bäumen versteckt warten sie darauf, dass die Maschinen abziehen und ihnen die Jagd auf die wenigen Wildtiere ermöglichen, die es in dieser Landschaft gibt - hauptsächlich Hasen und Wildschweine. Aloy sehen wir nicht unter ihnen. Sie geht den Bewohnern der kleinen Siedlung, die sie nur selten betreten darf, aus dem Weg und sucht stattdessen die Nähe der Maschinen. Sie fühlt sich auf eine seltsame Weise mit ihnen verbunden, als wäre deren Geheimnisse irgendwie auch die ihren.

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Aloy ist eine Fremde in ihrer eigenen Welt.

Steinzeitliche Kulturen, Roboter, die an Dinosaurier erinnern, die überwucherten Ruinen moderner Städte und eine Protagonistin, in der Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen - das sind die Rätsel, mit denen uns Horizon Zero Dawn konfrontiert.

Wir haben über jedes einzelne spekuliert, hier oben in den Artikeln und unten in den Kommentaren. In diesem Blog wollen wir uns ansehen, wie sie alle ineinandergreifen könnten, um die Welt zu erschaffen, die wir aus Trailern und Bildern kennen.

Bisher habe ich mich vor allem auf eine geordnete Welt konzentriert und das erscheint mir weiterhin am wahrscheinlichsten. In ihr wurden die Maschinen aus einem konkreten Grund erschaffen. Eine geheimnisvolle, im Verborgenen agierende Macht hat sie konstruiert und steuert ihr Verhalten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Worin genau dieses Ziel besteht, ist auch nach dem letzten Trailer noch unklar. Vielleicht soll die Menschheit ausgerottet werden, um einer neuen, perfekten Maschinenwelt Platz zu machen. Vielleicht ist die Ausrottung auch nur eine Nebenwirkung, die von der Macht billigend in Kauf genommen wird.

In dieser Welt hat sich die Menschheit in zwei Teile gespalten, nicht unähnlich den Morlocks und den Eloi in H.G. Wells' Die Zeitmaschine, die in einer fernen Zukunft leben. Dort schuften die längst nicht mehr als Menschen zu erkennenden Morlocks in unterirdischen Bergwerken, während die wie perfekte griechische Statuen aussehenden, aber teilnahmslosen Eloi in der Sonne liegen. Der Zeitreisende, der zuerst den Eloi begegnet, glaubt, sie hätten ein Paradies erschaffen. Doch dann erkennt er, dass die Eloi innerlich ebenso entstellt sind wie die Morlocks äußerlich.

Ganz so krass ist die Spaltung zwischen den beiden Teilen der Menschheit in Horizon Zero Dawn nicht, aber dort sind auch erst tausend Jahre vergangen und nicht wie in Die Zeitmaschine dreißigtausend. Die haben trotzdem schon gereicht, um die Menschen an der Oberfläche all das vergessen zu lassen, was ihre Ahnen vor dem Zusammenbruch erreicht hatten.

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Wer diese Menschen waren, weiß wohl niemand mehr.

In diesem Szenario ist das Wissen jedoch nicht ganz verschwunden, denn es wird von der geheimen Macht - Menschen in einer Basis - bewahrt. Sie benutzen es, um die Maschinen zu erschaffen und den Rest der Menschheit in den Untergang zu treiben. Weshalb die Basisbewohner das tun sollten, ist die Schwachstelle dieser Theorie. Entweder sind sie ähnlich den Eloi so weit abgehoben, dass sie die Steinzeitkulturen da draußen nicht mehr als Menschen betrachten, oder sie sind selbst schon Maschinen und warten nur darauf, ihre Herrschaft über die perfekte neue Welt anzutreten.

Wenn man von dieser Macht im Hintergrund ausgeht so wie im zweiten Blogpost (Link: www.eurogamer.de/articles/2017-01-17-dinosaurier-2-0-die-maschinen-in-horizon-zero-dawn), dann setzt sich diese Welt fast von selbst zusammen: Zu Beginn der Handlung leben die Basisbewohner, diese geheime Macht im Hintergrund, seit tausend Jahren unentdeckt und von der Außenwelt abgeschottet in ihrer Festung. Einst haben sie oder ihre Vorfahren die alte Zivilisation ausgelöscht, um ähnlich einem größenwahnsinnigen Bond-Schurken eine neue aufzubauen.

Sie haben gewaltige Maschinen erschaffen und mit einer Programmierung ausgestattet, die sie weitgehend eigenständig handeln lässt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ein Wiederaufleben der alten menschlichen Zivilisation zu verhindern und dafür zu sorgen, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Ihre Logik ist simpel: So lange der Mensch nicht an der Spitze der Nahrungskette steht, kann er den Planeten nicht ruinieren, so wie er es schon einmal beinahe getan hat.

Dank des Drucks, unter dem die Menschheit seit dem Ende der alten Zivilisation steht, funktioniert das auch ganz gut. Mangelernährung, Krankheiten, Parasiten, der Rückzug in lebensfeindlichere Umgebungen - das alles sorgt für einen deutlichen Rückgang der Lebenserwartung und einen enormen Anstieg der Kindersterblichkeit. In unserer Jungsteinzeit lag die zwischen 25% und 50%, je nach Umständen. Kinder, die als Jäger und Sammler aufwuchsen, erlebten häufiger die Pubertät als ihre sesshaften, von der Landwirtschaft lebenden Altersgenossen. Bei den Erwachsenen kehrten sich die Prozentzahlen um. Jäger lebten nun einmal deutlich gefährlicher als Bauern, die nur das Feld bestellten und sich nicht weit von ihren Siedlungen entfernten. Und die Menschen in Horizon Zero Dawn stehen ja nicht nur natürlichen Feinden wie Raubtieren, Krankheiten und Kälte gegenüber, sondern werden außerdem von Maschinen bedroht, die sie nicht einmal verstehen können.

Die Menschen in der Basis benutzen die Maschinen hingegen als Avatare, um die Welt zu überwachen. Gleichzeitig suchen sie mit den krebsartigen, Kisten tragenden Shellwalkern nach Rohstoffen und Relikten aus der alten Welt. Dass es Jägern wie Aloy (vielleicht sogar nur ihr?) immer wieder gelingt, diese Shellwalker auszuplündern, trägt dazu bei, dass die Stimmung in der Basis umschlägt. Bisher hatte man sich dort als Förster betrachtet, die den Wildbestand in ihren Revieren kontrollieren und bei Bedarf eingreifen. Doch radikalere Basisbewohner verlangen nun eine Ausrottung der Menschheit, weil sie befürchten, dass die Menschen am der Oberfläche früher oder später die Fähigkeit erlangen könnten, die Maschinen selbst zu übernehmen - was Aloy ja bereits tut. Deshalb lassen sie die Corruptor auf die Welt los. Sie sollen die anderen Maschinen mit einem Virus infizieren, der sie aggressiver gegen Menschen vorgehen lässt.

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Der gefährliche Corruptor könnte das Ende der Menschheit bedeuten.

Aloy - möglicherweise ein Kind von Basisbewohnern, was ihre besonderen Fähigkeiten erklären würde - wird von ihnen gejagt. Man will sie töten, bevor sie ihr Wissen anderen vermitteln kann. Dazu benutzen sie einen Stamm, der ihnen hörig ist und die Maschinen anbetet. Doch Aloy überlebt das Massaker, das der Stamm an ihrem Volk anrichtet. Sie schwört sich, dass sie das Geheimnis ihrer Herkunft aufdecken und die Verantwortlichen für das Massaker zur Rechenschaft ziehen wird. Dass sie das nicht unbeobachtet tut, sieht man in einem der neueren Trailer. Darin begegnet sie dem Hologramm eines Mannes. Der sagt ihr, dass er ihre Entwicklung interessiert verfolge. Die Technik, die er benutzt, um sich Aloy zu zeigen, ist alles andere als steinzeitlich, seine Kleidung jedoch schon.

Da es diese Informationen zum Zeitpunkt des zweiten Blogposts nicht gab, erweitere ich die Theorie um die geheime Macht im Hintergrund um eine weitere, ebenfalls geheime Macht, die Teil der Steinzeitkultur ist, aber das Wissen der alten Welt hortet.

So neu ist die Idee nicht. In dem berühmten Science-Fiction-Roman Lobgesang auf Leibwitz von Walter M. Miller Jr. wird das Wissen der Menschheit in einer postapokalyptischen, technikfeindlichen Welt zum Beispiel von Mönchen bewahrt. Etwas Ähnliches könnte auch in Horizon Zero Dawn passieren.

Vielleicht erkennen einige Wissenschaftler, auf welche Katastrophe die Menschheit zusteuert. An einem entlegenen Ort tragen sie alles zusammen, was sie finden können, vor allem Lexika und Schulbücher, Wissen in Textform, das ohne Elektrizität zugänglich ist. Aber sie nehmen auch Geräte aus der alten Zeit mit, die sie so sicher wie möglich irgendwo verstauen.

Im Gegensatz zu den Basisbewohnern fehlen ihnen die Ressourcen, um eine hermetisch abgeriegelte, autarke Festung zu konstruieren. Sie müssen mit der Welt interagieren, müssen ebenso jagen und sammeln und in einer feindlichen Umgebung überleben wie alle anderen. Gleichzeitig versuchen sie, Nachwuchs anzuheuern, dem sie ihr Wissen vermitteln können und das von einer Generation zur nächsten - das längste Stille-Post-Spiel der Welt.

Im Laufe der Jahrhunderte gerät vieles in Vergessenheit und einiges wird verzerrt. Aus Wissenschaftlern werden Priester, aus ihrem kleinen Refugium ein Geheimorden, der so viel wie möglich von der alten Welt bewahren will und sich gleichzeitig gegen den Aberglauben der neuen wehrt.

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Religionen und Aberglauben der Menschen hängen oft mit den Maschinen zusammen.

Das wird nicht gern gesehen. Wer gegen den Willen der Götter aufbegehrt, riskiert nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der Gemeinschaft. Um die eigene Sicherheit zu wahren, wird der Orden zunehmend geheimer und gleichzeitig auch politischer. Man sucht sich den Nachwuchs nun sehr genau aus, platziert Spione, fördert den Handel, bemüht sich, aufstrebende Stämme und Kulturen zu unterstützen und zu unterwandern. Es tauchen erste Legenden über die Priester und ihr verbotenes Wissen auf, doch niemand weiß Genaues. Der Orden und seine Mitglieder bleiben geheim.

Doch dieser langsame Aufbau einer neuen, zivilisierteren Welt gerät durch die Corruptor in Gefahr. Der Orden erkennt, dass ihm keine Zeit mehr bleibt. deshalb geht er offensiv vor, als ein Spion von Aloy und ihren seltsamen Fähigkeiten berichtet. Ein Ordensmitglied kontaktiert sie und versucht, gemeinsam mit ihr, die Gefahr abzuwenden und die Welt der Maschinen wieder eine Welt der Menschen zu verwandeln.

Und so fügt sich alles zusammen. Zwei Relikte aus einer längst vergangenen Zivilisation, die um die Macht in der neuen Welt kämpfen, und zwischen ihnen Aloy - ein Verbindungsglied zwischen alt und neu. Sie könnte für ein neues Selbstbewusstsein der Menschen stehen, für die Hoffnung, dass die Vergangenheit nicht länger über Gegenwart und Zukunft bestimmt, sondern die neuen Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Ähnlich wie ich bald den Controller in die Hand nehmen werde. Wenn Horizon Zero Dawn am 01. März erscheint, werde ich mich wie die Basisbewohner in eine vollklimatisierte, mit einem Lebensmittelvorrat für zwei Wochen ausgestattete Festung zurückziehen und spielen. Ich will die Welt, über die ich so viel geschrieben und gelesen und gesehen habe, endlich selber betreten, möchte mich an Shellwalker anschleichen, auf Tallnecks klettern, Grazer reiten und vor Corruptorn fliehen. Und ich möchte natürlich auch wissen, was sich wirklich hinter dem Geheimnis dieser Welt verbirgt und wie nahe meine Spekulationen in den Artikeln und eure in den Kommentaren der Wahrheit gekommen sind.

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Über den Autor:

Claudia Kern

Claudia Kern

Freier Redakteur

Claudia Kern sah Star Trek mit vier, Dawn of the Dead mit zwölf und Mad Max mit vierzehn. Sie vergeigte ihre erste Anglistikklausur, weil sie die Nacht zuvor Starcraft spielen musste. Zum Schreiben kam sie durch die Bastei-Serien Professor Zamorra und Maddrax. Während sie einen Druiden in World of Warcraft auf Level 100 brachte, schaffte sie es irgendwie, eine Fantasy-Trilogie, zwei historische Romane und den SF-Vierteiler Homo Sapiens 404 zu schreiben, in dem endlich drei Dinge zusammen kamen, die eigentlich schon immer zusammen gehörten: Aliens, Zombies, Internet.

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