Get Even - Ich kann nicht darüber sprechen...

Aber ich will es weiterspielen. Dringend.

Das wird jetzt nicht einfach. Ein Spiel, das von seiner Geschichte lebt, seinen subtilen Verknüpfungen zahlreicher Bausteine, über die man im Vorfeld so wenig wie möglich sagen sollte. Schlicht, weil selbst die sich langsam eröffnende und auch nach drei Stunden noch nicht abschließend geklärte Prämisse ein Mysterium bleiben muss, wenn ihr das Spiel wirklich so genießen wollt, wie es gedacht ist. Mehr noch, wenn euch aktuell jemand sagt "In Get Even geht es um...", dann hat er vielleicht recht, aber vielleicht auch nicht. Selbst nach drei Stunden würde ich mich nicht abschließend festlegen wollen.

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So viele Verknüpfungen...

Das ist das Herz des Spiels: etwas Horror, etwas High-Tech im Thriller, ein Rätselspiel um die Realität, das Assoziationen an Klassiker wie The Game oder Jacob's Ladder weckt, mit ihnen spielt und Fährten legt, die sich richtig anfühlen. Sind sie es? Vieles scheint zusammenzupassen, manches aber eben nicht, und diese Elemente scheinen wiederum ein anderes Bild für sich zu zeichnen. Nur um ihrerseits auf neue Versatzstücke zu treffen. Sind manche Elemente nur Show, was hat Bedeutung, was nicht? Ihr müsst es selbst rausfinden. Im Spiel.

Was ich euch sicher sagen kann: dass Get Even ein Spiel ist, das Vorlauf braucht. Die erste halbe Stunde ist zwar nicht langweilig und dass sie wenig Action zu bieten hat, nehme ich ihr ganz sicher nicht krumm, im Gegenteil. Aber es erzählt vielleicht etwas zu wenig und langsam, bevor es dann doch in die Gänge kommt. Nicht mit einem Schockmoment, sondern einfach, weil euch immer mehr Teile des Puzzles in die Hand fallen und dann erst ihr mentales Verwirrspiel beginnen können.

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Die seltsame Spielwelt reicht von Silent-Hill-esk...

Lasst es mich einfach und kurz so formulieren: Nach diesen drei Stunden wollte ich nicht aufhören und ich denke nicht, dass ich aufhören werde, bevor ich die Lösung kenne. Ob das dann eine elegante Klimax in der Erzählung ist, gefolgt von den Credits und dem schönen Gefühl, ein gutes Spiel beendet zu haben, oder ob Get Even sein Pulver zu früh verschießt und schließlich vor sich hinmäandert, das ist die große Frage und immer Gefahr bei einem solch undefinierten Narrativ. Oder es kommt ganz schlimm und das Spiel zieht alles bis in die Bedeutungslosigkeit, diesen Punkt, an dem einem die eigene Indifferenz schon gar nicht mehr bewusst ist, weil das Gehirn schon ein paar Level vorher in den Leerlauf ging. Kann alles passieren, ich weiß nur, dass sich Get Even nach drei Stunden noch auf dem Weg zum Thriller-Klassiker befand. Hoffen wir einfach, dass es ihn wirklich zu Ende geht.

Was ich leider auch sagen kann, ist, dass es eine osteuropäische Entwicklung ist - Polen, um genau zu sein - und sich auch so anfühlt. Das Ganze war ein wenig zu lange in der Entwicklung, es benutzt eine etwas zu alte Engine, es sieht stellenweise ein wenig angestaubt aus und es spielt sich auch so. Bewegungen sind nicht so elegant, wie sie sein sollten. Wenn es sich immer mal wieder als Stealth-Shooter versucht, ist alles auf einem Level, den man als "generell funktional" ganz gut zusammenfassen kann. Das Spiel hat auf jeden Fall Glück, dass das alles nicht die Aspekte sind, mit denen es hausieren gehen muss. Dafür ist die im Vergleich zigmal stärkere Handlung zuständig. Gut so.

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...bis Deus-Ex-artig.

Vor allem an das eigenwillige Interface zwischen eurem Helden und seiner Umwelt muss man sich gewöhnen. Er hält, wenn er nicht gerade eine Waffe in der Hand hat (das Wechseln fühlte sich auch nach Stunden noch sperrig an), ein Handy so, dass ihr es im unteren rechten Viertel des Screens immer im Blick habt. Es zeigt, was vor euch ist, allerdings auf Wunsch mit Wärmesicht, einem Universalscanner für Hinweise und ein paar anderen Features, die das Ding komplett in den Bereich der Science-Fiction schieben. Sehr praktisch auf jeden Fall, aber man muss sich erst ein wenig an dieses Bild-in-Bild gewöhnen. Ungewöhnlich, aber nicht schlecht mit der Zeit.

Vor allem dann, wenn das Spiel sein großes Gimmick auspackt: eine Vorrichtung, die eure Waffen um die Ecke schießen lässt. Was wie der Fiebertraum eines wirren Waffenkonstrukteurs Anfang des letzten Jahrhunderts klingt, schafft das Spiel fast ernsthaft wirken zu lassen, und vor allem stattet es jede Waffe mit einer Halterung für das Handy aus. So müsst ihr in vielen Teilen nicht mehr entscheiden, ob ihr lieber etwas seht oder für einen der gar nicht so zahlreichen Gegner bereit seid. Wenn ihr allerdings mal auf einen von denen trefft und sie euch entdecken, ist es ganz gut, hinter einer Ecke zu stehen und per Bildschirm um sie herumschießen zu können: Ein, zwei Treffer und das war es dann auch schon.

Eine Überraschung hat Get Even dann noch zu bieten und die verrate ich euch gern: Es wird gerade mal etwa 30 Euro kosten.

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An das Handy muss man sich gewöhnen, es ist aber für diverse Rätsel unerlässlich.

Get Even gehört zu den Spielen, denen man ein klein wenig Zeit geben muss. Die nicht sofort klarmachen, was sie sind, die vielleicht nicht mal bis zum Ende wirklich in eine Schublade passen und gerade deshalb so gut funktionieren, dass man ihnen ihre Eigenheiten und gelegentliche Sperrigkeit leichter verzeiht. Schlicht, weil man viel zu gespannt einer kreativen, verwobenen Handlung folgt, als dass das eine Rolle spielte. Nach drei Stunden legte ich sehr widerwillig den Controller zur Seite. Ich will wissen, was es mit all dem hier auf sich hat. Es fühlt sich an, als schaue man eine spannende Serie und nach dem großen Cliffhanger dauerte es jetzt noch Monate, bis es weitergeht. Etwas Horror, etwas High-Tech-Thriller, ein bisschen von allen Genres und sehr viel erzählerische Kreativität. Eine verdammt gute Mischung.

Entwickler/Publisher: The Farm 51 / Bandai Namco - Erscheint für: PlayStation 4, PC, Xbox One - Geplante Veröffentlichung: 26. Mai 2017 - Angespielt auf Plattform: PS4

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Über den Autor:

Martin Woger

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