Rainbow Six Siege: Velvet Shell - strammen Schrittes Richtung MOBA?

Mehr Taktik durch mehr Synergien.

Seit Dienstag schießen sich Rainbow-Six-Spieler durch die erste Season des zweiten Jahres. Mit dabei, wie immer, zwei neue Operatoren, eine neue Karte, aber auch viele kleine und große Änderungen, die das Spiel auf seiner Metaebene immer wieder verändern. Der Erfolg spricht für die Entwickler, wächst die Community doch mit jedem Patch und Free Weekend drastisch - mittlerweile ist Siege auf Steam konstant im Mittelfeld der Top-10 gespielten Titel unterwegs, Spieler auf Uplay sind dabei noch nicht einmal mitgezählt.

Velvet Shell, so der Name des neuen Updates, macht die Gründe für dieses Wachstum nachvollziehbarer als jede Erweiterung zuvor: Alle drei Monate ändert sich vielleicht nicht grundlegend, aber doch merklich, wie man diese Online-Schlachten schlägt. Das macht es unglaublich schwer, diesem Spiel den Rücken zu kehren, denn die neuen Mechaniken der frischen Operatoren sind nicht nur an und für sich schon interessant, sie verleihen auch den alten Spielfiguren regelmäßig neue Facetten. So bleibt Siege bisher anscheinend endlos frisch und weil das auch Leute abseits der eingeschworenen Fangemeinde mitbekommen, ziehen Probierwochenenden und Sales schneeballartig immer mehr Spieler an.

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Mit zugeschaltetem Fußspurenvisier sieht Jackal etwas weniger gut, Störsender und Beschuss beeinträchtigen die Sicht noch weiter.

Velvet Shell ist nun das Update, das den bisher tiefsten Einschnitt im Spielablauf darstellt. Verschob sich die Verteidigung mit den letzten beiden Updates immer mehr in Richtung freier Verteidiger - so genannter Roamer, die sich fernab des Zieles verstecken, um Angreifer aus unerwarteten Winkeln zu überraschen -, gibt es nun mit dem Angreifer Jackal eine Figur, die dem einen Riegel vorschiebt. Alle Fußabdrücke, die ein Verteidiger binnen 90 Sekunden hinterlässt, sind für ihn dank seines Gadgets erkennbar. Scannt er einen davon, wird der Roamer per Ping intervallartig für das ganze Team auf der Karte markiert. Es ist interessant, dass das Feature bisher nicht übermächtig wirkt. Dennoch bereiten die so oft entstehenden Hetzjagden viel schweißtreibenden Spaß, wenn man selbst mit einem Bekannten zusammen Jagd auf das Ziel macht, während der Gesuchte seinerseits versucht, seine Verfolger in einen Hinterhalt zu locken.

Auf der anderen Seite widmet sich Verteidigerin Mira mehr dem Absichern der Zielräume, indem sie kugelsichere Einwegspiegel in Wänden platziert, deren Scheibe man durch Zerstören eines kleinen Sauerstoffcontainers am Rahmen herausfallen lassen kann. Das wirft potenziell seit über einem Jahr etablierte Angriffstaktiken komplett über den Haufen. Man denke nur an die Garage der Map Haus. Kombiniert man schwarze Spiegel mit Bandits Batterien oder Mutes Störgeräten, wagt sich kein Thermite an das Garagentor. Überhaupt: So werden neuerdings auch interessante Bluffs nötig, wenn sich Angreifer niemals sicher sein können, ob eine Seite nun bewacht wird oder nicht. Genial auch die neue Taktik, eine Wand neben einem Spiegel unbefestigt zu lassen. Erblickt eure Ziele durch den Spiegel und eröffnet nach einem Seitenschritt durch die unbefestigte Wand hindurch das Feuer auf sie.

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Miras schwarzer Spiegel ist mal wieder eine Meisterleistung in Sachen Sounddesign. Neue Lieblingstaktik: Ein Stück Wand daneben unbefestigt lassen, durchs Glas vorzielen und durch die Wand feuern.

Beide Operatoren fallen insgesamt mehr in die Kategorie Informationsbeschaffung und stellen deshalb einen Synergiegewinn für jedes Team dar. Keiner dieser beiden Rainbow-Neuzugänge ist ein guter Einzelgänger, verbessert aber die Figuren um sich herum oder kontert gewisse etablierte Spielgewohnheiten in einem Maße, dass beide Seiten ihre Spielweise gehörig anpassen müssen, um darauf zu reagieren.

Die neue Karte stellt ebenfalls einen Gewinn dar und dürfte die Community nicht annähernd so sehr spalten wie seinerzeit Favela. Der sonnige Mittelmeer-Look steht dem Spiel gut, das Layout fließt angenehm zwischen verschachtelten und langgezogenen Bereichen und die zahlreichen zerstörbaren Böden bieten Raum für... sagen wir mal "kreative Problemlösungsansätze".

Alles ist allerdings noch nicht in Butter. Gerade ein Bug in Bezug auf Miras schwarzen Spiegel treibt einen noch zur Weißglut, denn er kann seltsamerweise aktuell auch von vorne geöffnet werden, wenn man ihn an der richtigen Stelle trifft. Wie so etwas durch die Qualitätssicherung rutscht, ist nur schwer nachzuvollziehen. Zudem machen die Server gerade wieder reichlich Probleme, weil Ubisoft ein weiteres Mal die Spielerschwemme unterschätzt hat, die sich nach Free Weekend und Update über das Spiel ergießen würde. Und noch eine Sache grämt den einen oder anderen Spieler derzeit: Einige der Universal-Skins für Waffen lassen sich nicht auf die Operatoren der zweiten Season anwenden. Wer also noch letzte Woche im Sale die japanischen Universal-Waffenskins abgegriffen hat, kann sie jetzt mit Jackals und Miras Arsenal nicht benutzen. Das sind Punkte, an denen unterschiedlich schleunig etwas passieren muss. Gerade der Mira-Fix sollte nicht bis zu den Mid-Season-Reinforcements nächsten Monat auf sich warten lassen. Ein Hotfix muss her.

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Von außen sehen Angreifer nur schwarz.

Ansonsten gefällt das Update auch zwischen den Partien wirklich gut. Die Tage, in denen man minutenlang im Matchmaking hing, scheinen gezählt. Das neue UI unterdessen sieht frisch und modern aus und spart Usern den einen oder anderen Klick, obwohl man das Gefühl hat, hier noch ein "Work-in-progress" vor sich zu haben: Das Ausrüsten und Individualisieren von Waffen ist immer noch zu verschachtelt-fummelig.

Nun gut, Ubisoft mag sich mal wieder den einen oder anderen Bug-Klopper geleistet haben, den wohl nur nachvollziehen kann, wer schon mal in der Software-Entwicklung gearbeitet hat. Aber das Team hat bereits bewiesen, dass es fest entschlossen ist, dieses Spiel in seine bestmögliche Form zu bringen. Zeugnis darüber legen vor allem die neuen Operatoren ab, die vermitteln: Die Regenbogentruppe ist mit ihren Ideen noch längst nicht am Ende. Wenn Ubisoft die hiermit eingeschlagene Richtung beibehält, ist das jüngst von Brand-Manager Alexandre Remy angepeilte MOBA-Modell mit 50 oder mehr Spielfiguren längst nicht so weit hergeholt, wie es der eigentliche Ablauf bleihaltiger Taktikgefechte aus der ersten Person vermuten ließe. Offenbar ist mehr drin als schlichte Variationen bekannter Konzepte. Wenn das so ist - gerne mehr davon.

Über ein Jahr, nachdem unzählige Spieler Rainbow Six: Siege einen frühen Tod vorausgesagt haben, müssen die Entwickler eine unglaubliche Genugtuung verspüren. Es sei ihnen vergönnt. Und jetzt los: Schleunigst noch ein paar Server mieten!

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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