Thimbleweed Park - Test

Nutze Retro-Charme 3.000™ mit Adventure.

Habt ihr die alten Adventure-Klassiker von LucasArts gespielt, geht euch bereits in den ersten Minuten von Thimbleweed Park ein bisschen das Herz auf. Spätestens dann, wenn das von damals bekannte Verben-Interface zum ersten Mal auf dem Bildschirm erscheint, wisst ihr, was Sache ist. Die einst Verantwortlichen, unter anderem Ron Gilbert und Gary Winnick, nehmen euch mit ihrem neuesten, auf Kickstarter finanzierten Projekt mit auf eine Zeitreise ins goldene Zeitalter der Adventures. Für manche dürfte das allein schon als Kaufgrund ausreichen, aber Thimbleweed Park überzeugt ebenso inhaltlich - jedenfalls größtenteils.

Dass die Macher ihre früheren Werke als Inspiration genommen haben, merkt ihr nicht nur am Retro-Pixel-Look des Spiels, oftmals durchbrechen die Charaktere die vierte Wand und beziehen den Spieler direkt mit ein oder sorgen für witzige Situationen, die zum Beispiel an die LucasArts-Hotline im Dschungel von Monkey Island 2 erinnern. Ihr könnt etwa zwei Charaktere fragen, ob es nicht vielleicht besser wäre, jetzt das Spiel zu speichern. Mehr als einmal erhaltet ihr wiederum den Hinweis darauf, dass dies ja schließlich kein Sierra-Adventure ist und ihr hier nicht sterben könnt. Obwohl ein "Game Over" mittendrin möglich ist, wenn ihr aus Neugier einen falschen Knopf drückt - was nicht unwahrscheinlich ist, denn das Spiel lädt euch dazu ein, alles Mögliche zu untersuchen und zu benutzen. Mehr mag ich dazu nicht verraten, aber ich hoffe, euer letzter Spielstand ist dann nicht allzu lange her, denn automatische Checkpoints gibt es nicht.

Ansprechen will man damit möglichst viele Spieler und das anhand zweier verschiedener Schwierigkeitsgrade. Im gemütlichen Modus werdet ihr nicht alle Rätsel sehen, im schwierigen Modus werdet ihr wiederum mit allem konfrontiert, was Thimbleweed Park zu bieten hat. Und das solltet ihr keineswegs unterschätzen, denn in Zeiten, in denen viele Spiele recht simpel ausfallen oder Rätsel bieten, die nicht wirklich herausfordernd sind, fahren Gilbert und seine Kollegen einiges auf.

Hier seht ihr, wie verschiedene Charaktere zusammenarbeiten müssen, um bestimmte Ziele zu erreichen.

Kurz gesagt: Mitunter empfiehlt es sich, wirklich alles, was ihr findet, zu benutzen, zu untersuchen und damit anzustellen, was euch sonst noch so einfällt. Einfach nur, um zu sehen, ob es vielleicht doch etwas bewirkt, was ihr in euren Gedanken zuvor gar nicht in Erwägung gezogen habt. Zum Beispiel die scharfe Soße, mit der ihr sprichwörtlich Feuer spuckt, wenn ein Tropfen die Zunge des Charakters berührt. Und genau das braucht ihr auch, um damit von einem dadurch verbrannten Baumstamm wiederum Asche zu erhalten, aus der ihr im Zusammenspiel mit Benzin neue Tinte für einen Drucker herstellt.

Im schlimmsten Fall kann das für einigen Frust sorgen, wenn ihr partout nicht auf die Lösung kommt. Mitunter war ich froh, für den Test einen Guide als Hilfestellung zu haben. Im besten Fall freut ihr euch aber, weil ihr selbst auf des Rätsels Lösung gekommen seid und klopft euch dafür auf die eigene Schulter. Es ist ein echtes Erfolgsgefühl, aber zwischen diesen beiden Stimmungen schwankt das Spiel gerade im schwierigen Modus immer mal wieder stark hin und her. Im gemütlichen Modus gibt es zwar ebenfalls einige Kopfnüsse zu knacken, aber hier kommt ihr schneller voran, der Fokus liegt mehr darauf, die Story zu genießen.

Bei der Konfusion und Komplexität mancher Rätsel kommt zum Tragen, dass ihr in Thimbleweed Park später bis zu fünf verschiedene Charaktere steuert. Einerseits etwa die beiden Bundesagenten Agent Ray und Agent Reyes, die natürlich ganz und gar nicht an Mulder und Scully erinnern und sich um den mysteriösen Fall eines Toten in Thimbleweed Park kümmern. Stück für Stück kommen weitere Protagonisten hinzu, etwa Ransome the Clown, der immer alles und jeden beleidigt, der Geist Franklin, der unter mysteriösen Umständen gestorben ist, sowie Delores, die statt der Übernahme der Kissenfabrik ihres Vaters eine Karriere als Spieledesignerin bei Mmucas Flem Games anstrebt.

Die beiden Agenten untersuchen einen Mord in Thimbleweed Park.

Was am Anfang noch wie eine Parodie auf Akte X und Co. wirkt, entwickelt sich von Stunde zu Stunde zu einer Story mit eigenem Charakter. Irgendwie sind die Schicksale der Protagonisten miteinander verbunden (manchmal offensichtlicher, manchmal weniger) und selbst wenn ihr zwischendurch das Gefühl habt, mit Ransome oder Franklin unwichtigen Kram zu erledigen, der nichts zur eigentlichen Geschichte beiträgt, laufen am Ende doch alle Handlungsfäden zusammen. Was mich ein wenig an der Einführung der Charaktere störte, waren ihre spielbaren Rückblenden in die Vergangenheit. An sich eine nette Option, um die Figuren und ihre Schicksale vorzustellen, aber sie reißen euch zugleich immer wieder aus eurem aktuellen Fall hinaus, um den es hier eigentlich geht.

Was die Rätsel zum Teil besonders knifflig macht, ist, dass euch in manchen Situationen nur bestimmte Charaktere weiterhelfen oder dass ihr Items, die ihr aufsammelt - einiges davon benötigt ihr zwingend, andere aufgenommene Gegenstände bringen euch eigentlich gar nichts -, an einen der anderen Protagonisten abgeben müsst, um weiterzukommen. Hier mangelt es aber ein wenig an Logik, denn eigentlich ist nicht ganz klar, warum diese Figuren zum Teil zusammenarbeiten sollten und sie wundern sich nicht wirklich, wenn ihnen etwa einer der anderen Charaktere plötzlich ein Item zusteckt, das sie gebrauchen könnten. Sie nehmen es einfach als gegeben hin, ebenso wie ihr etwa mit Reyes oder wem auch immer zur Bank geht und dann mit Franklin dort anruft - der eigentlich die Nummer von sich aus gar nicht wissen kann, aber der andere Charakter liest sie vorher im Telefonbuch -, um den dortigen Angestellten abzulenken, damit ihr euch dort einen an der Wand hängenden Schlüssel schnappen könnt.

Irgendwo fehlt da die Logik, aber in einem Spiel wie Thimbleweed Park kommt ihr eben nicht immer mit Logik weiter. Insofern wäre es vielleicht besser für euch, wenn ihr über solche Dinge hinwegsehen könnt. Davon abgesehen erfordern die Rätsel mitunter schon mal sehr viel Hin- und Herrennerei, was nie wirklich komplett nervig wird, in manchen Situationen aber durchaus nah herankommt. Dann fangt ihr an, wild herumzuprobieren - mit einem Charakter nach dem anderen. Das kann irgendwann ermüdend werden.

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Kennt ihr diesen Mann?

Und natürlich schlägt nicht jeder Witz im Spiel ein, obwohl Thimbleweed Park euch alles in allem doch eine sehr amüsante Zeit bietet. Das liegt zum Teil an der Eigenwahrnehmung des Spiels, das sich selbst, andere Spiele, Klassiker, Filme und Personen auf die Schippe nimmt. Es versucht nicht, alle anderen Adventures vor ihm zu übertrumpfen, unbedingt noch einen draufzusetzen, stattdessen sollt ihr einfach einige unterhaltsame Stunden haben. Was ihm aber definitiv gelingt, ist, die Magie der klassischen LucasArts-Titel einzufangen. Aber das dürfte mit Gilbert am Steuer jetzt nicht wirklich überraschen.

Einen großen Pluspunkt hat sich übrigens die deutsche Version verdient. Für die Übersetzung hat man niemand geringeren als Boris Schneider-Johne mit an Bord geholt, der früher bereits für die Eindeutschung von Maniac Mansion oder der ersten beiden Monkey-Island-Teile verantwortlich war. Die Herausforderungen der Übersetzung hat er gut gemeistert, für gewisse Anspielungen auf die Popkultur des Jahres 1987 - in dem Thimbleweed Park spielt - zog er um Teil ähnliche Dinge heran, mit denen deutsche Spieler eher etwas anfangen können. Aus der Tonight Show mit Johnny Carson wird dann schon mal Wetten, dass..? mit Frank Elstner. Sollte zwar in Thimbleweed Park keiner kennen, aber es passt einfach und steht damit auf einer Stufe mit den früheren Übersetzungen.

Diese Liebe zum Detail spürt man gleichermaßen im restlichen Spiel. Da gibt es einerseits Verweise auf frühere Spiele und Personen - in einer Szene seht ihr auch mal ein lilafarbenes Tentakel -, aber nahezu jede Szene bietet kleine Details zum Entdecken, darunter etwa die Namen von Kickstarter-Backern im Telefonbuch, wofür man damals mindestens 50 Dollar investieren müsste. Andernorts gibt es in der Bibliothek von Delores' Onkel und an anderen Stellen Dutzende, gar Hunderte verschiedene Buchtitel, die ihr euch jeweils noch mal näher anschauen und sie aufschlagen könnt, um dort jeweils einen kleinen Text zu lesen. Dass man sich diese Mühe überhaupt macht, ist bewundernswert und ein Zeichen dafür, wie vernarrt die Macher in ihr Projekt sind und wie viel Herzblut darin steckt.

Ransome ist nicht gerade der freundlichste Clown.

Die Liebe zum Detail und der Retro-Charme machen viel von Thimbleweed Park aus. Würde sich jemand dafür interessieren, wenn das hier ein bitterernstes Adventure wäre? Wohl nicht so sehr, wobei man daraus vermutlich gar kein bitterernstes Adventure machen könnte, selbst wenn man wollte. Zumindest im schwierigen Modus nimmt euch das Spiel trotz vorhandener To-do-Listen der Charaktere nicht an die Hand und lässt euch zappeln, bis ihr selbst auf jeweiligen Lösungen der Rätsel kommt. Manchmal gehen die schon ein bisschen in Richtung Frust und ich dachte mir das eine oder andere Mal "Wie soll man denn darauf kommen?", als ich für den Test im Guide nachschaute. Verlasst euch also nicht allein auf die Logik, wenn ihr Thimbleweed Park spielt. Denkt um die Ecke, probiert Dinge und Kombinationen aus, selbst wenn sie euch auf den ersten Blick scheinbar nicht weiterhelfen - am Ende tun sie es oftmals doch.

Aufgrund der Vielzahl der aktiven Protagonisten erschien mir das Spiel an manchen Stellen schon mal konfus und verwirrend, aber ihr müsst akzeptieren, dass ihr schlussendlich mit allen auf dasselbe Ziel hinarbeitet und für die Lösung mancher Rätsel an verschiedenen Orten zugleich aktiv seid. Zusammengefasst: Thimbleweed Park überzeugt nicht nur in Teilbereichen - entweder mit dem Retro-Charme oder seinen Rätseln -, sondern mit dem Gesamtpaket. Es ist eine wunderbare, aber längst nicht perfekte Hommage und Liebeserklärung von Ron Gilbert und seinen Kollegen an die Adventures der alten Tage, an denen sie selbst noch beteiligt waren. Adventure-Begeisterte machen hier für einen Zwanziger definitiv nichts falsch und selbst Neueinsteiger kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten, selbst wenn ich diesen eher den gemütlichen Modus ans Herz legen würde.

Entwickler/Publisher: Terrible Toybox - Erscheint für: PC, Xbox One, Linux, Mac, iOS, Android, für PS4 sehr wahrscheinlich später - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: Deutsch (nur Texte), Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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