Drawn to Death - Test: Nein, wirklich nicht

Nicht jede gute Idee hat das Zeug zu einem tollen Spiel.

Solider Shooter, der das Gefühl vermittelt, in einem verwahrlosten Weddinger Hinterhof endlos von einem 14-jährigen beschimpft zu werden.

Ich hätte ahnen können, was da auf mich zukommt. David Jaffe und sein Team haben mit offenen Karten gespielt und Drawn to Death als einen Shooter mit dem Tonfall und der Ästhetik eines achtlos vollgekritzelten Schulblocks beworben. Nur hörte sich das vor ein paar Monaten noch nach einer kreativen, eigenständigen Idee an und nicht wie eine Drohung.

Man muss das Projekt irgendwo doch als geglückt betrachten, denn schon der Startbildschirm, der als 360-Grad-Video einer Unterrichtsstunde beginnt und das Hauptmenü als Ringblock aufruft, sobald man nach unten schaut, versetzt einen erfolgreich in die Schulzeit zurück. Andererseits wiederum: Spiele sind auch eine Kunstform und in die Gestaltung ihrer Welten und Wesen fließen normalerweise mehr Energie, Herzblut und Überlegungen als das Hirn eines Teenagers im Leerlauf in aller Regel aufbringt.

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Die angepeilte Ästhetik wird auf den Punkt genau getroffen, wirkt in der Mehrheit aber bemüht pubertär.

Deshalb scheitert Drawn to Death letzten Endes dort, wo es darauf ankommt: als Spiel. Ich bin mir bewusst, dass ich vor nicht einmal drei Sätzen Spiele als Kunst bezeichnete und die muss definitiv nicht durchgängig angenehm und gefällig sein. Aber ich muss mich von ihm zumindest herausgefordert fühlen, mich mit ihm zu befassen. Drawn to Death dagegen stößt mich ohne Unterlass von sich weg. Was für ein "Blast from the Past" diese Stippvisite in Schulzeiten zurück doch ist. Und hey, all die größeren, stärkeren Kids, die einen damals gemobbt haben, sind auch schon hier!

Man kann diese Warnung nicht klar genug aussprechen: Dieses Spiel schmeißt mit pubertären Beleidigungen und uncool expliziten Schmierereien nur so um sich, dass man sich fragt, ob man in Dylan Klebolds Schulblock gelandet ist. Es muss wohl Gaming 3.0 sein, wenn ein Online-Shooter, das wohl toxischste aller Genres, den anonymen Mitspielern jetzt sogar schon das Beschimpfen ihrer Gegner abnimmt.

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'Du hast keine Freunde. Ich lach' mich kaputt. Versteht ihr? Der Witz ist, ihr seid doof!

"Vollidiot". "Ein verdammtes Genie bist du", "Und jetzt schieß' mir in meine Scheißfresse". Von fetten, bohnenfressenden alten Herren ausgeschissene Feen, die einem den Mittelfinger zeigen, leckende Anus-Ikonographie. "Deine Eltern haben sich nie für dich interessiert"-Platitüden. Pferde mit Silikonbrüsten, die einem ein Getränk namens Kotzschlag zum Ex-Saufen anbieten. "Stirb, Arschgesicht". "Brich mir meine Scheißnase, Alter!" Und das sind nur die Highlights aus den ersten zwei Dritteln des Tutorials.

"Sackgesicht", "Arschnase, halt die Fresse". "Aus Hackfleisch und Schimmelkäse geborener Scheißhaufen!" Jeder Satz endet in einer Beleidigung, mit der Ironie und Charme eines groß geratenen, ungeliebten Teenagers vorgetragen, der in der großen Pause auf dem Weg zur Raucherecke beiläufig Klassenkameraden die Treppe runter tritt. Es ist nicht cool, sondern anstrengend, wie es jede Faser dieses Spiels durchdringt. Unangenehm und streckenweise hochnotpeinlich anzusehen und anzuhören - das kam bei der Durchsetzung der kreativen Vision von Drawn to Death heraus. Auch wenn sich ein Teil dieser Beleidigungen im Hauptmenü abstellen lässt, die Attitüde und die auf die dumme Art hirnverbrannten Kommentare bleiben. "Obnoxious" sagt man im englischsprachigen Teil der Welt dazu und fasst damit eleganter "widerlich", "unausstehlich", "fies" und "anstößig" in einem praktischen Wortcontainer zusammen, der hierfür wie gemacht scheint.

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Die Charaktere spielen sich sehr unterschiedlich.

Lichte Momente sind - neben der nicht eben schönen, aber überzeugend durchgezogenen Ästhetik - einige Figuren- und Waffendesigns, in die sichtlich Arbeit geflossen ist. Auch das Spiel hat gute, wenngleich nicht unbedingt neue Ansätze. Jaffes Team begnügte sich zum Beispiel nicht mit der heiligen Shooter-Dreifaltigkeit aus Sturmgewehr, Schrotflinte und Scharfschützengewehr. Man entwarf tatsächlich ein paar angemessen verschrobene Kaliber, einen Leichenwerfer zum Beispiel, für dessen Nachladeanimation jedes Mal ein neuer Sarg aus der Erde gezogen werden muss. Eine Spielkonsole, die JRPG-Charaktere verschießt, ist ebenso mit dabei, wie der Torso eines Völkerballspielers, der mit flammenden Bällen um sich schmeißt.

Dazu verfügt jeder der Spielcharaktere über eigene, recht interessante Skills, die dem Kampfablauf einen Hero-Shooter-mäßigen, asymmetrischen Anstrich geben. Das Aiming ist nicht das beste - zu locker -, das Trefferfeedback verlässt sich ein bisschen zu sehr auf die Schadenszahlen, die aus den Gegnern sprießen, und im Nahkampf wird's allzu chaotisch. Aber in seinen Arenen, mit all ihren sich windenden Treppen, Teleportern und Sprungpads, gelang es dem Spiel hier und da, mich zum debil grinsenden Komplizen zu machen. Eine grotesk brutale Animation, Schadenfreude über einen Treffer mit einer der einfallsreicheren Waffen - das sind so Momente, für die diese Sorte Spiel eigentlich immer gut ist, wenn keine kompletten Stümper am Werk waren. Nachdem ich angesichts des verbalen Abusus kaum aus dem Tutorial kam, hatte ich damit nicht mehr gerechnet.

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Hin und wieder passiert's, man denkt sich: 'sieht eigentlich ganz cool aus'.

Aber es nützt alles nichts, wenn man ständig das Gefühl hat, man ist irgendwie im falschen Film gelandet. Alles, was Drawn to Death gut, passabel oder zumindest nicht schlecht macht, machen Dutzende andere aktuelle Spiele besser. Warum also das hier über sich ergehen lassen?

Es ist fast wie bei dem Typen, der auf dem Schulhof so taff um eine eigentlich unstrittige Alphaposition kämpft. Hin und wieder meint man beinahe, er hätte irgendwo doch einen guten Kern. Aber der nächste blöde Spruch oder die nächste im Vorbeigehen durchgestreckte Schulter kommt bestimmt. Bunny-Hopping-Irrsinn im Vier-Spieler-Gegeneinander hat man rein technisch gesehen sicherlich schon schlechter gespielt. Am Ende ist es aber doch so: Niemand, meistens nicht einmal die Mobber von damals, blicken Jahre später noch mit Nostalgie auf diese Phase des Heranwachsens zurück. In der Regel sind alle Beteiligten froh, wenn diese Zeiten vorbei sind. Und wer noch mittendrin steckt, sucht in Videospielen in aller Regel einen Ausweg davon - keine Dauerfahrkarte, eine emulierte Version davon in den Nachmittag und Abend hinein zu verlängern.

Nennt mich zartbesaitet. Aber eine Woche nach dem Start dieses für PS-Plus-Mitglieder kostenlosen Spiels ist es nicht ganz einfach, eine lausige Vier-Spieler-Partie vollzubekommen. Woran das wohl liegt?

Entwickler/Publisher: The Bartlet Jones Supernatural Detective Agency/Sony - Erscheint für: PS4 - Preis: kostenlos bei PS Plus, sonst 19,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Fäkaldeutsch - Mikrotransaktionen: Ja

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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