Full Throttle (Vollgas) Remastered - Test

Das Adventure in der Mitte des Genres.

Erst neu aufgelegt zeigt dieses nicht so klassische Lucas-Arts-Adventure, wie sehr es - und seine Schwächen - für das Genre wegweisend war.

Spiele wie Monkey Island und Indiana Jones 4 gehören zu jenen Titeln, die heute selbst wenig Computerspiel-Affinen ins Gedächtnis kommen, wenn sie an ihre Kindheit oder Jugend mit dem PC zurückdenken. Full Throttle eher nicht. Es erschien erst zur auslaufenden Blütezeit der Adventure, 1995, und stellt eine Art Wendepunkt des Genres dar. Full Throttle Remastered macht das jetzt umso deutlicher. Wie schon bei Day of the Tentacle haben die Entwickler das Original sehr detailverliebt mit neuen Grafiken und neuem Sound wiederbelebt, ohne dabei jedoch den Charme des Originals zu zerstören. Charme - das bedeutet in diesem Fall leider auch Frust.

Full Throttle dreht sich um den Anführer einer Motorradgang der Zukunft, Ben. Der hat ein Problem damit, dass der Vorstand des letzten Motorradkonzerns der Welt ermordet wird und hofft deshalb, das Business retten zu können, um so weiterhin seiner Biker-Identität folgen zu können. Was einst in derber Pixelgrafik über unsere Röhrenmonitore flimmerte, gibt's nun in wunderhübsch-hochauflösendem Ambiente, was einst rauschender Blech-Sound war klingt nun klar und frisch. Mit Ausnahme der deutschen Sprachausgabe. Mal abgesehen davon, dass die englische ohnehin schon immer besser war: Die wurde soundtechnisch gesäubert, die deutsche nicht. Bleibt also beim Original, deutsche Texte sind optional einblendbar.

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Harte Jungs lauschen in einer Bar der Zukunftsversion von Fox News.

Nachdem ich Full Throttle durchgespielt habe, finde ich eigentlich am interessantesten, wie das Spiel die Entwicklung des Genres beschreibt. Während einerseits die Rätsel weniger kryptisch wurden, die Zwischensequenzen länger und cineastischer, haben die Entwickler auf der anderen Seite offenbar selbst erkannt, dass es ihrem Spiel nun an nennenswertem Gameplay fehlt. Als sei das ein Problem, schließlich beweist Telltale nun schon recht lang, dass es das nicht unbedingt braucht. Das wusste Lucas Arts seinerzeit aber noch nicht und meinte "das Spiel" ins Spiel zurückbringen zu müssen. Daher integrierte man unter anderem ein halbes Kapitel, indem der Spieler in einer ruckelnd-scrollenden Felslandschaft mit seinem Motorrad durch die Gegend fährt und anderen Fahrern Waffen auf den Kopf haut. Mit gefühlt etwa sieben Frames pro Sekunde. Road Rash, schlechter als Road Rash selbst in seinen tiefefsten Niederungen war.

Ich kann wohl verstehen, dass diesem Gedanken zu Grunde lag, etwas ähnliches wie das Monkey-Island-Beleidigungsfechten auch in einem anderen Spiel zu schaffen - aber es kommt eben auf die Umsetzung an. In Full Throttle werdet ihr wieder und wieder von eurem Bike geworfen bis ihr endlich begriffen habt, welche Waffe gegen welchen Gegner gut funktioniert. Und selbst dann müsst ihr noch auf ein seltsam-strenges Timing achten, weil eure Waffe den Gegner sonst nicht trifft. Das ist umso trauriger, als dass der Adventure-Part bis zu diesem Zeitpunkt hin super funktioniert, trotz der Simplizität der Rätsel den typischen Lucas-Arts-Charme entfaltet. Und danach urplötzlich einbricht.

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So sieht eine typische Full-Throttle-Szene heute aus ...
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... und so die gleiche damals.

Wenn ihr endlich wieder die Kontrolle über eure Figur habt und nicht mehr nur auf dem Motorrad rumprügeln müsst, ist das wie eine Erholung - als seid ihr eine Weile unter Wasser gewesen und würdet nun endlich wieder aufatmen. Eine lange Erholungsphase gönnt euch das Spiel aber nicht, denn dann kommt das Destruction Derby. Dabei müsst ihr ein Auto entweder via Maus oder Tastatur so über Schanzen lenken, dass es auf anderen Autos landet. Das ist kaum steuerbar und frustriert so sehr, dass man schöne Dinge kaputt machen möchte. Wirklich, diese kleinen in Top-Down-Perspektive gesteuerten Karren sind kaum bis nicht kontrollierbar. Manchmal rammt ihr einfach unfreiwillig minutenlang das gleiche Auto, wie ein kleiner Junge mit zu viel Zucker beim Autoscooter. Das ist so schlecht, dass die Entwickler einen Tastencode eingebaut haben, um dieses Kapitel zu überspringen: STRG+V. Funktioniert auch in der Remastered-Version noch und ich würde jedem Spieler dazu raten.

Abgesehen von solchen Eskapaden hatte ich aber durchaus meinen Spaß mit der Remastered-Version von Full Throttle. Diese Gameplay-Einlagen sind die tragischen Wendepunkte des Spiels, die es irgendwie zu überleben gilt. Zähne zusammenbeißen und STRG+V. Die Rätsel im restlichen Adventure-Part sind nämlich eingängig, die Atmosphäre dick und die Tatsache, dass ihr per Tastendruck auf die alte Grafik umschalten könnt, macht Spaß. Neben Ben gibt es darüber hinaus eine Menge Figuren, die euch ans Herz wachsen, der Protagonist bleibt mit seinem Motorrad und seinem Hang zur draufgängerischen Gerechtigkeit irgendwie eine Identifikationsfigur.

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Leute vom Bike boxen: Nicht gerade die schönste Beschäftigung in Full Throttle.

Full Throttle Remastered hat, ganz wie das Original, seine miesen, richtig miesen Momente. Die Jagd auf andere Biker genauso wie das Destruction Derby, jetzt in HD. Das macht das unterirdische Gameplay dieser nicht so kurzen Sequenzen aber nicht besser. Der Rest des Spiels ist aber nach wie vor gut bis toll. Und ich würde ihn zumindest allen, die an Adventure und an der Geschichte des Genres interessiert sind, empfehlen. Hier ist die erste Saat dessen, was später zum "klassischen" Telltale-Adventure werden sollte, hier wird gleichzeitig der Samen der Gegenbewegung gepflanzt, der heute zum Beispiel in den Daedalic-Adventure erblüht. Auch wenn Full Throttle Remastered fast schon bipolar daherkommt - wer Adventure mag, kommt an dieser Neuauflage eigentlich schon aus historischen Gründen nicht vorbei. So sehr er dann manchmal auch die Zähne zusammenbeißen muss.

Entwickler/Publisher: Double Fine/Double Fine - Erscheint für: PC, PS4, Vita - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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