Wonder Boy: The Dragon's Trap - Test

Unverwüstlicher, als ich es je gedacht hätte.

Was für ein faszinierendes Spiel! Seit fast 20 Jahren hatte ich mir vorgenommen, dieses noch mal zu spielen - also richtig zu spielen, nicht nur drei Minuten in einem Emulator anzumachen -, weil ich es als, gerade für seine Zeit, überraschend komplexes, verschachteltes und spannendes Spiel in Erinnerung hatte. Da das jedoch 1991 war und mit das letzte Spiel, das ich auf dem SEGA Game Gear mit Master-System-Adapter spielte, wollte ich meinen Erinnerungen seitdem nie wirklich trauen. Aber ja, nachdem ich jetzt endlich dank dieses absoluten Vorzeige-Remasters ein zweites Mal die Falle des Drachen besiegte - Wonder Boy III: The Dragon's Trap ist fast schon ein Kuriosum seiner Zeit. Mehr noch: Es ist - zu meiner großen Überraschung - ein heute immer noch gutes Spiel.

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Heute so...

Das Master System war beileibe nicht für komplexe Rollenspiele und Action-Adventures bekannt. Sicher, es gab Phantasy Star, aber damit war das RPG-Thema schon fast beendet. Es gab eine Handvoll Action-RPG-Adventures, davon vielleicht ein, zwei, die es zumindest im entferntesten Sinne mit einem Zelda aufnehmen konnten. Aber das vielleicht erste Metroidvania, lange bevor beide Serien "offiziell" in Symphony of the Night gekreuzt wurden, überrascht heute im Rückblick noch mehr als damals. Die späteren Teile, dann 16-Bit, waren erwartbar. Zu der Zeit gehörten Action-Adventures mit etwas Tiefgang zum guten Ton eines Systems. Dragon's Trap jedoch gehört gerade noch in die erste Emanzipationsphase der Konsolen, die sich langsam von den Arcades wegbewegten und in denen die Entwickler wirklich anfingen zu gucken, was es bedeutet, zu Hause zu spielen. Etwas, das für SEGA - eigentlich ein Arcade-Produzent - selbst mit einem externen Studio wie Westone deutlich länger dauerte als für Nintendo.

2
Damals (fast) so: Die Farben stimmen, die Anpassung an den modernen Screen passierte so liebevoll wie tadellos und zeigt die 30 Jahre alte Optik in ihrem besten Licht. Wenn auch nicht ganz authentisch. Gut so.

Spielerisch lag und liegt Wonder Boy: The Dragon's Trap vom ein Jahr zuvor erschienenen Metroid nicht weit entfernt. Es knüpft an den Bosskampf des Vorgängers an, wundert euch also nicht über die mächtige Bewaffnung und Lebensleiste, mit der ihr startet. Das ändert sich schnell und einen Fluch später spielt ihr plötzlich einen kleinen, niedlichen und vor allem schwächlichen Drachen. Aus dem Startdorf führen viele Wege in viele Richtungen, aber um diese zu erschließen, müsst ihr erst neue Formen finden. Mit diesen neuen Tierformen und damit neuen Fertigkeiten eröffnen sich neue Wege zu neuen Bossen, neuen Waffen, Rüstungen und vor allem Formen. Aus all dem ergibt sich eine gewisse Linearität, aber auch viel Freiraum, um zu vormals unpassierbaren Stellen zurückzukehren und dort herumzustöbern. All das wird mit ein paar kleineren Rollenspielelementen in den Waffen- und Rüstungswerten ausgeschmückt und ergibt acht bis zwölf Stunden Spaß beim Erkunden, Rätseln und auch nicht zu wenig Suchen, wo es denn nun weitergehen könnte.

Letzteres gehört dazu, denn ihr habt keine Karte und auch keine Marker, die euch sagen, was noch offen sein könnte. Da das Spiel nicht annähernd so groß ist, wie es spätere Genre-Vertreter werden sollten, lässt sich das alles noch ganz gut im Gedächtnis behalten. Aber sich von Zeit zu Zeit mal eine kurze Notiz zu machen, wo noch was sein könnte, spart euch ein wenig Herumlaufen. Der damals recht harte Grind nach Extra-Items und Gold für die besten Waffen fühlt sich etwas entschärft an. Jedenfalls musste ich nie zu lange die gleichen Feinde belästigen, um an ihre Münzen zu kommen. Neu sind die drei Schwierigkeitsgrade, wobei keiner das Grundproblem des Spiels adressiert: Egal ob leicht, schwer oder mittel, das Spiel ist am Anfang durchaus fordernd, weil ihr wenig Energie habt, das Angriffstiming noch nicht kennt und eure Waffen Schrott sind. Seid ihr erst mal ein Weilchen unterwegs, läuft es wie von allein, nur um immer wieder mal unvermittelt komplett in die andere Richtung zu ziehen und euch mehr oder weniger ohne Vorwarnung umzubringen. Wirklich gute Balance ist etwas anderes, selbst wenn es nie so aus dem Ruder läuft, dass es dem Spielspaß gefährlich würde.

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Ihr habt nicht alle Fertigkeiten jederzeit abrufbar, sondern wechselt in dieser Kammer, was ihr sein möchtet: Drache, Löwe, Maus...

Ansonsten ist Wonder Boy: The Dragon's Trap in seiner ursprünglichen und insgesamt erstaunlich gut gealterten Grenzbrillanz zurück, diesmal ohne die "III" im Titel und vom Pariser Winzstudio Lizardcube. Und die Liebe zum Projekt kann sich sehen lassen. Ihr bekommt das Original, sauber auf die hohe Auflösung skaliert, jeder einzelne Pixel sauber abzählbar und in kräftiger leuchtenden Farben, als es sich das Master je träumen ließ. Dazu klimpert eine technisch etwas polierte, aber sonst unverfälschte Chiptune-Variante die alten Stück vor sich hin. Es sieht so gut aus und klingt so gut, wie man es von einem fast 30 Jahre alten Spiel gar nicht erwarten sollte.

Jetzt habt ihr zwei Knöpfe, um das Spiel zu jedem beliebigen Zeitpunkt in die Gegenwart zu zerren oder auch zurück in die Vergangenheit zu schicken. Von Erstem bin ich ein großer Fan. Nicht, dass ich was gegen alte Chiptunes hätte, ganz im Gegenteil. Aber der großartig arrangierte neue Soundtrack ist absolut fantastisch, jedes Stück ein Wunderwerk einer Mischung aus den alten Melodien und geschickter Adaption auf reale Instrumente. Jeder Level hat ein deutlich herausgearbeitetes Thema, das das Original aufgreift und damit spielt, dass jeder neue Besuch in einer Stage fast schon automatisch eine Freude ist.

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Hier noch mal ein direkter Vergleich des Looks: Alt...

Der andere Button ist für die Grafik zuständig und der Umbruch noch weit radikaler. Die 8-Bit-Pixelgrafik verwandelt sich in etwas, das... mir nicht gefällt. Das ist hochsubjektiv und eigentlich hat die Arbeit von Ben Fiquet hier ohne Frage ihren eigenen Charme und Witz, wie sie den 80er-Minimalismus in Sekundenbruchteilen in ein buntes Comic-Wunderland verwandelt. Die Sprites sind klar wiedererkennbar. Die Farben und Stimmungen, sofern das Original Letztere wirklich einfangen konnte, blieben trotz des neuen Überflusses erhalten. Die eigene Figur verwandelt ihre paar Frames in detaillierte Animationen mit genug eigenständigem Charakter.

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...und neu. Was gefällt euch besser?

Und trotzdem, auf mich wirkt das alles wie ein Flash-Game. Ein sehr poliertes, luxuriöses, und vielleicht ist das das Problem. Es ist zu geschliffen, zu sauber und trotz allem, was objektiv da ist, subjektiv und für mich zu seelenlos. 95 Prozent der Zeit spielte ich mit der alten Grafik, aber noch mal in aller Deutlichkeit: Das gilt für mich. Die neue Grafik ist eine so mutige wie vollständige Interpretation dessen, was nie da war. Es schafft eine eigene Welt und ich denke, dass diese den meisten besser gefallen wird als die paar Pixel aus dem Jahr 1987. So oder so liegen beide Welten ja auch nur einen Tastendruck auseinander. Einen Bruch gibt es in der "alten" visuellen Welt: Das Waffen- und Rüstungsmenü wird immer in der modernen Optik angezeigt, was zumindest mich immer etwas herausriss, während es einem Spieler, der den neuen Stil nutzt, wohl gar nicht auffallen dürfte.

Für Sammler gibt es auch die Switch und PS4 Version in der Box, inklusive Oldschool-Handbuch und kleinen Goodies:

Wonder Boy: The Dragon's Trap - In der Box für Switch (Amazon.de)

Wonder Boy: The Dragon's Trap - In der Box für PS4 (Amazon.de)

Spielerisch blieben alte Macken wie das mitunter sehr zufällige Drop-Verhalten von Extraleben oder eigenwillige, wenn auch wahrscheinlich vor 30 Jahren so gewollte, Muster in der Kollisionsabfrage erhalten. Um das Passwort jedoch müsst ihr euch keine Sorgen mehr machen. Es wird automatisch gespeichert und ihr verliert kein Gold, wenn es euch mal erwischt. Auch neu ist, dass es neben Wonder Boy nun auch Wonder Girls gibt, aber jenseits eines neuen Sprites und Titelbildes ändert sich am Spiel durch diese Wahl nichts. Bleibt noch der Blick auf die Shops: Im Original ein winziges, etwas undefiniertes Bildchen, im neuen Look der ganze Raum mit zusätzlichen Informationen, was die Waffen und Rüstungen, die ihr da teuer kauft, eigentlich bringen. Selbst wenn ihr sonst komplett Retro geht, hier lohnt der Sprung in die Moderne auf jeden Fall.

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Im alten Look bekommt ihr einfach das Passwort. Im neuen auf Knopfdruck und mit einem NPC-Schulterzucken. Gespeichert wir eh immer.

Ich bin wirklich überrascht, es hat sich viel besser gehalten, als ich es je für möglich gehalten hätte. Da Wonder Boy: The Dragon's Trap kein großes Spiel ist, fehlen "moderne" Komfortmittel wie eine Karte nicht wirklich und ihr habt einen erstaunlich gut geschachtelten Action-Adventure-RPG-Hybriden, der gar nicht so aus der Zeit gefallen wirkt, wie das nach 30 Jahren eigentlich der Fall sein sollte. Nehmt ihr es als erfrischendes Proto-Metroidvania, entweder im Pixel-Art-Look oder als frisch poliertes 2D-Kunstwerkchen, werdet ihr nicht schlechter unterhalten, als es mit den moderneren Vertretern dieser Gattung der Fall wäre. Ich hätte nie gedacht, dass ich das über auch nur ein einziges SEGA-Master-System-Spiel sagen würde, aber ja: Wonder Boy: The Dragon's Trap zeigt nicht nur, wie man ein so altes Spiel ideal restauriert, sondern auch, dass der Kern des Originals erstaunlich zeitlos ist und in der heutigen Welt sogar in seiner ursprünglichen Form funktioniert.

Entwickler/Publisher: Lizardcube / DotEmu - Erscheint für: PC, PS4, Switch, Xbox One - Preis: ca. 20 Euro - Erscheint am: erhältlich (PC im Juni)- Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Nein

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Martin Woger

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