Outlast 2 - Test

Erfrischend, wie das Blut in den Adern gefriert.

Was bin ich doch für ein Feigling, denke ich mir, nachdem ich zum etwa fünfzehnten Mal in einer dreiviertel Stunde Spielzeit die Escape-Taste drücke, weil ich eine kurze Verschnaufpause brauche. Weil ich nämlich teilweise schon das Gefühl hab, Outlast 2 beschleunigt meinen Puls so sehr, dass er langsam ein ungesundes Maß erreicht und weil sich irgendwo in meinem Hinterkopf grade die irrationale Angst einschleicht, der nächste Jump-Scare könnte meinen Tod durch Herzinfarkt bedeuten. Es gibt sehr viele Spiele auf dieser Welt, bei denen ich entspannter war als bei diesem. Eigentlich fast alle. Outlast 2 ist ein Massaker und ihr als Spieler seid mittendrin und müsst euch unter dem Bett verstecken, damit euch der wütende Mob nicht auf eine Mistgabel spießt.

In Outlast 2 schlüpft ihr diesmal in die Rolle von Blake Langermann, der als Kameramann seine Frau begleitet, eine investigative Journalistin, die den Mord an einer unbekannten Frau aufklären will. Auf dem Weg dahin stürzen beide aber mit dem Hubschrauber ab und als Blake erwacht findet er nur noch das brennende Wrack vor, nicht jedoch seine Frau. Als liebender Mann macht er sich also auf den Weg, sie zu finden und versucht, dabei nach Möglichkeit nicht zu sterben. Das jedoch ist gar nicht so einfach, was ihm spätestens auffällt, als er seinen Hubschrauberpiloten gehäutet und aufgespießt am nächsten Baum findet.

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Krankenhaus oder Sektenzentrum? Wer weiß das schon so genau?

Outlast 2 spielt wie schon sein Vorgänger nicht gerade mit subtilem Horror, der eigentlich nur im Kopf des Spielers stattfindet. All der Schrecken ist direkt, abstoßend und ekelhaft, am ehesten vielleicht vergleichbar mit der Atmosphäre, die Filme wie Rob Zombies Haus der 1000 Leichen verbreiten - inklusive durchgedrehter Südstaatler, die allesamt nichts anderes wollen als sämtliche Eindringlinge einem pseudo-christlichen Kult zu opfern. Das wiederum scheint ihnen schon oft gelungen zu sein, denn Blakes Weg durch Arizona ist gepflastert von Leichen. Nicht aber, wie das bei Action-Helden ist, die ihre Feinde mit ein paar coolen Sprüchen um die Ecke bringen. Blakes wichtigste Waffe ist seine Kamera, mit der ihr all das Schrecken auf seinem Weg aufnehmen könnt und die euch gleichzeitig als Nachtsichtgerät dient.

Nicht immer nützt euch das aber besonders viel, denn unübersichtlich bleibt Outlast 2 trotzdem meistens. Wenn ihr euch irgendwo zwischen halbverfallenen Hütten, zwischen mannshohen Sträuchern und Bäumen im Kultistendorf aufhaltet, ist es eben nicht ganz einfach, Feinde rechtzeitig zu erkennen, damit ihr euch noch vor ihnen verstecken könnt. Oft hört ihr also im Hintergrund wirres Geschrei, wisst, dass bald etwas kommt, könnt aber nicht mehr wirklich etwas dagegen tun, weil ihr auf dem Weg zu eurem nächsten Versteck abgepasst und blutrünstig ermordet werdet. Also heißt es neu laden - und das kann in einer Szene schon durchaus ein paar Mal passieren, bevor ihr via Versuch und Irrtum herausgefunden habt, wie ihr sie am besten meistert.

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Liedgut von Leuten, die gerne Menschen opfern - nur echt mit Blutspritzern..

Dieses Element ist zwar frustrierend, viel mehr Schlechtes kann ich über das Gameplay von Outlast 2 aber gar nicht sagen. Für ein Horrorspiel hat Entwickler Red Barrels nämlich vieles richtiggemacht. So gibt es beispielsweise kein wirkliches Benutzerinterface, das eure Immersion brechen könnte. Wenn ihr euch heilen wollt, guckt ihr zu eurem Gürtel und verwendet einen Verband. Die einzigen Momente, in denen es überhaupt Anzeigen gibt, sind eigentlich die, in denen Blake seine Kamera in der Hand hat. Dann wird logischerweise auch eine Akku-Anzeige sichtbar und die ist wichtig, denn ohne neue Batterien seid ihr geliefert, weil ihr eben allein im Dunkeln unter verrückten Killern seid. Gleichzeitig müsst ihr die Kamera aber immer wieder nutzen, um wichtige Elemente der Spielwelt festzuhalten. Die könnt ihr dann nämlich erneut ansehen und erhaltet so wertvolle Hintergrundinformationen, ihr verbraucht aber auch gleichzeitig jede Menge Akku. All diese Informationen nützen euch schließlich gar nichts, wenn ihr auf der Suche nach einer Batterie von einer irren Frau mit Spitzhacke erschlagen werdet. Hier abzuwägen, was gerade am besten ist, ist nie leicht. Und manchmal ist eine solche Entscheidung regelrecht quälend.

Was man auch wissen sollte bevor man einen Finger an Outlast II legt: Man sollte mit drastischen Splatter- und Horror-Inhalten einigermaßen vertraut sein und kein Problem damit haben. Die Entwickler spielen hier die volle Klaviatur an allem, was politisch inkorrekt ist, sie verwenden Symbole des Christentums, um damit Tabus zu brechen. Man könnte sagen: Das ist dumpfe Effekthascherei, damit der Mensch vor dem Bildschirm sich noch geschockter fühlt als er es ohnehin schon ist. Ein Beispiel: ein Haufen Babyleichen, auf dem Boden ausgelegt in Form eines Kreuzes. Wer hier glaubt, womöglich keine ausreichende Distanz aufbauen zu können, sollte es auch gar nicht versuchen. Ich selbst habe keinen religiösen Hintergrund und auch keine große Aversion gegenüber Splatter-Inhalten in Filmen oder Spielen, fand Outlast 2 dann aber teilweise so übertrieben drastisch, dass ich mich doch unwohl gefühlt habe. Sicher ist das auch gewollt, aber dieses Spiel geht in seiner Gewaltdarstellung einfach noch ein bedeutendes Stück weiter als viele andere Vertreter des Survival-Horror-Genres. Und das kann, muss man aber nun wirklich nicht unbedingt gut finden.

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Erwartet keine Sommerfarben.

Ich muss schon zugeben, dass Spaß nicht so wirklich das ist, was ich mit Outlast 2 rückwirkend verbinde. Es war viel mehr so eine bizarre Mischung aus Anziehungskraft und Ekel, Angst und Neugier. Ich kam wieder zu Outlast 2 zurück und musste mich gleich wieder davon abwenden, ich war frustriert von Blakes schnellem Ableben und habe es doch gleich wieder versucht. Manchmal wusste ich gar nicht genau, was mich gerade umgebracht hat, weil ich panisch durch die Pampa gerannt und über irgendeine Mistgabel gestolpert sind. Das Tolle an Outlast 2 ist nicht, dass es Spaß bedeutet, interessant ist eher, was das Spiel mit euch macht. Wenn ich an dieser Stelle eine Empfehlung ausspreche, dann richtet sich die an Leute, die sich auf Horrorspiele mit Haut und Haar einlassen können und trotzdem eine kritische Distanz mitbringen. Wer nicht gerne erschrickt und die virtuelle Interpretation abstoßender Verbrechen tatsächlich auch als widerwärtig empfindet - besser ignorieren.

Entwickler/Publisher: Red Barrels/Red Barrels - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 27,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englische Sprachausgabe, deutsche Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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