Syberia 3 - Test

Aus der Zeit gefallen.  

Verbreitet kaum das Syberia-Gefühl von damals und fühlt sich auch an, als sei es seinerzeit erschienen - technisch wie spielerisch.

Wer geboren wurde, als Syberia 2 erschienen ist, ist jetzt 13 Jahre alt und damit alt genug, sich von seinem Taschengeld den dritten Teil zu kaufen, den Entwickler Microids gerade auf den Markt geworfen hat. Obwohl derjenige dann ein aktuelles Spiel erworben hat, erlaubt ihm das Spielerlebnis trotzdem einen Blick in die Vergangenheit des Adventures: Als die Steuerung noch hakelig, die Hauptfigur noch schwer von Begriff und die Sprachausgabe noch amateurhaft war. Spaß macht Syberia 3 nur selten. Eigentlich kaum. Und wenn, dann weil kaputte Dinge eben manchmal auch schön anzusehen sind. Ein morbides Vergnügen.

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Nachdenklich kuckst du aus dem Fenster, Kate Walker. Was ist nur aus dir geworden?

Syberia 3 setzt alles daran, den Menschen vor dem Bildschirm zu beuteln. Wir starten mit einer Szene, in der ein einbeiniger Inuit, im Spiel Youkol genannt, auf einer bizarren Vorrichtung festgeschnallt ist, etwas von seiner bevorstehenden Heilung faselt und dabei aus einem Strohhalm trinkt. Krankes Zeug, das nur deshalb nicht ganz so erschreckend wirkt, weil die Welt drumherum auch nicht anders ist. Protagonistin Kate Walker gibt sich im Gespräch mit diesem offensichtlich gegen seinen Willen festgehaltenen Ureinwohner Syberias selbst so dermaßen naiv, man könnte glauben, beide hätten vorher von einem grobschlächtigen Metzger eine Lobotomie erhalten. Da ist der böse Klinikchef mit dem eingefallenen Gouverneur-Tarkin-Gesicht, da ist Klinikchefin Olga, die brutale Russin, die in ihrer Freizeit vermutlich kleine Mädchen per Prügel zum Ballett zwingt. Kate Walker aber kommt erst so nach und nach darauf, dass sie hier nicht freiwillig entlassen wird. Wie es dann doch klappt, ohne dass jemand widerspricht - klar, mit einem Schlüsselrätsel.

Neben dieser Flucht aus der Anstalt wird der Plot des Spiels erst so nach und nach klar. Es geht um das oben schon genannte Volk der Youkol, dessen einbeiniger Anführer in besagtem Krankenhaus vor sich hinsiecht. Die Youkol wollen dringend auf ihre Straußenwanderung gehen. Soll heißen, sie wollen den Straußen hinterherwandern, denn die Youkol machen alles aus Strauß. Sie sind ihre Lebensgrundlage. Das natürlich will ein böser Russe mit Augenklappe verhindern und daher müsst ihr, in Form von Kate Walker Frohsinn, Freiheit und Gerechtigkeit zurück zu den Youkol bringen. Nun habe ich durchaus eine Schwäche für bizarr überzeichnete Geschichten. Ich mag die alten James-Bond-Filme mit Roger Moore und da sind einäugige Bösewichte nun wirklich nicht selten. Aber diese Filme präsentieren ihr comichaftes Setting eben mit einer sehr polierten Dreistigkeit, viel Produktionswert, schauspielerischem Talent, Krach und Explosionen. Syberia 3 hat nichts davon.

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Böse Russen mit Augenklappe: zeitlos.

Das hat zu großen Teilen mit der Technik zu tun. Die Kameraperspektiven sind starr, sie wechseln wie beim ersten Resident Evil je nachdem, wo sich die Spielfigur eben gerade befindet. Manchmal läuft Kate Walker durch massive Spielelemente hindurch, manchmal bleibt sie an einem ordinären Besen hängen und kann nicht weitergehen. Zwischendurch präsentiert das Spiel Zwischensequenzen, die zwar in der Spielgrafik aufgenommen sind, aber derart komprimiert wurden, als seien sie für den Pentium 60 optimiert worden, den ich hatte, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe. In der deutschen Synchronisation werden Sätze teils mittendrin abgebrochen, teils pausieren sie bei jedem Kameraschwenk und gehen dann urplötzlich weiter, mittendrin tauchen plötzlich Passagen aus anderen Sprachen auf. Regelmäßig bewegen die Spielfiguren auch nach dem Ende der Sprachausgabe ihren Mund noch weiter, obwohl das Gesagte schon zu Ende ist. Das wirkt ein bisschen wie schlecht übersetztes US-Teleshopping. Ist einmal lustig, dann nervt es.

Rettet das Gameplay das Spiel? Naja, zu geringen Teilen. Die Rätsel sind einigermaßen durchschnittlich. Ihr findet Gegenstand A und setzt ihn an Stelle B ein. Habt ihr den richtigen Gegenstand für Stelle B noch nicht? Sucht weiter. Zwischen den Arealen, in denen nützliche Items versteckt sind, liegen allerdings teilweise komplett leere Gebiete. So lauft ihr durch leere Wälder, glaubt, hier etwas verpasst zu haben und stellt dann doch nur fest, dass das gesuchte Ding eigentlich woanders war. Noch am besten funktioniert die Steuerung übrigens per Gamepad, dazu raten auch die Entwickler selbst. Lehnt euch also zurück beim Spielen, genießt das Elend.

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Überdimensional große Straußentiere: Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Wer die ersten beiden Teile von Syberia gespielt hat, wird festgestellt haben, dass es sich dabei um eine abgeschlossene Geschichte handelt, die im Grunde auch sehr befriedigend endet. Nicht zuletzt deshalb fühlt sich Syberia 3 auch an wie ein angestöpseltes Nachtreten. Hier wird etwas gesagt, wo eigentlich nichts mehr gesagt werden musste. Und deshalb wirkt Syberia 3 am Ende leider auch sehr verkünstelt. Kennt ihr Alien 4, den Film, in dem die eigentlich tote Ripley auf einmal per dummer Klon-Geschichte wieder zum Leben erweckt wurde? Genau so.

Syberia 3 ist ein grundsolides Adventure mit viel Charme ... hätte ich vor zwölf Jahren gesagt. Das Spiel verbreitet in Teilen einen gewissen Retro-Flair, den es eigentlich gar nicht verbreiten will. Die Panzer-Steuerung, die teils unsäglich doofen Dialoge, die nahezu rassistisch-naive Darstellung der Youkol, die ihre dümmlich-dicken Körper nur durch die Gegend bewegen wollen, um ihre Riesenvögel zu begleiten: Es ist zum Lachen und zum Heulen gleichermaßen. Wer Lust auf ein altes Adventure hat, dass es vor 13 Jahren noch nicht gab, sollte hier unbedingt 40 Euro ausgeben. Alle anderen greifen zu einem Bond-Film mit Roger Moore.

Entwickler/Publisher: Microids/Microids - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch, iOS, Android - Preis: 39,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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