Endless Space 2 - Tausend Wege, das Universum zu erobern

Nur … noch … eine … Runde …  

Mit ausschließlich guten Erinnerungen denke ich an die Zeit zurück, in der ich Master of Orion 2 gespielt habe. Ganze Wochenenden vergingen wie im Flug, der Blick auf die Uhrzeit war eine Qual, denn selten blieben nur wenige Stunden bis der 15-jährige Markus wieder zurück in die Schule musste. Seither gab es zahlreiche 4X-Spiele im Weltraum-Genre, aber keines hat mich bisher so sehr an besagten Klassiker erinnert wie Endless Space 2. Aktuell ist der Titel lediglich als Early-Access-Version erhältlich, wirkt aber schon jetzt so geschliffen und geleckt, dass man als Weltraumstrategie-Freund gar nicht anders kann als sich zu verlieben. Das liegt vor allem an der beinahe schon unheimlichen Liebe zum Detail, die die Entwickler in das Spiel gesteckt haben.

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Hier bin ich schon in den ersten Runden auf eine fremde Spezies gestoßen. Ob das mal gut geht?

Im Vergleich zu Globalstrategiespielen wie der Civilization-Reihe sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Alien-Rassen, die ihr übernehmen könnt, viel wichtiger. Nehmen wir als Beispiel die Sophons: Sie verkörpern im Spiel eine Rasse von Wissenschaftlern, die nichts mit Gewalt anfangen können. Die Geeks des Weltraums. Das drückt sich nun nicht nur in ein paar Boni aus, es spiegelt sich auch in einer zentralen Mechanik des Spiels wieder: Der Wahl zum Senat nämlich. Dort werden galaxieweit Gesetze verabschiedet und die freundlichen Pazifisten sind dabei unter den teils verfeindeten Alien-Rassen ein guter, wählbarer Kompromiss, weshalb sich mit den Sophons besonders gut Gesetze durchdrücken lassen. Damit wiederum lässt sich gut die eigene Forschung noch weiter fördern, was mir in der aktuellen Version des Spiels einen entscheidenden wissenschaftlichen Vorteil gegenüber den anderen Aliens im Spiel verschaffte. Ganz anders müsst ihr dagegen vorgehen, wenn ihr das expansionistische United Empire spielt - die Menschen im Spiel. Hier ist vor allem die erste Spielphase relevant, in der ihr möglichst schnell andere Planeten kolonisieren und eine schlagkräftige Flotte aufbauen solltet.

Ich mag es äußerst gern, wie sehr sich das Spiel von Rasse zu Rasse unterscheidet. Nehmen wir als weiteres Beispiel die Vodyani, die überhaupt keine Planeten kolonisieren. Stattdessen senden sie riesige Raumschiffe aus, Archen genannt. Diese besetzen mit einem Mal alle Planeten eines feindlichen Systems, beuten dort die Bevölkerung aus und erzeugen so weitere Archen. Die Parasiten des Endless-Space-Universums gewissermaßen - und so anders, als könnte man in Civilization eine Zivilisation wählen, die keine neuen Städte bauen, sondern nur andere versklaven kann. Langfristig ist es also lohnenswert, das Spiel mit mehreren Rassen durchzuspielen, denn das Erlebnis unterscheidet sich ganz grundsätzlich.

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Die Weltraumkämpfe könnt ihr euch auch als 3D-Animation ansehen.

Dass diese Unterschiede jetzt schon so gut zur Geltung kommen, hat etwas damit zu tun, dass die Entwickler offenbar wissen, wie Early Access gut funktioniert. Als das Spiel im Oktober 2016 auf den Markt kam, waren schon ein Großteil der aktuellen Features integriert. Bestimmte Siegesbedingungen fehlten, ebenso Forschungszweige und Rassen. Aber: Das Spiel funktionierte mehrheitlich problemlos, es gab zwar ein paar Bugs, die sich aber meist durch Neuladen des Speicherstandes beheben ließen. Wirkliche spielzerstörende Fehler waren kaum vorhanden. Die Entwickler haben das Spiel also von vornherein nicht zu früh veröffentlicht. Wenige augenscheinlich noch fehlende Elemente der Early-Access-Version sind ein vereinfachter Anfänger-Modus und der eine oder andere noch nicht vorhandene Tutorial-Text. Kleinigkeiten, im Vergleich zur bereits völlig funktionierenden und übersichtlichen Menüführung, dem Kampfsystem, Diplomatie-Menüs, politischen Entscheidungsprozessen und, und, und ... wirklich, es gibt einen Haufen Spiele, die bei ihrem offiziellen Release nicht so fertig sind wie Endless Space 2 in seiner aktuellen, späten Early-Access-Version. Klar, das Spiel hatte nicht das Budget eines aktuellen AAA-Titels, aber das was da ist, sieht geleckt aus - von den Rassen-Porträts über den Galaxie-Bildschirm bis hin zum Strategie-Bildschirm beim Kampf.

Außerdem haben die Entwickler im vergangenen halben Jahr auf die Kommentare der Community gehört. So wurde das Rundenlimit inzwischen von 100 auf 125 angehoben, die Zahl der Rassen hat sich auf sieben erhöht. Und was eigentlich am spannendsten ist: Mit den "Unfallen" wird in der fertigen Spielversion eine Rasse hinzukommen, die von einem Unterstützer erschaffen und von der Community gewählt wurde. Das ist Fan-Service und den weiß man als Freund von 4X-Spielen eben zu schätzen.

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Zu Beginn jedes Spiels wird euch das Wesen der gewählten Rasse in einem kleinen Intro nähergebracht.

Was Endless Space 2 außerdem schon in seiner jetzigen Form auszeichnet, ist die schiere Freude, sich in das Spiel hineinzuarbeiten. Viele Steam-Titel, gerade in frühen oder Early-Access-Fassungen, überhäufen den Spieler gleich zu Beginn mit einer unsäglich hohen Anzahl an Tutorial-Boxen, die durchzuklicken keinen Spaß macht und deren Inhalt dem gleichkommt, was früher in einem dicken Handbuch stand. Mit dem Unterschied, dass man in einem solchen Handbuch eben auch nebenbei mal ohne große Probleme nachschlagen konnte und nicht genötigt wurde, es zu Spielbeginn einmal zu lesen und sich dann alles zu merken. Hier aber habe ich das Gefühl von Partie zu Partie dazuzulernen, aber immer auch mit den Mechaniken, die ich schon kenne, ein brauchbares Spiel auf die Reihe zu kriegen. Nach und nach platzen im Kopf dann die Knoten, man versteht weitere Features, benutzt sie und erschließt sich so wieder neue Inhalte.

Ich mag ja kulinarische Vergleiche, wenn es um Spiele geht und Endless Space ist jetzt schon eine sehr schmackhafte Pastete, die kurz davor ist eingedost zu werden und dann von den vielen Connaisseuren degustiert zu werden, die sich nach einem neuen Weltraum-4X-Spiel die Finger schlecken. Es ist zudem nicht nur ein Spiel für Liebhaber des Genres, sondern auch von ebensolchen und das merkt man jedem Pixel an. Die Entwickler haben Kompromisse gemacht wo das Budget das erforderte. Neben den (tollen) Einführungsanimationen, die es für jede Rasse gibt, sind Charakterporträts nur leicht animiert, viele Screens wirken ein bisschen statisch. Das Gameplay dahinter ist aber durchdacht und die Weltraum-Atmosphäre verbreitet sich dennoch schnell. Ich hatte beim Spielen stets das Gefühl, hier ein ganzes Universum vor mir zu haben, in dem ich die Geschicke einer Alien-Art lenke, mit der ich mich nach kurzer Zeit auch wirklich identifizieren konnte. Das macht das Gefühl aus, das gute 4X-Games so herausragend macht. Man kann einfach nicht aufhören, es gibt bis zuletzt immer was zu entdecken. Ich kann die fertige Version des Spiels kaum erwarten und wenn es euch auch so geht spricht nichts dagegen jetzt schon in die Early Access einzusteigen. Dann spielt ihr auch jetzt schon nur noch eine Runde schnell am Abend. Nur noch eine Runde... Wirklich nur noch eine...

Entwickler/Publisher: AMPLITUDE Studios/SEGA - Erscheint für: PC - Preis: 29,99 Euro - Erscheint am: erhältlich (Early Access) - Getestete Version: PC - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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