What Remains of Edith Finch - Test

Oh, du bittersüße Melancholie ...  

Narrative Exploration auf ihrem Höhepunkt - ohne jeden Zweifel eine der am besten erzählten Videospiel-Geschichten der vergangenen Jahre.

Selten hat mich ein Spiel wirklich sprachlos zurückgelassen. Aber gerade ist der Abspann von What Remains of Edith Finch über den Bildschirm gelaufen und ein paar Minuten lang wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich sagen soll. Wirklich, für diese Zeilen musste ich mich erst einmal sammeln. Ein Spiel, dass sich ganz zentral um den Tod dreht, aber gleichzeitig eine seltsam-bittersüße Lebensfreude verbreitet, eine so bis ins Detail liebevoll gezeichnete Spielumgebung, so fantasievolles Design, so starke, greifbare Figuren - all das habe ich in dieser Finesse bislang nur selten erlebt. Ich habe vergessen, dass ich vor einem Monitor saß, ich war in dieser Spielwelt und ich habe sie aufgesogen wie ein Ameisenbär die Insekten. Es war unglaublich schön. Das musste jetzt erst mal raus.

Aber worum geht es überhaupt? What Remains of Edith Finch ist das, was viele Menschen despektierlich einen Walking Simulator nennen. Besser trifft es der Begriff Narrative Exploration, erst recht bei diesem Spiel: Als die 17 Jahre alte Edith Finch erkundet ihr das verlassene Haus der Familie: Ein abenteuerlich zusammengeschusterter Bau mit mehreren Aufbauten, bei denen jeder Architekt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Ein zwar von Menschen, nicht jedoch von Gegenständen verlassenes Haus - es steckt voller Bücher, altem Spiel- und Werkzeug, alten Computern, Geschirr, all dem was einen Menschen eben sein Leben lang begleitet. Auffallend allerdings: Viele Türen wurden von außen mit Bauschaum verschlossen, lediglich einen Türspion gibt es.

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Das Haus der Familie Finch: Passt, wackelt, hat Luft.

Der Hintergrund: Das Leben meint es nicht gerade gut mit Familie Finch, die Rede ist gar von einem Fluch. Fast jedes Familienmitglied ist bislang auf tragische Weise ums Leben gekommen, was vielleicht der Grund ist, dass der Clan zurückgezogen, in einem Haus mitten im Wald lebt. Die Familie pflegt sogar einen eigenen Friedhof, weil sie schon in dem Bewusstsein lebt, dass es ständig neue Tote gab, gibt und geben wird. Als Edith Finch müsst ihr nun herausfinden, was genau mit der Familie geschah - und zwar mit jedem einzelnen ihrer Mitglieder. Was dann kommt, ist eine kreative Spieldesign-Explosion. Ihr findet immer neue Geheimgänge im Haus und so Zugang zu den eigentlich verschlossenen Räumen, in denen ihr dann jeweils rückblendenhaft die Geschichte einer Person erlebt. Und das sieht immer wieder anders aus: Einmal spielt ihr einen Interaktiven Comic, ein andermal verwandelt ihr euch in eine Katze und hüpft über Bäume. Dann steht ihr in einer Dosenfisch-Fabrik und malt euch in euren Gedanken ein Fantasy-Adventure im Zelda-Stil aus, das ihr mit der Tastatur durchspielt während ihr weiterhin mit der Maus Fischen den Kopf abhackt.

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Diese unglaubliche Vielfalt ließ mich beim Spielen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Fast jede dieser Rückblenden könnte für sich genommen genug Stoff für ein eigenes Spiel sein. Und obwohl ich meistens gern noch mehr Zeit mit diesen Kapiteln verbracht hätte, insbesondere mit dem eben genannten interaktiven Comic - immer enden die Geschichten mit dem Tod des Protagonisten. So toll gemacht die Rückblenden sein mögen: Ihr spielt hier den Tod einer Figur nach und das wird euch bald schmerzhaft bewusst. Teils mit viel Witz inszenierte Geschichten haben immer und ausnahmslos ein trauriges Ende. Und irgendwie stellt sich die Frage: Ist diese Familie wirklich verflucht oder glauben das nur alle und begeben sich deshalb schon unbewusst in Situationen, die ihr eigenes Ableben zumindest zur Folge haben könnten?

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Barbaras Todesgeschichte erlebt ihr in Form eines interaktiven Comics.

Ein solches Thema könnte man mit viel Kitsch und Tränenvergießen umsetzen. Unfinished-Swan-Entwickler Giant Sparrow beweist aber: Es geht auch anders. Offenkundig hatten die Macher einen tiefen Respekt vor ihren Figuren. Einige von ihnen sind augenscheinlich verrückt, andere handeln schlicht fahrlässig und begeben sich sehenden Auges in gefährliche Situationen. Aber nie macht sich das Spiel auch nur eine Sekunde über sie lustig. Im Gegenteil sind sämtliche Figuren außerordentlich glaubhaft gesprochen. Die wenigen Sekunden, die diese Rückblenden dauern, reichen auch deshalb erstaunlicherweise aus, um ihnen Charakter zu verleihen. Ich hatte danach immer das Gefühl, gerade jemanden kennengelernt zu haben.

Rätsel gibt es tatsächlich so gut wie nicht. Das Spiel beschränkt sich auf das Erkunden der Räume des Hauses und besagte Rückblenden. Und das ist gut so. Überall im Haus verteilt findet ihr kleine Hinweise, die euch neugierig machen: Wer war dieser Mensch, wer dieses Familienmitglied, warum starb dieser hier so früh? Es hätte mich schier wahnsinnig gemacht, eine Antwort auf diese Fragen nicht zu bekommen, weil ich irgendein Schalterrätsel nicht lösen kann oder nicht auf die Idee komme, Gegenstand A mit Gegenstand B zu kombinieren. Und ja, lang ist What Remains of Edith Finch auch nicht. Es dauert zwei bis maximal drei Stunden und ihr hab das Schicksal der Familie erforscht. Und das Spiel kostet 19,99 Euro. Aber in aller Ehrlichkeit: Ihr könnt vielleicht bei einem beliebigen Ego-Shooter Spielzeit und Preis in Relation setzen - hier geht es aber nicht um Zeit. Ihr zahlt diesen Preis für ein intensives und immersives Spielgefühl das gespickt ist mit einigen der tollsten Ideen, die Spielentwickler in den letzten Jahren hatten.

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Calvin wäre gern Astronaut geworden. Hier erfahrt ihr sein Schicksal.

Wenn mich in den kommenden Monaten ein Freund, Arbeitskollege oder ein völlig Unbekannter nach einer Videospielempfehlung fragen wird, werde ich wie aus der Pistole geschossen antworten: What Remains of Edith Finch. Dieses kleine Indie-Spiel ist eine echte Perle, die beweist, was mit Computerspielen erzählerisch möglich ist und steht exemplarisch dafür, dass dieses Medium Kunst sein kann. Es mag Leute geben, die in Spielen viel interagieren wollen und denen What Remains of Edith Finch zu wenig Spiel ist und zu viel Erzählung. Das ist legitim. Jedem, der aber nur einen Hauch übrig hat für gute Geschichten in Spielen sei dieser Titel aber heiß ans Herz gelegt. Spielt What Remains of Edith Finch, denn es ist fantastisch.

Entwickler/Publisher: Giant Sparrow/Annapuma Interactive - Erscheint für: PC, PS4 - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englische Sprachausgabe, deutsche Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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