Traut euch endlich: Disgaea für Anfänger

Wie Final Fantasy Tactics. Auf 11 gedreht. Oder 12.

Diesen Freitag, also heute, erscheint mit Disgaea 5 Complete eines der besten Strategiespiele des Jahres, das kaum jemand spielen wird. Alles wie immer also in einer Parallelwelt, die seit ihrer Entstehung 2003 kein sonderlich großes Interesse an neugierigen Blicken zeigt und sich lieber als elitäre Speerspitze des Rundenstrategie-Genres versteht. Dieser Anspruch deckt sich, das werden wir nachfolgend noch sehen, durchaus mit der Realität. Er ist zugleich allerdings auch ein zum Schutzwall hochgezogener Mainstream-Schild, eine immer dann schüchtern dahingestotterte Rechtfertigung, keine neue Bekanntschaften schließen zu müssen, wenn es eigentlich an der Zeit wäre, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Die Liebhaberreihe von Entwickler Nippon Ichi ist das Japano-Gegenstück zu EVE Online: Nahezu jeder, der mit dem jeweiligen Genre etwas anfangen kann, hat schon mal irgendwo davon gehört, im Zweifel Lobpreisungen der Sorte "Sobald du drin bist, brauchst du nie wieder was Anderes". Nahezu jeder will es folglich "irgendwann mal" ausprobieren. Nahezu niemand tut es tatsächlich. Kein Vorwurf an dieser Stelle: Gegenwert fürs Geld und viel Spielzeit in allen Ehren, aber wenn eine Reihe mit Dutzenden Charakteren wirbt, deren Maximallevel bei 9.999 liegt ("Dann geht's erst richtig los"), ist das womöglich eher kontraproduktiv. Das Ergebnis ist eine hochwertige Nischenerscheinung, um deren Einsteigerfreundlichkeit es ähnlich bestellt ist wie um den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag: Beides existiert nicht.

Darum geht es: Die Handlung

Der Einstieg in diese Welt wird euch einige Stunden kosten - die wenigsten davon gehen für die Hintergrundgeschichte drauf. Bis auf das augenzwinkernde Gut-und-Böse-Konzept sind die inhaltlichen Parallelen zwischen den bislang fünf Serieneinträgen (mehrere Neuveröffentlichungen und Spin-offs kommen obendrauf) überschaubar. Jede Iteration hat ihre ganz eigene Interpretation der "Netherworld" genannten Dämonenwelt im Gepäck, jede einzelne davon herrlich schrullig und mit anderen Problemen, Charakteren, Abenteuern. Mit einem stattlichen Grüppchen verschrobener Dämonen geht es mal gegen hochtechnologisierte Menschen, mal gegen Engel im Himmelsreich Celestia, oft gegen beides, schlussendlich aber nahezu immer gegen den fiesen Overlord der jeweiligen Netherworld.

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Cameo-Auftritte früherer Protagonisten und Charaktere gehören zum guten Ton. Ansonsten sind die einzelnen Spiele weitestgehend eigenständig.

Diese Konflikte zu lösen mündet - je nach Spielweise - regelmäßig in einer dreistelligen Stundenzahl der Spielzeit. In keiner Sekunde davon nimmt sich Disgaea sonderlich ernst. Zu diebisch ist Nippon Ichis Freude daran, eure Definition solcher Begriffe wie "bizarr", "skurril" oder "Welches Zeug haben die Entwickler genommen und wo bekomme ich es!?" zu strecken. Spaß geht über Kontinuität, gepfefferte Dialoge über pathetische Zwischensequenzen und in letzter Konsequenz schimmert überall auch die Bereitschaft durch, eine persistente Handlung auf dem Altar der Absurditäten zu opfern. Das degradiert die Handlung dieser Spiele nicht zu bloßem Füllmaterial. Es wäre aber ebenso falsch zu behaupten, Disgaeas Geschichte würde zwischen popkulturellen Referenzen, exzessiven Charakteren und Man-lebt-nur-einmal-Attitüde nicht bisweilen unter die Räder geraten. Könnte man mit dem Rotstift anstreichen. Besser wäre es aber, Fünfe gerade sein und sich treiben zu lassen, mitten rein in einen Strudel, aus dem, einmal mitgerissen, zu entkommen schwierig ist.

Deshalb wollt ihr es: Der Reiz

Wer Disgaea spielt, hat dafür zwei scheinbar schwer vereinbare Gründe: ein Höchstmaß an spielerischem Anspruch und simple Zerstreuung. Letztgenannten Vorzug haben wir bereits gestreift; ein nicht ganz leicht zu greifendes Merkmal, durchaus anschaulich verkörpert allerdings von den Prinnies: holzbeinige Pinguine mit Fledermausflügelchen und Gürteltasche, Maskottchen gewordener Wahnsinn quasi. Widersprüchliche Merkmale, aufgestapelt zu einer absurden Erscheinung, die weder Sinn machen noch einen konkreten Nutzen haben sollte - und damit das perfekte Sinnbild für Disgaea darstellt.

Hinter dessen überdrehter Fassade greifen unzählige, filigran aufeinander abgestimmte Zahnrädchen ineinander. Es dauert ein Weilchen, jedes für sich zu dechiffrieren, denn auf den ersten Blick sind die japanischen Strategiespiele kaum mehr als Prototypen eines sehr standardisierten Genres. Zugweise schieben sich Einheiten über eine schachbrettartige Karte, greifen einander an, heilen Kameraden, achten auf Feinheiten wie Höhenunterschiede des Terrains und horten in Erwartung des nächsten Levelaufstiegs fleißig Erfahrungspunkte. Für gewöhnlich ergänzen nun zweieinhalb Alleinstellungsmerkmale diesen Feature-Katalog, um Spiele wie Fire Emblem oder Final Fantasy Tactics voneinander abzugrenzen. Nur ist Disgaea zugegebenermaßen vieles, aber ganz sicher nicht gewöhnlich.

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Grundlegend funktioniert Disgaea wie jedes andere Spiel dieser Art, nur bietet es ein Vielfaches der Möglichkeiten und ungleich höheren Anspruch.

Nippon Ichi kombinieren eine geradezu obszöne Anzahl verschiedener Mechaniken und haben keine Angst davor, Spieler auch mal von der Leine zu lassen. Zwischen dem ersten Tutorial und dem finalen Abspann mag eine fest vorgeschriebene Folge aneinandergereihter Kapitel liegen, fast alles dazwischen fügt sich jedoch euren Vorstellungen. Der um alle DLCs und den "Complete"-Zusatz ergänzte Switch-Teil etwa schraubt die Charakterklassen von 44 (!) auf 47 (!!) hoch, jede mit einzigartigen Fertigkeiten, von denen wiederum jede einzelne separat verbessert werden kann. Zeit genug dafür ist jedenfalls reichlich vorhanden bei einem Charakter-Maximallevel von 9.999, einem theoretischen Konstrukt, das auf Wunsch mit dicken Bonuswerten von vorn starten kann. Ein Prozess der sich - Schlaf ist ohnehin überbewertet - im New Game Plus mehrmals wiederholen lässt.

Das Maß an Individualisierung der eigenen Truppe sowie der Welt, innerhalb derer sie sich bewegt, grenzt, ach was, ist völliger Exzess. Unzählige Variablen beugen sich dem Willen des Spielers: In der "Item World" lässt sich jeder popelige Gegenstand trainieren und verbessern, andernorts können Gegner übernommen oder Charaktere kurzerhand in Waffen mit eigenem Levelbaum verwandelt werden, außerdem stimmt ein Dämonen-Gremium regelmäßig über Veränderungen im Reglement der Spielwelt ab. Günstigere Preise im Shop oder mehr Erfahrungspunkte im Kampf? Einfach eine Petition starten und auf eine positive Abstimmung hoffen.

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Von wegen 'heimliche Helden': Den populären Prinnies wurden bereits zwei Spin-off-Spiele auf der PSP spendiert.

Diese Aufzählung deckt zwangsläufig nur einen Bruchteil aller Möglichkeiten ab. Wer zehn Jahre Urlaub und einen eisernen Willen mitbringt, kann jede einzelne davon erforschen, alle anderen hingegen picken sich ihre Favoriten heraus und lassen den Rest links liegen. Disgaea stellt dieses Überangebot lediglich zur Verfügung, es drängt es niemandem auf. Jeder kann sich sein ganz persönliches Spielerlebnis zusammenstellen, vom weitestgehend harmlosen Taktikscharmützel bis hin zur unbarmherzigen Strategiebestie.

Das war es: Erbe und Bedeutung

Aus der Nische ins Mainstream-Bewusstsein, mehrere Veröffentlichungen pro Jahr und eine stetig wachsende Spielerschaft - aber nicht jede Strategiereihe kann den Erfolg eines Fire Emblem gepachtet haben. Obwohl beide Serien den Genremarkt weitestgehend unter sich aufteilen und Nintendos früherer Underdog seit gut vier Jahren immer neue Bestmarken aufstellt, dümpelt Disgaea als Randnotiz ohne Aussicht auf Besserung dahin. Während die Konkurrenz zaghaft, aber bestimmt auf neue Zielgruppen zugeht, pflegen Nippon Ichi geradezu ein Märtyrer-Image. Neugierige sind selbstredend jederzeit willkommen, aber sie müssen schon selbst die ersten Schritte machen. Einsteigerfreundliche Kompromisse (ich gucke in deine Richtung, Fire Emblem Echoes) gibt es in keiner Interpretation der Netherworld, stattdessen regelmäßig nur noch mehr Mechaniken und die unausgesprochen im Raum stehende Gewissheit, die absolute Elite einer anspruchsvollen Community von Spielern zu sein.

In der Konsequenz wird die Erwähnung dieses Namens daher in neun von zehn Fällen mit einem fragenden Blick quittiert. Das reicht für eine Handvoll Spin-offs und eine Manga- bzw. Anime-Adaption, immerhin. Für die meisten Leute ist Disgaea aber vor allem eins: unbekannt.

Das wird es: Das kommt demnächst auf uns zu

Wir sprechen hier nicht von Fire Emblem, wie gesagt, insofern ist die Switch-Portierung des hervorragenden fünften Teils voraussichtlich alles, was der Disgaea-Schriftzug dieses Jahr ziert. Über eine Fortsetzung ist bislang nichts bekannt. Da diese aber für gewöhnlich in einem Abstand von zwei bis drei Jahren auf den Markt purzeln und der Fünfer ursprünglich bereits 2015 für die PS4 erschien, stehen die Chancen nicht schlecht, in absehbarer Zeit zumindest die Ankündigung eines neuen Teils zu erleben.

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Schaden in fünfstelliger Höhe? Da geht doch noch was.

Die Qual der Wahl: Mit welchem Teil einsteigen?

Die schlechte Nachricht: Da die ersten vier Teile jeweils eine Neuveröffentlichung auf anderen Systemen mit alternativen Geschichten und Inhalten erhielten, ist die Auswahl grundlegend üppig wie schwierig. Auch der Plan, die Serie chronologisch durchspielen zu wollen, wird damit endgültig zur Sisyphusarbeit.

Die gute: Da es keine übergeordnete Kontinuität gibt und die jüngsten Veröffentlichungen von beeindruckender Qualität sind, lässt sich die Entscheidung auf die simple Frage herunterbrechen, welche Plattform ihr bevorzugt. Das halbe Dutzend Vita-Besitzer unter euch ist mit "A Promise Revisited" (einer Neuveröffentlichung des vierten Teils) gut beraten, PS4-Spieler haben hingegen Disgaea 5 im Regal und Switch-Käufer ab Freitag die Complete-Edition des Fünfers. Ihr könntet aber genauso gut eine Münze werfen, denn egal, für welchen Teil ihr euch entscheidet: Ihr macht mit keinem etwas falsch.

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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