Star Ocean: Till the End of Time Director's Cut - Test

Zurück in die Zukunft

Spürbar angestaubtes PS2-Rollenspiel mit gutem Kampfsystem, verrücktem Twist und viel Ballast, den man sich heute nur noch schwer antun kann

Wir müssen jetzt ein bisschen um den heißen Brei herumreden, aber das tut Star Ocean ja auch. Die gesamte erste Spielhälfte nämlich, eine Zeitspanne irgendwo zwischen 30 und 40 Stunden, in der ihr euch als Weltraumreisende auf unterentwickelten Planeten rumtreibt, meist eher so semi-freiwillig. Im wenig aussichtsreichen Bestreben, deren technische Evolution unbeeinflusst zu lassen, rettet ihr mit Schwertern statt Laserpistolen eine mittelalterliche Zivilisation nach der anderen, begleitet von der üblichen J-RPG-Brigade und einem latenten "Aus der Prämisse hat Star Trek aber mehr rausgeholt"-Vorwurf. Wäre es bis zuletzt dabei geblieben, würden wir heute mit einem gutgemeinten Schulterzucken auf den dritten Serienteil zurückblicken, ihn vermutlich irgendwo im oberen Mittelfeld der PS2-Rollenspielbibliothek verorten.

Stattdessen schlägt Till the End of Time im Mittelteil einen der größten Haken der Videospielgeschichte.

Normalerweise käme jetzt die obligatorische Spoiler-Warnung, gefolgt von einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Twist auf "Red Wedding"-Augenhöhe. Und bei nahezu jedem anderen Spiel dieser Altersklasse hätte ich kein Problem damit, euch die vermeintliche Enthüllung lang und breit unter die Nase zu reiben (Zelda und Shiek sind dieselbe Person, Aerith wird von Sephiroth getötet, der Metal-Gear-2-Colonel ist ein KI-Programm, gern geschehen). Diese Nummer hier zieht euch aber nicht nur völlig unvorhergesehen und mit brachialer Wucht den Boden unter den Füßen weg - sie hat den Verlauf der gesamten Star-Ocean-Reihe bis heute maßgeblich verändert. Sagen wir's mal so: Es hat einen verflucht guten Grund, dass die zwei seither veröffentlichten Nachfolger als Prequels konzipiert wurden.

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Die hier gezeigten Gesichtsausdrücke sollen übrigens Angespanntheit darstellen. Aber keine Sorge: Falls ihr das nicht erkennt, erklärt euch Star Ocean dieses und zig andere Details gern haarklein in ausufernden Dialogen.

Vollstes Verständnis für jeden von euch, der fürs Erspielen dieser Enthüllung keine Urlaubstage opfern möchte. Bei all den um dieses Thema kreisenden Diskussionen und Artikeln da draußen ist das ohnehin nicht notwendig. Solltet ihr aber auch nur das geringste Interesse daran haben, die sportlichen 21 Euro im PlayStation-Store zu investieren (oder das PS2-Original für die Hälfte des Preises auf eBay schießen wollen): Lasst es um Himmels willen bleiben. Spielt es selbst. Euch könnte neben dem alles verschlingenden WTF-Moment sogar ein ganz brauchbares Japano-Rollenspiel entgehen.

Nicht zwangsläufig eines der "Musst du gespielt haben!"-Sorte, das war das erste und letzte PS2-Star-Ocean schon 2004 nicht, woran vor allem Final Fantasy X nicht ganz unschuldig ist. Was auch immer man inhaltlich vom Zehner halten mag, mit seinen unübersehbaren Produktionswerten hat er das J-RPG-Genre bereits drei Jahre zuvor auf ein völlig neues technisches Level gehievt. Till the End of Time kapitulierte beileibe nicht als einziges PS2-Spiel vor dessen Schauwerten, tat dies gemessen am eigenen Anspruch aber überaus deutlich und vergleichsweise spät im Konsolenzyklus. Arg durchwachsene und mies abgemischte Synchronstimmen gehen im musikalischen Hintergrundrauschen unter, die pedantische Kollisionsabfrage zwingt euch zum pixelgenauen Platzieren vor Truhen und NPCs, permanent müsst ihr die statische Kamera manuell nachjustieren und überhaupt ist alles eine Spur zu ungelenk. Was als glorreiches Erklimmen einer neuen Generationsstufe gedacht war, geriet zum etwas missglückten Versuch, mit der damals aktuellen Technik Schritt zu halten. Die Full-HD-Kur der PS4-Version glättet einige der schroffen Kanten, macht aus Zwischensequenzen mit grobschlächtigen Figürchen und ungelenken Bewegungen aber kein CGI-Spektakel.

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Sieht nach einem schrecklichen Durcheinander aus und irgendwie ist es das auch, aber der Wahnsinn hat System - und ein überaus gutes noch dazu.

Etwas Leidensfähigkeit und ein zugedrücktes Auge solltet ihr also schon mitbringen, um euch durchs biedere Drumherum bis zum anspruchsvollen Kern durchzubeißen. Dort wartet vor allem ein überraschend komplexes Echtzeitkampfsystem darauf, in all seinen Facetten dechiffriert zu werden. Hat mich zwei Abende und fast einen Controller gekostet, meine Dreiergruppe während der dezent chaotischen Auseinandersetzungen im Blick zu behalten, regelmäßig zwischen Gruppenmitgliedern zu springen und den zwei computergesteuerten Kollegen sinnvolle Anweisungen auf den Weg zu geben. Ein bisschen planerisches Geschick vorausgesetzt, erledigen sie diesen Job weitestgehend anstandslos, anfangs mit simpler Heilmagie in heiklen Momenten, später mit dicken Zaubersprüchen und anderen Hilfestellungen, ohne die ihr schnell aufgeschmissen wärt.

Ihr könnt dem umherlaufenden Gesocks genauso gut jederzeit ausweichen und Kämpfen gezielt aus dem Weg gehen, solltet das aber eher als Notlösung in brenzligen Situation begreifen. Andernfalls fehlt es euch selbst schnell ebenso an Erfahrung wie eurem Grüppchen, das um ein bisschen Grinding kaum herumkommen wird, wenn ihr nicht permanent nach den teils krude verteilten, rettenden Speicherpunkten schielen wollt. Betrachtet die hohe Kampffrequenz als Gelegenheit, aus dem anfangs unvermeidlichen Knöpfchendrücken gezielte Angriffsketten zu entwickeln. Zwar müsst ihr den Dualshock nicht gerade gegen einen Arcade-Stick eintauschen, aber was hier mit einer leichten und einer schweren Angriffstaste angestellt wird, geht weit über das übliche Maß automatisierter Rollenspielkämpfe hinaus. Der Abstand zu Feinden ist ebenso essentiell wie schnelles Ausweichen oder das Haushalten mit eurer Ausdauer. Moderne Tales-of-Spiele bekommen das vielleicht alles ein wenig geschmeidiger hin, müssen sich aber schon sehr strecken, um diese Komplexität zu erreichen.

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Die bedrohlichen Typen sind übrigens Gegner. Wer keine Lust auf Kämpfe hat, geht ihnen aus dem Weg - ihre Verfolgungsversuche sind eher halbherzig.

Deshalb hat Star Ocean: Till the End of Time sich damals einigermaßen gegen die namhafte Konkurrenz behaupten können und das rettet es auch heute davor, als gnadenlos überholtes Relikt einer vergangenen Zeit auf dem Stapel jener Spiele zu landen, bei denen es keinen validen Grund mehr gibt, sie einzulegen. Es wirkte immer schon ein wenig aus der Zeit gefallen und die vergangenen 13 Jahre haben es nicht gerade leichter gemacht, über die zweifellos vorhandenen Unzulänglichkeiten hinwegzusehen. Während die HD-Version von Final Fantasy X etwa auch heute noch ohne größere Schmerzen gespielt werden kann, müsst ihr für diese Reise schon ein paar mehr Kompromisse in Kauf nehmen. Der Lohn: Ein in seiner Konsequenz weitestgehend einzigartiger Plot-Twist sowie ein richtig launiges Kampfsystem. Und das ist immer noch mehr, als das aktuelle Integrity and Faithlessness zuletzt bot.

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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