Microsofts E3-2017-Pressekonferenz: Wenn Indies über 4K-Protzerei triumphieren

All die kleinen Hochglanz-Projekte profitieren vom Mangel an "echten" großen Exklusivtiteln.

Forza 7, Crackdown 3, Sea of Thieves. Damit hatte es sich gestern, wenn es um große Exklusivproduktionen nur für die Xbox-Plattform und Windows 10 ging - und Martin zog ja bereits in Zweifel, ob das reicht, um gegen alle Widrigkeiten nicht nur die leistungsstärkste, sondern auch die teuerste Konsole in einem Tempo unter die Leute zu bringen, das in dieser Generation das Kräfteverhältnis zwischen Sony und Microsoft maßgeblich verschiebt.

Ich gehe in dieser Hinsicht voll mit ihm d'accord, wenngleich ich aus Microsofts Pressekonferenz neben dem immer angenehmen Duft neuer Hardware vor allem eines mitnahm: Die Indies, oder zumindest die Spiele, die mit diesen Sensibilitäten (und Budgets) entworfen wurden, glänzten in der Abwesenheit alles überstrahlenden Exclusive-Lichts umso mehr.

Ashen

Nicht, dass diese Spiele reichlich Schatten bräuchten, damit man ihr eigenes Leuchten zu sehen bekäme. Was hier - häufig nur zeitexklusiv, aber immerhin - zur Schau gestellt wurde, setzte neue Maßstäbe in Sachen zumindest visueller Kreativität und ließ sogar technisch in einem Maße die Muskeln spielen, wie man es vor einer Weile noch von den Großen kannte. Keines dieser Spiele lief Gefahr, für ein anderes gehalten zu werden - etwas, das man vom toll aussehenden, aber etwas zu nah zwischen Destiny und Horizon durchrutschendem Anthem nicht zwangsläufig sagen kann - und an so gut wie jedes werde ich mich noch lange erinnern.

So einiges wanderte hier direkt auf meine Watchlist. Ashen sah nach einem charakterstarken, fantasievollen Nahkampfabenteuer aus und profitierte wahnsinnig von dem Kontrast zwischen knackscharfer Low-Poly-Ästhetik und stimmungsvoller Ausleuchtung. Ein monumentales, zermürbendes Spiel mit offenkundig eigenem Kopf. The Last Night war vielleicht mein Highlight der Show bisher, verheiratete es doch pixeligen Flashback-Look mit Blade-Runner-Echtzeit-Neonlicht, filmreifen Kamerafahrten und sphärigen Sci-Fi-Ohrstreicheleinheiten. Lang wird's nicht, ließen die Entwickler kürzlich verlauten, aber es sei alles "killer". Glaub' ich nach diesem Trailer gerne.

The Last Night - das Spiel von dem ich ab jetzt häufiger träumen werde.

The Artful Escape ließ dann Erinnerungen an die Filmexperimente der Beatles, Gitaroo-Man-Wahnsinn und LucasArts-Verschmitztheit wach werden, allein schon die Beschreibung auf YouTube lässt wissen, dass man hier einen ganz besonderen Titel unter der Nase hat. Zitat: "The Artful Escape of Francis Vendetti ist ein Videospiel über hohe Erwartungen, berühmte Folk-Sänger, lauernde Schatten, Weltraum-Götter, Halluzinogene, Individualität, Reptilienläden und entfesselte Vorstellungskraft. Es ist ein Action-Adventure, eine handlungsgetriebene, musikalische Laser-Licht-Schlacht von einem Spiel und das Debüt von Beethoven & Dinosaur." Na dann - ran!

Dazu - natürlich - der Ori-Nachfolger, Ori and the Will of the Wisps. Keine Ahnung, ob es ihnen einmal mehr gelingt, einem schon nach zehn Minuten das Herz zu brechen, der Trailer schlug aber definitiv schon die richtigen Töne an.

Köstlich: The Artful Escape (of Francis Vendetti)

Und sonst an der Front der vermeintlich kleinen Spiele? Der Exklusiv-Deal mit der Steam-Sensation Playerunknown's Battlegrounds war ein guter Schachzug, State of Decay 2 dürfte nahtlos an den Vorgänger anknöpfen - als das beste Zombie-Survival-Spiel, das es gibt, nur mit dem Nachteil, dass es schon mehr als genug davon gibt. So sehr die Show also ein wenig indifferent zurückließ, was das Marktpotenzial einer 500-Euro-Konsole mit 4K-Fokus angeht, genug zu spielen gibt es auf dieser Plattform allemal.

Der Mangel an ausschließlich hier erhältlichen Großproduktionen unterstreicht einmal mehr, wie wichtig Indies heute auch für die großen Hersteller geworden sind und das ist eine Erkenntnis, von der nicht nur die Plattform-Anbieter und kleinere Entwicklungsstudios profitieren, sondern auch wir Spieler. Wir dürfen uns über kreative, günstige und im Umfang überschaubare Spiele von einer Individualität freuen, an die sich große, etablierte Studios nur selten wagen, in der Angst, weite Teile einer möglichen Käuferschicht zu verschrecken.

Damit kann ich gut leben.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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