Wolfenstein 2: The New Colossus - wenn Shooter plötzlich wieder aufregend sind

Diesem Spiel steht der blanke Wahnsinn ins Gesicht geschrieben.

Wie schal war das Genre des Ego-Shooters über die Jahre doch geworden. Ich könnte nicht einmal genau sagen, woran das lag. Am ehesten noch daran, dass es mir irgendwann ein bisschen zu simpel und beliebig wurde, wie bequem die grundlegendste aller Videospiel-Interaktionen, das Schießen, als Problemlöser eingesetzt wurde. Bleihaltige Argumente wurden durch immer dünnere Rechtfertigungen ins Spiel gebracht, bis man fast meinte, dass es eben das ist, was man in Videospielen macht. Ballern wurde zur Pflichterfüllung, überlagerte vielfach Aspekte wie Erkundung und Geschichte, wenn sich Figuren mit Namen wie "Cole Slaughter" in immer seltsamer schöngeredete oder zumindest egaler erscheinende Konflikte warfen.

Ausnahmen bestätigten auch die finstersten Jahre hindurch die Regel und wirklich schlecht waren die wenigsten Shooter, das muss man klar betonen. Aber aufregend - das waren sie nur noch selten. Und so vergaß ich im Laufe der Zeit, warum mich diese Sorte Spiel einst so faszinierte, warum es mich förmlich durch die Level peitschte und es auf so ursprünglicher Ebene befriedigte - rein virtuell - den Abzug genau in dem Moment zu ziehen, in dem ein Monster, Mutant oder willfähriger Handlanger eines Terrorregimes seinen Kopf um eine Ecke reckte.

Dankeschön!

Mir scheint geradezu symbolisch, dass ausgerechnet der Doppelschlag aus Wolfenstein und Doom, den beiden Seiten derselben spielehistorischen Medaille, mich wieder daran erinnerte, wie toll sich ein gut gemachter Shooter anfühlen kann. Dabei meine ich nicht einmal die rein mechanische Ebene, auf der sich mittlerweile die wenigsten Spiele noch verheben. Ich meine ein Spiel, dass sich wie entfesselt anfühlt, wie mit Wut im Bauch und viel Leidenschaft im Herzen designt. So unterschiedlich sie sind, gemein war den beiden die Liebe zum Exzess und dass sie die über die Jahre angesammelte Ernsthaftigkeit und Verdrossenheit des Genres über Bord schmissen und dabei erfrischend unprätentiös daherkamen. Keiner von beiden machte einen Hehl daraus, worum es hier eigentlich ging: gutes Waffen-Feedback und -Handling und packend entworfene Kampfszenarien. Es war umso beachtlicher, dass es The New Order trotzdem hinbekam, im Rahmen einer massiv exploitativen B-Film-Geschichte eine gewisse emotionale Fallhöhe zu erzeugen.

Kurzum: Ich fühlte plötzlich wieder, dass etwas auf dem Spiel stand - und das neue Wolfenstein, das kürzlich auf der E3 mit dem zweitbesten Trailer der Show vorgestellt wurde - macht da nahtlos weiter. Wo einem der beste Trailer der Show - der zu Super Mario Odyssey - pure, kindliche Freude aufs Gesicht zauberte, bannt einem der zu The New Colossus (auch der Titel von Emma Lazarus' Gedicht am Fuße der Freiheitsstatue) blankes Entsetzen und ein debiles Grinsen in die Visage. Machine Games wirft sich mit noch mehr Schwung in die Trash-Schaukel und eskaliert den Alternative-Zeitlinie-Nazi-Wahnsinn derart, dass man meint, Zeuge von etwas auf die gute Art fundamental Falschem zu werden: Schock und Überraschung ist die Währung, in der Wolfenstein seine Rechnungen begleicht.

Zugegeben: Nach den einleitenden Realfilm-Episoden mit Nazi-Propagandamaterial für das besetzte Amerika geht es ein bisschen abgehackt und zu offenherzig mit Vignetten aus den Zwischensequenzen los. Als hätten wir es mit einem Filmtrailer aus den Achtzigern zu tun - ihr wisst schon, damals, als noch der ganze Film im Schnelldurchlauf erzählt wurde - ist man zwar fasziniert dabei, meint aber die ganze Zeit, etwas zu sehen, was man eigentlich nicht sehen sollte. Aber das Spiel bewerkstelligt schon hier, dass man sich für die Schicksale der Figuren interessiert und ihnen im Kampf gegen das Regime beistehen will. Besonders wenn es gegen so farbenfrohe Antagonisten wie Frau Engel geht, die überraschend wieder mit dabei ist.

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Frau Engel hat die letzte Begegnung mit B.J. Blaszkowicz erstaunlich gut weggesteckt.

Und der Wahnsinn geht immer weiter. Mehr als nur angedeutete Kopftransplantationen - möglicherweise tauschte B.J. seinen Körper - Rollstuhl-Ballersequenzen, Korridore voller Regime-Soldaten, die im Auto-Schrotflinten-Dauerfeuer im halben Dutzend ihre Köpfe verlieren und riesige Naziflugmaschinen. Das alles verkauft perfekt den wie im Schnelldurchlauf abgespulten Irrsinn, bei dem einem unweigerlich ein kindisch-nervöses Kichern entfährt. Ehrensache, dass zwischendurch der Ton sehr spielerisch die bierernste Machtfantasie durch gut geschriebene Humoreinlagen bricht. In der Art, wie sich diese Aspekte hier gegenüberstehen, weiß man nicht immer, welche Reaktion Machine Games von einem erwartet - und das war schon in Teil eins vielleicht die größte Stärke eines überraschend stark über seinen Plot auf die Füße findenden Spiels. Im Nachfolger scheint noch mehr alles zu gehen und dass Bethesda den Entwicklern dafür offenbar einen Blankoscheck ausgestellt hat, ist ihnen hoch anzurechnen.

Wenn dieser Trailer vorbei ist, muss man ordentlich durchschnaufen, und ich bin nicht sicher, wann ich das letzte Mal so auf einen neuen Shooter reagierte. Ich weiß nur, dass ich sie noch genau so liebe wie damals, wenn sie sich so hart in die Absurdität dessen reinknien, was man eigentlich in ihnen macht. Das ist so unverdünnt und ehrlich, das ist schon etwas Besonderes.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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