Monument Valley 2 - eine Allegorie aufs Muttersein

Mehr vom Gleichen. Und doch so anders.

Ei, was war ich glücklich, als plötzlich ganz überraschend Monument Valley 2 erschien. Irgendwie ist mir diese Art, Spiele zu veröffentlichen, viel lieber als der übliche Weg. Keine großen Ankündigungen, keine Screenshots, die am Ende sowieso nicht aussehen wie das fertige Spiel, keine Terminverschiebungen. Zack, hier ist es. Und es ist großartig. Tatsächlich habe ich mit Monument Valley 2 zum ersten Mal ein Spiel erlebt, das auf behutsame Art und Weise thematisiert hat, was Elternschaft bedeutet. Nicht mit der schnulzigen Holzhammermethode, sondern mit intelligentem Grafik- und Rätseldesign. Im Gegensatz zum ersten Teil geht es nämlich diesmal nicht nur um Protagonistin Ro, sondern diesmal auch um ihre kleine Tochter, die im Laufe des Puzzle-Abenteuers groß wird, von ihrer Mutter getrennt wird und sie gelegentlich auch wiederfindet.

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Hier dreht ihr ein paar Stelen auf die gleiche Höhe, um den Weg freizumachen.

Gleich vorweg: Kenner des ersten Teils werden sich auch in Monument Valley 2 gleich wohl fühlen. Das Spiel sieht aus wie sein Vorgänger und erfindet die Formel nicht neu. Nach wie vor lebt der Titel von den optischen Illusionen im Stile eines M. C. Escher. Eine drehbare Plattform, die in einer Ansicht noch scheint, als sei sie weit über euch, kann nach einer kleinen Drehung plötzlich begehbar werden, weil das, was wir Menschen so als dreidimensionale Darstellung wahrnehmen, am Ende eben doch nur zweidimensionale Striche sind. In diesem Fall auf einem Tablet- oder Handy-Bildschirm. Mehr Freude macht auch dieser Teil von Monument Valley übrigens, wenn man ihn nicht mit dem Handy in der U-Bahn spielt, sondern mit einem Tablet und einem Kopfhörer allein daheim. Das Spiel ist ein optisches wie akustisches Meisterwerk. Es ist spürbar, dass die Entwickler mit maßvollem Auge und viel Fingerspitzengefühl bei der Arbeit waren, die Rätsel ausgefeilt haben bis sie sich wirklich gut anfühlten und jeden Aspekt erst noch mal poliert haben, bevor es in die mobilen Stores dieser Welt gewandert ist.

Was das Spiel vom ersten Teil unterscheidet, ist seine Tiefgründigkeit. Beim ersten Teil hatte ich den Eindruck, zwar tolle Rätsel zu erleben, aber erzählerisch doch mit einer, überspitzt formuliert, etwas pubertätspoetischen Geschichte konfrontiert zu sein. Über Selbstfindung eben oder meinetwegen auch über das Erwachsenwerden. Diese Meta-Erzählung war okay, die Rätsel waren es sowieso - aber die Geschichte drang nicht wirklich zu mir durch. Ich habe sie wahrgenommen, aber das war's dann auch.

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Ro und ihre Tochter sind vereint - die Welt ist bunt und fröhlich.

Und genau das ist jetzt auf einmal anders. In Monument Valley 2 fühlt es sich an, als sei jedes kleine Rätsel ein Spiegel der Geschichte, die gerade erzählt wird. Ro wird von ihrer Tochter getrennt, sie erlebt deshalb Phasen der Depression. Prompt wird die Spielwelt weniger bunt. Ro wird sich bewusst, dass das nun mal der Weg des Lebens ist - Kinder werden flügge, sie trennen sich von ihren Eltern. Und prompt ändert sich die Spielwelt wieder. Ich könnte nun erneut schildern, dass sich das in Grafik und Sound niederschlägt und das stimmt auch - aber sehr beeindruckend ist die Tatsache, dass es sich auch im Rätseldesign widerspiegelt. Das funktioniert auf eine sehr subtile, hintergründige Art. Wenn sich Ro im Spiel auf den Kopf stellt, muss sie es unter Umständen auch in ihrem Kopf. Je nach Rätsel fühlt sich Monument Valley 2 einfach depressiver, glücklicher, nachdenklicher an. Unterstützt wird dieser Effekt dadurch, dass ihr teilweise auch Ros Tochter steuert - teilweise direkt, teils aber auch indirekt, indem sie im nächstmöglichen Abstand den Bewegungen ihrer Mutter folgt. So lenkt ihr das Kind, indem ihr ihm selbst vorlebt, was es zu tun hat - auch wenn das in Ros eigener Situation rätseltechnisch möglicherweise keinen allzu großen Sinn ergibt.

Die Rätsel selbst sind dabei nie besonders schwierig - vielmehr wären sie es, wenn ihr nicht herumprobieren könntet. Meistens kommt ihr aber recht schnell auf die Lösung, indem ihr Plattformen herumschiebt, dreht oder hoch- und runterfahrt. Danach denkt ihr euch dann zwar, dass ihr da auch selbst hättet draufkommen können - seid ihr aber nun mal nicht. Und so freut ihr euch über jedes gelöste Puzzle und ich muss zugeben, dass mir selbige allzu oft ein Lächeln auf meine versteinerten, fränkischen Lippen gezaubert haben. Monument Valley 2 weiß zu überraschen. Ihr findet, was ihr aus dem ersten Spiel schon kennt, aber eben nicht nur das. Teleporter etwa oder kleine Spielabschnitte, die sich wiederum in größeren Spielabschnitten verstecken. Gerade die Tatsache, dass ihr teilweise sowohl Ro als auch ihre Tochter spielt, macht einige Rätsel ganz anders, als sie es im ursprünglichen Monument Valley gewesen wären. Ihr müsst zusammenarbeiten: So müssen beispielsweise Ro und ihre Tochter jeweils auf einem Schalter stehen, dass sich ein Weg öffnet. Das kennt man auch aus anderen Spielen - dort ist es aber dann meistens eben doch nicht so gut in Szene gesetzt. Monument Valley 2 setzt, wie schon sein Vorgänger, auf zahlreiche Aha-Effekte, die sich immer wieder erneut einstellen, wenn ihr es durch Herumprobieren geschafft habt, zuerst chaotisch angeordnete geometrische Objekte so einzufangen, dass plötzlich alles ineinander greift.

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Ro ist allein - die Welt ist gleich viel grauer.

Allerdings: Die kurze Spielzeit des ersten Teils ist auch beim zweiten nur geringfügig länger geworden. Wer sich in Monument Valley 2 vertieft, merkt jedoch, dass die Entwickler dafür sehr viel Liebe zum Detail ins Design ihrer Puzzles gesteckt haben, die gleichzeitig komplex, andererseits aber auch wunderbar eingängig sind. Eine faszinierende, irgendwie beruhigende Spielwelt tut ihr übriges und letzten Endes fragt ihr euch als Spieler nach der Lösung eines Rätsels nie, warum die Entwickler es so und nicht anders gemacht haben. Der Weg, den ihr vor euch seht, erscheint als der einzig Schlüssige. Zusammen mit der unterschwellig erzählten Geschichte über Ros Mutterdasein ist Monument Valley letzten Endes trotz seiner Spielzweit von etwa zwei Stunden ein Gesamtkunstwerk. Der Preis von 5,49 wirkt da schon fast wie Hohn.

Entwickler/Publisher: ustwo games/ ustwo games - Erscheint für: iOS, Android - Erscheint: erhältlich - Getestete Version: iOS - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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