Man kann es nun mal nicht allen recht machen und wenn Capcom etwas aus dieser turbulenten E3-Woche mitnimmt, dann womöglich die Einsicht, es künftig erst gar nicht mehr zu versuchen. Dabei hatte man die guten Vorzeichen eigentlich auf seiner Seite: Flankiert von zwei bereits angekündigten Spielen sollte Monster Hunter World den Kulminationspunkt der ohnehin schon äußerst aussichtsreichen Zukunft der Serie darstellen. Die ekstatischen Jubelschreine einiger weniger gingen jedoch zwischen all den schier endlosen "So hab ich mir die nächste Evolutionsstufe aber nicht vorgestellt"-Schreihälsen unter - und Capcom hat es mit einigen missverständlichen Klarstellung kaum besser gemacht.

Die Monster-Hunter-Reihe steht an einem Scheideweg. Nach 40 Millionen verkaufter Einheiten und achtjähriger Nintendo-Liaison (wenn wir vom Japan-exklusiven Portable 3rd einmal absehen, auf das wir später noch zu sprechen kommen) hat es sich die erfolgsverwöhnte Serie womöglich ein klein wenig zu bequem gemacht. In Japan längst ein Straßenfeger, streiften die Action-Rollenspiele auch im Westen langsam ihr Graue-Maus-Image ab, mauserten sich vom unbekannten Underdog zu einem Namen, den nahezu jeder Videospielinteressierte zumindest schon mal gehört hat. Wie es bei sehr geradlinigen Spielkonzepten aber nun einmal der Fall ist, nehmen grundlegende Veränderungen nicht gerade einen Top-Platz in der To-do-Liste der Entwickler ein. Die Erfolgsformel war längst definiert, der technisch etwas asthmatische 3DS das ideale Umfeld einer Reihe, deren Erfolge zwar regelmäßig für schlackernde Ohren bei den Investoren sorgen, aber noch kein Budget in hoher zweistelliger Millionenhöhe rechtfertigen.

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Jahrelang schlägt man sich mit der 3DS-Pixelsoße herum und kaum erscheint die HD-fähige Switch, kehrt Capcom westlichen Nintendo-Spielern den Rücken? Danke für nichts.

Nun mag Nintendos wohlgenährter Handheld noch ein paar aussichtsreiche Monate vor sich haben - seinen Zenit hat er längst überschritten. Höchste Zeit auch für Capcom, sich neu aufzustellen. Der Zeitpunkt allerdings ist ein denkbar ungünstiger: Während sich die Switch erst noch beweisen muss, sind klassische Heimkonsolen schon seit mehreren Jahren kein Monster-Hunter-Jagdrevier mehr. Nicht ganz einfach, sich vor diesem Hintergrund für eine neue Heimat zu entscheiden. Doch wie jedes wirtschaftlich agierende Unternehmen beugt Capcom dem Risiko vor, indem es dieses streut - in Form gleich dreier neuer Spiele auf doppelt so vielen Plattformen.

Das Abdecken möglichst vieler Systeme kombinieren die Japaner zudem mit einem Plan, der nicht erst seit gestern in ihrer Schublade liegen dürfte: Zwei Spiele bietet eine inhaltliche Abweichung vom Grundkonzept und sollen damit neue Zielgruppen erschließen. Die größte Abkehr stellt Monster Hunter Stories dar, ein Zuckerguss-Rollenspiel mit Rundenkämpfen und Monster-Aufzuchtelementen [hier obligatorischen Pokémon-Vergleich einfügen]. Bereits letztes Jahr in Japan erschienen, soll das JRPG diesen Herbst auch in westliche 3DS-Modulschächte wandern - vorzugsweise die junger Spieler, die mit der Hauptreihe (noch) überfordert wären. Ebenfalls unlängst in gutsortierten japanischen Elektromärkten zu finden ist die 3DS-Version von Monster Hunter XX (eine erweiterte Fassung des ohnehin schon als Best-of-Spiels angelegten Monster Hunter Generations. Der grafisch aufgebohrte und für Herbst angesetzte Switch-Port ist dort noch nicht zu finden. Mit zahlreichen spielerischen Veränderungen soll nächstes Jahr schließlich Monster Hunter World auf PS4, One und PC zum längst überfälligen Evolutionssprung ansetzen.

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Keine Ahnung, wie man sich hieran stoßen kann, aber zahlreiche Fans tun es und die kann Capcom nicht ignorieren.

Genau diesen haben sich einige Fans aber offenbar etwas anders vorgestellt. Der Name Monster Hunter ist hier schon noch Programm, allerdings nimmt ihn Capcom so wörtlich wie lang nicht mehr. Die Kämpfe gegen turmhohe Urzeitbestien treten zugunsten der Jagd nach selbigen einen Schritt zurück: Jäger müssen fortan ebenso Fährten wie die jeweilige Umgebung lesen, eigentlich überlegene Monster etwa zum Zerstören eines Staudamms animieren, woraufhin die Biester von der Flut fortgerissen werden. "Der neue Teil wird die Hoffnungen vieler Fans des Vorgängers unterlaufen. [...] Wir gehen diesen Weg, weil wir ein neues Spielgefühl bieten wollen, mit dem wir die Veteranen unter unseren Fans überraschen und gleichzeitig die Erfahrung beibehalten können, die Monster Hunter im Kern ausmacht", sagte Ryozo Tsujimoto im Interview gegenüber Famitsu (via PSPHyper - allerdings vor mehr als sieben Jahren. Der Produzent des PSP-Teils Portable 3rd wollte schon damals die festgefahrenen Strukturen aufrütteln und obwohl World mit diesem Vorhaben demnächst deutlich weiter zu gehen scheint, steht es damit - selbst innerhalb einer konservativen Reihe wie dieser - zumindest nicht völlig allein da.

Mehr noch als Veränderungen fürchtet ein Teil der Community aber die Trivialisierung des anspruchsvollen Spielkonzepts. Die wenigen bisher gezeigten Gameplay-Fetzen lassen diesen Schluss bei kritischer Lesart durchaus zu; speziell Kampfszenen wirken in ihrer neuen Spritzigkeit eine Spur weniger taktisch als zuvor. Doch obwohl sich das nach einer Handvoll abgefilmter Spielszenen kaum abschließend beurteilen lässt, glauben einige Fans schon jetzt jenem Spektakel beizuwohnen, bei dem Capcom die Monster-Hunter-Reihe auf dem Altar der Mainstream-Tauglichkeit opfert. Umso mehr, nachdem die Entwickler etwaige Spin-off-Hoffnungen begruben und bestätigen, dass wir es hier tatsächlich mit einem neuen Hauptteil zu tun haben, trotz "World" statt "5" im Titel.

Diese toxische Mischung aus verfrühtem Pferde-scheu-Machen und unglücklicher Kommunikation sehen wir nicht zum ersten und ganz sicher nicht zum letzten Mal im Zuge der Weiterentwicklung einer populären Serie. Wo normalerweise aber alle Parteien die Zähne zusammenbeißen und auf bessere Zeiten hoffen, stößt Capcom mit der Ansage, die Switch-Portierung von XX womöglich gar nicht erst im Westen zu veröffentlichen, auch noch die letzten Fans mit normalem Blutdruck vor den Kopf.

Das durch diese Unsicherheit entstandene Bedeutungsvakuum füllt die Community seither mit verschiedensten Theorien, die wenigsten davon sind optimistischer Natur. Besonders Nintendo-Spieler fühlen sich nach der plötzlichen Abkehr verlassen, gerade jetzt, mit der leistungsstärkeren Switch im Repertoire. Sie vergessen allerdings auch, dass die Reihe ihre erfolgreichsten Teile auf Sonys PSP veröffentlichte, ausgerechnet.

Tatsächlich aber stellt sich die Frage, welche Marschrichtung Capcom künftig anstrebt. Die Öffnung gegenüber westlicher Märkte ist unumgänglich, wenn World das Millioneninvestment langfristig wieder reinholen soll, das ein Spiel dieser Größe nun mal verschlingt. Gleichzeitig müssen aber auch die alteingesessenen Veteranen mit im Boot sitzen - selbst wenn das bedeutet, eine den alten Tugenden verpflichtete Spin-off-Serie zu etablieren. Ein unwahrscheinliches, kein unmögliches Szenario: Bereits jetzt arbeiten zwei verschiedene Teams an zwei unterschiedlichen Spielen (World und XX). Auch ist die Switch-Mobilität auf dem nach wie vor entscheidenden japanischen Markt von unschätzbarem Wert, entspricht sie eher den dortigen Spielgewohnheiten als an riesige 4K-Fernseher angeschlossene Heimkonsolen. In seiner beliebig skalierbaren Portionierbarkeit ist Monster Hunter ein idealer Begleiter auf der täglichen Fahrt ins Büro. Fraglich, ob man diese Klientel künftig einfach links liegen lässt.

Bereits der E3-Ankündigungstrailer von MHW trug die Verunsicherung Capcoms ein Stück weit in sich. Sowohl die prominente Platzierung in Sonys Pressekonferenz als auch die vorsichtige Neuausrichtung der Marke waren deutliche Indikatoren für das Bestreben, westlichen Spielern den Mund wässrig zu machen. Gleichzeitig aber war der Trailer in einer Form arrangiert, die ihn für Unwissende schwer zu lesen macht und ein Mindestmaß an Serienerfahrung voraussetzt.

Die nächsten Monate sind also entscheidend für eine Reihe, der ihre dezent reaktionäre Einstellung der jüngeren Vergangenheit auf die Füße zu fallen droht. Capcom kann es nicht allen recht machen und täte gut daran, sich davon nicht allzu sehr irritieren zu lassen. Es steht jedoch zu viel auf dem Spiel, um es nicht zu versuchen.

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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