Super Mario Odyssey - Die Mütze macht's!

Seid neugierig!

Zugegeben: Den Trailer zum ersten Auftritt von Nintendos ikonischem Klempner auf der Switch fand ich mehr surreal denn begeisterungswürdig. Eine fast fotorealistische Großstadt mit Menschen und Autos? Skandal! Ein Stilbruch, soll das etwa ein Mario-GTA werden? Mitnichten, wie ich bei einem ausführlichen Anspieltermin erleben konnte. Das Sandbox-Abenteuer im Stil von Super Mario 64 und Super Mario Sunshine ist schlicht und ergreifend ein weiteres spielerisches Wunderwerk, das mit Detailverliebtheit und frischen Ideen protzt. Und selbst die Mario-fizierung einer an New York angelehnten Metropole, besiedelt von irgendwie seltsam anmutenden Anzugträgern und so gänzlich ohne Kettenhunde, Piranha-Pflanzen oder Goombas, fügt sich wunderbar in das Geschehen ein. Zumindest ist das mein ehrlicher Eindruck nach einer guten halben Stunde freier Spielzeit, die ich in zwei sehr unterschiedlichen Königreichen verbringen konnte.

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Die Geschichte beginnt, wie könnte es anders sein, als Prinzessin Peach erneut von Erzbösewicht Bowser entführt wird und unfreiwillig mit dem König der Koopas vor den Traualtar soll. Es versteht sich, dass Dauerretter Mario sich das nicht gefallen lassen kann, und schon geht es in einem Raumschiff in Form von Marios Mütze auf eine Odyssee, die den sprungkräftigen Klempner in weit entfernte Gegenden, weit abseits des bekannten Mushroom-Kingdoms, führt. So weit, so unspektakulär. Was sich die Macher rund um Director Kenta Motokura, der bereits 2002 als Animator an Super Mario Sunshine für den seligen Gamecube gearbeitet hat, allerdings an spieltechnischen Neuerungen haben einfallen lassen, das sorgte für leuchtende Augen und ein Dauergrinsen.

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Die auffälligste Änderung ist sicher, dass Marios Kopfbedeckung von einem Geist beseelt wurde und ein Eigenleben entwickelt. Aus dem roten Mützchen wird also Cappy, ein Multifunktionswerkzeug, das sich als extrem nützlich erweist. So kann ich mit einem Knopfdruck oder einer eleganten Handgelenksbewegung des Joy Con die Mütze wie eine Frisbee werfen und Gegner abschießen, Gegenstände zerstören, Objekte aus der Entfernung an mich heranziehen oder eine zusätzliche Treppenstufe bauen. Letzteres habe ich erst recht spät realisiert, als ich immer wieder mit meinen Sprüngen knapp an einem Abgrund gescheitert bin. Einfach die Mütze werfen, den Wurfknopf halten, damit diese ein paar Augenblicke auf der Stelle schwebt, drauf springen und so eine ganze Ecke weiterkommen, so simpel ist das. Wenn man es denn weiß.

Während der Timer der Demo tickt, die mich gnadenlos nach zehn Minuten in den Startbildschirm zurückbefördert, probiere ich die Feinheiten der Joy-Con-Steuerung aus. Die Richtung des Wurfs lässt sich genau bestimmen und ein gelungener Rundschwung schickt Cappy auf eine Wirbelattacke, die alle Feinde in einem Radius erlegt. Ich kann Gegner und Objekte auch noch konventionell mit einer Sprungattacke zerstören, aber eigentlich habe ich nichts anderes als meine Mütze mehr benutzt. Das macht richtig Laune und soll übrigens mit dem Pro-Controller genau so intuitiv zu steuern sein. Schön: Im Koop-Modus werden Mario und Mütze von zwei Spielern gesteuert, dann kann sich einer auf die teilweise recht kniffligen Sprungpassagen konzentrieren, währende der andere sich um die Feinde kümmert.

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Das ist aber noch nicht alles, was die besessene Kopfbedeckung an Tricks zu bieten hat. Ich kann mit einem gezielten Wurf bestimmte Gegenstände und Gegner übernehmen und mich eine zeitlang als Panzer, T-Rex, Rakete, Auto oder auch Goomba durch den Level bewegen. T-Rex-Mario oder Panzer-Mario, immer erkennbar an der roten Mütze und dem imposanten braunen Schnauzer nach der Übernahme, konnte ich nicht steuern, wohl aber einen Kugelwilly. Die glotzäugige Kanonenkugel gehorchte nach einem Mützentreffer meinen Befehlen, ich konnte mich frei durch ein Labyrinth im Wüsten-Königreich bewegen und einen Teil einer Mauer beim Aufprall zum Einsturz bringen. Das eröffnete mir den Weg zu einem neuen Areal, das ich sonst niemals gesehen hätte.

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Es geht in Super Mario Odyssey um Erkundung, um Ausprobieren, Neugierde zeigen. Ich kann um jedes Gebäude herumlaufen, in Löcher kriechen, beherzt auf den höchsten Wolkenkratzer von New Donk City, wie das Mario-New York genannt wird, klettern, dort einen Handstand hinlegen und dann einfach in die Tiefe springen. Fallschaden gibt es nicht. Nahezu jede erdenkliche Interaktion mit der Umgebung wird auch belohnt, so bekomme ich nach meiner King-Kong-Kletteraktion einen grünen Power-Moon, das Äquivalent zu den gelben Sternen aus vergangenen Mario-Spielen. Davon gilt es eine bestimmte Anzahl je Königreich zu finden, um die Reise fortsetzen zu können. Zwischen 30 und 50 Monde sollen sich in jedem Abschnitt finden lassen, einige sind gleich deutlich auf dem Bildschirm zu sehen, einige in der Umgebung versteckt, einige erhalte ich für das Absolvieren von Missionen.

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So soll ich in New Donk City für die Bürgermeisterin Pauline vier Musiker für eine Party rekrutieren, die sich auf Hausdächern oder in Straßenecken verstecken. Logisch, dass es für die erfolgreiche Suche eine satte Belohung gibt. Aber ich wäre nicht unbedingt darauf gekommen, dass ich in einem Park beim Seilchenspringen auch ein Sammelstück erbeuten kann. Oder einen Menschen übernehmen, in seiner Haut ein ferngesteuertes Auto ans Ziel bringen und so einen Mond abräumen kann. Man muss halt alles ausprobieren. Auch in eine verpixelte Röhre springen, um in ein herrlich retromäßiges 2D-Level zu gelangen, dass nach dem Bestehen einen Mond spendiert. Es war schon beeindruckend, wie viel ich in der doch recht kurzen Anspielzeit zu sehen bekam und ausprobieren konnte.

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Was sonst noch auffiel? Es gibt nicht nur die bekannten Münzen und Items, es lassen sich nun auch Königreich-spezifische Währungen sammeln. Lila Dreiecke beispielsweise, die aber nur in dem einen Königreich zum Einkaufen genutzt werden können. Dafür gibt es in Shops dann Bonusgegenstände, neue Anzüge oder eine Verlängerung von Marios Lebensbalken. Es gibt, erstmals seit Super Mario 64 DS, eine Minikarte, die über wichtige Punkte und Missionsaufgaben in einem Level informiert. Kann ich auch gut gebrauchen, denn die Königreiche sind weitläufig und vollgepackt mir Herausforderungen.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich im Jahr zuvor fast an der gleichen Stelle gestanden und das erste Mal The Legend of Zelda: Breath of the Wild auf dem Nintendo-Stand der E3 gespielt habe. Ich habe mir gedacht, wie großartig das Spiel sei und wie gerne ich einfach stehen bleiben und weitermachen würde. Genau das Gefühl hatte ich bei Super Mario Odyssey wieder. Ich würde jetzt gerne einfach sofort loslegen und jeden Winkel der unterschiedlichen Welten erkunden, nach jedem Mond suchen und versuchen jeden Gegenstand oder Gegner zu übernehmen. Jetzt sofort! Und nicht erst Ende Oktober.

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Autor

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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