Genital Jousting ist mehr als blanke Provokation - glaube ich zumindest

Das hier sollte auf keinen Fall irgendwer, auf jeden Fall aber jeder spielen.

Es kommt selten genug vor, dass ein Spiel genau das ist, was der Titel verspricht. Die Kunst dabei ist, gleichzeitig eben noch ein bisschen mehr zu sein. Nach ein paar Sitzungen mit Genital Jousting - und hätte mir vor ein paar Jahren mal jemand gesagt, ich würde diese Wörter im Laufe meiner Karriere mal in direkter Folge hintereinander weg schreiben, ich hätte wohl meine Berufswahl überdacht - kriegt das hin. Ich weiß nur nicht, ob das Zufall oder Absicht ist.

Vor dem Hintergrund eines Partyspiels für bis zu acht Spieler - vier davon dürfen sich vor dieselbe Tastatur kuscheln (drei ohne Zehnerblock) - treffen physikalisch bestechend korrekt simulierte, bunte Pixar-Penisse mit Po-Öffnung auf ihrer Rückseite auf- oder besser ineinander. Es ist eine unheilige pubertäre Dreifaltigkeit des Multi-Disziplin-Quatsches eines Mario Party, der schnellen Einmalideen von Wario Ware und der physikgetriebenen Steuerungsunmöglichkeit eines Gang Beasts oder Noby Noby Boy.

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Ähm... bitte nach dir!

Zwischen dem letzten und diesem Absatz sind in etwa 25 Minuten und 300 geschriebene, dann aber fassungslos wieder gelöschte Worte vergangen. Wie redet man über diesen liebenswerten Mist, bei dem im normalen Modus eine große Portion Genitalspaghetti durcheinander wuselt, sich gegenseitig mit einem der wirkungsvollsten und schockierendsten Soundeffekte unentwegt penetriert und in dem es in einem erfreulich inklusiven Zug fürs Penetrieren und Penetriertwerden gleichermaßen einen Punkt gibt? Himmel hilf', ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass jeder, der mir erst den Vogel zeigte und dann doch mitspielte, wehrlos, kopfschüttelnd und gleichzeitig herzhaft, aber doch irgendwie peinlich betreten lachend vor dieser herzig pastellfarbenen Groteske saß.

Das Spiel bekommt es hin, jede der sehr kurzen Runden durch einen neuen Twist überraschend und witzig zu halten. Etwa wenn Kakteen, Rosen, Gabeln und andere spitze Gegenstände mit auf der Matratze liegen. Je nach Modus verändert sich das Spielziel vom "Alten Rein-Raus" mit seiner bestechend guten Kollisionsabfrage und unfassbaren Verknotungen auch in eine komplett andere Richtung. Hier geht es um die Wette eine gut geölte Bob-Bahn hinunter, dort müssen verschiedene Arten von Bällen auf die Pong-Art über die gegnerische Linie befördert werden. Im Wrestling-Modus gewinnt der, der als letztes noch im Ring seine Schleimspur hinter sich herzieht.

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Versteht ihr? In diesem Bild sind vier Wiener zu sehen. Die Animationen der Hunde, die mit großer Hartnäckigkeit an dem Haufen eines Artgenossen kleben, sind unbezahlbar komisch.

Im "Date Modus" für frisch Verguckte - denn was könnte schiefgehen, wenn man jemand Attraktives, den oder die man kaum kennt, zu einer Runde "Genital Jousting" zu sich nach Hause einlädt? - führen die körperlosen Gemächte zusammen absolut goldige Dackel an der Leine Gassi, die dann an jedem Hundehaufen oder Straßenschild schnuppern wollen (spätestens hier gab's selbst für die verstörtesten Mitspieler kein Halten mehr). Oder es geht zusammen auf den Jahrmarkt, wo man mit dem Hintern Melonen isst und mit der Spitze die Kerne auf Zielscheiben spuckt. Penetriert wird hier überhaupt nicht, das hier ist immerhin nur ein unschuldiges Date! Ich bitte euch, für was für eine Sorte Po-Penis haltet ihr die Kollegen hier eigentlich!?

Was von allem wohl am besten/schlimmsten ist: wie gut dieses Spiel gemacht ist. Stilistisch ist das, abgesehen von der gezielten Geschmacksentgleisung, die diese schlapp umherklatschenden sexuellen Selbstversorger an sich darstellen, ein absoluter Traum. Technisch ist's sowieso fantastisch, selten schlabberten fleischige Glieder organischer und sauberer über den Bildschirm und die Vertonung ist von der minimalistischen Musik bis hin zu den feuchten Soundeffekten allererster Güte. Verschiedene Kostüme für die Penisse (samt Hüten, die sich auf dem... *seufz*... Höhepunkt der Action physikalisch korrekt verabschieden), vom Polizisten über einen Arzt bis hin zum Tennisspieler, provozieren gekonnt Lacher - selbst dann noch, wenn die Spielphysik ein Weiterkommen schon mal unmöglich macht, weil man sich irgendwo... oh mein Gott... verhedderte. Aber es ist ja noch Early Access - und wieso klingt selbst das auf einmal schlüpfrig?

In einem Moment ringt man noch um Fassung über das, was man da gerade sah, dann haut einem Broforce-Entwickler Free Lives auch schon seine nächste Idee feucht klatschend um die Ohren.

Ich hätte es nicht gedacht, aber dieses Spiel richtet sich so entwaffnend und clever an meinen inneren Dreizehnjährigen, ohne tatsächlich in irgendeiner Weise erotisch oder sexy zu sein, dass ich fast von ihm enttäuscht bin, wenn ein Level zwischendurch auf einmal doch schlicht "Butt-Sex" heißt. So etwas sticht zwischen all den zielgenauen und erschreckend liebenswürdig aufgezogenen Flapsigkeiten dann doch platt heraus.

Am Ende ist es definitiv eine seltsam befremdliche Sorte Spaß, die ich und meine Mitspieler hier hatten. Und selbst, wenn das Spiel letztendlich nicht nach eurem Geschmack ist, die verlangten fünf Euro sind die entgeisterten Gesichter eurer zu einer unschuldigen Mehrspielersession eingeladenen Freunde in jedem Fall wert. Insofern: Ihr kauft jetzt Genital Jousting - und ich gehe mir meine Tastaturfinger mit Kernseife waschen.

Entwickler/Publisher: Free Lives/Devolver Digital - Erscheint für: Nintendo Switch - kleiner Scherz, PC natürlich - Geplante Veröffentlichung: Early Access erhältlich

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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